Alexandre Froidevaux ist promovierter Historiker und lebt in Berlin. Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren wissenschaftlich mit Spanien.

Von Alexandre Froidevaux

Im Juli 2016 jährt sich der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) zum achtzigsten Mal. Lange vorbei könnte man meinen. Lesen Sie, warum es gleichwohl heute noch lohnenswert ist, sich der Thematik in der Bildungsarbeit und darüber hinaus zu widmen.

Ein spanischer und internationaler Konflikt

Der Bürgerkrieg war für Spanien ein einschneidendes Ereignis, das bis heute nachwirkt. Wer eines der großen Länder der EU verstehen möchte, wird an einer Beschäftigung mit dessen jüngster Geschichte nicht vorbeikommen.

Im Vergleich zu den nordeuropäischen Industriestaaten war Spanien um 1930 ein zurückgebliebenes Land. Eine Industrialisierung hatte nur in wenigen Randgebieten stattgefunden. Große Teile der Bevölkerung waren erschreckend arm und kaum gebildet. Die Gesellschaft verharrte noch mit einem Bein im Feudalismus und steckte in den traditionellen Geschlechterrollen fest. Politische Teilhabe war für das Gros der Spanier/innen unter den Vorzeichen einer reaktionären Monarchie nicht vorgesehen.

Entsprechend groß waren die Hoffnungen der Massen, als sie im April 1931 die Republik ausriefen und König Alfonso XIII. ins Exil jagten. Doch die nachfolgenden republikanischen Reformen riefen starke Gegenkräfte auf den Plan: Die spanische Rechte wollte das „wahre“ katholische Spanien bewahren. Die Kirche wehrte sich gegen die Beschneidung ihres gewaltigen gesellschaftlichen Einflusses.

Im Juli 1936 putschten schließlich rechtsradikale Militärs gegen die Republik. Hunderttausende Spanier/innen stellten sich ihnen entgegen. Das Ergebnis war eine Zweiteilung des Landes und der anschließende Bürgerkrieg.

So war der Konflikt zunächst ein spanischer und als solcher Ausdruck eines zugespitzten Klassenkampfes. Landproletar/innen und Arbeiter/innen kämpften um eine Verbesserung ihrer sozialen Lage. Großgrundbesitzer/innen und Unternehmer/innen stemmten sich dagegen.

Schon im Sommer 1936 intervenierten das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland auf Seiten des rechten Lagers, das der General Francisco Franco ab Herbst 1936 anführte. Im Gegenzug unterstützte die Sowjetunion die Republik und es kämpften zehntausende Linke aller Couleur und aus zahlreichen Ländern diesseits und jenseits des Atlantiks gegen den „Faschismus“.

Die westlichen Demokratien ließen die Republik dagegen sträflich im Stich. Stattdessen schlossen sie im Herbst 1938 in München ein Abkommen mit Deutschland und Italien. Den großen europäischen Krieg vermieden sie so dennoch nicht.

Diplomatisch weitgehend auf sich alleine gestellt und durch die sowjetischen Waffenlieferungen nur ungenügend versorgt, wehrte sich die Republik verbissen gegen einen militärisch überlegenen Gegner. Doch Schlacht um Schlacht ging verloren und im März 1939 triumphierten die Franquist/innen schließlich.

Eine libertäre Revolution

Im republikanischen Spanien vollzog sich in den Bürgerkriegsjahren eine weitreichende soziale Revolution. Weil die Revolutionär/innen am Ende eine bittere Niederlage erlitten, geriet die Revolution danach weitgehend in Vergessenheit. Aufgrund ihres Ausmaßes und wegen ihres antiauroritären Geistes gehört sie jedoch in einer Reihe mit den großen Revolutionen der Weltgeschichte.

Mit den Anarchosyndikalist/innen gab es in Spanien in den 1930er Jahren eine starke Kraft, die den „libertären (= freiheitlichen) Kommunismus“, also die klassenlose Gesellschaft verwirklichen wollten. Angesichts der steckengebliebenen republikanischen Agrarreform radikalisierten sich außerdem viele Linkssozialist/innen.

Dort wo sie den Putsch im Juli 1936 niederschlagen konnten, gingen insbesondere die Anarchosyndikalist/innen unmittelbar zum Gegenschlag über. Sie kollektivierten in großer Zahl Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe. Die Millionenstadt Barcelona befand sich fortan unter anarchistischer Kontrolle.

Die Revolution hatte viele Gegner/innen: den Kriegsfeind natürlich, aber auch die westlichen Demokratien und die spanischen Bürgerlichen. Zum stärksten Gegner im republikanischen Lager entwickelte sich allerdings die spanische Kommunistische Partei (KP).

In den 1930er Jahren folgten die Kommunistischen Parteien den Vorgaben aus Moskau. Die stalinistische Führung dort hatte jedoch kein Interesse an einer libertären Revolution, welche nicht die KP als „Avantgarde der Arbeiterklasse“ anführte.

Zudem trieben Stalin (berechtigte) Ängste um, Nazideutschland könne die Sowjetunion angreifen. Deshalb strebte er eine defensive Bündnispolitik mit Frankreich und Großbritannien an. Eine offene Unterstützung für eine proletarische Revolution in einem westeuropäischen Land hätte eine solche Allianz unmöglich gemacht.

Da die Sowjetunion der einzig nennenswerte Waffenlieferant der Republik war, konnte sie erheblichen Einfluss geltend machen. Die so erstarkte spanische KP drängte die Revolution Schritt für Schritt zurück. Dabei griffen die Kommunist/innen auch auf Entführungen, Folter und Morde zurück. Die Anhänger/innen einer nicht moskauhörigen marxistischen Partei verfolgten die Kommunist/innen als „Trotzkisten“ und „faschistische Agenten“. Ein Lehrstück über die Funktionsweise des Stalinismus. 

Deutsche Verstrickungen

Deutschland war in den Jahren 1936 bis 1939 auf der Iberischen Halbinsel Kriegspartei – und zwar auf beiden Seiten. Dieser Umstand ist für die Bildungsarbeit besonders interessant, bildet er doch didaktische Anknüpfungspunkte zum historisch wie geografisch etwas entfernt liegenden Geschehen.

Die militärische Intervention Nazideutschlands war gemeinsam mit der italienischen kriegsentscheidend. In den Sommertagen des Jahres 1936 setzten deutsche und italienische Transportflugzeuge eine zahlenmäßig große Kolonialarmee von Spanisch-Marokko auf das Festland über. Ohne diese Truppen wäre der Putsch wahrscheinlich schnell in sich zusammengebrochen.

Im weiteren Kriegsverlauf bombardierten Geschwader der deutschen Legion Condor zahlreiche spanische Städte. Die Zerstörung der baskischen Stadt Guernica im April 1937 war so etwas wie die Generalprobe zu den Flächenbombardements Warschaus, Rotterdams und Coventrys im Zweiten Weltkrieg.

Auf der Gegenseite kämpften viele deutsche Kommunist/innen, Sozialist/innen und Anarchist/innen. Sie verkörperten das andere, das antifaschistische Deutschland. Den Aufstieg der NSDAP hatte auch eine starke deutsche Arbeiter/innenbewegung nicht verhindern können. Im Krieg in Spanien hofften die Linken – vergeblich –, der Geschichte eine andere Wendung zu geben.

Im Zuge des Kalten Krieges war der Umgang mit dieser Vergangenheit in den beiden deutschen Staaten sehr unterschiedlich. In der frühen BRD erhielten ehemalige Wehrmachtsoldaten, die in Spanien gekämpft hatten, großzügige Renten. Die linken Spanienkämpfer waren dagegen des Kommunismus verdächtig und wurden ausgegrenzt.

Konservative Stimmen ergriffen immer wieder Partei für die franquistische Seite. Erst mit der Außerparlamentarischen Opposition und der Regierung Willy Brandts in den 1960er Jahren änderte sich das gesellschaftliche Klima auch in Bezug auf den Spanischen Bürgerkrieg allmählich.

Die DDR pries dagegen den Heldenmut und den proletarischen Internationalismus der Interbrigadisten. Straßen, Armeeeinheiten und Schulen trugen den Namen des in Madrid gefallenen Kommunisten Hans Beimler. Die soziale Revolution wurde hingegen totgeschwiegen. 

Eine gespaltene Gesellschaft und „verschwundene Opfer“

Auf die spanische Gesellschaft wirkt der Konflikt bis heute ähnlich stark nach wie die Zeit des Nationalsozialismus auf die deutsche. Der Bürgerkrieg spaltete das Land in Sieger/innen und Besiegte und hatte die jahrzehntelange Franco-Diktatur (1939-1975) zur Folge.

Bis zu 200.000 ihrer Gegner/innen ermordeten die Franquist/innen. Viele dieser Opfer wurden zu „Verschwundenen“: Die Täter verscharrten sie in Straßengräben im ganzen Land. Dort liegen die Überreste meist heute noch. Denn während der Transición (1975-1982), dem Übergang von der Diktatur zur Demokratie, einigte man sich darauf, die blutige Vergangenheit ruhen zu lassen (Vgl. Froidevaux 2015: 481 ff.).

Doch die Opferfamilien können nicht einfach vergessen. Und so hat in den letzten Jahren eine linke Erinnerungsbewegung das Thema gegen erhebliche gesellschaftliche Widerstände auf die politische Tagesordnung Spaniens gesetzt. Zahlreiche Initiativen suchen und exhumieren die „Verschwundenen“.

Die Konservativen wenden dagegen ein, so würden unnötigerweise alte Wunden aufgerissen. Doch in Wahrheit konnten die Wunden der linken Opferfamilien nie heilen. Während die Angehörigen der Opfer politischer Gewalt in der republikanischen Bürgerkriegszone während der Diktatur alle nur erdenkliche Aufmerksamkeit erhielten, wurde die republikanische Seite zum Schweigen verdammt. Diese Asymmetrie wirkt bis heute fort und verhindert eine wahre Aussöhnung der Spanier/innen.

Eine Broschüre über den Bürgerkrieg und seine Nachgeschichte

Wer mehr zum Thema lesen möchte, dem/der sei eine Broschüre empfohlen, die voraussichtlich im Februar 2016 in der Publikationsreihe „Materialien“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung erscheinen wird. Das Heft trägt den Titel „Der Spanische Bürgerkrieg (1936-1939). 80 Jahre danach. Die spanische Gesellschaft und deutsche Verstrickungen“.

Darin finden sich ein Aufsatz zu Verlauf und verschiedenen Aspekten des Bürgerkrieges, ein weiterer zur Revolution sowie ein Text zur erinnerungspolitischen Debatte der letzten Jahre. Außerdem ist über die internationalen Freiwilligen auf Seiten der Republik und über die Nachgeschichte des Konfliktes in der BRD und der DDR zu lesen.

Die Broschüre wird auf der Website der Rosa-Luxemburg-Stiftung kostenlos zum Download angeboten werden: http://www.rosalux.de/publikationen.html

Literatur

Froidevaux, Alexandre: Gegengeschichten oder Versöhnung? Erinnerungskulturen und Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung vom Bürgerkrieg bis zur Transición (1936-1982). Heidelberg: Graswurzelrevolution, 2015.

 

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