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Spanischer Bürgerkrieg und Erinnerungskultur

 Privatdozent Dr. Jörg van Norden verantwortet seit 2007 den Bereich Geschichtsdidaktik an der Universität Bielefeld. Seine Forschungsschwerpunkte sind narrativer Konstruktivismus, empirische Unterrichtsforschung, Geschichtskultur Spaniens und Lateinamerikas.

Von Jörg van Norden

Der Putsch des spanischen Militärs gegen die gerade gewählte Volksfrontregierung in Madrid 1936 fand die Unterstützung  Hitlers und Mussolinis, aber Menschen, die in Spanien gegen den Faschismus kämpfen wollten kamen aus aller Welt: Mexikaner, US-Amerikaner, Deutsche, Engländer, Polen, Franzosen und viele andere Nationalitäten, Männer und Frauen, Schriftsteller wie Ernest Hemingway und George Orwell. Im Land selbst ging der Riss zum Teil durch die einzelne Familie, durch die Dorfgemeinschaft oder Nachbarschaft, sei es aufgrund unterschiedlicher politischer Überzeugung, sei es, dass man sich auf der einen oder anderen Seite der Front wiederfand. 1939 hatte der Faschismus gesiegt und die spanische Republik war geschlagen. Erst 1975 konnte das Land zur Demokratie zurückkehren. Bürgerkrieg und Diktatur sind bis heute in den Köpfen vieler Spanier/innen lebendig und ohne Kenntnis dieser Jahre ist Spanien kaum zu verstehen.

Der Ausbruch des Bürgerkriegs

Tiefe Gegensätze prägten das Spanien vor dem Bürgerkrieg. Im Norden, im Baskenland, in Navarra und in Katalonien, gab es einige wenige industrielle Zentren. Dort entstanden Autonomiebewegungen, die sich auf sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit beriefen und mehr politisches Mitspracherecht gegenüber der Zentralregierung in Madrid forderten. Der Großteil des Landes war aber agrarisch geprägt. Vor allem im Süden, in Extremadura und Andalucia, standen wenige adelige Großgrundbesitzer einer großen Zahl recht- und eigentumsloser Landarbeiter gegenüber. In diese Feudalstrukturen waren die spanische Krone und die katholische Kirche fest eingebunden. Die Kirche hatte nicht nur großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss, sie kontrollierte auch Schulen und Universitäten. In den Fabriken des Nordens und in den wenigen großen Metropolen Barcelona, Madrid und Bilbao stellte sich die soziale Frage anders als im Süden. Dort kämpften eine wachsende Arbeiterschicht um soziale Absicherung und höhere Löhne. Die Spannungen entluden sich sowohl auf dem Land wie auch in den Städten immer wieder in Streiks, die die Krone von der bewaffneten Polizei, der Guardia Civil, und dem Militär niederschlagen ließ. In diesen Auseinandersetzungen wurden die CNT, eine anarchistische Gewerkschaft, zu einer der stärksten politischen Kräfte, eine Entwicklung, die unter den industriellen Zentren Europas einzigartig war. Die Zahl der Attentate von links und rechts nahm zu. Schließlich dankte König Alfonso XIII. 1931 ab und machte einer bürgerlich liberalen Regierung Platz, die die Landverteilung, die Bildung und das Militär reformieren wollte. Die konservativen Eliten wähnten ihre Jahrhunderte alte Vormachtstellung in Gefahr. Als nach dem kurzen Intermezzo einer rechten Regierung ein Bündnis aus Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und bürgerlichen Demokraten, die sogenannte Volksfront,  die Wahlen gewann, entschied sich die spanische Rechte endgültig gegen die Demokratie und für einen Militärputsch. Wider Erwarten traf er auf den Widerstand bewaffneter Arbeitermilizen sowie loyaler Kräfte im Militär und in der Guardia Civil. In Spanien selbst hielten die Putschisten nur wenige Garnisonen. Lediglich in Spanisch-Marokko verfügten sie unter General Francisco Franco über Eliteeinheiten, die in den Kolonialkriegen eingesetzt worden waren. Aber die spanische Marine stellte sich auf die Seite der Republik und verhinderte, dass Franco nach Andalusien übersetzte. Der Putsch schien gescheitert.

Die Intervention Deutschland und Italiens

In dieser Situation wandte sich Franco mit der Bitte an Mussolini und Hitler, seine Soldaten nach Spanien zu fliegen, und war erfolgreich. Deutschland stellte zunächst Ju 52 Transportflugzeuge. Aufgrund des ursprünglichen Lufthansasymbols, des Kranichs, auf ihrem Rumpf erhielt das rasch wachsende Kontingent deutscher Soldaten, die in Spanien aufseiten der Putschisten kämpfen, den Namen „Legion Condor“. Die deutsche Waffenhilfe umfasste knapp 300 Flugzeuge, etwa 180 Panzer, 30 Batterien Artillerie und 6000 Mannschaften und Offiziere, die häufig wechselten, sodass in den etwa drei Jahren des Bürgerkriegs insgesamt 30.000 Deutsche für Franco kämpften. Schwerpunkt war die Luftwaffe: Deutsche Flugzeuge zerstörten zum Beispiel die kleine Stadt Guernica, ein Symbol für die Jahrhunderte alte Selbständigkeit des Baskenland, und sammelten dort wertvolle Erfahrungen im Flächenbombardement. 1997 entschuldigte sich Bundespräsident Roman Herzog für die etwa 1.000 zivilen Opfer des Angriffs. Die deutschen Legionäre töten unter anderem auch Landsleute, denn mit den Internationalen Brigaden kamen auch deutsche Freiwillige nach Spanien, um die Demokratie zu verteidigen. Einige sollten sich im Kalten Krieg wieder gegenüberstehen: Wer in der Legion Condor gedient hatte, konnte seine Karriere in der Wehrmacht und dann in der Bundeswehr fortsetzen. Deutsche Brigadisten dagegen gehörten 1949 zum Führungspersonal der Nationalen Volksarmee.

Die deutsche und italienische Intervention zugunsten Francos war kriegsentscheidend, auch wenn interne Spannungen im republikanischen Lager zwischen den Kommunist/innen auf der einen und den Anarchistinnen auf der anderen Seite zur Niederlage der Republik beitrugen. Die spanische Demokratie wurde lediglich von der Sowjetunion militärisch unterstützt, die ihre Hilfe allerdings im Vorfeld des Hitler-Stalin-Paktes einstellte. Die westlichen Demokratien Frankreich, Großbritannien und die USA blieben neutral und schlossen einen Nichtinterventionspakt, dem sich auch Deutschland, Italien und die UDSSR den Tatsachen zum Trotz anschlossen. Die Demokratien wollten letztendlich eine Eskalation des Konflikts vermeiden und gleichzeitig ihre politischen und ökonomischen Interessen in Spanien wahren. Nach 1945 verzichteten die Siegermächte darauf, sich gegen Franco zu wenden, der seinerseits von Sympathie für den Faschismus nichts mehr wissen wollte und sich im Kalten Krieg geschickt als Verteidiger des christlichen Abendlandes gegen den Bolschewismus verkaufen konnte. 1953 schloss Spanien ein Abkommen mit den USA über die Errichtung amerikanischer Militärstützpunkte auf seinem Staatsgebiet, daraufhin wurde es 1955 in die UNO aufgenommen, die BRD und die DDR übrigens erst 1973.

Die Folgen des Bürgerkriegs

Während der Auseinandersetzungen kam es von republikanischer wie von franquistischer Seite zu massiven gewaltsamen Übergriffen auf Zivilpersonen. Nach seinem Sieg ging Franco rücksichtslos gegen seine Gegner vor, um jede Opposition mit Stumpf und Stiel auszurotten. Republikaner, ehemalige Soldaten und Zivilisten, wurden von Erschießungskommandos ermordet und in Massengräbern verscharrt oder in Lagern ausgebeutet. Zwangsarbeiter errichteten unter anderem die monumentale Kirche des Valle de los Caídos, in der die sterblichen Überreste vieler toter Soldaten aus dem Bürgerkrieg bestattet wurden, sowie an exponierter Stelle, dort wo sich Quer- und Längsschiff kreuzen, Franco und der Gründer der faschistischen Bewegung in Spanien, José Antonio Primo de Rivera. Das Tal der Gefallenen dient bis heute als Wallfahrtsort der neuen und alten Rechten. Die Kirche ist weiterhin in der Obhut der katholischen Kirche und kann als geweihter Ort nicht in eine Museum oder eine Gedenkstätte überführt werden. Es werden dort regelmäßig Messen gelesen, die letztlich auch dem Seelenheil Francos zu Gute kommen.

Es gibt viele weitere Beispiele für die bis in unsere Zeit kontroverse Geschichtskultur Spaniens. Nach seinem Sieg überzog das Regime das Land mit Denkmälern, benannte Straßen und Plätze nach seinen Heroen, stiftete seine nationalen Feiertage und schrieb die Schulbücher und historische Werke. Es wurde nicht gestürzt, weder von innen, noch von außen, sondern verschied gewissermaßen mit Franco, der 1975 mit über 80 Jahren friedlich, aber von Krankheit schwer gezeichnet in seinem Bett starb. Der Übergang zur Demokratie vollzog sich friedlich, aber ähnlich wie in dem 1945 von den Alliierten befreiten Deutschland ohne eine Aufarbeitung von Diktatur und Terror. Die franquistischen Eliten behielten ihren ökonomischen und sozialen Status, viele ihrer Kader fanden eine neue Heimat innerhalb des konservativen Parteienspektrums, so in der Partido Popular, die unter Manuel Rajoy aktuell die Regierung stellt. Die aus dem Exil zurückgekehrten Kommunisten und Sozialisten trugen diese Entwicklung mit, sodass ihre Parteien rasch wieder zur Wahl zugelassen wurden. Allein die Anarchisten verweigerten sich. Sie sind mittlerweile in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Galt der Übergang besonders in Lateinamerika lange Zeit als erfreuliches Beispiel für die Abwicklung einer Diktatur, mehrte sich seit den 1970er Jahren die Kritik. Inzwischen sind fast alle Zeichen franquistischer Geschichtskultur aus den Schulbüchern und aus dem Weichbild der Städte und Dörfer verschwunden, aber es gibt sie vereinzelt immer noch. Die „Ley de la Memoria Histórica“, die der Partido Socialista Obrero Espanol 2007 zur Verabschiedung brachte, ist nur unvollständig in die Praxis umgesetzt worden. So scheitern die Angehörigen, es handelt sich mittlerweile um die Enkelgeneration, der in den Massengräbern verscharrten Republikaner/innen häufig an bürokratischen oder finanziellen Hürden, wenn sie eine Exhumierung durchsetzen wollen, um für eine würdige Bestattung sorgen zu können. Als Baltasar Garzón, Untersuchungsrichter am höchsten spanischen Gericht, der Audiencia Nacional, die Angehörigen dabei rechtlich unterstützen wollte und zudem versuchte, juristisch gegen ehemalige hohe Würdenträger der Diktatur vorzugehen, wurde er auf die Initiative einer rechten Gruppe von seinem Amt suspendiert.

Der Umgang mit dem spanischen Bürgerkrieg hängt letztlich von den jeweils regierenden Parteien ab. Der Partido Popular möchte den Pakt des Vergessens, der nach 1975 stillschweigend geschlossen worden ist, um die junge spanische Demokratie nicht zu gefährden, fortschreiben. Die zweite große Partei, die PSOE, hat in ihrer Legislaturperiode zwar die „Ley de la Memoria“ auf den Weg gebracht, sich aber bei seiner Umsetzung wenig engagiert gezeigt. Wie die neue Kraft auf der politischen Bühne, „Podemos“, mit der Geschichte des spanischen Bürgerkrieges umgehen wird, bleibt eine spannende Frage.

 

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