Im Gespräch

„Man muss schweigen dürfen, wenn man das Reden nicht aushält“ Rainer Moritz im Gespräch mit Herta Müller

Herta Müller ist eine der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie wurde als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien geboren und studierte im westlichen Rumänien Germanistik und Rumanistik. Müller reiste 1987 nach Deutschland aus. In ihren Werken thematisiert und kritisiert Herta Müller vornehmlich am Beispiel Rumäniens die Folgen von kommunistischer Diktatur und Unterdrückung für den Menschen. 2009 wurde Herta Müller der Nobelpreis für Literatur verliehen, daneben erhielt sie zahlreiche weitere Auszeichnungen. In ihrem Werk "Mein Vaterland war ein Apfelkern" (2014) berichtet sie von ihrem ungewöhnlichen Lebensweg, der sie vom Kind, das im Tal in Rumänien Kühe hütete bis zur Verleihung des Nobelpreises in Stockholm führte. Sie thematisiert in dem Buch auch die biografischen Prägungen, die sie und ihre Familie durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen erfuhren. Rainer Moritz studierte an der Universität Tübingen Germanistik, Philosophie und Romanistik. Er promovierte 1988 mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über Hermann Lenz. Anschließend arbeitete er in mehreren Verlagen, zunächst als Lektor beim Tübinger Francke-Verlag, dann als Leiter der Philologischen Abteilung beim Berliner Erich Schmidt Verlag und danach als Cheflektor beim Verlag Reclam Leipzig und als Programmgeschäftsführer beim Verlag Hoffmann und Campe. Seit 2005 leitet er das Literaturhaus Hamburg.

Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wuchs in dem Ort Nitzkydorf in Rumänien auf. Durch die Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit war das Schicksal der Familie durch Verfolgung und Entwurzelung in den Nachkriegsjahren geprägt. In ihrem 2014 erschienenen Buch „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ schildert sie ihre Kindheit und Jugend in Rumänien ebenso wie ihr Ankommen und das Leben in Deutschland. Im Gespräch mit Rainer Moritz beschreibt sie die Erfahrungen der „doppelten Diktatur“ und ihren Umgang mit den Kriegserlebnissen in der eigenen Familie.

Moritz: Herta Müller, wie müssen wir uns den Ort Ihrer Kindheit vorstellen und was war das so Beeindruckende an den riesigen sozialistischen Maisfeldern, von denen Sie im ersten Satz Ihres Buches sprechen?

Müller: Sie machten mir Angst. Der Sozialismus hatte alle privaten Felder verstaatlicht, wie man das auch aus der DDR kennt. Die Felder waren danach unübersichtlich groß, manchmal haben wir wochenlang in einem einzigen Feld gearbeitet. Das ging Hügel rauf, Hügel runter, und der Mensch verlor sich in diesen Feldern. Ich musste oft mit meiner Mutter aufs Feld, und man konnte nur verzweifeln, denn eine Reihe Mais hörte nie auf. Ich dachte immer, wenn man endlich aus dem Feld rauskommt, dann ist man ein Greis. Ich spürte, wie schnell man alt wird in diesen Feldern, und gerade das machte mir Angst. Ich habe selten gebetet, nur manchmal, wenn ich aufs Feld sollte, habe ich abends im Bett still dafür gebetet, dass es regnet und wir vielleicht nicht raus gehen können.

Moritz: Wie groß war die Möglichkeit, diesem Ort zu entkommen?

Müller: Das Dorf war sehr abgelegen, ohne Asphaltstraße und deshalb von den umliegenden Städten isoliert. Die Bewohner waren Bauern und gehörten der deutschen Minderheit an. In kleinen Dörfern in der Umgebung lebten andere Minderheiten: Ganz in der Nähe gab es ein ungarisches Dorf, wo mein Großvater zum Schachspielen hinfuhr, außerdem ein slowakisches und ein rumänisches Dorf. Die Dörfer lagen dicht nebeneinander, aber trotzdem haben sie sich nicht vermischt. Die etwas jüngeren Bewohner waren dann die ersten, die in die Stadt fuhren und zum Arbeiten in die Fabriken pendelten. Ich gehörte zu der ersten Generation, die wirklich aus dem Dorf heraus kam, da ich auf das Gymnasium in die Stadt gehen durfte, Gott sei Dank im Nachhinein! Wenn ich meinen Großvater ärgern wollte, dann habe ich gesagt, dass ich froh bin, dass der Sozialismus ihm die Felder enteignet hat. Wenn ich diese Felder alle geerbt hätte, dann wäre ich vermutlich nie aus dem Dorf herausgekommen.

Moritz: Sie haben gerade schon Ihren Großvater angesprochen, wie haben Ihre Großeltern die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt?

Müller: Mein Großvater war Getreide- und Kolonialwarenhändler und hat im Laufe seiner Arbeitsjahre viele Felder gekauft. Alles, was er verdiente, hat er wieder in Boden investiert. Mit der Enteignung hatte man ihm im Grunde seine Identität gestohlen – und nicht nur ihm. Er war auch eine kurze Zeit im Arbeitslager in Südrumänien. Das war beim Sozialismus das Seltsame, dass er nach dem Krieg nicht versucht hat, die Leute für sich zu gewinnen, sondern die Mittelschicht durch politische Verfolgung sich zum Gegner gemacht hat. Mein Großvater wurde als Teil der parasitär ausbeutenden Klasse bezeichnet. Die Felder gehörten dann dem Staat oder der sogenannten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Bis zuletzt hat mein Großvater Formulare aus der Getreidehändlerzeit, auf denen Mengen und Tonnen eingetragen wurden, benutzt und jeden Tag seine Einkäufe darauf eingetragen. Ich glaube, er hat diese Zeit eigentlich nie verwunden. Dazu kam ja, dass dieses ehemals österreichisch-ungarische Dorf nach dem ersten Weltkrieg an Rumänien fiel, ohne dass die Dorfbewohner sich vom Fleck bewegt hätten. Meine Großeltern sprachen nur Ungarisch und Deutsch und kein Wort Rumänisch, und mein Großvater lernte es auch nie. Ich war die erste Generation, die in dieser Gegend Rumänisch lernte, weil ich aus dem Dorf heraus kam.

„Die Hauptdimension vom Verfolgtsein ist die Einsamkeit“
 

Moritz: Wie verhielt sich Rumänien in der Nachkriegszeit und welche Auswirkungen hatte die nationale Politik für die dort lebenden Minderheiten?

Müller: Rumänien war ein faschistischer Staat und stand mit dem Militärdiktator Antonescu an der Seite von Hitler. Erst spät wurde das Land von den Russen gezwungen die Seite zu wechseln. Nach 1945 hat Rumänien dann seine Geschichte gefälscht, und die offizielle Geschichtsschreibung lautete so, als wäre Rumänien immer Teil der Alliierten gewesen. Die Geschichtsklitterung hat natürlich die Minderheiten sehr verunsichert, denn nur sie wurden von der Regierung zu den Nazis gezählt. Obwohl die rumänische Armee am Krieg gegen die Sowjetunion beteiligt war, galt sie immer als Siegermacht und den Alliierten zugehörig. Ich glaube, das hat auch dazu beigetragen, dass man in meiner Umgebung über die Kriegsbeteiligung und die Verstrickungen in die Naziverbrechen nicht gesprochen hat. Denn das Regime hat die gefälschte Realität genutzt, um die Minderheiten zu bestrafen. Die Minderheiten haben sich abgekapselt und jedes Nachdenken über die Beteiligung, über die Verstrickung verweigert. Es hat natürlich auch eine große Rolle gespielt, dass in Rumänien bis heute nicht viel aufgearbeitet wurde. Rumänien hat auch nach dem Sturz der Diktatur lange nicht zugegeben, wie sehr es in die Verbrechen der Nazis verstrickt war: Konzentrationslager, die auf rumänischem Boden errichtet worden waren, und Rassengesetze, die genauso in Rumänien angewendet wurden, sodass die jüdische Bevölkerung durch Deportationen und Mord fast zur Gänze vernichtet wurde. Erst durch äußeren Druck hat Rumänien angefangen, darüber zu sprechen.

Moritz: Können Sie beschreiben, was das Leben in der Diktatur für den Einzelnen bedeutet?

Müller: Das Grundgefühl in einer Diktatur war ja, dass man dem Staat nicht nur nichts bedeutet, sondern, dass man ein Feind ist. Es wird immer vom Kollektiv gesprochen, aber das Kollektiv ist ein Zwang. Man wird zusammen gezwungen. Dabei hat man im Kollektiv nichts miteinander zu tun, man bedient nur die Ideologie, die Macht und das Äußere. Die Menschen haben gar keine Zeit, sich umeinander zu kümmern. Wenn das Kollektiv auftritt, muss es singen, Losungen sagen oder zuhören, aber man darf nicht miteinander sprechen. Im Grunde genommen ist der Einzelne nicht nur kein Teil des Kollektivs, sondern der Feind des Kollektivs. Das Individuum gab es nur, wenn der Staat etwas gegen jemanden hatte und man verfolgt wurde. Die Hauptdimension vom Verfolgtsein ist die Einsamkeit: Der Mensch wird gemieden, niemand riskiert es mehr, mit ihm zu tun zu haben. Die Leute weichen ihm aus und jeder verabschiedet sich. Er hat nur noch mit Leuten zu tun, die in der gleichen Situation leben wie er selbst.

„Man gehörte zusammen, aber jeder war sich selbst überlassen und für sich zuständig“
 

Moritz: Welche Auswirkungen hatte die Verfolgung auf ihre Familie und Sie selber als Kind?

Müller: Die Erwachsenen waren verhärtet durch ihre Erlebnisse: Meine Mutter war fünf Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager. Mein Vater kam aus der SS nach Hause und wurde ein Alkoholiker, der sich zu Tode getrunken hat. Mein Großvater war deportiert, und mein Onkel war im Krieg gefallen. Die 50er Jahre im Stalinismus waren eine sehr harte Zeit, das Land war voller Lager und wegen nichts und wieder nichts konnte man verschwinden. Über die Deportationen durfte nicht gesprochen werden, das war ein Tabuthema, das es offiziell nicht gegeben hat. Auch über die Zeit oder die Beteiligung in der SS oder Wehrmacht wurde nicht gesprochen, weil das Regime seine eigene Schuld verschwieg. Ich glaube, dass es für die Menschen zwei Seiten des Erinnerns gibt: Man muss schweigen dürfen, wenn man das Reden nicht aushält und man muss reden dürfen, wenn man das Schweigen nicht aushält.
Ich hatte als Kind immer das Gefühl, fremd zu sein, und das hat natürlich auch sehr viel damit zu tun, dass die Erwachsenen in ihrer Verstörung keine Zeit für mich hatten und es auch nicht üblich war, sich um Kinder zu kümmern, mit Kindern zärtlich zu sein oder Gefühle zu zeigen. Man gehörte zusammen, aber jeder war sich selbst überlassen und für sich zuständig.

Moritz: Sie schildern in Ihrem Buch „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ wie Sie Kühe gehütet haben, und die Pflanzen spielten dabei eine ganz besondere Rolle. Das Kind, an das sie sich hier erinnern, hat ein unglaubliches, beinahe archaisches Verhältnis zu den Pflanzen. Kann man sagen, dass die Pflanzen und die Natur in der Situation fast eine beschützende Funktion für sie übernommen haben?

Müller: Meine Aufgabe war es, die Kühe zu hüten, und ich hatte damit eine riesengroße Verantwortung. Ich musste dafür sorgen, dass diese Kühe nicht in die Staatsfelder gehen und dort einen Schaden anrichten, sonst hätten meine Eltern Strafe bezahlen müssen, und auch ich wäre von meinen Eltern hart bestraft worden. Eine Kuh ist ein riesiges, großes Tier, sehr stur, eigenwillig und unzähmbar wenn es schlechte Tage hat – und Kühe haben oft schlechte Tage und unruhige Launen, das hat mich fast verrückt gemacht. Das einzige, was sich gefügig zeigte, waren die Pflanzen. Der Grund, weshalb sie an einer Stelle wachsen, ist sehr wohl plausibel. Ich habe auch gedacht, dass sie in der Nacht herumlaufen wenn man es nicht sieht und dann andere Pflanzen besuchen oder in der Gegend herumschauen und morgens zurückkommen, damit man nicht merkt, dass sie weg waren. Ich glaube, die Beobachtungen von Form und Farbe der Pflanzen waren meine ersten Ästhetiklektionen. Ich habe die Pflanzen gekostet, ich wusste, wie alles schmeckt: bitter, sauer, süß. Ich habe immer gedacht, wenn ich die Pflanzen esse, weiß ich, wie es in ihnen aussieht, und ich kann mich vielleicht auch in meinem Verhalten besser orientieren. Denn ich dachte immer, ich weiß gar nicht, wie man lebt; aber ich habe mir den Kreislauf der Natur so vorgestellt, dass wir die Pflanzen essen, bis die Erde uns eines Tages frisst. Der Tod war für mich der Moment, in dem die Erde Hunger hat und den Menschen frisst.

Das gesamte Gespräch von Herta Müller und Rainer Moritz können Sie online als Video sehen.

 

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