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Antiziganismus – Rassistische Stereotype und Diskriminierung von Sinti und Roma

Milena Detner/Ansgar Drücker/Barbara Manhe (Hg.): Antiziganismus – Rassistische Stereotype und Diskriminierung von Sinti und Roma. Grundlagen für eine Bildungsarbeit gegen Antiziganismus. Düsseldorf. 2014.

Von Ingolf Seidel

Stereotype gegenüber Sinti und Roma gehören zu den am weitesten verbreitetsten und hartnäckigsten Ressentiments in Deutschland und Europa. So glauben laut der Studie von Oliver Decker u.a. „Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014“ 55.0 Prozent der Befragten, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen und 47,1 Prozent meinen, dass Roma aus den Innenstädten vertrieben werden sollten. Angesichts dieser Zahlen wird deutlich, dass Antiziganismus nicht allein  innerhalb der extremen Rechten ein Einstellungsmuster ist. Er wird von breiten Bevölkerungsteilen geäußert und betrifft sämtliche politische Lager. 

Daher ist Bildungsarbeit für Angehörige der Mehrheitsgesellschaft in diesem Bereich nach wie vor dringend geboten, auch wenn das Angebot in den letzten Jahren vielfältiger geworden ist und auch zunehmend wahrnehmbar Selbstorganisationen von Sinti und Roma ihre Stimme erheben. Mit einem Reader hat nun das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit, kurz IDA, dazu beigetragen, dass sich Multiplikator/innen in der Jugend- und Bildungsarbeit in die Thematik einarbeiten können. Die Materie erscheint auf den ersten Blick komplex und verwirrend. Das beginnt bereits mit dem Begriff. Ist nun Rassismus gegen Sinti und Roma, Antiromaismus oder Antiziganismus die korrekte Bezeichnung? Auch unter Angehörigen der Minderheit ist die richtige Bezeichnung umstritten. In der vorliegenden Broschüre plädieren die Autor/innen, trotz mancher Bedenken, für den Gebrauch des Begriffes „Antiziganismus“, da , so der Politologe Markus End in einem einführenden Aufsatz, das Phänomen sowohl die Stereotype und Bilder, als auch die Diskriminierungspraxen gegen die Gemeinten umfasse, bei denen die „antiziganistisch Eingestellten“ ihr „Stereotyp vom ‚Zigeuner’ im Kopf“ hätten, „ohne sich darum zu kümmern, wie sich die Betroffenen selbst bezeichnen und ob sie einer Minderheit angehören“ (7). Die Problematik einer sinnhaften und nicht-diskriminierenden Begriffsfindung zur Bezeichnung des Ressentiments kann unbeachtet bleiben. Dementsprechend plädiert die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt in ihrem Beitrag zu systematischen und historischen Aspekten des Antiziganismus für „eine Bildungspraxis, die die Unzulänglichkeiten in jeder identifizierenden Gruppenpraxis deutlich macht“ (16). Vor diesem reflektierten Hintergrund erscheint es sinnvoll, den Begriff an die Stereotypen der Mehrheit und an deren Bilder anzuknüpfen.

Die Broschüre gliedert sich in fünf Abschnitte. Im Anschluss an die bereits erwähnten Beiträge von Markus End und Astrid Messerschmidt im Kapitel „Überblick“ folgen Abschnitte über „Strukturelle Diskriminierung“, „Rassistische Vorurteile“, „Antiziganistisch motivierte Gewalt und Antiziganismus in der extremen Rechten“ und schließlich zu „(Selbst)Repräsentation und –organisation von Sinti und Roma“. Neben der Auseinandersetzung mit dem diskriminierenden Wort „Zigeuner“, das, so diplom-Pädagogin Petra Rosenberg eine „diskriminierende Fremdbezeichnung“ (17) sei und die Eigenbezeichnungen durch Sinti und Roma ignoriere, finden sich unter der Überschrift „Strukturelle Diskriminierung“ verschiedene Beiträge, die sich mit der strukturellen Diskriminierung von Sinti und Roma vor allem in Deutschland, aber auch in Ost- und Südosteuropa auseinandersetzen. Eine solche strukturelle Diskriminierung ist nicht zwangsläufig an eine offen rassistische und ausgrenzende Gesetzgebung gebunden. Sie zeigt sich in stigmatisierenden Mediendiskursen über die Minderheit ebenso wie in der dramatischen Bildungssituation von Sinti und Roma, im Hinblick auf formale Bildung in der Bundesrepublik und dem gravierenden Versagen des deutschen Bildungssystems (24). Das zeigen die Ergebnisse einer Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma, herausgegeben von Daniel Strauß. Die Studie widerlege, so Strauß, das Vorurteil „Minderheiten würden nicht selbst aktiv werden, ihre Situation zu überwinden“ (21). Als Folge des mangelhaften Zugangs von Sinti und Roma zu Bildungsangeboten ergeben sich massive Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Julia Geimer und Gina Reinhardt konstatieren, dass sich aus dieser Situation mit „fehlenden Eingangsqualifikationen“ ergäbe, dass „Bildungsbenachteiligungen häufig von Generation zu Generation“ (26) weitergegeben würden.

Der Verbreitung des antiziganistischen Ressentiments in verschiedenen Teilen der Bevölkerung widmen sich Daniela Krause und Eva Groß. Relevante Aspekte sind hier neben anderen die Kategorie Geschlecht und der Bildungshintergrund. Entgegen landläufiger Annahmen hängen Frauen eher antiziganistischen Stereotypen an als Männer (40), während der Zusammenhang zwischen einem höheren Bildungsniveau und geringerem Auftreten offen antiziganistischer Ressentiments auf den ersten Blick weniger überrascht, blendet man die Frage aus, inwieweit höhere formale Bildung dazu befähigt, sozial erwünschte Antworten in Umfragen zu geben. Das Kapitel über rassistische Vorurteile widmet sich neben solchen Fragen der Empirie vor allem der Auseinandersetzung mit einzelnen Stereotypen wie dem „Vorwurf der Kriminalität“, der rassistischen Vorstellung Sinti und Roma seien „Sozialschmarotzer“ und den ethnisierenden Homogenisierungen, denen Angehörige der Minderheit seitens der Mehrheitsbevölkerung unterliegen. Zwei Aufsätze zu den historischen Grundlagen des Antiziganismus von Karola Fings und Romeo Franz verweisen unter anderem darauf, dass es bei „den Vorurteilen gegen uns Sinti und gegen die Roma (...) immer darum (ging, IS), gesellschaftliche Umbrüche ideologisch abzusichern“ (45), so Franz.

Auch wenn Antiziganismus, wie andere Formen von Rassismus oder auch der Antisemitismus, in der Mehrheitsgesellschaft und der vermeintlichen gesellschaftlichen  Mitte weit verbreitet sind, so kommt doch die extreme Rechte nicht ohne das Ressentiment aus, konstituiert es doch ihr Weltbild. Auf die Mängel in der behördlichen Erfassung antiziganistischer Straftaten, mangelnder Anerkennung durch die Justiz und der Notwendigkeit von Opferberatungen macht Heike Kleffner aufmerksam. Die Journalistin Lara Schultz stellt fest, dass Antiziganismus, obwohl er „eigentlich konstitutiver Bestandteil extrem rechter Ideologie“ sei, in den „gängigen Definitionen des ‚Rechtsextremismus’“ nicht auftauche (61). In ihrem analytischen Beitrag geht sie unter anderem der These nach, dass es Teil der antiziganistischen Ausgrenzung sei, zu „vergessen, dass es Sinti und Roma überhaupt gibt“, was wiederum mit der „Nicht-Wahrnehmung von Sinti und Roma als Opfer“ und „mit ihrer Stigmatisierung als (potenzielle) Täter_innen“ korrespondiere“ (64). Ein weiterer Aufsatz von Schultz zeigt, wie in den mittel- und osteuropäischen Staaten Slowakei, Tschechien und Ungarn Wahlkampf mit antiziganistischen Ressentiments betrieben wird.

Im letzten Kapitel „(Selbst)Repräsentation und –organisation von Sinti und Roma“ stellen sich verschiedene Organisationen vor, die teils wie der Bundesverband Amaro Drom („Unser Weg“) oder der Berliner Verein Amaro Foro („Unsere Stadt“) sowohl aus Angehörigen der Minderheit, wie auch aus Nicht-Roma bestehen. Amaro Drom hat das Ziel, so Emran Elmazi und Patrick Bieler, „jungen Menschen durch Empowerment, Mobilisierung, Selbstorganisation und Partizipation Räume zu schaffen, damit sie aktive Mitglieder der Gesellschaft werden.“ (68). Auch Amaro Foro ist in erster Linie eine Jugendorganisation. Über den Ansatz der Sozialberatung für Migrant/innen aus Rumänien und Bulgarien schreibt Anna Schmitt (vgl. 70). Dem Erinnern und Gedenken an den Porajmos widmet sich das Jugendnetzwerk ternYpe (http://www.ternype.eu/), das seit 2010 Gedenkfahrten und Seminare für jugendliche Roma und Nicht-Roma nach Krakau und Auschwitz organisiert. Das AGORA-Netzwerk für Sinti- und Roma-Frauen, entstanden aus der Initiative „Romane Romnja“, engagiert sich gegen die Mehrfachdiskriminierung von Sinti- und Roma-Frauen. Es setzt sich für Empowerment der Frauen ein und widmet sich der Informations- und Antidiskriminierungsarbeit. Zu guter Letzt stellt Romeo Franz die Arbeit der Hildegard-Lagrenne-Stiftung vor. Die Stiftung wurde 2012 gegründet. Die Notwendigkeit einer eigenen Stiftung zur Förderung von Projekten von und für Sinti und Roma ergab sich aus den negativen Erfahrungen von Angehörigen der Minderheit bei Projektanträgen ihrer Vereine. 

Insgesamt bietet die Broschüre von IDA einen guten und wichtigen Überblick über die Thematik. Daher stellt sie für alle, die sich der Bildungsarbeit gegen Antiziganismus widmen (wollen), ein hilfreiches Werkzeug für die Praxis dar. Selbstverständlich sollte es sein, diese Arbeit nach Möglichkeit gemeinsam mit Sinti und Roma zu organisieren oder sich mit ihnen rückzukoppeln, um die Gefahr eines paternalistischen Sprechens über die Minderheit zu vermeiden. 

Die Broschüre kann gegen Versandkosten bestellt werden unter: http://www.idaev.de/publikationen/bestellformular/

 

 

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