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Das Deutsche Hygiene-Museum und die frühe Popularisierung der Rassenhygiene

Julia Radtke ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums Dresden

Von Julia Radtke

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden (DHMD) bezeichnet sich heute als „Museum vom Menschen“ und versteht sich als Forum zur Diskussion von Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft. Der Ursprung des DHMD liegt jedoch in den populären Hygieneausstellungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit seiner Ausstellungstätigkeit und den angegliederten Lehrmittelwerkstätten entwickelte sich das 1912 gegründete Haus zu einem Sozialmuseum neuen Typs und zu einem bedeutenden, international agierenden Akteur der Gesundheitsauf­klärung im frühen 20. Jahrhundert. Die Etablierung der deutschen Rassenhygiene im akademischen Feld und ihre öffentlichkeitswirksame Popularisierung bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 können daher exemplarisch an der (Ausstellungs-)Geschichte des Deutschen Hygiene-Museums nachvollzogen werden. 

Die I. Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden

1911 fand in Dresden die I. Internationale Hygiene-Ausstellung statt, die mit über 5,5 Millionen Besucher/innen überaus erfolgreich war. Der Initiator des bis dahin größten Vorhabens dieser Art war der Dresdner Industrielle und Erfinder des Mundwassers „Odol“ Karl August Lingner (1861−1916), der sich für den positiven Nutzen einer praktisch angewandten Hygiene begeisterte. Die Besucherinnen und Besucher sollten mithilfe modernster Medien, in gefälliger Sprache und Optik und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft umfassend über das breite Themenspektrum der „Hygiene“ informiert werden (vgl. Vogel/Wingender 2000, S. 45). Neben der Aufklärung über bestimmte Krankheiten, ihre Erreger und mögliche Übertragungswege war das grundsätzliche Ziel der Ausstellung, jeden Einzelnen für die Prävention von Krankheiten zu sensibilisieren und zur umfassenden Einführung hygienischer Praktiken im Alltag aufzurufen. Ein Ausstellungsabschnitt war dabei dezidiert der „Rassenhygiene“ gewidmet, die erstmals auf einer Hygieneausstellung präsentiert wurde. Der Münchner Ordinarius Max von Gruber (1853−1927), ein hoch angesehener Hygieniker, zeichnete sich hauptverantwortlich für die Zusammenstellung der wissenschaftlichen Inhalte. Die Abteilung war in neun Kapitel gegliedert und führte zunächst in die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die menschliche Fortpflanzung und Vererbungslehre ein. Dieses neue Wissensgebiet hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Popularität erlangt und muss vor dem Hintergrund der Erkenntnisse Charles Darwins (1809−1882) über die Evolution und die natürliche Selektion im Tier- und Pflanzenreich verstanden werden (vgl. Sarasin/Sommer 2010, S. 55f).  An diese Erkenntnisse schlossen die verschiedenen Aussteller – unter anderem praktische Ärzte, Psychiater, Anatomen und Zoologen – nahtlos an, um ihre radikale Zeitdiagnose zu präsentieren: den Verfall der erblichen Anlagen der deutschen Bevölkerung und die angeblich steigende Zahl „minderwertiger“ Menschen. Die Begründungen waren vielfältig: die geringere Kinderzahl in Familien mit höherem sozialen Status, die als erwiesen geltende Zunahme angeblich vererbbarer psychischer Erkrankungen genauso wie eine Schädigung der Keimzellen durch Alkohol oder Geschlechtskrankheiten (von Gruber/Rüdin 1911, insb. S.102-121).  

Eine Flut von Statistiken zur Bevölkerungsentwicklung, Stammbäumen und weiterem Datenmaterial, die auf über 200 Tafeln in der Ausstellung präsentiert wurden, schien die fundamentale Bedeutung dieser Vermutungen wissenschaftlich zu untermauern. Als Grundlage dienten Monographien und Aufsätze der beteiligten, vorwiegend deutschen Aussteller/innen oder bekannten Vertreter/innen der internationalen Eugenikbewegung – wie dem zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen britischen Naturforscher Francis Galton (1822−1911). Der Ausstellungsbereich mit dem nachträglich erschienenen Katalog gab damit den aktuellen Stand der Rassenhygiene im frühen 20. Jahrhundert eindrücklich wieder und galt über Jahrzehnte hinweg als „wertvolle Materialsammlung“ (Lenz 1932, S. 577). In der öffentlichen Wahrnehmung spielte die vergleichsweise kleine Abteilung zur Rassenhygiene dagegen sicherlich nur eine untergeordnete Rolle. Die Zeitgenossen bemängelten insbesondere die mangelnde Allgemeinverständlichkeit – so beschrieb der Sozialhygieniker Alfons Fischer (1873−1936) seinen Eindruck folgendermaßen: „Für diesen Teil der Ausstellung, meine ich, gilt ganz gewiß das Wort: Weniger wäre mehr gewesen“(Fischer 1911, S. 583).

Jedoch zeigt die erstmalige Aufnahme einer Abteilung zur Rassenhygiene im Rahmen einer Hygieneausstellung das frühe Interesse an diesem Thema durch einen ausgewählten Kreis von einflussreichen Ärzt/innen und Wissenschaftler/innen, die die Durchsetzung der Rassenhygiene im akademischen Feld, sowie die öffentliche Popularisierung ihrer Inhalte maßgeblich vorantrieben. Der praktische Arzt Alfred Ploetz (1860−1940), der den deutschen Begriff „Rassenhygiene“ 1895 geprägt hatte, war genauso wie andere Mitglieder der 1910 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene beteiligt (vgl. Weingart/Bayertz/Kroll 1988, S. 206). Darunter fanden sich unter anderem auch der damalige Oberarzt an der Psychiatrischen Klinik München, Ernst Rüdin (1874−1952), und der spätere Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, Eugen Fischer (1874−1967), die beide nach 1933 an der Umsetzung der praktischen Forderungen der Rassenhygiene – beispielsweise über das Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses – maßgeblich beteiligt waren (vgl. Klee 2003, S. 513 bzw. S. 151).

Breite Rezeption der Rassenhygiene nach dem Ersten Weltkrieg

Die breite Rezeption der Rassenhygiene nach Ende des Ersten Weltkriegs lässt sich auch an der weiteren Arbeit des DHMD nachvollziehen: Die Verantwortlichen entschieden sich zwar gegen eine reine Fokussierung auf sozial- und rassenhygienische Inhalte (vgl. Steller 2014, S.192f.), der Themenkomplex „Vererbung und Rassenhygiene“ nahm aber ab Mitte der 1920er Jahre einen festen Platz in der Ausstellungstätigkeit des Hauses und in der Produktion medizinischer Lehrmittel über die hauseigenen Werkstätten ein. Der neue wissenschaftliche Leiter des DHMD, Martin Vogel (1887−1947), erarbeitete gemeinsam mit dem Dresdner Rassenhygieniker Rainer Fetscher (1895−1945) eine Neupräsentation der Ausstellungsgruppe „Rassenhygiene“ unter den Gesichtspunkten von Zugänglichkeit und Attraktivität, die auch nicht vor praktischen Forderungen an die zukünftige Bevölkerungspolitik zurückschreckte. 1927 beschrieb er die Inhalte der Abteilung folgendermaßen: „Über die Keimschädigungen durch Blei, Alkohol, Nikotin und Geschlechtskrankheiten führte der Gedankenweg weiter zu den Fragen der praktischen Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik. Die Frage der Ehetauglichkeitszeugnisse […] hatte darin ebenso Platz wie die einer vernünftigen Erziehung zum Verständnis von Ehe und Fortpflanzung, die Gefahr der geringen Kinderzahl in den sozial höherstehenden Schichten ebenso wie die gefährlichen Verschiebungen, die durch den Krieg in der Zusammensetzung der Bevölkerung in den am Krieg beteiligten Staaten eingetreten sind.“ (Vogel 1927, S. 466).

Die dabei entstandenen Grafiken und Schaubilder fanden als Vorlagen Eingang in die hauseigene Produktion medizinischer Lehrmittel und wurden für thematisch verwandte Publikationen, Lichtbildreihen und Lehrtafeln genutzt, die an Schulen, Vereine und andere öffentliche Einrichtungen verkauft und verliehen wurden.[1] Flankiert wurden diese Lehrmittel durch zwei ins Thema einführende Bände der populärwissenschaftlichen DHMD-Schriftenreihe „Leben und Gesundheit“, die die Interessent/innen als vertiefende Lektüre erwerben konnten.

Das DHMD beteiligte sich demnach zunehmend an der Popularisierung rassenhygienischer Ideen in der Weimarer Republik, wobei radikaler Antisemitismus und Rassismus (noch) keine Berücksichtigung fanden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 entwickelte sich das DHMD jedoch zu einer führenden Propagandainstitution der NS-Rassenpolitik und war an der Entwicklung ideologisch geprägter Ausstellungen („Volk und Rasse“ 1934, „Reichsschau Ewiges Volk“ 1937) sowie rassistischer Lehrmittel (beispielsweise Schädelmodelle und Lehrtafeln nach Hans F. K. Günthers Rassenschema) beteiligt. 

Der heutige Umgang mit der Geschichte des Deutschen Hygiene-Museums

Das Deutsche Hygiene-Museum hat nach der deutsch-deutschen Wende 1990 die Diskussion um die Geschichte der eigenen Institution mitinitiiert und bewusst eine Neuausrichtung des Hauses von einer Einrichtung der staatlichen Gesundheitsaufklärung in der DDR zu einem modernen Museum mit kulturwissenschaftlichem Schwerpunkt und vielfältigem Themenspektrum eingeleitet. Die politisch-gesellschaftliche Rolle des DHMD im 20. Jahrhundert – insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus – wurde vor allem über viel beachtete Sonderausstellungen und die dazugehörigen Ausstellungskataloge, unter anderem „Leibesvisitation“ (1990/91), „Der neue Mensch“ (1999), „Der (im)perfekte Mensch“ (2000/01) bis hin zu „Tödliche Medizin“ (2006/07, Übernahme aus dem USHMM Washington) reflektiert.

Diese intensive Auseinandersetzung hat auch Eingang in die DHMD-Dauerausstellung „Abenteuer Mensch“ gefunden, die es den Besucherinnen und Besuchern ermöglicht, sich dem Themenfeld Körper und Gesundheit unter aktuellen Fragestellungen zu nähern. Vielfältige historische und zeitgenössische Objekte sowie interaktive Medienstationen konfrontieren die Betrachter mit historischen und zeitgenössischen Körperbildern und decken so ihre Konstruiertheit und die ihnen eingeschriebenen Normen auf. Das Bewusstsein um die historische Kontingenz von Körperbildern und die kritische Auseinandersetzung mit ihnen sind daher bis heute zentraler Bestandteil der Arbeit des Deutschen Hygiene-Museums.

Benutzte Literatur

Fischer, Alfons: Die sozialpolitische Bedeutung der Internationalen Hygieneausstellung in Dresden, in: Annalen für soziale Politik und Gesetzgebung 1 (1911), S 568-588. 

Gruber, Max von/Rüdin, Ernst: Fortpflanzung, Vererbung, Rassenhygiene. Illustrierter Führer durch die Gruppe Rassenhygiene der Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden, München 1911. 

Jütte, Robert/Eckart, Wolfgang U./Schmuhl, Hans-Walter/Süß, Winfried: Medizin und Nationalsozialismus. Bilanz und Perspektiven der Forschung, Göttingen 2011. 

Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer was war vor und nach 1945, Frankfurt am Main 2003.

Lenz, Fritz: Menschliche Auslese und Rassenhygiene (Eugenik), 4. Auflage, München 1932. 

Osten, Philipp: Hygieneausstellungen: Zwischen Volksbelehrung und Vergnügungspark, Deutsches Ärzteblatt 2005; 102: A 3085-3088 (45). 

Sarasin, Philipp/Sommer, Marianne (Hg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2010. 

Steller, Thomas: Volksbildungsinstitut und Museumskonzern. Das Deutsche Hygiene-Museum 1912-1930, Bielefeld 2014, online einsehbar unter: http://pub.uni-bielefeld.de/publication/2724840

te Heesen, Anke: Theorien des Museums, Hamburg 2012. 

Vogel, Klaus/Wingender, Christoph: "...deren Besuch sich daher unter allen Umständen lohnt.", in: Dresdner Hefte 63 (2000), S. 44-52. 

Vogel, Martin: Das Deutsche Hygiene-Museum auf der Gesolei, in: Arthur Schloßmann: Ge-SO-LEI, Bd.2, Düsseldorf 1927, S. 449-474 .

Weingart, Peter/Kroll, Jürgen/Bayertz, Kurt: Rasse, Blut und Gene, Frankfurt am Main 1988. 

 

[1]

                  [1] Fotodokumentationen zu historischen Ausstellungen sowie Objekte aus der ehemaligen Lehrmittelproduktion wie Lichtbilder und Lehrtafeln sind im Sammlungsbestand des Deutschen Hygiene-Museums vorhanden und können online unter http://www.dhmd.de/emuseum/eMuseumPlus recherchiert werden.

  

 

 

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