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Die Kameradschaftshilfe ehemaliger Internierter und der Entnazifizierungsgeschädigten Landesverband Hessen e.V.

Arne Jost studierte Geschichte der internationalen Politik und Erziehungswissenschaften M.A. an der Universität Marburg. Seit vielen Jahren arbeitet er zudem als freier Mitarbeiter in der Gedenkstätte und Museum Trutzhain. 

Von Arne Jost

Als 1963 auf dem „Interniertenfriedhof“ bei Trutzhain ein Gedenkstein mit der Inschrift „Ehre den in den Lagern Ziegenhain und Schwarzenborn verstorbenen Internierten. Ihr Leben war Treue & Hingabe. 1945-1946.“ errichtet wurde, manifestierte sich für die „Kameradschaftshilfe ehemaliger Internierter und der Entnazifizierungsgeschädigten Landesverband Hessen e.V.“ eine Erinnerungskultur, die von diesem Verband bereits 10 Jahre vorangetrieben wurde. Eine Erinnerungskultur, die den 8. Mai 1945 keineswegs als Tag der Befreiung betrachtete sondern vielmehr als Beginn der  „verbrecherischen Siegerjustiz“, die sich gegen das „unschuldige“ deutsche Volk richtete und ein völkerrechtswidriges Verbrechen darstellte.

Organisation und Struktur des Verbandes

Die Kameradschaftshilfe hatte sich am 26.07.1953, damals noch unter dem Namen „Kameradschaftshilfe der ehemaligen Internierten“, beim Vereinsregister Kassel unter der Nummer VR 355 als eingetragener und gemeinnütziger Verein registrieren lassen.

Der Verein kämpfte um die Entschädigung für das angebliche Unrecht der Entnazifizierung und sollte seine Mitglieder in diesem Zusammenhang bei rechtlichen und politischen Fragen beraten. Laut Satzung stand die Mitgliedschaft jedem, der „unter Verletzung anerkannter Grundsätze des Staats- und Völkerrechts seiner Freiheit beraubt“ oder „in seinen im Grundgesetz festgelegten staatspolitischen Rechten und Freiheiten“ eingeschränkt wurde sowie deren Hinterbliebenen offen. Über die Sozialstruktur der Mitglieder lässt sich kaum etwas sagen. Jedoch waren auf den Treffen überwiegend männliche Teilnehmer anwesend und die Redner waren, mit Ausnahme der völkischen Dichterin Ursel Peters, ausschließlich Männer.

Die Kameradentreffen und das politische Selbstverständnis

Bereits ein Jahr vor der Gründung wurde im Landkreis Ziegenhain (heute Schwalm-Eder-Kreis) in Nordhessen das erste „Kameradentreffen aller ehemaligen politisch Internierten mit Angehörigen“ organisiert.  Diese Kameradentreffen, die von 1952 bis mindestens 1965 in ein- oder zweijährigem Abstand stattfanden, waren das wichtigste Kommunikationsmedium des Verbandes.

Der Veranstaltungsort der Treffen war nicht zufällig gewählt worden. Im FDP regierten Landkreis Ziegenhain mit seiner traditionell national-konservativen Wählerschaft waren von der US-Armee zwei Internierungslager eingerichtet worden. Eines bei Schwarzenborn und das nur wenige Kilometer entfernte CIC 95 Ziegenhain im heutigen Ort Trutzhain. Das CIC 95 war auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlager STALAG IX A Ziegenhain untergebracht, dem größten Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen. Im CIC 95 waren von Ende März 1945 bis August 1946 Mitglieder der (Waffen)-SS, SA, NSDAP sowie Wehrmachtsangehörige interniert worden.

Während der Zeit des Internierungslagers CIC 95 wurden auf dem Waldfriedhof Trutzhain mehrere verstorbene Internierte durch die US-Armee beerdigt. Wenige Jahre später wurden auch Verstorbene des Lagers Schwarzenborn hierhin umgebettet. Besondere Brisanz erhält der Friedhof dadurch, dass er ursprünglich  als sogenannter Russenfriedhof für das Kriegsgefangenenlager STALAG IX A  Ziegenhain angelegt worden war und hier mehrere hundert, vor allem sowjetische, Kriegsgefangene in Massengräbern verscharrt liegen. Diese Tatsache geriet nach 1945 jedoch zunehmend in Vergessenheit und die Kameradschaftshilfe sorgte mit ihren Treffen dafür, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus vollends verdrängt wurde.

Vom ersten Treffen 1952, zu dem sich bereits 1800 Teilnehmer einfanden, bis zum größten Treffen 1956 stieg die Anzahl der anwesenden „Kameraden“ auf bis zu 6000 an. Erst danach sank die Teilnehmerzahl wieder rapide ab, bis 1962 nur noch 500 ehemalige Internierte den Weg nach Nordhessen fanden.

In Entsprechung zur wachsenden Größe der Treffen konnte sich auch der Verein im Laufe der 1950er Jahre zunehmend vergrößern, bis er 1956 zwischen 6.000 und 10.000 Mitglieder in 37 Kreisverbänden zählte. Im gleichen Jahr wurde auch der Namenszusatz „und der Entnazifizierungsgeschädigten“ beim Vereinsregister eingetragen.

Passend zu seiner Satzung, gelang es dem Verein sich über Jahre hinweg äußerst erfolgreich als „Geschädigtenverband“ zu präsentieren. Wichtigste Grundlage für diese Argumentation war die konsequente Ablehnung der Kollektivschuld-These. Kombiniert mit der (auch ansonsten weit verbreiteten) Annahme, dass das Deutsche Reich durch die Alliierten zum Krieg provoziert worden sei, war es möglich, die Legitimation der Entnazifizierung vollends zu verdrängen und die von der Entnazifizierung betroffene Bevölkerung als Opfer darzustellen.

Bestärkt wurde der Verein dabei vor allem durch die sogenannte Vergangenheitspolitik der Bundesregierung, die stetig die Entnazifizierung und ihre Folgen aufweichte. Auch in der Bevölkerung wurde lautstark ein Schlussstrich gefordert und man war keineswegs an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus interessiert.

Der Verein präsentierte sich laut Satzung zwar parteipolitisch neutral, jedoch lässt sich anhand der bei den Treffen anwesenden Parteipolitiker eine deutliche Tendenz erkennen. So waren mehrfach Bundestagsabgeordnete der Deutschen Reichspartei (DRP), der Deutschen Partei (DP) und der Freien Demokratischen Partei (FDP) auf den Treffen anwesend und es kandidierten mindestens zwei Vorstandmitglieder als Bundestagskandidaten für die DRP. Trotz dieser Verortung am rechten Rand des Parteienspektrums trug dies dazu bei, die Treffen vermeintlich demokratisch zu legitimieren. In den 1960er-Jahren waren zudem mehrere Mitglieder und dem Verein nahestehende Personen an der Gründung der Nationaldemokratischen Partei (NPD) in Nordhessen beteiligt.

Ende des Verbandes und Umgestaltung des Friedhofs

Erst als sich das politische und gesellschaftliche Klima Ende der 1950er Jahre langsam wandelte und nun zunehmend auch die Opfer des Nationalsozialismus und eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit in den Fokus rückten, nahmen die Aktivitäten der Kameradschaftshilfe ab.

Dennoch wurde der Verein erst 1980, aufgrund des Wegfalls aller Mitglieder, aus dem Vereinsregister gelöscht. Das erinnerungskulturelle Erbe auf dem Friedhof bei Trutzhain wurde jedoch weiter aufrechterhalten. So hielt die „Friedensaktion Widervereinigung“ 1982 erneut ein Treffen auf dem Friedhof ab und der bekannte Rechtsextremist Wolfgang Juchem ehrte in seiner Rede den „Friedensflieger und Märtyrer von Spandau“ Rudolf Hess.

Erst Mitte der 1980er Jahre wurde durch den „Arbeitskreis Spurensuche“ des DGB Nordhessen die Erinnerung an die Kriegsgefangenen des STALAG IX A wieder in den Mittelpunkt gerückt. Der Friedhof wurde 1992 umgestaltet und als „Mahn- und Gedenkstätte Waldfriedhof Trutzhain“ eingeweiht. Seit 2003 erinnert eine komplett neu gestaltete Gedenkstätte in Trutzhain an die Geschichte des Ortes. Allerdings steht der 1963 errichtete Gedenkstein noch heute auf dem Friedhof.

 

 

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