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Nach dem Untergang – Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944-1947

Frank Beer, Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Nach dem Untergang. Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944-1947. Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission. Metropol Verlag & Verlag Dachauer Hefte, Dachau/Berlin 2014.

Von Anne Lepper

Die Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission

Im Sommer 1944, kurz nachdem die Rote Armee Lublin und das nahe Konzentrationslager Majdanek befreit hatte, fanden sich in der Stadt einige jüdische Intellektuelle zusammen mit dem Ziel, die geschehenen Verbrechen zu dokumentieren und öffentlich zu machen. Sie entschieden sich deshalb zur Gründung der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission, die am 29. August 1944 zum ersten Mal offiziell in Lublin tagte. Die Mitglieder der Kommission – darunter zahlreiche ausgebildete Historiker/innen, die selbst den Holocaust in nationalsozialistischen Ghettos und Lagern oder im Versteck überlebt hatten – sahen es als ihre Aufgabe, die Zeugnisse und Erinnerungen der Überlebenden aufzunehmen, das Erzählte wissenschaftlich zu erfassen und so so frühzeitig und umfassend wie möglich Beweise für den Massenmord an den europäischen Juden zu sichern. In diesem Ansinnen produzierte die Kommission in der Zeit ihres Bestehens 39 Publikationen in Form von Büchern und Broschüren, in denen die Berichte und Erinnerungen zahlreicher Überlebender des Holocaust sowie verschiedene wissenschaftliche Dokumentationen und historiografische Abhandlungen in jiddischer und polnischer Sprache abgedruckt sind. 1947, drei Jahre nach ihrer Gründung, ging die Kommission schließlich in dem noch heute existierenden Jüdischen Historischen Institut auf.

Der vorliegende Band, der 2014 von Frank Beer, Wolfgang Benz und Barbara Distel publiziert wurde, zeigt erstmalig einen Teil der durch die Kommission veröffentlichten Arbeiten in deutscher Übersetzung. Die Auswahl der Texte durch die Herausgeber ermöglicht dabei einen breiten Einblick in die Strukturen des nationalsozialistischen Terrorsystems. Neben verschiedenen Darstellungen, die die umfassende Zerstörung des jüdischen Lebens in den polnischen Städten und Dörfern beschreiben, geben einige Berichte einen Überblick über die nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungsstrukturen in den Ghettos und den Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern des „Generalgouvernements“ und des im Baltikum errichteten Reichskommissariats Ostland. Schließlich erläutern mehrere Zeugenaussagen und die Darstellung der Historikerin Rachel Auerbach die Vorgänge in den Vernichtungslagern, Letztere anhand ihres ergreifenden Berichtes über eine im November 1945 durchgeführte Inspektionsreise mit dem Titel „Auf den Feldern von Treblinka“.

Die Mitarbeiter/innen der Kommission

Neben Rachel Auerbach gehörten der Kommission bereits kurz nach ihrer Gründung mehr als hundert Mitarbeiter/innen in ganz Polen an. Auf der Führungsebene bestand das Komitee jedoch lediglich aus einigen wenigen umtriebigen Personen, die auch nach der Einstellung der Arbeit der Kommission im Jahr 1947 unermüdlich weiter für eine gesellschaftliche und justizielle Aufarbeitung des Holocaust und für die Erinnerung an die Millionen jüdischer Opfer kämpften. Als Direktor fungierte zwischen 1944 und 1946 der im galizischen Lemberg geborene Historiker Filip Friedman, der später in leitender Funktion für die jüdische Hilfsorganisation American Joint Distribution Committee tätig war und an der New Yorker Columbia University lehrte. Seine offiziellen Vertreter waren der Philosoph und Literaturwissenschaftler Nachman Blumental, sowie der Schriftsteller, Historiker und Literaturkritiker Michal Maksymilian Borwicz. Letzterer ging nach Abschluss seiner Arbeit für die Kommission 1947 gemeinsam mit deren Schatzmeister, dem in Chemnitz geborenen Józef Wulf, nach Paris, wo sie gemeinsam das „Centre pour l'Histoire des Juifs Polonais“ gründeten. Wulf verließ Frankreich allerdings bereits wenige Jahre später wieder um nach Berlin zu gehen und dort für die Errichtung einer internationalen Holocaust-Dokumentationsstätte in dem Haus, in dem einst die Wannseekonferenz stattgefunden hatte, zu kämpfen. Von der westdeutschen Gesellschaft und ihren Historikern jedoch gleichermaßen nahezu vollständig ignoriert und missachtet, nahm sich Wulf 1974 resigniert das Leben. Erst 1991, siebzehn Jahre nach seinem Tod, erfuhr seine Arbeit durch die Eröffnung der Gedenkstätte in der Villa am großen Wannsee und die Benennung der hauseigenen Mediothek nach ihm eine späte Würdigung. Ähnlich bemühte sich auch der Generalsekretär der Kommission, Józef Kermisz, nach Abschluss seiner Tätigkeiten für die Kommission in Polen um den Aufbau von Strukturen und Institutionen zur Erforschung des Holocaust und der Erinnerung daran. Anders als Wulf blieb Kermisz jedoch nicht in Europa, sondern emigrierte 1950 nach Israel, wo er viele Jahre als Archiv-Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem fungierte. 

Erinnern in Doppelfunktion: Wissenschaftler/innen und Überlebende zugleich

Bei allen Mitarbeiter/innen der Kommission handelte es sich um Menschen, die einerseits aufgrund ihrer Professionen ein wissenschaftliches Interesse an der Aufarbeitung des Geschehenen hatten, jedoch andererseits selbst die Jahre der deutschen Besatzung, der Verfolgung und Vernichtung, nur durch Glück und im Schatten zahlreicher traumatischer Erfahrungen überlebt hatten.

Der Doppelrolle, die den Historiker/innen aufgrund dessen im Kontext ihrer Arbeit für das Komitee zukam, waren sie sich dabei durchaus bewusst. Ihr Ziel war es, sich trotz der mit der eigenen Verfolgungsgeschichte und dem Verlust zahlreicher Angehöriger und Freunde verbundenen Emotionen einen reflektierten und wissenschaftlichen Blick zu bewahren, ohne dabei jedoch die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse zu verdrängen. Dass dies nicht immer einfach war, zeigt der Epilog am Ende des Berichtes von Szymon Datner über die Zerstörung des Ghettos Bialystok (161). Die hasserfüllten Zeilen sind gezeichnet von dem Schmerz und der Verzweiflung des Autors über den Verlust seiner Familie, seiner Freunde und seiner Heimat. Dass die Worte, die im Kontext des Geschehenen nur nachvollziehbar erscheinen, innerhalb der Kommission als umstritten galten, zeigt, mit welcher Schonungslosigkeit sich die Wissenschaftler/innen dabei selbst begegneten. Ihr Ziel war es, zu dokumentieren und zu belegen, ohne dabei analysierend, formend oder wertend in Erscheinung zu treten. So schrieb Bluma Wasser, Mitarbeiterin der Kommission und zuständig für die Niederschrift zahlreicher Zeugenaussagen, im Jahr 1946 über ihre Arbeit: „Das Aufnehmen von Zeugenaussagen birgt in sich große Gefahren. Manchmal erlaubt sich der Erzähler, die Fakten zu korrigieren. Manchmal macht es der Schreiber, der Wirkung wegen. Ich habe alles getan, das zu vermeiden.“ (359)

Neben der Schwierigkeit, als Interviewer/in selbst hinter den Narrativen der Zeitzeugen zurückzutreten, führte auch das aufgrund des zeitlichen Kontextes nur sehr lückenhaft vorhandene Faktengerüst die Historiker/innen immer wieder an die Grenzen des Rekonstruierbaren. Dennoch, darin waren sich die Mitarbeiter/innen einig, blieb ihnen keine Zeit, mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Veröffentlichung zu warten, bis weitere Erkenntnisse Unklarheiten erhellen konnten. So schrieb der Direktor der Kommission, Filip Friedman, bereits im Dezember 1945: „Uns ist bewusst, dass uns nicht alle Berichte und Publikationen, insbesondere die im Ausland veröffentlichten, bekannt sind. […] Wir wissen auch, dass unser Literaturverzeichnis nach diesem Stand der Dinge schwerwiegende Lücken enthalten muss. Trotz allem sind wir der Meinung, dass man mit der Darstellung dieses Themas nicht warten kann, bis – möglicherweise erst in vielen Jahren – die Zahl der Quellen für eine vollständige, wissenschaftlich exakte Beschreibung der Tragödie […] ausreicht. Das Gebot der Stunde erfordert schon heute – aus Gründen, die schwerer wiegen als jede wissenschaftliche Genauigkeit – eine zusammenfassende Darstellung der […] Ereignisse. Das durch die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen erschütterte Gewissen der Menschheit verlangt danach ebenso wie das Gebot der Stunde, besonders jetzt, wo die Täter vor dem Tribunal der freien Nationen der Welt stehen, um ihre wohlverdiente Strafe zu erhalten.“ (32)

Anders als von Friedman und seinen Mitstreiter/innen erhofft, entkamen zahlreiche Täter/innen in den folgenden Jahren und Jahrzehnten einer juristischen Strafverfolgung. Nichtsdestoweniger muss die Arbeit der Kommission im Lichte der Zeit als bemerkenswerter und einzigartiger Beitrag zur Erforschung der nationalsozialistischen Verbrechen betrachtet werden. Umso unglaublicher erscheint es, dass erst heute, über siebzig Jahre nach der Einstellung ihrer Arbeit, eine Auswahl der von der Kommission publizierten Texte in deutscher Sprache erschienen ist. Es bleibt daher zu hoffen, dass die frühen Berichte der Überlebenden, die 1945 als Kernelemente einer „moralischen Mission des Erinnerns“ (168) verstanden wurden, ihren Platz im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik finden.

 

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