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Night will fall – Ein Lehrfilm für die Deutschen

Von Anne Lepper

Als die Alliierten Truppen am Ende des zweiten Weltkriegs von verschiedenen Seiten in den deutschen Machtbereich eindrangen, ahnten wohl wenige, was sie dort zu sehen bekommen würden. Zwar war im Frühjahr 1945 bereits Einiges über die nationalsozialistischen Lager und die dort angewendeten Methoden bekannt – im Übrigen weit mehr, als später vielerorts behauptet wurde, doch trafen die Bilder, die die Alliierten in den gerade befreiten Lagern zu Gesicht bekamen, die Soldaten völlig unvorbereitet. Leichenberge, ausgemergelte Körper, rauchende Krematorien, katastrophale hygienische Bedingungen und um sich greifende Seuchen, all das wirkte auf die jungen Männer, die die Lager als erste betraten, in höchstem Maße verstörend. Um das, was sie sahen und selbst nur mit Mühe begreifen konnten, zu dokumentieren, entsendeten die alliierten Streitkräfte Kamerateams, welche die Truppen auf ihrem Zug durch das besiegte Deutschland und in die Lager begleiteten sollten. 

„German Concentration Camps Factual Survey“

Das Material, dass die verschiedenen Filmteams dabei produzierten, sollte – so wollte es eine Kooperationsvereinbarung zwischen Großbritannien und den USA – zu einem Dokumentarfilm verarbeitet werden. Der Regisseur Sidney Bernstein, der dem Film den Arbeitstitel „German Concentration Camps Factual Survey“ gab, wollte, dass der Film „eine Lehre für alle“ werde, jedoch allen voran für die Deutschen, die diese Verbrechen zu verantworten hatten. Der Film zeigt deshalb ungefiltert all das, was sich den Alliierten bei der Ankunft in den Lagern – in Majdanek, Auschwitz-Birkenau, Bergen-Belsen, Buchenwald und zuletzt in Dachau bot. Die Aufnahmen, so entschied Bernstein, sollten in dem Film uneingeschränkt gezeigt werden – allerdings nicht nur, um den Deutschen ihre Verbrechen vor Augen zu führen, sondern auch als sichtbare und überdauernde Beweise für das, was Geschehen war.

Dass es sich dabei jedoch um ein auf moralischer Ebene äußerst schwieriges Unterfangen handelte, darüber war sich das Filmteam stets bewusst. Doch so bedenklich auch das Zeigen von verstümmelten Leichen und halb verhungerten Menschen in Nahaufnahme im Grundsätzlichen ist, so wichtig war es den Machern, in ihrem Film die Realität in den befreiten Lagern abzubilden. Bernstein wollte durch die Veröffentlichung des Materials sicherstellen, dass die Deutschen später nicht behaupten konnten, nichts gewusst und gesehen zu haben. Aus dem selben Grund lies er auch eine Gruppe Lokalpolitiker filmen, die auf Anweisung der Alliierten der Bestattung der Leichenberge durch SS-Männer und das ehemalige Lagerpersonal beiwohnen mussten. Es sollte in dem Film deutlich werden, was ein junger Soldat sichtlich bewegt durch die Eindrücke der Befreiung Dachaus, mit brüchiger Stimme in die Kamera sagt: „Wer das mit eigenen Augen sieht, weiß wofür man kämpft.“ Um das gedrehte Material zu einem Film zu formen, der die beabsichtigte Wirkung und die dahinter stehende Botschaft transportieren konnte, suchte Bernstein den Rat seines Freundes Alfred Hitchcock, der sich zu jener Zeit – im Mai 1945 – in Hollywood aufhielt. Hitchcock erklärte sich bereit, das Filmprojekt als Berater zu unterstützen und reiste nach London – ein Umstand, der dem Film auch den Beititel „Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen“ eingetragen hat. Tatsächlich handelte es sich bei dem Film um die einzige bedeutende dokumentarische Arbeit, an der Hitchcock jemals beteiligt war, wenn auch nur in beratender Funktion.

Ein Politikum

Doch noch während der Schnittarbeiten zeigte sich, dass sich das politische Klima in den USA und in Großbritannien und damit auch die Einstellung zu dem Filmprojekt in der Zwischenzeit geändert hatte. Zum einen hatte sich Deutschland im Kontext des aufkommenden Kalten Krieges zum wichtigen Bündnispartner und geografischen Schutzschild gegen die Sowjetunion entwickelt. Zum anderen hatte Großbritannien, das in Palästina mittlerweile in Bezug auf die jüdische Einwanderung eine harte Linie verfolgte, kein Interesse mehr daran, die Juden öffentlich als Hauptopfer der nationalsozialistischen Verbrechen darzustellen. Ziel der alliierten Deeskalationspolitik in Deutschland war es deshalb nun, die deutsche Bevölkerung „aus ihrer Gleichgültigkeit zu befreien“. „Kein Gräuelfilm“, so ließ schließlich die britische Führung verlauten. Die USA entschied sich dennoch, unabhängig vom britischen Bündnispartner, Teile des Materials in einer kurzen Fassung zu veröffentlichen. Unter der Regie von Hollywoodgröße Billy Wilder, der selbst einst vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, produzierten sie „Death Mills“, ein in erster Linie pathetischer und anklagender Film. Der künstlerische Anspruch, den Bernstein und Hitchcock mit ihrem Projekt verfolgt hatten, und der den Film zu einem pädagogisch wertvollen Vermittlungsmedium machen sollte, ging dabei praktisch vollständig verloren. Nach der Veröffentlichung von „Death Mills“ und der offiziellen Absage an Bernstein und Hitchcock landete das Material schließlich mitsamt dem Skript und den Drehprotokollen in den Archiven, ohne dass der Film je vollendet wurde. Lediglich einige einzelne Filmszenen wurden wenig später noch einmal genutzt, im Rahmen der Beweisführung bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg und Hannover.

Night will fall

Erst knappe siebzig Jahre später wurde das Material, das bislang als verschollen gegolten hatte, wiedergefunden und durch ein Team des Londoner War Imperial Museum rekonstruiert. Gleichzeitig entstand ein Dokumentarfilm, der die historischen Aufnahmen mit neuem Filmmaterial und Zusatzinformationen verbindet. Neben der Darstellung der Entstehungsgeschichte des Filmes verfolgte Regisseur André Singer dabei auch das Ziel, die Situation in den befreiten Lagern durch Interviews mit Historiker/innen, ehemaligen Gefangenen, Kameramännern, Cuttern und Soldaten zu beschreiben. Auch Bernstein, Hitchcock und Wilder kommen in dem Film zu Wort und berichten von ihrer damaligen Arbeit an dem Projekt. Night will fall wurde schließlich, siebzig Jahre nach der Entstehung des Materials, am 26. Januar 2015 gleichzeitig in den USA und Großbritannien, in Deutschland, Israel, Polen, Dänemark, Norwegen und den Niederlanden im Fernsehen gezeigt. Inzwischen kann der Film in verschiedenen Sprachen und in voller Länge auf YouTube angesehen werden.

Für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen eignet sich der Film jedoch aus genannten Gründen nur sehr bedingt. Während sich eine Implementierung in den Unterricht bis zur Sekundarstufe I von vorneherein ausschließt, sollte auch die Arbeit mit dem Material in der Sekundarstufe II nur mit äußerster Vorsicht, einer ausgedehnten Vorbereitung und anhand von ausgewählten Szenen durchgeführt werden. Zwar handelt es sich bei Night will fall um ein wichtiges filmisches Dokument, dessen Bilder eine unmissverständliche Sprache sprechen und dessen Botschaft angesichts grassierender Schlussstrichdebatten immer weiter verbreitet werden sollte. Es gibt jedoch gewiss Filme über den Holocaust, die sich für die Bildungsarbeit – insbesondere mit Jugendlichen – besser eignen. 

 

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