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Der Triumph der These von der deutschen Kollektivunschuld

Die Deutschen zwischen Selbsttäuschung und Selbstentlastung am Ende des Zweiten Weltkrieges.

Etienne Schinkel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Didaktik der Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen.

Von Etienne Schinkel

Im Mai 1945 war Deutschland militärisch besiegt, politisch entmündigt und mit Schuld beladen. Das „Dritte Reich“ hatte endgültig ausgespielt. Wie sollte es weitergehen? Die Deutschen, viele von Hunger und Not geplagt, blickten in eine ungewisse Zukunft. In einem war sich die überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung jedoch gewiss: Sie hatte sich in den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft nichts zuschulden kommen lassen. Zur Abwehr des – so strikt von den Alliierten niemals erhobenen – Vorwurfs der Kollektivschuld legte man sich rasch zwei Entlastungsstrategien zurecht: Man sei nie Anhänger des Nationalsozialismus gewesen und von den an den Juden Europas verübten Verbrechen habe man nichts gewusst. Beide Argumente entsprachen nicht der Wahrheit. Stattdessen handelte es sich um offensichtliche Rechtfertigungen für das eigene moralische Versagen.

Die Deutschen als Opfer Hitlers und der NS-Propaganda

Nur wenige Deutsche gaben nach 1945 öffentlich zu, dass sie der NS-Diktatur bejahend gegenübergestanden bzw. diese lange Zeit sogar frenetisch bejubelt hatten. Diese Verhaltensweise war angesichts der neuen politischen Machtverhältnisse nur allzu verständlich. Doch das fortwährende Reklamieren, von den skrupellosen Nationalsozialisten verführt, vor allem aber terrorisiert, unterdrückt und verängstigt worden zu sein, mutete geradezu absurd an angesichts der Unterstützung, die das NS-Regime noch erfuhr, als seine Niederlage längst absehbar war. Gab es im Nationalsozialismus wirklich keine Nationalsozialisten?

Gewiss gab es Männer und Frauen, die hinter vorgehaltener Hand oder im kleinen Kreis an dieser oder jener Maßnahme Kritik äußerten. Natürlich gab es Männer und Frauen, die angesichts des willkürlichen Terrors von Gestapo, SA oder SS Angst hatten. Selbstverständlich gab es Männer und Frauen, die unter Lebensgefahr Widerstand leisteten. Grundsätzlich stand aber das Gros der Deutschen hinter dem „Dritten Reich“. Die Akzeptanz des NS-Regimes beruhte vor allem auf Hitler. Durch die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit wurde er für die Deutschen zum Retter in der Not. Sein außenpolitisches Geschick machte ihn in den Augen Vieler zum Vollender der deutschen Geschichte. Kurz: Für die Deutschen war Hitler ein wahrer Teufelskerl.

Neben der Person des Führers trug die von den Nationalsozialisten propagierte „Volksgemeinschaft“ maßgeblich zur großen Popularität des NS-Regimes bei. Das Gefühl, Anteil an einer heroischen Zeit des nationalen Wiederaufstiegs zu haben, war weit verbreitet. Die vom  Propagandaapparat Goebbels beschworene egalitäre Leistungsgesellschaft, in der scheinbar alle Klassengegensätze und traditionellen Herkunftsbeschränkungen aufgehoben seien, besaß nachweislich eine enorme Anziehungskraft. Durch die vermeintlichen und realen wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen – z.B. die von „Kraft durch Freude“ subventionierten Kurzurlaube oder die von der „NS-Volkswohlfahrt“ organisierten Spendenaktionen für bedürftige „Volksgenossen“ – erreichte die NSDAP ein extrem hohes Maß an Zustimmung.

Die Deutschen als Opfer ihrer Nicht-Kenntnis vom Holocaust

„Davon haben wir nichts gewusst!“ Dieser Satz wurde alsbald zur neuen deutschen Nationalhymne. Fast unisono bestritt man, vom Mord an den Juden etwas gewusst oder auch nur geahnt zu haben. Das war die „Lebenslüge der meisten Mitlebenden“ (Benz 1991, S. 438). Wenn auch die Einzelheiten des Mordprogramms für die meisten unbekannt blieben, konnte von einer strikten Geheimhaltung indes keine Rede sein.

Hitler und andere führende Nationalsozialisten sprachen immer wieder in aller Öffentlichkeit unverhohlen über das den Juden zugedachte Schicksal. Der eigene „Volksempfänger“ und der verordnete „Gemeinschaftsempfang“ in Behörden, Schulen oder Gaststätten machten Millionen Deutsche zu Ohrenzeugen der Vernichtungsdrohungen. Auch über die Lektüre von Zeitungsartikeln konnte man sich Gewissheit verschaffen: Kaum verhüllte Hinweise auf die Ermordung der Juden ließen sich fast jedem überregionalen und lokalen Blatt entnehmen. Wehrmachtssoldaten auf Heimaturlaub berichteten Angehörigen und Freunden von den Gräueltaten, die sie mit eigenen Augen gesehen hatten oder an denen sie selber aktiv beteiligt waren. In ihren Feldpostbriefen fand der Judenmord – trotz Zensur – vielfach Erwähnung. Die Rundfunksendungen der Alliierten stellten nicht selten äußerst genaue Informationen bereit. Ihren über ganz Deutschland abgeworfenen Flugblättern konnten bisweilen präzise Angaben über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik entnommen werden. Selbst die Vernichtungslager „im Osten“ waren nicht hermetisch abgeschlossen. Angehörige der SS-Wachmannschaften missachteten ihre Schweigepflicht und plauderten Details über die Vernichtungsaktionen aus. Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Wer nur wollte, konnte sich die Wahrheit über den Holocaust zusammenreimen.

Schließlich: Die Deutschen als Opfer alliierter Willkür und Siegerjustiz

Die Alliierten wollten alle Deutschen, die in der NS-Zeit Verbrechen begangen hatten, vor Gericht stellen und verurteilen. Um die Grundlagen für ein demokratisches Deutschland zu legen, strebten die Besatzungsmächte zudem eine Entnazifizierung und „Umerziehung“ der Deutschen an. Beide Unternehmen stießen mehrheitlich auf Ablehnung in der Bevölkerung. Das seit November 1945 in Nürnberg tagende Internationale Militärtribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher und mehr noch die zwölf Nachfolgeprozesse gegen Justizbeamte, Ärzte, hochrangige Militärs, Industrielle oder Wirtschaftsmanager galten Vielen als eine gezielte Erniedrigung Deutschlands und als eine rachsüchtige Siegerjustiz. Im Hinblick auf die Entnazifizierung stießen vor allem die Verfahren der Amerikaner auf wenig Verständnis. Das befohlene Ausfüllen mehrseitiger Fragebögen über den persönlichen, beruflichen und politischen Werdegang, auf deren Grundlage dann die Spruchkammerverfahren durchgeführt wurden, blieb für das Gros der Deutschen bis zuletzt „ein primär negativ konnotiertes Unternehmen“ (Borgstedt 2009 : . 89). Den Siegern, die einen Luftkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung geführt hätten, käme es gar nicht zu, über deutsche Bürgerinnen und Bürger Gericht zu halten. Auf die bereits vor Kriegsende angeordnete Zwangsbesichtigung der befreiten Konzentrationslager oder das verordnete Ansehen des unmittelbar nach der Befreiung produzierten Dokumentarfilms „Todesmühlen“ reagierten fast alle Deutschen mit Unverständnis.

Die Mehrheit der Deutschen sah in diesen Maßnahmen einen pauschalen Schuldvorwurf, welchen sie quasi reflexartig ablehnte. Und wieso sollte sie sich auch ihrer Mitverantwortung stellen? Sie hatte doch schließlich den Nationalsozialismus nicht gewollt und von den Verbrechen an den Juden nichts gewusst. Faktisch hatte damit im Nachkriegsdeutschland nicht die These von der deutschen Kollektivschuld, sondern die These von der deutschen Kollektivunschuld triumphiert. 

Literatur

Frank Bajohr/Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten, München 2006.

Wolfgang Benz: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Bewusstsein der Deutschen, in: Peter Freimark/Alice Jankowski/Ina S. Lorenz (Hg.): Juden in Deutschland. Emanzipation, Integration, Verfolgung und Vernichtung, Hamburg 1991, S. 435–449.

Angela Borgstedt: Die kompromittierte Gesellschaft. Entnazifizierung und Integration, in: Peter Reichel/Harald Schmid/Peter Steinach (Hg.): Der Nationalsozialismus – Die zweite Geschichte. Überwindung – Deutung – Erinnerung, München 2009, S. 85–104.

Bernward Dörner: Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte, Berlin 2007.

Norbert Frei: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen, München 2005.

Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45, München 2011.

Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!“. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945, München 2006.

Hans Mommsen: Zum Erscheinungsbild Adolf Hitlers in der deutschen Öffentlichkeit vor und nach dem 9. Mai 1945, in: Christoph Cornelißen/Lutz Klinkhammer/Wolfgang Schwentker (Hg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945, Frankfurt am Main 2003, S. 95–107.

Anneke de Rudder: „Warum das ganze Theater?“. Der Nürnberger Prozeß in den Augen der Zeitgenossen, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 6 (1997), S. 218–242. 

 

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