Judith Höhne ist stellvertretende Leiterin der pädagogischen Abteilung/Studienleiterin der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste; Olga Onyszkiewicz ist Leiterin der pädagogischen Abteilung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz.

Von Judith Höhne und Olga Onyszkiewicz

Schon ab Mitte der 1960er Jahre fuhren junge Deutsche im Rahmen der von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) organisierten Studienfahrten nach Polen. Sie hatten zum Ziel, sich intensiv mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Vormittags führten sie Erhaltungsarbeiten auf dem Gelände der Gedenkstätte Auschwitz durch, nachmittags forschten sie in den Archiven und diskutierten mit ehemaligen Häftlingen, die auch Mitarbeiter der Gedenkstätte waren. Einer der Teilnehmer von solchen Fahrten war Volker von Törne, der spätere Geschäftsführer von ASF. Das Thema Auschwitz ließ ihn nie wieder los. Die Versöhnung mit Polen wurde zum Ziel seines Lebens. Er träumte davon, eine Internationale Jugendbegegnungsstätte direkt in Oświęcim zu errichten.

Aber erst die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags im Dezember 1970 mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die Bundesrepublik Deutschland und der Kniefall von Willi Brandt in Warschau brachten den Umbruch in den Beziehungen zwischen der BRD und Polen. Dennoch sollte es noch bis zum 7. Dezember 1986 dauern, dass die Internationale Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz – dank des Engagements und finanzieller Unterstützung von ASF, der Stadt Oświęcim, den Überlebenden und vielen Einzelpersonen aus Deutschland und Polen - eröffnet werden konnte.

Der Traum von Volker von Törne hatte sich erfüllt. „Aufgabe dieser Jugendbegegnungsstätte wird es sein, junge Menschen aus aller Welt, die Auschwitz besuchen, aufzunehmen und ihnen die Gelegenheit zu geben, auf dem Hintergrund von Geschichte, die brennenden Fragen nach Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern zu diskutieren. Denn ohne „Geschichtsbewusstsein, das auch das Wissen um Auschwitz einschließt, ist Dienst am Frieden nicht möglich“schrieb von Törne 1979 in seinem Aufsatz„Jugend zwischen Geschichte und Zukunft“. Diese von ihm formulierte „Botschaft“ des Hauses ist heute, viele Jahre später, immer noch gültig.

Das Leitthema der pädagogischen Arbeit in der IJBS Oświęcim/Auschwitz ist „Auschwitz als Lernort“. Dies bedeutet vor allem, Jugendliche historisch und politisch so zu bilden, wie es sich aus der Geschichte von Auschwitz und der Symbolik dieses Ortes für die Welt ergibt: Menschenrechte zu achten, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen und Toleranz und Respekt für Vielfalt zu fördern. Ausgangspunkt jeglicher pädagogischen Arbeit ist zunächst die Vermittlung der faktischen Geschichte des KL Auschwitz-Birkenau an Ort und Stelle. Mittels verschiedener Methoden (Führungen in der Gedenkstätte, Besuch der Länderausstellungen, Workshops, Beschäftigung mit themenspezifischer Literatur, der  Dokumentensammlung und Zeitzeugenberichten in der Bibliothek der IJBS Oświęcim/Auschwitz, Filmvorführungen, Zeitzeugengespräche, künstlerische Auseinandersetzung, Erhaltungsarbeiten) wird den Jugendlichen ein vielfältiger Zugang zur Geschichte von Auschwitz-Birkenau ermöglicht. In einem zweiten Schritt erfolgt die Auseinandersetzung mit der Gegenwart und Zukunft des Gedenkortes und den verschiedenen Aspekten des Umgangs mit Geschichte. Die Beschäftigung mit der Geschichte bildet hierbei die Basis für dauerhafte, partnerschaftliche, von Toleranz und Freundschaft getragene Kontakte zwischen jungen Leuten, vor allem aus Deutschland und Polen. So ist die Internationale Jugendbegegnungsstätte ein Ort der Überwindung von Barrieren und Vorurteilen, der Reflexion und des Dialogs, aber auch des Spiels und der Erholung.

Eine besonders intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Auschwitz bieten von der Bildungsabteilung konzipierte und durchgeführte internationale, insbesondere deutsch-polnische, Seminare. Durch das Kennenlernen und die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Narrativen und Perspektiven auf Auschwitz – Auschwitz als Ort der Shoah, als Ort des polnischen Martyriums, als Ort der industriellen und technischen Vernichtung von Menschen – sollen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Empathie für „die Anderen“ entwickeln können und so der Weg für Verständigung und Versöhnung geöffnet werden. Dieser Prozess ist herausfordernd und wird auch von Konflikten und Verletzungen begleitet, die von dem Leitungsteam aufgefangen und thematisiert werden müssen. In der fast 30-jährigen pädagogischen Tätigkeit hat sich erwiesen, dass die gemeinsame Arbeit an einem Thema den Prozess der Verständigung und Versöhnung befördern und auch manche Barriere zwischen den nationalen Teilnehmergruppen überwinden kann, weshalb die internationalen Seminare immer einen thematischen Schwerpunkt haben.

„Internationale Begegnung, besonders an einem solchen Ort, der schwierige Themen hervorruft, zwingt zur Konfrontation verschiedener Wahrnehmungen über den Holocaust, impliziert auch gegenwärtige Themen.“, sagte Aleksandra, Teilnehmerin eines deutsch-polnisch-israelischen Fotoworkshops.

Weiterhin der Höhepunkt für die Seminargruppen ist die Begegnung mit einem Zeitzeugen. Für jede Gruppe wird versucht, ein Treffen mit einem Überlebenden des KL Auschwitz zu organisieren, um den Teilnehmer/innen zu ermöglichen, ein individuelles Schicksal kennenzulernen. Dies ist für die Jugendlichen, die die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust nur aus Büchern und Filmen kennen, eine wertvolle und einmalige Erfahrung. Einträge aus dem Gästebuch bestätigen die Wichtigkeit dieser Begegnungen: „Am meisten habe ich mich darüber gefreut einen Zeitzeugen kennen gelernt zu haben, der mir auf alle meine Fragen eine Antwort geben konnte. Danke, dass Ihr für uns Zeit hattet.“ , schrieb Pinar. Oder Jessica: „Geschichte ist sehr wichtig für uns. Sie ist nicht abstrakt. Das soll durch persönliche Erfahrungen gelernt werden.“

Aber auch für die Zeitzeugen sind diese Begegnungen mit Jugendlichen aus aller Welt von großer Bedeutung. Den Zeitzeugen bieten die Begegnungen die Möglichkeit, ihre Botschaft zu erzählen: Den nächsten Generationen die Geschehnisse näher zu bringen, damit sich Auschwitz nicht wiederholt. Trotz ihres Alters und der damit verbundenen Beschwernisse kommen sie immer wieder in die IJBS Oświęcim/Auschwitz, um sich mit Jugendlichen zu treffen und am Leben der Institution teilzunehmen. „Für mich ist die IJBS ein magischer Ort, mein mit Herz gemaltes Haus. Sie ist eine Welt der Jugendlichen, die viele Sprachen sprechen. Und was am wichtigsten ist - die Gastgeber brauchen uns, und wir brauchen sie. Und deswegen steige ich im Alter von 90 Jahren in Warschau in einen Zug und fahre nach Oświęcim, in die IJBS. In unser mit Herz gemaltes Haus." – sagte August Kowalczyk, Auschwitzhäftling Nr.6804.

Diese Aussage verdeutlicht beispielhaft, wie wichtig die Zeitzeugen für die IJBS Oświęcim/Auschwitz sind, aber ebenso, wie wichtig die IJBS Oświęcim/Auschwitz für die Überlebenden ist. Die ehemaligen Häftlinge des KL Auschwitz unterstützten das Vorhaben, den Bau solch einer Begegnungsstätte direkt in Oświęcim, von Beginn an. Oft betonen sie, dass die Zusammenarbeit mit der IJBS Oświęcim/Auschwitz eine Form der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit ist und ihr Leben sowohl verändert als auch bereichert hat.

Auschwitz verändert diejenigen, die den Ort besuchen.„Vielleicht haben wir mit diesen Treffen die Welt nicht verändert, aber bestimmt haben wir uns selbst verändert.“, schrieb Maciej in das Gästebuch. Was bedeutet Auschwitz für mich? Was nehme ich von hier mit? Was kann ich wissen und was kann ich tun? Dies sind die Fragen, mit denen sich Jugendliche während ihres Aufenthaltes am häufigsten auseinandersetzen. Die Antworten auf diese Fragen zu finden ist ein Prozess, der auch nach dem Besuch in Auschwitz nicht abgeschlossen ist und auch nicht abgeschlossen sein soll. Vielmehr stellen sich immer wieder neue Fragen – während und nach dem Aufenthalt, was bei vielen Jugendlichen dazu führt, sich auch nach der Rückkehr in ihre Heimatländer weiter mit dem Thema zu beschäftigen.

Wie wichtig und aktuell die Tätigkeit der IJBS Oświęcim/Auschwitz, auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist, zeigen beispielhaft zwei Reflexionen der Teilnehmerinnen von internationalen Seminaren:

„Das Seminar in Oświęcim/Auschwitz hat mich durch zahlreiche Begegnungen und tiefgreifende Erfahrungen verändert. Sowohl fachlich als auch persönlich bereichern mich neue Denkansätze.

Durch das methodische Arbeiten am Ort des Geschehens konnte ich alte Eindrücke prüfen, und wenn nötig auch revidieren. Der Austausch mit Studenten und Studentinnen aus anderen Nationen, die mir ihre eigene Sichtweise näher brachten, regte mich an, meine eigene Sichtweise zu hinterfragen und eingefahrene Denkstrukturen neu zu ordnen. Besonders berührt hat mich, neben den Besuchen des Stammlagers und des KL Auschwitz II-Birkenau, das Gespräch mit der Zeitzeugin, Frau Aleksandra Borisowa, die vertrauensvoll, geduldig und mit großer Offenheit unser Seminar begleitete. Auch die persönlichen Kontakte mit Studenten und Studentinnen aus Belarus und Polen bleiben mir in positiver Erinnerung und ließen mich so viel über ihre Kulturen lernen, dass ich auch meiner eigenen näher kam.“

(Nadine, Teilnehmerin eines deutsch-polnisch-belarussischen Seminars)

„Muss mensch in Auschwitz gewesen sein, um begreifen zu können? Ich denke, ja. Kann mensch Auschwitz begreifen? Vermutlich nicht…

Nach Auschwitz gibt es kein Zurück. Du kommst hier nie an, weil du das Leid, das hier angetan wurde, nie nachvollziehen kannst, also bleibst du auch nur ein/eine Tourist/in, ein/eine einmalige/r Besucher/in, auch für die Stadt Oświęcim. Die Stadt ist aber vom Ort Auschwitz untrennbar. Auch wenn du rausfährst, bleibt der Ort an dir kleben, auch wenn du das Schild Oświęcim siehst, das durchkreuzt ist.

Ja, die Stadt wurde sowieso schon durch Auschwitz durchgekreuzt. Heute ist es kaum vorstellbar: Aber Auschwitz könnte auch einen anderen Namen als Oświęcim tragen und es könnte sich woanders befinden.

Eine meiner weiteren Auseinandersetzungen mit Auschwitz fand wenige Monate später am 13. Februar in Dresden statt, die Proteste gegen die Neo-Nazi-Demonstration und das bürgerliche Opfer-Gedenken.

Der Ort Auschwitz, er bleibt in dir, du trägst ihn mit dir mit.“

(Oleksandra und Silke, Teilnehmerinnen eines deutsch-polnischen Seminars)

 

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