Zur Diskussion

Ravensbrück als internationaler Ort

Dr. Matthias Heyl ist Leiter der Pädagogischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Von Matthias Heyl

Seit 2002 gibt es in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte Ravensbrück die Internationale Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück. Von den acht ehemaligen Gemeinschaftsunterkünften für Aufseherinnen des Frauen-Konzentrationslagers wurde eines bereits in den 1990er Jahren zum „Haus der Lagergemeinschaft“ und der „Lagergemeinschaft Ravensbrück /Freundeskreis“ zur Nutzung überlassen. 2002 übernahm das Deutsche Jugendherbergswerk Berlin-Brandenburg die anderen sieben Häuser in seine Obhut. Eines wurde zum Kantinengebäude, drei zu Jugendherbergsunterkünften und eines zum Freizeithaus. Die Pädagogischen Dienste der Gedenkstätte bezogen ein Seminarhaus, das „Haus der Begegnung“  genannt wurde. 2004 eröffnete die Gedenkstätte im verbliebenen achten Haus die Ausstellung „Im Gefolge der SS“, die sich mit der Geschichte der einstigen Bewohnerinnen der Häuser, der Aufseherinnen, beschäftigt.

Die Idee, diese Häuser als Jugendherberge und Internationale Jugendbegegnungsstätte zu nutzen, war von Diskussionen begleitet. Sie haben ihren Nachhall in der auch heute häufig gestellten Frage, wie es sich in Häusern mit solcher Geschichte schlafen, arbeiten und leben lasse. Die zahlreichen Besucherinnen und Besucher, die die Häuser seit Eröffnung der „Internationalen Jugendbegegnungsstätte“ vor dreizehn Jahren genutzt haben, haben auf diese Frage ihre eigenen Antworten gefunden. Manche artikulieren ein anfängliches oder immer wieder aufkommendes Unbehagen mit Blick auf die konkrete Geschichte der Unterkünfte. Viele nehmen wahr, dass das Bemühen, diese Häuser für eine Bildungsarbeit zu nutzen, die immer zuallererst auf gegenseitigen Respekt setzt, eine Dissonanz erzeugt, die das Verhältnis von Geschichte und Gegenwart in eine eigentümliche, produktive Brechung bringt, oder aber diese bestehende Brechung bewusst macht.

Ravensbrück war und ist ein internationaler Ort. Der Lagerkomplex Ravensbrück zählte zwischen 1939 und 1945 etwa 140.000 Häftlinge, darunter etwa 120.000 allein im Frauen-Konzentrationslager, etwa 20.000 im Männerlager und über 1.200 im so genannten „Jugendschutzlager“ Uckermark. Sie wurden aus dem damaligen Deutschen Reich und aus vielen von den Deutschen besetzten Ländern nach Ravensbrück deportiert. Die Zahl der ausländischen Häftlinge überstieg in der Gesamtschau die der Häftlinge aus dem Deutschen Reich. Das Frauen-Konzentrationslager zählte beispielsweise etwa 36.000 polnische, 20.000 sowjetische, 10.000 ungarische, 8.000 französische, 2.700 jugoslawische, 2.000 tschechische, 1.300 belgische, je etwa 1.000 niederländische, italienische und slowakische Häftlinge, um einige Nationen mit zu benennen, aus denen Frauen in großer Zahl nach Ravensbrück verschleppt wurden. Etwa 20.000 der weiblichen Häftlinge galten den Nazis als Jüdinnen – die Hälfte von ihnen wurde zum Kriegsende aus Ungarn in dieses Lager deportiert, 2.800 waren verfolgte Sinti und Roma. 70.000 Häftlinge trugen als politische Häftlinge den „roten Winkel“, etwa jeder Zehnte von ihnen kam aus dem Deutschen Reich.[1]

So nimmt es nicht wunder, dass es nicht ein Ravensbrück-Gedächtnis in Europa gibt, sondern eine Vielfalt von erinnerungskulturellen Traditionen, die sich in den sieben Jahrzehnten seit der Befreiung des Lagers herausgebildet haben. Es gibt Länder wie Polen und Frankreich, in denen das Ravensbrück-Gedächtnis vielleicht markanterer Teil des gesellschaftlichen Diskurses ist als in Deutschland selbst.

Für die Statistik der Gedenkstätte, die seit Jahren jährlich von über 100.000 Besucher/innen ausgeht und auf soliden Schätzungen beruht, wird nicht nach deutschen und ausländischen Besucher/innen geschieden. Etwa 20.000 Jugendliche kommen jährlich mit zwei großen Organisationen aus Norwegen im Zuge eines Gedenkstättenfahrtenprogramms nach Ravensbrück, die dort von eigenen Guides begleitet werden. Für die Jugendherberge Ravensbrück | Internationale Jugendbegegnungsstätte lässt sich gesichert feststellen, dass über ein Viertel der Gäste internationales Publikum darstellt, und der Anteil war in den vergangenen Jahren weiter im Wachsen begriffen.

Die von den Pädagogischen Diensten der Gedenkstätte betreuten Gruppen sind mehrheitlich aus Deutschland. Die Mehrzahl der fremdsprachig betreuten Gruppen wiederum kommt meist in einem Setting, das selten Komponenten einer „internationalen Jugendbegegnung“ aufweist. Schwedische, niederländische und polnische Schüler/innen etwa kommen zu Mehrtagesprojekten meist mit ihren Schulen ohne etwa deutsche Partner. Polnische Lehrer/innen berichteten uns beispielsweise von ihren Versuchen, deutsche Partnerschulen mit einzubeziehen, was aber auf deutscher Seite nicht auf fruchtbaren Boden fiel, da man Vorbehalte gegenüber einer monothematischen Jugendbegegnung im Schatten der Geschichte habe. Schulen aus dem regionalen Umfeld der Gedenkstätte, die – wie das Gymnasium Carolinum aus Neustrelitz – im Rahmen bestehender Partnerschaften Ravensbrück besuchen, tun dies oft eher im gemeinsamen eintägigen Exkursionen. Eine Ausnahme bildet das Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum mit Sitz in Oranienburg und Zehdenick, das wiederholt seine deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Aktivitäten mit einwöchigen Aufenthalten in Ravensbrück verbunden hat.

Auch Gruppen amerikanischer und niederländischer Studierender kommen mit Ihren Seminaren meist ohne Partner und wünschen sich, Gelegenheit zu erhalten, sich in eigens auf ihre Interessen zugeschnittenen Seminarangeboten intensiv mit dem Ort und seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Das gleiche gilt für die alle zwei Jahre stattfindenden Lehrerfortbildungen der Gedenkstätte Terezín für tschechische Lehrer/innen und für die jährlich stattfindende Seminarwoche für niederländische Lehramtsstudierende, die wir mit dem „Comité Vrouwenconcentratiekamp Ravensbrück“ und der Gedenkstätte „Herinneringscentrum Kamp Westerbork“ entwickelt haben. Von besonderer Bedeutung für das seit 2005 stattfindende niederländische Seminar ist, dass es von niederländischen Ravensbrück-Überlebenden begleitet wird, die heute in den Niederlanden, Großbritannien, Israel und den USA leben.

Es gibt Kooperationspartner wie das Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin, die Ravensbrück als Ort der internationalen Begegnung in bilateralen Projekten nutzen. Andere kommen – wie der Studiengang „European Master in Migration and Intercultural Relations“ der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg oder die Summer Schools Berliner Hochschulen – regelmäßig mit international zusammengesetzten Gruppen Studierender, um sich mit der Geschichte von Ravensbrück und deutscher Erinnerungskultur auseinanderzusetzen.

Die Bildungsabteilung der Gedenkstätte versucht in von ihr selber angestoßenen Kooperationsprojekten immer wieder, internationale Begegnungskomponenten zu stärken. Die seit vielen Jahren mit Partnern wie „Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste“, „Service Civil International“, „Verein Junger Freiwilliger“ und „Norddeutsche Jugend im internationalen Gemeinschaftsdienst“  angebotenen Summer Workcamps bieten jährlich über 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus aller Welt die Chance, sich in meist zweiwöchigen Workcamps mit der Geschichte des Ortes vertraut zu machen. Auch im mit dem Landesjugendring Brandenburg entwickelten jährlichen „Regionalen Workcamp der Helfenden Verbände“ hat sich mittlerweile eine deutsch-polnische Begegnung etabliert.

Die Gedenkstätte spricht auch mit Seminarangeboten wie der jährlichen „Europäischen Sommer-Universität Ravensbrück“ offensiv ein internationales Publikum an.

Gelegentlich ergeben sich Limits dort, wo die sprachlichen Kompetenzen des Personals der Gedenkstätte ihre Grenzen haben. Seminare werden „aus eigener Kraft“ in deutscher, englischer, französischer und niederländischer Sprache von Festangestellten und in polnischer Sprache mit Hilfe von sprachmittelnden Honorarkräften angeboten. 

Die Gedenkstätte Ravensbrück versucht, dem wachsenden internationalen Interesse am Ort und seiner Geschichte Rechnung zu tragen. Die neueren Ausstellungen sind durchgehend in deutscher und englischer Sprache gehalten, und das 2007 realisierte Besucherleitsystem wendet sich darüber hinaus in französischer, polnischer, italienischer, spanischer und niederländischer Sprache an die Besucher/innen. Seit 2014 gibt es nun auch ergänzend mit der Firma Soundgarden entwickelte Audioguides in deutscher, englischer, französischer, polnischer und niederländischer Sprache.  

Für die inhaltliche und methodische Qualität der Bildungsangebote spricht, dass viele unserer internationalen wie deutschen Partner sich entschließen, immer wieder zu kommen. Durch genaue Absprachen im Vorwege versuchen wir, die Seminarprogramme so individuell wie möglich auf die Ansprüche unserer Gäste anzupassen. Das scheint sehr gut zu gelingen. 

[1] Alle näherungsweisen Zahlenangaben basieren auf dem Forschungsstand der 2013 eröffneten Dauerausstellung der Gedenkstätte, vgl. Alyn Bessmann / Insa Eschebach [Hg.]: Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Geschichte und Erinnerung. Berlin 2013. 

 

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