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Der Unterschied zwischen Leben und Tod – die Auftragskunst in den nationalsozialistischen Lagern

Kathrin Schäfer hat ihr Masterstudium "Kunstgeschichte & Filmwissenschaft" an der Friedrich-Schiller-Universität abgeschlossen. Derzeit ist sie im Kunstverein Göttingen e.V. angestellt.    

Von Kathrin Schäfer

Künstlerische Arbeiten von Häftlingen entstanden vor allem in größeren Konzentrationslagern wie z.B. Auschwitz, Theresienstadt oder Sachsenhausen, in denen eine Art von „Lagerkultur“ gebilligt wurde. Dabei handelte es sich häufig um Auftragsarbeiten, die von der SS befohlen wurden und sich in offizielle und inoffizielle Lagerkunst aufteilten. Für Erstere wurden in den Lagern spezielle Bereiche geschaffen, wie Arbeitskommandos und Werkstätten, in denen die Internierten ihre Aufträge verrichten mussten (Endlich 2005, S.277). Zu ihrer Tätigkeit gehörte zum Beispiel die Herstellung von dokumentarischen Modellen, die weitere Baumaßnahmen in Konzentrationslagern festhielten, sowie von kunsthandwerklichen Produkten wie Metalltore, Lampen, Türen und Fenster (Kaumkötter 2015, S. 62). Neben den Aufträgen, die sich auf die Dokumentation und den Ausbau des Konzentrationslagers konzentrierten, gab es auch „Fälscherwerkstätten“, in denen berühmte Kunstwerke, Geld, Dokumente etc. plagiiert wurden (Endlich 2005, S. 279). Auf der anderen Seite gab es die inoffizielle Auftragskunst, bei der die Häftlinge Kunstwerke für die Privatzwecke der SS-Männer schufen (Klein 1995, S. 79).  Der Künstler Hans Grundig (1901–1958), der im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert war, erinnert sich in seinem autobiografischen Roman „Zwischen Karneval und Aschermittwoch“: 

„[...] vor dem, was dort gepinselt wurde, graute mir: der tolle Adolf in allen Formaten, der fette Göring in phantastischen Uniformen, alle Nazigrößen einschließlich des tückischen, verkniffenen Himmler, hier entstanden sie einfach schauerlich. Dazu die heimlichen Aufträge der kleinen Wachteufel für ihre Liebsten, Porträts von unsäglicher Gemeinheit ihnen entsprechend." (Grundig 1973, S. 387f). 

Der gebürtige Dresdner wurde aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten in das KZ Sachsenhausen im Jahre 1940 inhaftiert. Sein obiges Zitat veranschaulicht exemplarisch, wie die SS die künstlerischen Fähigkeiten von KZ-Häftlingen zu ihren Gunsten ausnutzten. Grundig widerstrebte seine Arbeit. Er gehorchte trotzdem. Es drängt sich die Frage nach den Empfindungen der Künstler auf, die sie während ihrer Arbeit hatten.

Flucht aus der Lagerrealität 

Die Antwort ist naheliegend. Um zu überleben, führten die Künstler die Anweisungen aus.  Ihre Arbeitsbedingungen waren dabei meist verhältnismäßig günstig. Durch die Abgeschiedenheit eigens für sie errichteter Werkstätten, bekamen sie die Grausamkeiten des Lagers kaum mit. Auch der stets drohenden Willkür der SS waren sie nicht ständig ausgesetzt. Dieser Umstand wirkte sich positiv auf ihre Psyche aus: Denn sie erinnerten sich daran, wie sich ihr Leben vor der Inhaftierung gestaltet hatte. Diese kurzen Momente der Freiheit zwischen Leid, Terror und Tod bedeuteten für die Lagerhäftlinge Hoffnung – Hoffnung insofern, als die am eigenen Leib erfahrenen Gräueltaten durch die Nationalsozialisten irgendwann ein Ende finden würden.

Die Sonderstellung im KZ

Inhaftierte, die sich im künstlerischen Tätigkeitsfeld aufhielten, besaßen eine privilegierte Stellung im Konzentrationslager (Haibl 2002, S. 49). Diese, im Vergleich zu ihren anderen Mithäftlingen, „privilegierte“ Stellung zeigt sich an ihren Arbeitsbedingungen. Die Malergruppe „Plantage“ des Konzentrationslagers Dachau etwa fertigte Illustrationen zu einem Heilpflanzenbuch an. Als "Belohnung" für ihre Arbeit erhielten sie Essen aus der SS-eigenen Kantine und durften abseits vom eigentlichen Haftlagerbereich wohnen (Haibl 2002, S. 50).

Ein weiteres Beispiel für ihre Sonderstellung in den Lagern, das zur inoffiziellen Auftragskunst zählt, zeigt die Situation im Stammlager Auschwitz I, in dem der Künstler Wincenty Gawron durch den SS-Oberscharführer Ludwig Plagge den Auftrag zur Herstellung eines Porträts erhielt. Dieser Auftrag diente zu Plagges Privatzwecken. Als Entlohnung sollte Gawron zwei Stück Brot und zehn Zigaretten erhalten (Kaumkötter 2015, S. 71).

Überdies verrichteten die Inhaftierten die Auftragsarbeiten nicht nur um ihrer selbst willen, sondern um der Nachwelt ein Zeugnis von der Lagerrealität abzulegen. Sie fertigten in den Werkstätten und in den Baracken „illegale“ Kunst an, die sie versteckten oder zu einem späteren Zeitpunkt aus dem Lager schmuggeln ließen (Endlich 2005, S. 276). Daher war es für die Kunstschaffenden besonders wichtig, dass sie ihre Sonderstellung im KZ behielten und der Zugang zu den Werkstätten mit den Zeichenmaterialien weiterhin bestehen blieb.

Ein „Sprungbrett“ für die SS-Karriere?

Was für die Häftlinge ein Überlebensmittel darstellte, war für die SS eine weitere Möglichkeit, ihre eigene Überlegenheit zu demonstrieren und Profit für das eigene Vorankommen zu schlagen. Im Konzentrationslager Wewelsburg bei Paderborn beauftragte der Lagerkommandant Adolf Haas beispielsweise den Bibelforscher Paul Buder mit der Produktion von Möbelstücken sowie Kopien von berühmten Gemälden. Buder schrieb nieder: „[...]'Teufel nochmal! Hast du das gemalt? Du bist mir zu schade zum Verrecken! Wirst bei mir der alte Rembrandt!' - Der nächste Auftrag: zwölfmal Lüneburger Heide! Diese Bilder wolle er zu Weihnachten verschenken an höhere Offiziere, dann werde er auch befördert, wie er mir dann sagte.“ (Buder 1976, S. 70f.). Buder hatte Glück, dass seine Kunstfertigkeiten Haas zufrieden stellten und ihm zum späteren Zeitpunkt dienlich sein konnten. Wären die Umstände anders gewesen, es hätte Buder womöglich das Leben gekostet. Ob die Kunstwerke tatsächlich den Lagerkommandanten Haas zu einer Berufsbeförderung verhalfen, ist nicht bekannt. Als Geschenke für SS-Führer jedoch erfüllten sie fraglos ihren Zweck (John 1996, S. 57). Das obige Zitat verdeutlicht in besonderem Maße, dass die SS großes Vertrauen auf die Kunst setzte, wenn es unter anderem um den eigenen Profit ging.

Die Beispiele zeigen insgesamt, dass die Kunstproduktion in den Konzentrationslagern sowohl für die Opfer als auch für die Täter eine gewichtige Rolle einnahm. Sie konnte für die Kunstschaffenden das eigene Überleben sichern und für die SS ein Macht- und Statussymbol darstellen. Für beide Seiten ergab sich aus der Auftragskunst etwas Positives. Dennoch darf nicht aus dem Blick geraten, dass das Geschäft mit der SS als Gratwanderung zwischen Leben und Tod bewertet werden muss.

Literatur

Buder, Paul: „O Wewelsburg, ich kann dich nicht vergessen“. Unveröffentlichtes Manuskript, Lipperode 1976.

Endlich, Stefanie: Kunst im Konzentrationslager, in: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 1: Die Organisation des Terrors, München 2005, S. 274–295.

Grundig, Hans: Zwischen Karneval und Aschermittwoch, Berlin 1973.

Haibl, Michaela: „Überlebensmittel" und Dokumentationsobjekt. Zeichnungen aus dem Konzentrationslager Dachau, in: Dachauer Hefte, Terror und Kunst, 18.Jg., Heft 18, München 2002, S. 42–63.

John, Kirsten.: „Mein Vater wird gesucht...". Häftlinge des Konzentrationslagers in Wewelsburg (Historische Schriften des Kreismuseums Wewelsburg; Bd. 2), Münster 1996.

Kaumkötter, Jürgen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Kunst in der Katastrophe 1933–1945, Berlin 2015.  

 

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