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Fakten und Fiktionen. Der Holocaust zwischen Geschichtswissenschaft und Literatur

Dirk Rupnow ist Professor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck und dessen Leiter. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die europäische Zeitgeschichte seit 1918, Holocaust und Jüdische Studien, Migrations- und Wissenschaftsgeschichte, Geschichtspolitiken und Erinnerungskulturen.

Von Dirk Rupnow 

Ähnlich wie für den Diskurs über Geschichte und Gedächtnis ist auch für das Verhältnis von Geschichte und Literatur heutzutage der Holocaust das entscheidende historische Referenzereignis, zumindest in Europa und Nordamerika. Die Schockwellen des von Deutschen und Österreichern mit ihren Komplizen europaweit systematisch durchgeführten Völkermords am Judentum haben das wechselseitige Verhältnis unsicher werden lassen, sowohl zur Überbetonung als auch zur Verwischung von Unterschieden geführt, Parallelen und Ähnlichkeiten naheliegend, aber auch fragwürdig erscheinen lassen, Ineinssetzungen und Distanzierungen hervorgerufen. Bei den Debatten über Geschichte und Literatur sowie über Geschichte und Gedächtnis – eng miteinander verknüpft und sich überschneidend – handelt es sich um einen „Bruderkrieg“ und „Familienzwist“, wie der französische Kulturphilosoph Michel de Certeau  (1925-1986) das problematische Verhältnis von Geschichte und Geschichten, von Wissenschaft und Fiktion treffend bezeichnet hat. Dieser Bruderkrieg und Familienzwist findet derzeit in einem Umfeld statt, das von tiefgreifenden Veränderungen charakterisiert ist. Vor allem steht das Ende unmittelbarer Zeugenschaft des Holocaust unmittelbar bevor, das allerdings schon seit Beginn der 1980er Jahre immer wieder diskutiert worden ist. Ob es die Vermittlung der historischen Ereignisse entscheidend ändern wird, darf jedoch bezweifelt werden. Das Wissen über den systematischen Massenmord an den europäischen Judenheiten ist bereits seit langem keineswegs vorrangig durch familiäre Erzählungen, Gespräche mit Zeitzeugen oder auch Gerichtsverfahren, sondern vielmehr medial vermittelt worden: durch Museen und Ausstellungen, Filme und Bücher, seien sie wissenschaftlich, autobiographisch oder literarisch. Dem Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis und dem Zurücktreten des Holocaust in eine Geschichte, die sich unserem Zugriff entzieht, kommt somit wohl vor allem eine symbolische Bedeutung zu, die dennoch nicht unterschätzt werden sollte. Entscheidender dürfte jedoch ganz allgemein der wachsende generationelle Abstand sein. 

Gleichzeitig wird den NS-Massenverbrechen an den Judenheiten verschiedener Länder mittlerweile eine zentrale Bedeutung für die Konstitution einer europäischen Identität zugemessen, zumindest auf der Ebene eines politisch inszenierten Selbstverständnisses – freilich nicht ohne Konkurrenz zu den Verbrechen kommunistisch-stalinistischer Systeme oder neuerdings auch zum Ersten Weltkrieg. Vor dem Hintergrund des Holocaust versucht sich die Europäische Union als Wertegemeinschaft zu konstituieren und eine gemeinsame Identität zu konstruieren. Zusammen mit dem Zweiten Weltkrieg ist „Auschwitz“ zum negativen Gründungsmythos Europas avanciert. Doch auch über die Grenzen Europas hinaus hat der Holocaust mittlerweile den Status einer negativen politischen und kulturellen Norm erlangt, wobei er auf globaler Ebene vor allem mit dem Kolonialismus und seinen Verbrechen konkurriert. 

Die Interpretationen und Repräsentationen der Ereignisse des Holocaust sind währenddessen vielfältigen Veränderungen unterworfen. In vielen Konstellationen hat sich der Diskurs über den Holocaust längst von den historischen Ereignissen abgelöst und ist zu einem Code für „das Böse“ metaphorisiert und abstrahiert worden. Dagegen hat gerade der Wegfall ideologischer Blockaden durch den Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa zu einer Konkretisierung von Tatorten und Tatzusammenhängen geführt, die aufgrund der Frontstellung im Kalten Krieg ebenso unterblieben war wie die Anerkennung und Entschädigung individueller Schicksale jenseits des Eisernen Vorhangs. Osteuropa war ja der Hauptschauplatz des Holocaust, mit den Gaskammern in den Tötungszentren wie auch den „killing fields“ der Massenerschießungen.

Wie ist es aber in dieser Phase einschneidender und entscheidender Veränderungen der Holocaust-Wahrnehmung und -Erinnerung mit dem Verhältnis von Literatur und Zeitgeschichte bestellt? Die Geschichtswissenschaft besitzt keineswegs mehr die alleinige oder auch nur vorrangige Darstellungs- und Deutungshoheit für die historischen Ereignisse. Der Stimme der Zeitzeugen, die ihre Autorität aus eigener Erfahrung beziehen, wird in der Öffentlichkeit derzeit fraglos Vorrang vor der Stimme der professionellen, aber nachgeborenen Zeithistoriker/innen gegeben – dabei könnten umgekehrt gerade die Involviertheit in die Geschichte und der zeitliche Abstand persönliche Erinnerungen fragwürdig erscheinen lassen. Während im Fall der Zeitzeugen die Re-Konstruktivität der produzierten „Geschichte“ offensichtlich unterschätzt wird, wird sie bei den Historikern derzeit deutlich überschätzt. 

Gerade die Populärkultur wird man wohl als Motor der Globalisierung des Holocaust ansehen können, keinesfalls aber die klassische Zeitgeschichtsforschung, die die Aufarbeitung der NS-Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg im nationalen Rahmen als einen moralischen Auftrag zur Aufklärung angenommen hatte, nicht ohne zugleich fleißig an der Konstruktion der jeweiligen Opfer- und Widerstandsmythen mitzuarbeiten. Vor allem visuelle Medien wie Fotografie und Film spielen hierbei eine wichtige Rolle, und zwar sowohl solche aus der NS-Zeit, die in unseren (Erinnerungs-)Kulturen zirkulieren, wie auch Produktionen, die sich nachträglich mit dem Thema beschäftigen. Das Thema ist omnipräsent – auf den Bildschirmen, Leinwänden und natürlich auch auf den Büchertischen. Nicht erst seit dem Literaturnobelpreis für Imre Kertész 2002 kommt der Literatur eine große Bedeutung zu. Insofern ist – cum grano salis – der Analyse des amerikanischen Historikers Yosef Hayim Yerushalmis (1932-2009) zuzustimmen: „Der Holocaust hat bereits mehr historische Forschungstätigkeit ausgelöst als jedes andere Ereignis der jüdischen Geschichte, doch für mich steht außer Zweifel, daß sein Bild nicht am Amboß des Historikers, sondern im Schmelztiegel des Romanciers geformt wird.“ Allerdings scheinen zunehmend die Grenzen der Genres und Formen zu verschwimmen und damit auch die durchaus unterschiedlichen, teilweise sogar gegenläufigen Funktionen der Auseinandersetzung mit Vergangenheit vermischt zu werden – Geschichte und Gedächtnis, Aufklärung und Gedenken, Wissenschaft und Literatur: Dokumentationen und Rekonstruktionen sind durchsetzt mit Interviews und Spielszenen, neben den Erinnerungen von Zeitzeugen (Opfern und Tätern) gibt es immer mehr Berichte und Recherchen von Kindern und Enkeln der Zeitzeugen, Spielfilme versuchen dokumentarische Qualitäten entweder unmittelbar visuell vorzutäuschen (etwa durch das Drehen an authentischen Schauplätzen oder in Schwarz-Weiß wie in Steven Spielbergs „Schindler’s List“) oder zumindest durch den Verweis auf minutiöse wissenschaftliche Forschungen herzustellen (etwa durch die Bezugnahme auf Joachim Fests Recherche in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“). Daneben zirkuliert – innerhalb und außerhalb der heutigen Texte und Bilder – weiterhin eine unüberschaubare Menge von unbewegten und bewegten Bildern sowie Dokumenten aus der NS-Zeit selbst, die in der überwiegenden Zahl der Fälle den Repräsentationsabsichten und -bedürfnissen der Täter/innen folgen, aber dennoch weiterhin ohne Zögern und Reflexion verwendet werden. Wissenschaftliche Veröffentlichungen beziehen sich währenddessen nicht mehr nur auf einen fachinternen Diskurs, sondern positionieren sich, vermutlich auch aus vermarktungsstrategischen Gründen, als Teil einer weiteren Gedenk- und Erinnerungskultur.

Was aber die Literatur leisten kann, was sie Spezifisches beitragen kann zur Darstellung und zum Verständnis des Holocaust, darüber gehen die Meinungen weit auseinander, ganz ähnlich wie über die Möglichkeiten und Grenzen der Geschichtswissenschaft. Die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger (geb. 1931), die 1992 mit einem der beeindruckendsten Erinnerungsbücher hervorgetreten ist, behauptet, dass „Literatur, die sich mit Geschichte befaßt, eine Form der Wirklichkeitsbewältigung“ sei. Wenn Literatur und Film sich der Geschichte nur bedienten, „sie sozusagen kannibalisieren“, verkämen sie freilich zum Kitsch. Der ungarische Schriftsteller Imre Kertész (geb. 1929) ging noch einen entscheidenden Schritt weiter: „Das Konzentrationslager ist ausschließlich als Literatur vorstellbar, als Realität nicht. (Auch nicht – und vielleicht sogar dann am wenigsten –, wenn wir es erleben.)“ 

Im Hinblick auf Jonathan Littells (geb. 1967) Roman „Die Wohlgesinnten“ (2006/08), der aus der Rezeption einer großen Menge von Forschungsliteratur entstanden ist und immer wieder historische Quellen und Verweise enthält, bemerkte der französische Historiker Pierre Nora (geb. 1931), dass die literarische Beschreibung von Massenerschießungen den historischen Darstellungen und ihren „dokumentarischen Methoden“ überlegen sei. Der Massenmord und seine Vollstreckung seien der „blinde Fleck“ der Historiker, so Nora, oder zumindest nicht zufriedenstellend von ihnen beschrieben worden, wie Littell ergänzte. Noras deutscher Kollege, der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) postulierte hingegen: „Überall, wo es um […] den Nationalsozialismus, den Holocaust geht, haben sich die entscheidenden Probleme nicht als fiktionale Texte fassen lassen. Die Narrativitätsapostel sind rundum gescheitert“. Der französische Philosoph, Journalist und Filmemacher Claude Lanzmann (geb. 1925), dessen neuneinhalbstündiger Dokumentarfilm „Shoah“ (1985) zu Recht als eigenständiger Beitrag zur Holocaust-Forschung gewertet wird, hat seine alte, nicht zuletzt gegen Steven Spielberg gerichtete Position anlässlich des Erscheinens von „Die Wohlgesinnten“ noch einmal wiederholt: „Für mich ist klar: Mit der Gaskammer kann man keine Fiktion machen“.

Bei einem Gegenstand, dessen historische Tatsächlichkeit trotz unzähliger gesicherter wissenschaftlicher Belege immer wieder und immer noch grundsätzlich in Frage gestellt und geleugnet wird, ist der Verweis auf Authentizität und Objektivität natürlich von besonderer Bedeutung. Er findet sich daher heute durchgängig in fast allen Genres. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel und verweisen nur auf das allgemeine Bedürfnis, so etwa der Untertitel von Dani Levys Filmkomödie „Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (2007).

Vor allem Saul Friedländer (geb. 1932), selbst ein Überlebender des Holocaust, hat auf Seiten der Historiker artikuliert, dass „in the face of these events we feel the need of some stable narration“. Friedländer ist vermutlich der wichtigste Holocaust-Historiker, der sich empirisch mit dem Genozid, aber zugleich auch immer mit Fragen der Repräsentation beschäftigt hat. Sein opus magnum „Nazi Germany and the Jews“ (1997/2007) wird nicht nur als Meisterwerk der Geschichtsschreibung gelobt, sondern es werden ihm auch „qualities of a literary narrative“ (Alon Confino) nachgesagt. Ganz im Gegensatz zu Friedländers früherer Forderung, in historiographische Arbeiten zum Holocaust eine Ebene des Kommentars präsent zu halten, die die lineare Narration ständig durchbricht und vor allem eine „closure“ – ein Abschließen der Erzählung – verhindern soll, gibt es nun in „Nazi Germany and the Jews“ erstaunlich wenig Kommentar, sondern vor allem Beschreibung. Durchbrochen wird die Erzählung ständig von den Stimmen der Opfer, nicht von Überlegungen des Autors, der ganz hinter die Organisation seines Materials zurücktritt. Aber gerade durch diese Komposition, die scheinbar harmlos und oberflächlich als streng chronologisch auftritt, gelingt es Friedländer all das zu erzeugen, was er immer als notwendig gefordert hatte, wenn es um eine Darstellung des Holocaust geht: „disbelief“, „sense of strangeness“, „sensation“, „uncanieness“, „shock“. Darin kann vor allem die Leistung Friedländers erblickt werden. Er durchbricht damit das dominierende Muster: Die ständige, rituelle und routinierte Beschwörung von Undarstellbarkeit und Unverstehbarkeit, die durch konventionelle Beschreibungen, Darstellungen und Erklärungsversuche gleich wieder dementiert wird, ohne dass überhaupt der Widerspruch auffällt. 

Eine endgültige, in jeder Hinsicht befriedigende und alles einlösende Darstellung und Repräsentation der NS-Verbrechen wird es nie geben. Die Darstellung des NS-Völkermords bedeutet aber kein grundsätzliches anderes Problem als die Darstellung des Lebens im Mittelalter, der Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs oder des Sterbens in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs – weder für die Literatur noch für die Geschichtsschreibung. Schließlich ist der Holocaust keine Naturkatastrophe gewesen, wie allerdings häufig verwendete Begriffe und Formulierungen nahezulegen versuchen, sondern wurde von Menschen willentlich ins Werk gesetzt und ist so, wie jedes menschliche Unternehmen, der Erklärung und dem Verstand zugänglich. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass er weiterhin andere, offensichtlich drängendere Fragen an uns, an die moderne Gesellschaft stellt als andere und weiter entfernt liegende historische Ereignisse, weshalb die historiographischen, aber auch die literarischen Darstellungsmöglichkeiten oft als defizitär wahrgenommen werden – weil entweder die Geschichtsschreibung aufgrund ihrer Narrativität und die Literatur aufgrund ihrer Fiktionalität oder aber bloße Faktographie und historiographische Nüchternheit oberflächlich und unzureichend erscheinen. 

Das immer wieder zum Ausdruck gebrachte Ungenügen an der Geschichtswissenschaft und / oder der Literatur und Kunst bei der Darstellung und Erklärung des Holocaust wie auch die Bevorzugung oder Abwertung des einen bzw. anderen, damit aber auch die heutige Unordnung der verschiedenen Genres und deren Funktionen sind offensichtlich eng verknüpft mit den omnipräsenten Diskursen über eine angebliche Undarstellbarkeit und Unverstehbarkeit des NS-Völkermords. Imre Kertész hat jedoch zu Recht darauf hingewiesen, dass „unbegreiflich“ höchstens „unannehmbar“ meinen könne – eine Abwehr gegen die Einsicht, dass der Holocaust nicht nur eine „eigenartige und befremdliche – ‚unbegreifliche‘ – Geschichte von ein oder zwei Generationen“ darstelle, sondern eine „generelle Möglichkeit des Menschen“.

Unsere Erinnerungskultur wird durch Fakten und Fiktionen geformt. Beide sind untrennbar miteinander verknüpft, die Grenzen sind durchlässig geworden und verschwimmen.  Das Konkurrieren um die Deutungshoheit wird allerdings mehr und mehr durch aufeinander bezogene Schreibweisen und Selbstreflexion ersetzt. Ein wichtiger Teil dieses Prozesses ist die Einsicht, dass die historischen Ereignisse auf beiden Seiten mit jeweils unterschiedlichen Mitteln immer wieder neu erzählt werden müssen.

 

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