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Weltkrieg und Gender Changing: Das falsche Geschlecht

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Chloé Cruchaudet: Das falsche Geschlecht. Avant-Verlag Berlin (2014), 160 Seiten, 24,95€.

Von Ingolf Seidel

Graphic Novels, oder Comics, die den Ersten Weltkrieg zum Thema haben, sind bereits verschiedentlich erschienen. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur die herausragende Geschichte „Elender Krieg“ von Jacques Tardi oder das beeindruckende „Tagebuch 14/18“ von Alexander Hoch und Jörg Mailliet. Überhaupt stieg die Zahl an gezeichneten Geschichten, die sich mit historischen Themen auseinandersetzen, in den letzten Jahren sprunghaft an. Die Kunstform „Comic“ ist inzwischen längst auch im Bildungsbereich angekommen. Die von Chloé Cruchaudet erzählte Geschichte schlägt einen besonderen Weg ein und zeichnet, basierend auf der Biografie „La garçonne et l'assassin: Histoire de Louise et Paul, déserteur et travesti dans le Paris des années folles“ von Fabrice Virgili und Daniele Voldman, den Weg eines französischen Deserteurs im Ersten Weltkrieg und den Folgejahren nach.

Der französische Soldat Paul Grappe entflieht, indem er sich selbst einen Finger amputiert, dem Grauen der Schützengräben und schafft es, nach Paris zu kommen. Dort versteckt er sich mit Hilfe seiner Frau Louise in einem Hotel. Die Enge des Zimmers gleicht einem Gefängnis. Der schwer traumatisierte Paul gibt sich dem Alkohol hin. Er verfällt zusehends, bis er auf die Idee kommt, einen nächtlichen Ausflug in den Kleidern seiner Frau zu wagen. Um auch tagsüber mehr Freiheit zu erlangen, perfektioniert Paul Grappe unter tatkräftiger Anleitung von Louise sein Aussehen als Frau. Unter dem Namen „Suzanne“ nimmt er eine Arbeit in der Näherei auf, in der auch seine Frau arbeitet. Da Deserteure in Frankreich bis 1925 auf eine Amnestie warten müssen, bleibt Grappe, will er nicht der Todesstrafe entgegensehen, nur ein Weiterleben unter falscher Identität. Immer weiter wächst er in die Rolle der „Suzy“ hinein, was massive Konflikte mit Louise heraufbeschwört. Des Nachts wird Paul zu einer bekannten Figur in der Travestie-Szene von Paris. Die Erinnerungen an das große Schlachten in den Schützengräben verfolgen ihn und auch die Fluchten in den Exzess bringen keine Erleichterung. Das angenommene Geschlecht wird immer mehr zu seinem eigentlichen; eine Entwicklung, die seine Frau in einer Mischung aus Faszination und Ekel verfolgt. Die Beziehung der beiden gerät schließlich zur Tragödie. 

„Das falsche Geschlecht“ ist eine farblich sehr zurückhaltend gestaltete Bildgeschichte. Sie ist weitgehend in grau-braunen Tönen gehalten. Nur einzelne rote Farbtupfer begleiten die Umwandlung Pauls in ein drittes Geschlecht. Die einzelnen Panels werden nicht durch klare Linien begrenzt; sie zerfließen an ihren Rändern und scheinen so die eigentlich amorphen Grenzen des gesellschaftlichen Konstrukts einer nur scheinbar feststehenden geschlechtlichen Identität zu illustrieren. Chloé Cruchaudet hat keine glatte Geschichte gezeichnet. Paul/Susanne ist keine leichte Gestalt. Die Streitigkeiten mit Louise geraten zum Teil drastisch. Cruchaudet gelingt es dabei, die Geschichte zu erzählen ohne in Klischees zu verfallen oder zu romantisieren. Sicherlich ist „Das falsche Geschlecht“ kein klassischer Geschichtscomic, aber dennoch ein Zeitgemälde, dass von Männlichkeitswahn und Homophobie ebenso erzählt wie von Traumatisierung und den Folgen des modernen Krieges mit seiner Brutalisierung der Individuen. Das Hineinwachsen in die Person der Suzanne hat nichts von einem burlesken Spiel mit Identitäten. Es ist ein widersprüchlicher und oft schmerzhafter Prozess. Diese Mischung mag ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass der Band in seinem Erscheinungsjahr 2014 auf dem Comicfestival von Angoulême ausgezeichnet wurde. 

Im schulischen Bereich kann die vorgestellte Graphic Novel trotz eines relativ hohen Anschaffungspreises gut für ein fächerübergreifendes Lernen eingesetzt werden. Sie bietet Anlass, mit Jugendlichen ab der zehnten Klasse über künstlerische Auseinandersetzungen mit Geschichte und Identität zu sprechen und die Lernenden die historischen Hintergründe recherchieren zu lassen. Lohnenswert ist sicherlich auch eine Annäherung über die Bildinterpretation einzelner Seiten und Panels.

 

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