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W.E.B. Du Bois. Ein afroamerikanischer Intellektueller und Aktivist in seiner Zeit

Diane Izabiliza, Erzieherin und Studentin der Sozialen Arbeit. Studentische Mitarbeiterin an der Alice Salomon Hochschule und in diesem Rahmen im IFAF Projekt "Erinnerungsorte. Vergessene und verwobene Geschichten" tätig.

Von Diane Izabiliza

William Edward Burghardt Du Bois gehört wohl zu den einflussreichsten und wirkmächtigsten Afroamerikaner des 20. Jahrhunderts. Seine zahlreichen Werke und seine aktivistische Arbeit für die Bekämpfung von Rassismus sind noch heute eine wichtige Wissensressource. Als Soziologe, Historiker, Philosoph und Pan-Afrikanist prägte und prägt er viele Menschen. 

Du Bois erblickte am 23.02.1868, genau drei Jahre nach der Abschaffung der Versklavung, in Great Barrington, Massachusetts, das Licht der Welt.

Dies hatte folgenreiche Auswirkungen auf sein Leben als Afroamerikaner und seine Arbeit in der US-amerikanischen Gesellschaft.

Die damaligen politischen Verhältnisse schlossen ganz explizit Schwarze von Bildung aus, das heißt, dass trotz der Abschaffung der Sklaverei der staatlich verankerte Rassismus weiterhin mit aller Stärke praktiziert wurde.

Im Hinblick darauf können noch etliche weitere rassistische Praktiken genannt werden. Beispielsweise gehörten Selbstjustiz und öffentliche Hinrichtungen Schwarzer Menschen in einigen Teilen der USA zur gängigen Praxis.

In dieser Atmosphäre der Angst und Unterdrückung gelang es Du Bois, entgegen allen äußeren Erschwernissen, einen akademischen Werdegang anzutreten und in seiner Rolle als Aktivist, dem Rassismus entgegenzutreten.

Werdegang und Berliner Jahre

Nachdem Du Bois die High School mit exzellenten Noten abgeschlossen hatte, fing er sein Studium an der Fisk University, in Nashville, Tennessee an.

Im Anschluss an seinen Bachelor-Abschluss verfolgte Du Bois ein weiteres Studium an der Eliteuniversität Harvard. Dort wurde er von einem Professor ermutigt, sich für ein Auslandsstipendium der Slater Fund Stiftung zu bewerben.

Dieser Schritt führte ihn nach Deutschland, genauer gesagt nach Berlin und Heidelberg.

Berlin und im Besonderen die Friedrich-Wilhelms Universität (heutige Humboldt Universität zu Berlin) hatten es dem jungen Du Bois angetan. Nicht nur, weil seine Wunsch-Universität einen hervorragenden Ruf hatte, sondern auch, weil Du Bois seit seinem Studium immer wieder wissenschaftliche Anknüpfungspunkte zu Deutschland hatte.

In Berlin angekommen war die Begeisterung groß, nicht nur für die Universität sondern auch für die neuen Lebensperspektiven, die ihm sein Aufenthalt außerhalb der USA bot. Er sagte: „Als ich 1892 nach Deutschland kam, befand ich mich außerhalb der amerikanischen Welt und konnte sie von außen betrachten“.

In dem Zeitraum von 1892 bis 1894 studierte er mit großer Leidenschaft Soziologie, Ökonomie, Geschichte und politische Theorie.

Während seiner Studienzeit in Berlin, seinen so genannten „Berlin days“, setzte er sich, angeregt durch seine Professoren, verstärkt mit sozialen und ökonomischen Veränderungsprozessen auseinander. Unter seinen Professoren fand er geistige Verbündete. Insbesondere imponierte ihm die Gruppe der „Verein“, deren Leitung Gustav Schmoller mit der Zeit übernahm. Die Gruppenmitglieder speisten sich aus Vertretern der Berufsvereinigung für Wirtschaftswissenschaftler, einem Forschungsinstitut und einer Organisation zur Förderung von Reformen. Ihr Ziel war es, die Eliten mit ihrem Engagement für die Integration der Arbeiter/innenklasse zu gewinnen.

Du Bois erachtete diesen Ansatz auch für die USA als durchaus praktikabel, so dass die Zugehörigkeit zum „Verein“ eine besonders bereichernde Erfahrung für ihn darstellte, auch im Hinblick auf den Kampf gegen Rassismus und für die gleichberechtigte Teilhabe aller Schwarzer Menschen in den Vereinigten Staaten.

Rückkehr in die USA

Nachdem dem jungen Studenten weiterer Aufenthalt in Deutschland verwehrt worden war, kehrte er wieder in die USA zurück.

Dort schrieb er seine Doktorarbeit über den transatlantischen Sklavenhandel, für die ihm als erstem Afroamerikaner die Doktorwürde in Harvard verliehen wurde.

Getrieben von seinem großen Wunsch, die Lebenssituation der Schwarzen Bevölkerung zu verändern und somit das Problem des 20. Jahrhunderts zu bekämpfen, gründete Du Bois verschiedene Gruppen und Initiativen. Seines Erachtens nach lag das Problem in der „Rassentrennung“. Während der ersten Panafrikanischen Versammlung in London im Jahr 1900 sagte er: „(...) the problem of the twentieth century is the problem of the colorline“.

Diese pointierten Benennungen eines schwerwiegenden Problems sollten ihm immer wieder heftige Kontroversen einhandeln.

Die erste Gruppe, die er gemeinsam mit weiteren Schwarzen Intellektuellen gründete, war die „American Negro Academy“. Damit legte er einen Grundstein für das erste Institut für Schwarze Kunst und Literatur.

Weitere Gruppen, wie die „National Association for the Advancement of Colored People“ (NAACP) folgten .

Dank seiner Begabung für das Schreiben, gelang es ihm in dem NAACP Magazin „The Crisis“ mehrere von Erfolg gekrönte Essays herauszugeben. Dieses Magazin war und ist weiterhin dafür bekannt, seine Leser_innen durch vielseitige Artikel über die Lebenssituation von Afroamerikaner_innen und anderen Menschen of Color in den USA aufmerksam zu machen. Eine der Mitarbeiter_innen war, aus gutem Grund, die Aktivistin Rosa Parks.

Zusätzlich zu seinem Aktivismus hielt Du Bois Vorlesungen als Professor an einigen Universitäten in den USA.

Dank seines Bekanntheitsgrades und der damit verbundenen breiten Hörer_innenschaft, konnte er seine Ideen, sein Wissen, seine Forderungen und Kämpfe um Zugehörigkeit und Rechte einer breiten Masse zugänglich machen. Dies ist insofern wichtig, da bis dahin nur über Schwarze Menschen gesprochen wurde, aber Schwarze Menschen nicht über dieselben Möglichkeiten verfügten, um sich Gehör zu verschaffen.

Seine klare Positionierung, aber vor allem die rassistische Gesetzgebung dieser Zeit, stellten seine Arbeit immer wieder in Frage. Schikanen sowie staatliche Sanktionen, wie beispielsweise der erschwerte Zugang zur Harvard Universität, lassen sich in seinem Leben immer wieder feststellen.

Dieses kurze Porträt zeigt uns den Werdegang einer starken Persönlichkeit. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: „Was können wir aus seinen Werken und seinem Leben lernen?“ „Was bringt es uns, uns mit W.E.B. Du Bois auseinander zu setzen?“

Ein wichtiger Aspekt ist mit Sicherheit sein Durchsetzungsvermögen und seine Beharrlichkeit. Er zeigt uns, dass Hindernisse überwindbar sind. Allerdings ist dieser Kampf immer wieder mit Rückschlägen verbunden. Dies kann uns ihm näher bringen. People of Color wissen nur zu gut, welche schmerzhaften Wunden die Erfahrungen von Rassismus hinterlassen können. Diesen Einsichten kann ein Aspekt von Empowerment innewohnen.

Aus den Erfahrungen seiner Arbeit in und mit Gruppen sehen wir, welche Kraft Verbindungen freisetzen können. Wie ich am Anfang sagte, kam der junge Du Bois in den Genuss einer guten Ausbildung. Diese Ressource nutzte er, um sie mit anderen zu teilen. 

Ein weiterer, wenn auch weniger schöner Punkt, ist die Tatsache, dass unsere Vorbilder nicht nur glänzende Seiten besitzen. Auch Du Bois zeigte im Hinblick auf die Auswahl seiner Mentoren und Professoren in Deutschland einige Ambivalenzen auf. In Anbetracht dessen, dass Du Bois Personen wie Gustav Schmoller, Heinrich von Treitschke und Adolf Wagner bewunderte, kommt schnell die Frage auf, warum eine Person wie Du Bois sich für sie interessierte, obwohl diese doch antisemitische Inhalte äußerten. Auch befürworteten sie die kolonialen Vorhaben Deutschlands.

An dieser Stelle kann von einem Bruch gesprochen werden, auf der einen Seite haben wir den bekennenden Pan-Afrikanisten und Bürgerrechtsaktivisten, auf der anderen Seite eine Person mit einer Vorliebe für Gelehrte, deren politische Haltungen mehr als fragwürdig sind.

Wie können diese beiden Facetten zusammengebracht werden, beziehungsweise sollte man diese zusammenbringen? Der Aktivismus von Du Bois sollte auch im Kontext der Zeit, in der er lebte, gesehen werden. Es bleibt mir der Versuch, ihn zu verstehen oder besser gesagt, der Versuch, die Ambivalenz besser nachvollziehen zu können.

Angesichts dessen, dass sich Du Bois nur für kurze Zeit in Berlin aufhielt, ist es verständlich, dass dieses Zeitfenster nicht dafür gereicht haben kann, um die gesamten Facetten Deutschlandswahrzunehmen.

Die Chance aus unserem Alltag auszubrechen lässt uns mit mehr Abstand eine kritische Haltung zu unserem gewohnten Umfeld gewinnen. Jedoch oft nicht auf das, was uns gerade beheimatet. Dies könnte seine vorbehaltlose Einstellung zu seinen Professoren und ihren Haltungen möglicherweise begreiflich machen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Blickwinkel des Betrachters. Schaut man auf die damalige Situation in den USA, zeigt sich der etablierte staatliche Rassismus von seiner grausamsten Seite. Vergleichsweise schwach könnte dieser dem jungen Du Bois in Deutschland vorgekommen sein. Auch hier ist die Perspektive wichtig. Doch zugleich lässt uns als Person of Color diese Annahme erschaudern, da wir uns dies doch schwer vorstellen können. 

Du Bois starb im Alter von 95 Jahren, in Accra (Ghana). In seiner neuen Wahlheimat.

Literatur

Du Bois, William Edward Burghardt (2003): The Souls of Black Folk, Die Seelen der Schwarzen. Freiburg. 

 

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