Zur Diskussion

Erinnerungsorte der asiatischen Diaspora

Smaran Dayal studierte Anglistik/Amerikanistik und Europäische Ethnologie an der Universität Freiburg. Derzeit führt er sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin weiter und arbeitet am Zentrum Moderner Orient in einem Forschungsprojekt. Noa Ha ist Stadtforscherin am Center for Metropolitan Studies, Technische Universität Berlin. Dort lehrt und forscht sie zu Fragen des postkolonialen Urbanismus aus einer feministischen und rassismuskritischen Perspektive.

Von Smaran Dayal und Noa Ha

Die Geschichte der asiatischen Diaspora in Deutschland verweist scheinbar augenfällig auf eine geographische Referenz wie den asiatischen Kontinent. Bei näherer Betrachtung erscheinen unter dieser Referenz unterschiedlichste gesellschaftliche und kulturelle Formationen die unter „Asien“ imaginiert werden. Sie sind im Zuge der Kolonialisierung entstanden und dienten sowohl der Auskunft über die Anderen als auch der Verständigung über das Europäische Eigene. Daher stellt die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak in ihrem Text „Our Asias: How to Be a Continentalist“ (2007) fest:

The word ‚Asia‘ reflects upon Europe’s eastward trajectory. It is impossible to fix the precise moment when „Europe“ became a proper name for a real and affective space as it is impossible to fix the moment when a „European“ first used the name „Asia“. (Spivak 2007: 209)

Daher bringt eine Beschäftigung mit der asiatisch-deutschen Geschichte Zeitpunkte und Orte in den Vordergrund, die auf die verwickelte Geschichte von Kolonialismus, Weltkrieg und Nationenbildung verweisen, die in den großen nationalen Narrationen nur am Rande oder in Fußnoten erzählt werden. Im Folgenden wendet sich dieser Beitrag einer marginalisierten Geschichte zu, die wir hier ins Zentrum und gegen hegemoniale Geschichten stellen wollen.

Wir Autor/innen besitzen sehr unterschiedliche biographische und geographische Bezüge zu Asien in Europa. Dennoch erfahren wir Rassifizierung als „asiatische Menschen“ und daher ist die asiatisch-deutsche Diaspora für uns ein wichtiger Raum der eigenen Geschichten: Für diesen Beitrag wählen wir als Anfangspunkt unserer Geschichte einen Ort, der am Rande von Berlin liegt – in Zossen-Wünsdorf. Dieser Ort erzählt die Geschichte von zwei Kriegsgefangengenlagern, die im Ersten Weltkrieg errichtet und für Propagandazwecke genutzt werden sollten. Es handelt sich hierbei um das „Halbmondlager“ und das „Weinberglager“. Die Geschichte ihrer Entstehung reflektiert nicht nur die Ziele der Lager und die Interessen der Kriegführenden, sondern auch derjenigen, die gefangen gehalten wurden und warum sie zu Gefangenen wurden.

Das Propagandalager „Halbmondlager“ in Zossen-Wünsdorf

Die Propagandalager wurden 1914 vom deutschen Kaiserreich für die Unterbringung von „orientalischen“ Kriegsgefangenen errichtet, die größtenteils aus Süd- und Zentralasien sowie Nordafrika und, im Fall von muslimischen Tataren und Georgiern, aus dem Wolga-Gebiet des russischen Kaiserreiches und dem Kaukasus stammten. Die Kriegsgefangenen der Deutschen waren Soldaten der britischen und französischen Kolonialmächte sowie des russischen Kaiserreiches, die aus deren kolonisierten Gebieten kamen und in Europa auf der Seite der alliierten Mächte (Frankreich, Großbritannien, Russland, Italien, usw.) gegen die Mittelmächte (Deutsches Kaiserreich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Bulgarien) kämpften. Der Erste Weltkrieg verursachte die größte südasiatische Migrationswelle nach Europa: über 1,2 Millionen Südasiaten nahmen an Kämpfen in verschiedenen Kriegsgebieten des Weltkriegs teil (vgl. Roy et al. 2011: 3). Davon waren 15% oder 140.000 Soldaten zu irgendeinem Zeitpunkt in Europa stationiert (vgl. Ahuja: 19). In den deutschen Kriegsgefangengenlagern wurden laut britischen und deutschen Urkunden ungefähr 1.000 südasiatische Soldaten und 1.000 Zivilisten interniert. (ibid. 20)

Das „Halbmondlager“ wurde als Propagandalager für „orientalische“ Kriegsgefangene eingerichtet (ein Teil davon wurde zum „Inderlager“). Das erklärte Ziel der Lager war die Politisierung der internierten indischen und muslimischen Gefangenen, um sie zu einem nationalistischen bzw. religiösen Kampf gegen die britischen und französischen Kolonialherren zu animieren. Hierfür wurde ihnen eine bauliche Infrastruktur für religiöse Zwecke hergerichtet, wie z.B. der Bau der Moschee - bei der es sich im Übrigen um die erste Moschee in Deutschland handelte. Darüber hinaus wurde eine Propagandazeitschrift, „Hindostan“, in Hindi und Urdu vom Auswärtigen Amt (durch die „Nachrichtenstelle für den Orient“, kurz NfO) (vgl. Liebau: 101) und auf Arabisch unter dem Titel „Al Dschihad“ für die nordafrikanischen Kriegsgefangenen veröffentlicht. Das übergeordnete Ziel dieser Propagandamagazine war die Destabilisierung der britischen und französischen Kolonien in Asien und Afrika. Hierfür suchten die Deutschen unter den Kriegsgefangenen Kollaborateure, um anti-britische Aufstände in Indien zu initiieren, die für die eigenen außenpolitischen Zwecke benutzt werden sollten (vgl. Liebau, 103). Um die Soldaten für sich zu gewinnen, wurden in den Magazinen Ideologien von Nationalismus und Pan-Islamismus mobilisiert (vgl. Liebau: 117/8).Die Herrichtung der Lager sollte die indischen Offiziere und Soldaten motivieren, Widerstand gegen die Briten zu leisten.

Neben den außenpolitischen Interessen, die sich in der Ausstattung der Lager und der Erschaffung von Propagandamedien zeigte, erregten die Internierten bei den Anthropologen der nahegelegenen Universitäten großes Interesse. In den Lagern wurden von 1915 bis 1917 verschiedene anthropologische Studien und Untersuchungen angefertigt, die bis in die heutige Zeit in den Archiven der Humboldt-Universität gelagert werden (z.B. das Lautarchiv). Einige prominente Wissenschaftler konnten hier ihre Grundsteine für ihre anthropologischen und linguistischen Karrieren legen, wie z.B. Felix von Luschan, Heinrich Lüders und Egon von Eickstedt. Letzterer spielte beispielsweise später als Professor an der Universität Breslau eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Rassentheorien der Nationalsozialisten, auf der die Nürnberger Gesetze von 1935 basierten (vgl. Kamenev et al.: 253). Von Eickstedt führte von Dezember 1916 bis März 1917 anthropologische Studien in den Wünsdorfer Lagern für seine Dissertation durch, die Körpermessungen an 1.784 Menschen in 16 deutschen Kriegsgefangenenlagern beinhaltete (vgl. Lange: 161/3).

Ein Beispiel von Handlungsmacht seitens der Soldaten ist in der Rezeption der Propaganda-Lektüre zu sehen. So stellte Eugen Mittwoch, Direktor der NfO, frustriert fest, dass diese keine bemerkenswerte Wirkung auf die Meinung der Gefangenen haben, obwohl manche Magazine z.B. die „Weekly War Reports“gerne gelesen wurden (vgl. Liebau: 122). Eine andere widerständische Praxis bestand darin, dass die Gefangenen im Rahmen der anthropologischen Studien falsche Informationen über sich selbst preisgaben, oder sie versuchten in diesem Rahmen vorgenommene Messungen zu vermeiden (vgl. Lange: 163), um die Studien zu unterlaufen.

Beziehungslinien des Lagers vom Kolonialismus zum Holocaust

Diese doppelte, fast schon schizophrene Politik der Zuwendung zu den Gefangenen durch Propaganda bei gleichzeitiger Distanzierung durch anthropologische Studien, gibt einen ersten Einblick in die politische Gemengelage und die deutschen Kolonialinteressen im Ersten Weltkrieg. Erst 30 Jahre zuvor hatten sich auf der „Berliner Konferenz“ die europäischen Kolonialmächte getroffen und sich den afrikanischen Kontinent wie einen Kuchen untereinander aufgeteilt, um sich die dortigen Ressourcen zu sichern. Die Geschichte der Propagandalager verweist aber auch auf Vorbereitungen nationalsozialistischer Rassetheorien, wie die anthropologischen Studien und Karrieren der Wissenschaftler belegen. Daher sehen wir in diesem deutschen Geschichtsstück und dem Ort der Propagandalager ein Beispiel für die Verbindungen zwischen dem europäischen Kolonialismus und der nachfolgenden rassistischen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten, die sich hier auf äußerst ambivalente Weise zwischen Propaganda und Observation äußert.

Wir danken Heike Liebau für ihre freundlichen Anmerkungen. 

Literatur

Ahuja, Ravi. 2011. "Lost Engagements? Traces of South Asian Soldiers in German Captivity, 1915-1918." In ‘When The War Began, We Heard of Several Kings’: South Asian Prisoners in World War I Germany. Ed. Franziska Roy, Heike Liebau, Ravi Ahuja. New Delhi: Social Science Press. 17-52.

Kamenev, Nikolay, Laura Sinn, Benjamin Zachariah. 2011. "Short Biographies." In ‘When The War Began, We Heard of Several Kings’: South Asian Prisoners in World War I Germany. Ed. Franziska Roy, Heike Liebau, Ravi Ahuja. New Delhi: Social Science Press. 250-61.

Lange, Britta. 2011. "South Asian Soldiers and German Academics: Anthropological, Linguistic and Musicological Field Studies in Prison Camps." In ‘When The War Began, We Heard of Several Kings’: South Asian Prisoners in World War I Germany. Ed. Franziska Roy, Heike Liebau, Ravi Ahuja. New Delhi: Social Science Press. 149-84.

Liebau, Heike. 2011. "The German Foreign Office, Indian Emigrants and Propaganda Efforts Among the 'Sepoys'." In ‘When The War Began, We Heard of Several Kings’: South Asian Prisoners in World War I Germany. Ed. Franziska Roy, Heike Liebau, Ravi Ahuja. New Delhi: Social Science Press. 96-129.

Roy, Franziska und Heike Liebau. 2011. "Introduction." In ‘When The War Began, We Heard of Several Kings’: South Asian Prisoners in World War I Germany. Ed. Franziska Roy, Heike Liebau, Ravi Ahuja. New Delhi: Social Science Press. 1-14.

Spivak, Gayatri Chakravorty. 2007: Other Asias. Malden, MA: Blackwell Publ.

 

Kommentar hinzufügen