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Vom Unerzählbaren erzählen? Eine theoretische Klärung anhand der neuen Holocaust-Studie von Christopher Browning

Daniel Fulda ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Halle und leitet dort das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung. Die Rolle der Erzählung in der Geschichtsschreibung und die Darstellungsprobleme des Holocaust zählen zu seinen Forschungsgebieten.

Von Daniel Fulda

I. Holocaust-Historiographie als Versuch, das ‚Unmögliche‘ doch zu leisten 

„Über Auschwitz und nach Auschwitz ist keine Erzählung möglich, wenn man unter Erzählung versteht: eine Geschichte von Ereignissen erzählen, die Sinn ergeben.“ (Kofman 1988: 31) So die französische Philosophin Sarah Kofman (1934–1994), die den Holocaust in einem Versteck überlebte, während ihr Vater, ein Pariser Rabbiner, deportiert und ermordet wurde.

Dass der Holocaust nicht erzählbar sei, diese Überzeugung zieht sich wie ein roter Faden durch den Diskurs über die angemessene Darstellungsform für den nationalsozialistischen Genozid, und dies fast unabhängig davon, ob sich Überlebende, Entronnene oder Nachgeborene, Juden oder Deutsche oder Dritte, Künstler oder Wissenschaftler dazu äußern. „Eine Geschichte über Treblinka ist entweder keine Geschichte, oder es ist keine Geschichte über Treblinka. Eine Geschichte über Majdanek ist fast schon eine Gotteslästerung.“ (Wiesel 1979: 26) Denn Geschichten, so die Annahme, harmonisieren.

Wie hat Geschichtsschreibung mit diesem Zweifel umzugehen? Nehmen wir als Beispiel das jüngste Buch des renommierten Holocaust-Forschers Christopher Browning (*1944), der innerhalb der NS-Forschung als gemäßigter Strukturalist gilt. Seine 2010 erschienene Studie Remembering Survival ist den Zwangsarbeitslagern von Wierzbnik-Starachowice im Generalgouvernement gewidmet. Zeitgenössische Dokumente darüber sind nahezu nicht erhalten, Browning hat jedoch Berichte von 292 überlebenden Augenzeugen gesammelt und ausgewertet (vgl. Browning 2010: 5). Auf dieser Grundlage beschreibt er zunächst die Situation der Juden in dem Städtchen Wierzbnik sowohl vor dem Krieg als auch in der ersten Zeit der deutschen Besatzung mit der Errichtung eines Ghettos, dann die Räumung des Ghettos und die Verschleppung seiner Insassen in die Arbeitslager, schließlich die Deportation nach Auschwitz. Alle diese Stationen werden hinsichtlich Gruppenstrukturen und Entscheidungshierarchien, Zwangsmaßnahmen und Handlungsspielräumen, Verhaltensmustern und in manchen Fällen auch individueller Exzesse analysiert. In den Blick genommen werden hauptsächlich die jüdischen Ghetto- und Lagerinsassen, darüber hinaus aber auch die deutschen Verantwortlichen in der Fabrik- und Lagerverwaltung, die einheimischen Polen sowie die ukrainischen Wachmannschaften. Der erstaunlich ausgedehnte Schwarzhandel der Lagerinsassen oder deren Sexualleben werden ebenso dargelegt wie die Mordlust des Lagerkommandanten Althoff oder Krankheiten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem „moral system“, das die Lagerinsassen entwickelten und das nach Brownings Deutung die relativ hohe Überlebensquote zu erklären hilft, weil mit ihm die moralische Verpflichtung zur Hilfe vor allem für Familienmitglieder verbunden war (Browning 2010: 298f.).

Browning erzählt die Geschichte der Arbeitslager von Wierzbnik-Starachowice in traditioneller Weise, die starke Parallelen zum realistischen Roman des 19. Jahrhunderts aufweist. Eine indirekte Rechtfertigung für diese im Holocaustdiskurs eher anstößige Erzählform enthält seine Charakterisierung der Zeugenberichte, die seine Quellen bilden. Sie erlauben uns, so Browning, „to see how they constructed their stories“: „In some cases, the result was nonchronological and disjointed but reflective of the rupture and disorientation of their Holocaust experiences. Most survivors, however, strove spontaneously to provide a conventional chronological narrative, though one often punctuated with thematically related anecdotes as well as moments of stress and struggle for composure.“ (Browning 2010: 5).

Die traditionelle Erzählweise der Überlebenden von Wierzbnik-Starachowice dient Browning als empirisches Gegenargument gegen die auf der Theorieebene vorherrschende These von der Nichterzählbarkeit des Holocaust. Zugleich legitimiert der Historiker die Erzählform seines eigenen Buches, die ebenfalls vorwiegend chronologisch ist, aber mit Exkursen zu einzelnen Themen. An die Erzählweise der Zeugen schließt er sich auch insofern an, als er Reflexionen über die zutiefst verstörenden Erfahrungen einstreut, die die Zeugen machen mussten. In Remembering Survival zeigt sich eine eher traditionelle Erzählweise durchaus in der Lage, solche Momente von „rupture and disorientation“ zu integrieren.

II. Sinn und Erzählung als Theoriebegriffe 

Was ist von erzähltheoretischer Warte aus dazu zu sagen? Bringt die Erzählform notwendig eine Harmonisierung mit sich, weil es die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen zeitlich und sachlich Unterschiedenem ist, die sie auszeichnet? Kofman spricht vom „idyllischen Gesetz der Erzählung“ (Kofman 1988: 49), und meint das abwertend. James Young argumentiert, das Unverstehbare des Holocaust werde durch Einbettung in einen narrativen Zusammenhang übertüncht (vgl. Young 1992: 34). Und was heißt es, die Erzählung erzeuge ‚Sinn‘, weil sie ein Geschehen nachvollziehbar mache?

Was den Zusammenhang angeht, den die Erzählung erzeugt, muss man sich bewusst machen, dass es sich um eine Kohärenz trotz Differenz handelt. Zu einer Geschichte, die erzählt wird, gehört immer ein Einschnitt, ein Bruch, ein Nicht-mehr-so-sein des Ausgangszustands (vgl. Ricœur 1988: 71ff.). Vor allem solche Dissonanzen veranlassen zum Erzählen und fordern seine Kohärenzbildungsfähigkeit heraus. Der Holocaust stellt nun gewiss den maximalen Bruch mit allem vor ihm Gewesenen und Erwartbaren dar. Dass er deshalb kein Erzählgegenstand werden könne, lässt sich von einem einigermaßen gehaltvollen Begriff der Erzählung her aber nicht begründen. Vielmehr fungiert die erzählerisch hergestellte Kohärenz als Rahmen, in dem ein zu markierender Bruch erst als solcher deutlich wird und Bedeutung erhält. Kohärenz und Differenz profilieren sich in der Erzählung aneinander und sind ohne das andere nicht zu haben.

Der Begriff des Sinns wiederum erscheint angesichts des Holocausts unangemessen, wenn man darunter einen ‚guten Sinn‘, eine erfüllte Norm, ein erfreuliches Resultat oder eine akzeptable Zwecksetzung versteht. Das aber ist eine umgangssprachliche Begriffsverwendung, die die Zumessung von Sinn an die Übereinstimmung einer Sache mit den eigenen Normvorstellungen und Verhaltensidealen des Sprechers bindet. Ein wissenschaftlicher Begriffsgebrauch muss davon zu abstrahieren versuchen, damit der Forscher jegliches Handeln auf seinen Sinn hin untersuchen kann, will sagen auf seine Kohärenz mit den jeweiligen Weltwahrnehmungs- und -deutungsmustern. Dementsprechend kommt es Browning keineswegs auf den ‚Sinn‘ an, den glückliche Geschehensverläufe suggerieren: „Tales of edification“ dürfe man nicht erwarten, heißt es in Remembering Survival über die Erzählungen der Überlebenden (Browning 2010: 297). Der Sinn, den seine Studien vermitteln, besteht vielmehr in der Nachvollziehbarkeit der hergestellten Zusammenhänge und angebotenen Erklärungen.

Eben darin, in der „Einbindung eines Phänomens, einer Handlung oder eines Vorkommnisses in einen umfassenderen Horizont“ (Engell 2001: 542), liegt auch der Sinn, den die Erzählform vermittelt. Geschichtsschreibung kann und darf mithin auch dort Sinn produzieren, wo sie keinerlei vorbildliches Handeln oder erbauliche Lehren mitzuteilen hat. Dass sie menschliches Denken und Handeln als sinnorientiert rekonstruiert, bildet zudem den notwendigen Rahmen, um jene Eindrücke von Sinnlosigkeit thematisieren zu können, die für die Perspektive der Opfer kennzeichnend sind und sich häufig auch dem späteren Forscher oder Leser aufdrängen.

In einem wichtigen Punkt ist der These von der Nichterzählbarkeit des Holocaust gleichwohl zuzustimmen: Keine Erzählung von ‚Fakten‘ stellt genau das dar, von dem sie erzählt. Jede Erzählung schafft vielmehr ihre eigene Geschichte, die sich allein schon durch ihre Nachträglichkeit und darüber hinaus durch ihre Perspektivität von dem Geschehenen unterscheidet, über das erzählt wird. Eine Erzählung, die zurückführt zum Gewesenen oder dieses wiederherstellt, ist unmöglich. Diese Nichterzählbarkeit ist indessen keine Besonderheit des Holocaust, sondern die generelle Folge der unaufhebbaren Nichtidentität von (sprachlichen) Zeichen und bezeichneter Sache. 

Literatur

Christopher R. Browning: Remembering Survival. Inside a Nazi Slave-Labor Camp. New York, London 2010. 

Lorenz Engell: Sinn. In: Nicolas Pethes u. Jens Ruchatz unter Mitarb. von Martin Korte u. Jürgen Straub (Hrsg.): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon. Reinbek 2001, S. 542–543. 

Sarah Kofman: Erstickte Worte. Wien 1988. 

Paul Ricœur: Zeit und Erzählung. Bd. 1–3. München 1988–91, Bd. 1. 

Elie Wiesel: Die Massenvernichtung als literarische Inspiration. In: Eugen Kogon, Johann Baptist Metz (Hrsg.): Gott nach Auschwitz. Dimensionen des Massenmords am jüdischen Volk. Freiburg/Br. 1979, S. 21-50. 

James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation. Frankfurt/Main 1992. 

Eine gründlichere Entwicklung des Themas enthält Daniel Fulda: Ein unmögliches Buch? Christopher Brownings Remembering Survival und die „Aporie von Auschwitz“. In: Norbert Frei u. Wulf Kansteiner (Hrsg.): Den Holocaust erzählen? Historiographie zwischen wissenschaftlicher Empirie und narrativer Kreativität. Göttingen 2013, S. 126–150.

 

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