Empfehlung Unterrichtsmaterial

Kompass: Handbuch zur Menschenrechtsbildung für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit

Die Autorinnen arbeiten im Projekt "Historical Learning meets Human Rights Education", welches in Kooperation mit dem Freidrich-Meinecke-Institut (Didaktik der Geschichte) der Freien Universität Berlin und dem Human Rights Education Associates umgesetzt wird. Die beiden Frauen haben bereits für verschiedene Menschenrechtsorganisationen gearbeitet, darunter Amnesty International (langjähriges Ehrenamt), die UNESCO und das Deutsche Institut für Menschenrechte. Ihre gemeinsame Initiative heißt "right now", Human Rights Consultancy & Training.

Der Kompass ist das bekannteste Handbuch zur Menschenrechtsbildung und vereint viele praktische Tipps in sich. Für 2015 ist die deutsche Neuauflage geplant.

Von Else Engel und Lea Fenner

Wer Orientierung sucht in der praktischen Menschenrechtsbildung greift zum Kompass, dem bekanntesten internationalen Handbuch für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. Das Handbuch bietet nicht allein eine Fülle an Übungen, sondern auch eine Einführung in die Menschenrechtsbildung, Hinweise für die konkrete menschenrechtliche Bildungsarbeit, Aktionsvorschläge zur Anwendung des Gelernten sowie Hintergrundwissen zu zentralen Menschenrechtsthematiken.
Der Kompass wurde vom Europarat erstmals 2002 herausgegeben und anschließend in über 30 Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Mittlerweile ist der Kompass in einer überarbeiteten und aktualisierten Ausgabe 2012 neu erschienen. Die neue Ausgabe ist bisher nur auf Englisch erhältlich. Eine deutschsprachige Version wird jedoch noch im Jahr 2015 erwartet.
Ein Blick in die neue Ausgabe ist daher lohnenswert. Sie bietet rund 60 Übungen und Methoden, mehr Hinweise, insbesondere für Lehrkräfte an Schulen, und auch eine bessere Übersicht, die bei den über 600 Seiten willkommen ist. Neben den Rechten von Menschen mit Behinderungen (engl.: Disability/ Disabilism), Religion und Glaube wurde u.a. auch Erinnerung (engl.: Remembrance) als Themenbereich neu aufgenommen.
Der Kompass richtet sich an einen internationalen Kreis von Lehrenden in unterschiedlichsten Bildungskontexten. Ob in der außerschulischen Bildung, Schule, Universität oder der beruflichen Fortbildung, überall hat das Handbuch Anwendung gefunden. Für die Arbeit mit 7–13-Jährigen wurde das kleine Geschwisterkind des Kompasses, der Compasito entwickelt, dessen deutsche Version 2009 erschien.

Jede der im Kompass präsentierten Übungen enthält Angaben zu den angeschnittenen Themen und Rechten, zu Komplexität, Gruppengröße, Zeitumfang und Zielen sowie die benötigten Lernmaterialien. Obwohl, oder gerade weil viele der Übungen in ihrer Beschreibung sehr detailliert ausfallen, ergibt sich die Notwendigkeit, diese auf den jeweiligen Kontext und insbesondere die Bedürfnisse der Lernenden anzupassen. Das ist eine Herausforderung für Bildungspraktikerinnen und –praktiker. Zumal der Kompass den Anspruch erhebt, für alle Lehrenden jeglicher Erfahrung und jeglichen Vorwissens geeignet zu sein. Zwar gibt das Handbuch zu vielfältigen Aspekten der praktischen Bildungsarbeit Auskunft, in der Praxis ist jedoch oft ein detaillierteres Wissen, auch zu Menschenrechten, gefragt.
Die Übung "Dosta!" beispielsweise greift das Thema Erinnerung in Verbindung mit Diskriminierung auf. Die Idee der Übung ist, dass eine Gruppe eine Aktion zur Stärkung des öffentlichen Bewusstseins über die Verfolgung von Roma während des Zweiten Weltkrieges planen soll. Ziele sind, ein Bewusstsein für alle Opfer des Nationalsozialismus, für menschliche Würde und Gerechtigkeit zu schaffen. Zugleich sollen Fähigkeiten zum Einsatz für die Menschenrechte gestärkt werden. Die Komplexität der Themen Diskriminierung, Genozid und historischer Hintergrund stellen nicht unerhebliche Erwartungen an das Vorwissen der durchführenden Lehrpersonen.

Anders als beispielsweise politische und interkulturelle Bildung wird zudem historisches Lernen nicht als eine Nachbardisziplin vorgestellt, obwohl sich überzeugende Anknüpfungspunkte dafür böten. Unter der Leitung der Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin wird aktuell an einem ebenfalls internationalen Handbuch gearbeitet, das sich explizit dem Zusammenspiel von Menschenrechtsbildung und historischem Lernen widmet und den Kompass in Zukunft in diesem Punkt ergänzen könnte.
An der Übung "Let’s talk about sex" lässt sich exemplarisch zeigen, dass die zugegebenermaßen nicht immer einfache Begriffswahl nicht einheitlich und teilweise unglücklich ausfällt. In der Übung werden die Lernenden mittels einer anonymisierten Version der Fishbowl-Methode zur Reflektion von Einstellungen zu Sexualität und Homophobie angeregt. So gelungen die Übung insgesamt erscheint, ist die konkrete Begriffswahl bei der Beschreibung der Ziele zu kritisieren. Paula Gerber (2013) weist zudem darauf hin, dass unangebrachterweise von "sexual preferences" geschrieben werde, während allgemein anerkannt sei, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung nicht auswählen. Im Themenkapitel "Diskriminierung und Intoleranz" wird hingegen der Begriff "sexuelle Orientierung" verwendet. Auch der verwendete Toleranzbegriff ist aus menschenrechtlicher Sicht nicht unproblematisch, geht es in diesem Zusammenhang doch vielmehr um Respekt und Anerkennung.

Durch die handlungsorientierte Ausrichtung des Handbuchs gelingt es erfreulich konsequent, das oberste Ziel der Menschenrechtsbildung, eine Kultur der Menschenrechte zu fördern, nicht aus den Augen zu verlieren. Möglichen Aktionen und praktischer Anwendung des Gelernten zum Anstoß von Veränderungen auch außerhalb der Lernsituation ist sogar ein extra Kapitel gewidmet.
Wie die Autorinnen und Autoren des Kompasses angeben, kann und will das Handbuch lediglich eine Orientierung geben, nicht jedoch den Weg der Bildungsarbeit vorgeben. Das bleibt trotz aller in einer Publikation praktisch vereinten Hinweise und Informationen eine nicht zu unterschätzende Aufgabe für Bildungspraktikerinnen und -praktiker.

Mittlerweile ist aus dem ersten Kompass eine internationale Familie an Publikationen zur Menschenrechtsbildung mit Verwandten und Generationen gewachsen. Das mag verwirren, ist aber ein positives Zeichen für das steigende Interesse an Menschenrechtsbildung wie auch für die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Angebote des Kompasses.

Literatur und Links

Compasito: Handbuch zur Menschenrechtsbildung mit Kindern. Bundeszentrale für politische Bildung. Europarat, Deutsches Institut für Menschenrechte, 2009
Es existiert eine Online-Version.

Compass: Manual for Human Rights Education with Young People. Europarat, 2. überarbeitete und aktualisierte Ausgabe, Strasbourg 2012
Der Compass kann als PDF heruntergeladen werden.

Die erste Version des Compass (2002) ist in deutsch, englisch, französisch, russisch und arabisch zugänglich.

Freie Universität Berlin: Historical Learning meets Human Rights Education – Exploring the History of National Socialism.
Es existiert eine Projektwebsite.

Gerber, Paula. Review of '"anual for Human Rights Education with Young People" by Patricia Brander Et Al, Council of Europe, Strasbourg, 2012, 19(1) Australian Journal of Human Rights 199, 2013
Die Rezension kann als PDF heruntergeladen werden.

Kompass: Handbuch zur Menschenrechtsbildung für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. Bundeszentrale für politische Bildung, Europarat, Deutsches Institut für Menschenrechte, 2005. 
Es existiert eine Online-Version.

"right now". Human Rights. Consultancy & Training.

 

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