Von Nadja Grintzewitsch

Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Bildungsbereich, die zum ersten Mal eine internationale Jugendbegegnung durchführen, werden vor vielfältige Aufgaben gestellt. Neben den organisatorischen Einzelheiten, wie Reise, Unterbringung oder Verpflegung der Teilnehmenden, die natürlich weit im Voraus angegangen werden müssen, stehen die Seminarleiterinnen und Seminarleiter früher oder später vor der Frage, wie die konkrete Durchführung des Projekts aussehen soll. Welche Inhalte sollen sich die Teilnehmenden erarbeiten, mit welchen Gruppengrößen muss gerechnet werden? Wie kann man überhaupt mit Jugendlichen arbeiten, die im besten Fall viele unterschiedliche Sprachen sprechen? Auf welche gemeinsame Sprache einigt man sich? Welche pädagogischen Methoden können und sollen überhaupt zum Einsatz kommen?

Verschieden, und doch gleich

Meine Linkempfehlung bezieht sich auf das englischsprachige Bildungstool all different – all equal (dt. alle verschieden, alle gleichwertig), welches vom Europäischen Jugendzentrum in Budapest erstellt und durch Gelder der Europäischen Union ermöglicht wurde. Menschen, die in Zukunft mit interkulturellen Gruppen arbeiten wollen oder bereits arbeiten, finden hier vielfältige Anregungen für die Durchführung ihrer Projekte. In drei Kapiteln werden unterschiedliche Zugänge zu den Überthemen Vielfalt, Antidiskriminierungsarbeit und Menschenrechtsbildung behandelt und konkrete Methoden für die Arbeit mit Jugendlichen vorgestellt, die auch für die Erwachsenenbildung verwendet werden können.

Ein großer Vorteil der Seite ist zunächst, dass vor allem im zweiten Kapitel versucht wird, für die Menschenrechtsbildung relevante Begrifflichkeiten (Intoleranz, Diskriminierung, Xenophobie, Rassismus …) zu definieren und voneinander abzugrenzen. Dies geschieht in nachvollziehbarer Art und Weise, ohne allzu wissenschaftlich zu klingen, und ist daher besonders für Jugendliche geeignet. Man könnte sich einzig fragen, wieso allein Antisemitismus als separates Feld aufgeführt ist, nicht aber Antiziganismus, Antiafrikanismus oder Homophobie.

Unterbrochen werden die Erläuterungen in den ersten beiden Kapiteln immer wieder durch reflektierende Fragen ("Welche Formen von Diskriminierung gibt es? Was ist der Unterschied zwischen einem Geflüchteten und einem Asylbewerber? "). Auf diese Zwischenfragen finden sich im Fließtext oft keine Antworten, sondern die Lesenden sind dazu angehalten, sich selbst Gedanken zu machen oder eigenständig zu recherchieren. Beispiele für die Fragen sind: "Wenn in deinem Land ein ausländisches Paar ein Kind bekommt, welche Staatsbürgerschaft hat es dann?" oder "Aus wie vielen Menschen besteht eigentlich eine Minderheit? ". Die Fragen sind also keine reinen Wissens- oder gar Suggestivfragen, sondern bewusst offen formuliert.

Hervorzuheben ist auch das dritte Kapitel, in welchem Multiplikatorinnen und Multiplikatoren möglicherweise neue Anregungen für Eisbrecher, Kennenlernspiele, Rollenspiele etc. finden werden. Dankenswerterweise gibt es zusätzlich eine ausführliche Einführung in die vorgestellten Methoden und allgemeine Tipps für die Seminarleitenden zur Durchführung eines interkulturellen Bildungsprogramms.

GIMA – group atmosphere, image, mechanism, act

Die Methoden sind nach den Buchstaben G (group atmosphere = Verbesserung der Gruppendynamik), I (image = Arbeit zum Bild, welches die Teilnehmenden von anderen Kulturen und Ländern haben), M (mechanisms = Untersuchung der Ursachen und Mechanismen, die zu Diskriminierung führen) und A (act = Handlungsoptionen für einen sozialen Wandel basierend auf Gleichheit und Akzeptanz) unterteilt. Zudem gibt es vier unterschiedliche Lernstufen, wobei Level 1 einer kurzen Aktivität entspricht und als Warm-Up dient, Level 4 den Teilnehmenden dagegen Konzentrationsfähigkeit und Vorwissen abverlangt und auch in der Vorbereitung aufwändiger und in der Durchführung meist zeitintensiver ist. Diese Aufteilung erlaubt es, die für die Gruppe passendste Methode auf einen Blick einschätzen zu können.

Zwei Beispiele für Methoden

Bei der Methode "Persönliche Helden" (Level I&A 2) soll sich jede Person ein persönliches Vorbild überlegen und die Wahl mit den anderen Teilnehmenden besprechen. Auf einem Flipchart sollen die Namen, Nationalitäten und Arbeitsbereiche (Sport, Musik, Politik…) der persönlichen Heldinnen und Helden zusammen getragen werden. Anschließend sollen die Teilnehmenden im Plenum analysieren, ob bestimmte Trends (Geschlecht, Nationalität, Alter) zu beobachten sind und was die Gründe dafür sein könnten. Ziel dieser Methode ist es, dass sich die Teilnehmenden in interkulturellen Gruppen besser kennenlernen, sich über nationale Vorbilder und historische Diskurse austauschen bzw. in einem abschließenden Schritt auch die Rolle der Medien für den (Un-)Bekanntheitsgrad der jeweiligen Personen diskutieren.

Beim "Eurojoke Contest" (Level I&M 4), der 45 Minuten in Anspruch nimmt, sollen dagegen vorausgewählte „normale“ Witze, aber auch solche über Minderheiten (inklusive Vegetarierinnen und Vegetarier, Popstars, Politikerinnen und Politiker) individuell bewertet und gemeinsam analysiert werden. Dies setzt ein Warm-Up und vorhergehende Diskussionen der Teilnehmenden voraus, damit die aus den Witzen übernommenen Stereotype nicht bloß reproduziert, sondern kritisch reflektiert werden. Ein Ziel dieser Methode ist, dass die Teilnehmenden zukünftig deutlich die Stimme gegen diskriminierende "Witze" erheben, wann immer sie einen hören.

Diese und weitere pädagogische Methoden werden auf der Webseite ausführlich vorgestellt, inklusive Ablaufbeschreibung, empfohlener Gruppengröße und Zeitaufwand. Eine kommentierte Linkliste hält zusätzlich Informationen zu einzelnen internationalen Jugendorganisationen in den Bereichen Sport, Medien, Bildung und vielen anderen Themengebieten bereit. Einziges Manko: Das Toolkit ist leider nur in den Sprachen Englisch und Französisch zugänglich. Allerdings werden Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in internationalen Jugendbegegnungen wahrscheinlich sowieso größtenteils auf Englisch zurückgreifen. Eine Übersetzung ins Spanische und Deutsche wäre dennoch für die Zukunft wünschenswert.

 

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