Zur Vertiefung

Erinnerungsarbeit und verunsichernde Empathie: Zwei wesentliche Bestandteile in interkulturellen Begegnungen

Der Autor ist Direktor des Martin-Springer-Instituts und Professor für Religionswissenschaften an der Northern Arizona Universität, USA.

Von Björn Krondorfer

In meiner Arbeit als Begleiter interkultureller Begegnungen, in denen die Frage der Aussöhnung eine Schlüsselrolle spielt, stoßen wir oft auf traumatische Erinnerungen. Traumatische Erinnerungen bergen immer die Gefahr der sozialen Ausgrenzung Anderer, weil sie die Wahrnehmung von Weltanschauungen zementieren, indem sie an bestimmten "Wahrheiten", die für die jeweilige Gruppenidentität bedeutsam sind, festhalten. Prozesse der Aussöhnung (oder Versöhnung) – hier allgemein verstanden als ein Wiedererlangen von zerbrochenem Vertrauen – wirken Exklusionsmechanismen entgegen, denn sie versuchen Brücken zu bauen, wo Diskriminierung, Vorurteile, Hass oder Gewalt die Menschen auseinander gebracht haben.

Zwei Komponenten sind besonders hilfreich für interkulturelle Versöhnungsprozesse, deren Ziel es ist, einen Umgang mit Dynamiken von Diskriminierung zu finden: Erinnerungsarbeit, ein Konzept, das jenen, die sich für ein "Lernen aus der Vergangenheit" engagieren, vertraut sein dürfte; und die verunsichernde Empathie (unsettling empathy), eine Komponente, der wir stärkere Aufmerksamkeit widmen sollten. Beide Komponenten kommen zur vollen Geltung, wenn sowohl kognitive als auch affektive Ebenen von Lernen und Erkenntnis in eine Balance gebracht werden.

Konflikte über den Zeitrahmen einer Generation hinaus

Der Ausdruck "Lernen aus der Vergangenheit" setzt ein weit-angelegtes, zeitliches Kontinuum voraus, und in meiner Arbeit habe ich es vor allem mit Gruppen zu tun, in deren Umfeld Konflikte über den Zeitrahmen einer Generation hinaus andauern. Wenn sich Konflikte über mehrere Generationen erstrecken, müssen wir uns aktiv mit verletzenden und traumatischen Erinnerungen auseinandersetzen. Quälende Erinnerungen schränken soziale Gruppen, die miteinander im Konflikt stehen, darauf ein, in vorbestimmten Weisen zu handeln: sie grenzen sich voneinander ab, verteidigen ihre Gruppenidentitäten, klammern sich an kollektive Leidensgeschichten, oder sind von ihren Geschichten einer heroischen Vergangenheit überzeugt. Wir alle haben Erinnerungen, die sich über Wiederholungen in Familien und sozialen Gefügen festigen; im Gegensatz dazu ist die Erinnerungsarbeit der Versuch, sich aktiv mit den Mühen und Nöten schwieriger Erinnerungen zu beschäftigen. In der Tat finde ich diese Komponente immer wieder, wenn ich mit jungen Erwachsenen arbeite, die aus unterschiedlichen Hintergründen kommen; sie ist so markant, dass ich meinen methodischen Zugang "interkulturelle Erinnerungsarbeit" nennen möchte.

"Interkulturelle Erinnerungsarbeit"

Über viele Jahre hinweg habe ich mit der dritten Generation gearbeitet, und zwar in einmonatigen Begegnungsprogrammen mit amerikanischen Jüdinnen und Juden und ihren nichtjüdischen deutschen Gegenübern; während wir zusammen durch die Vereinigten Staaten, Deutschland und Polen reisten, setzten wir uns mit den Auswirkungen des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs auseinander. Ich begleite auch fünftägige Versöhnungsseminare mit amerikanischen Studierenden mit unterschiedlichen ethnischen, religiösen und kulturellen Hintergründen. Fernerhin suchen wir in generationenübergreifenden Seminaren mit Palästinensern, Israelis und Deutschen Brücken der Verständigung aufzubauen. Weitere Versöhnungsprojekte, die ich begleitet habe, haben die Apartheid in Südafrika oder Generationskonflikte in der jüdischen Gemeinde in Melbourne (Australien) zum Thema gehabt. Oder sie widmen sich dem Themenfeld der Migration und Menschenrechtsfragen, wenn wir für mehrere Tage Studierende in die Wüste Arizonas an die U.S-Mexikanische Grenze begleiten. Obwohl sich all diese Begegnungen in vielerlei Hinsicht unterscheiden, bleiben die leitenden Paradigmen dieselben:

  • aktive Beteiligung an alternativen Formen der Kommunikation, die eine Risikobereitschaft, ein Offenbaren von Verletzbarkeit und Aufrichtigkeit erfordert
  • ein Einüben von aufmerksamen Zuhören, direkten Antwortgeben, und anteilnehmendem Einfühlungsvermögen
  • ein Bewusstwerden der Auswirkungen von Familienbiografien, gemeinschaftlichen Erinnerungen, und nationalen Geschichtsbildern

Verwobenheit von Familienbiografien mit offiziellen Geschichtsbildern

Wenn sich Gruppen, die im Konflikt miteinander stehen, im Kontext von Versöhnungsprozessen treffen, wird ihnen die Möglichkeit gegeben zu verstehen, wie eng ihre Familienbiografien mit offiziellen Geschichtsbildern verbunden sind. Es gehört zur Erinnerungsarbeit, ein Bewusstsein für größere gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu fördern, die die affektiven Erfahrungen gegenüber dem historischen Gedächtnis und den aktuellen Konflikten prägen. Es ist zum Beispiel wichtig zu benennen, ob kollektive Gruppen Verwundungen durch die Hände anderer erleiden mussten oder ob sie selber schuldhaft in Verbrechen verstrickt waren (bzw. sind). Die Zugehörigkeit zu Großgruppenidentitäten führt nicht nur zu Unterschieden im kognitiven Verständnis des eigenen Standorts in der Welt, sondern ist auch mit emotionalem Gepäck belastet: Furcht, Abwehr, Verleugnung, Überidentifikation, Ängstlichkeit, Widerstand, Schuld, Stolz, Scham – und all die emotionalen Feinheiten dazwischen. Daher müssen wir, wenn wir in internationalen Zusammenhängen arbeiten, die von vergangener Feindschaft oder gegenwärtiger Zwietracht geprägt sind, unsere Aufmerksamkeit auf die erodierende Kraft traumatischer Erinnerungen richten, die sich auf sozialen Beziehungen auswirkt. Ziel ist es, Wege zu finden, die aus alten Kommunikationsmustern herausführen und Visionen der Verständigung (wieder)beleben.

Verunsichernde Empathie (unsettling empathy)

Das bringt mich zu meinem zweiten Punkt. So wichtig es ist, traumatische Erinnerungen sorgsam im Blick zu behalten, so notwendig ist es, eine "verunsichernde Empathie" zu wecken. Verunsichernde Empathie ist für mich eine Haltung, die gelernt und praktiziert werden muss, insbesondere von Menschen, die sich aufgrund historischer und aktueller Feindseligkeiten mit Misstrauen begegnen. Ich nenne es eine Haltung, weil es sich hier nicht nur um eine pädagogische Methode oder ein didaktisches Werkzeug handelt. Vielmehr ist die verunsichernde Empathie eine Art praktiziertes Bewusstsein, eine beziehungswillige Verbindlichkeit für einen anteilnehmenden Umgang mit dem Anderen.

Ein derart praktiziertes Anteilnehmen verunsichert, denn es bringt eigene Annahmen über die Welt und den eigenen Platz in dieser Welt ins Schwanken. Innerhalb kulturell-homogener Gruppen ist eine verunsichernde Empathie in der Regel nicht wirksam; in interkulturellen Begegnungen kommt sie jedoch zur Geltung. Sie kann sich zunächst durch das Gefühl bemerkbar machen, den Boden unter den Füßen zu verlieren, weil eigene Wertvorstellungen und bisherige Wahrnehmungen und Grundannahmen nicht mehr, wie bisher, im selben Maße gelten. Obwohl Momente verunsichernder Empathie auch in intellektuellen Debatten auftreten können, zeigt sich ihre volle Wirkung erst in Situationen, wo Teilnehmende mit nonverbalen Übungen engagiert werden.

"Living Sculptures" – ein Methodenbeispiel

Von den zahlreichen kreativen Ansätzen, auf die ich mich in meiner interkulturellen Erinnerungsarbeit stütze, möchte ich hier auf die "Living Sculptures" verweisen, da diese ein besonders wirksames Mittel sind, um Menschen ihre tief verwurzelten Überzeugungen und Weltanschauungen vor Augen zu halten. In den "Living Sculptures" geschieht es häufig, dass Teilnehmende die Diskrepanzen spüren, die sich zwischen kognitiven und affektiven Ebenen des Verstehens auftun.

"Living Sculptures" ist ein Mittel der szenischen Improvisation, bei der individuelle und kollektive Identitätskonflikte durch themenzentrierte und verkörperte Kreationen eines "Standbilds" ans Tageslicht kommen. In kleinen Gruppen bereiten die Teilnehmenden aus ihren eigenen Körpern eine Gesamtskulptur vor, die die ihnen aufgetragene Aufgabe repräsentiert. Diese Skulpturen dürfen sich weder bewegen noch sprechen. Ich weise die Gruppen oft an, ihre Skulpturen als ein Monument an einem öffentlichen Platz zu begreifen. Die Kleingruppen haben für die Vorbereitung nur wenig Zeit (ca. 15-20 Minuten), damit der Improvisationscharakter dieser Übung bewahrt bleibt. Es ist wichtig, das vorgegebene Thema nicht verbal zu intellektualisieren, sondern es spontan darzustellen.

Jede Skulptur wird schließlich der Gesamtgruppe gezeigt. Dann beginnt die eigentliche Deutungsarbeit, die je nach Rahmenbedingungen auf unterschiedliche und vielschichtige Weise durchgeführt werden kann. So können beispielsweise die Außenstehende die Skulptur zunächst umrunden und beschreiben, was sie sehen; sie können der Skulptur einen Titel geben oder ihren emotionalen Gehalt benennen; sie können auch mit einem der Körper in der Skulptur den Platz tauschen. Als Begleiter der Deutungsarbeit kann ich beispielsweise Elemente der Skulptur isolieren, etwa die Gestik einer Hand, um dann diese "Hand" sprechen zu lassen. Oder ich kann bestimmte Personen in der Skulptur berühren und sie bitten, etwas von sich zu erzählen, oder sie zu ermutigen, ihre Position zu verändern, wobei häufig das Gesamtgefüge einer Skulptur in Bewegung gerät.

In interkulturellen Begegnungen können die einzelnen Gruppen z. B. aufgefordert werden, einen Aspekt ihrer nationalen Geschichte darzustellen. Zum Beispiel können die Deutschen ein Standbild kreieren, welches ihre Sicht auf die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Deutschland ausdrückt, während gleichzeitig Israelis oder jüdische Amerikanerinnen und Amerikaner das Gleiche aus ihrer Perspektive tun. Diese nationalen Skulpturen unterscheiden sich immer voneinander; sie sind nie so, wie die Teilnehmenden selbst es erwartet hätten. Das Ergebnis ist immer wieder erstaunlich, da die Skulpturen Aspekte kollektiver Identitäten ans Licht bringen, die nicht bewusst gewollt und den kleinen Teams, die sie geschaffen haben, nicht bekannt sind. Die Darstellung und die interpretative Arbeit mit Körperstandbildern wirken sich stets "verunsichernd" aus auf die Teilnehmenden. Es sind diese Verunsicherungen, die zu Veränderungen führen können.

Affektive und kognitive Ebenen der Kommunikation

Eine verunsichernde Empathie wird zunächst häufig als ein Gefühl der Verwirrung und der Angst gespürt. Das kann Gegenreaktionen der Abwehr und Verängstigung provozieren. Aber wenn gezielt mit diesen Emotionen umgegangen wird, entwickelt sich die zunächst als gefühlsempfundene "verunsichernden Empathie" in eine ethische Haltung. Im Idealfall und im Laufe der Zeit kann diese Haltung zum Habitus werden, der die eigene Lebenseinstellung durchdringt, begleitet und strukturiert.

Um verunsichernde Empathie in einer konstruktiven Weise zu erleben, muss ein Schutzraum geschaffen werden, der für individuelle und soziale Erkundungen förderlich ist. In diesem Raum werden die Teilnehmenden ermutigt, sich ihren Vorstellungen von sich selbst und anderen durch affektive und kognitive Ebenen der Kommunikation zu stellen, und zwar mit Hilfe von kreativen, körperzentrierten und nonverbalen Einheiten. Derart konzipierte Versöhnungsprozesse begnügen sich nicht mit

  • einer oberflächlich-freundlichen Unterhaltung
  • kulturell-dominaten Deutungsmuster
  • einer komfortablen Sicherheit von einstudierten Meinungen
  • Loyalitäten, die von Großgruppenidentitäten verlangt werden

Versöhnungsprozesse sind offene Prozesse

Damit Versöhnungsprozesse wirksam stattfinden können, müssen konfliktbehaftete Gruppen eingebunden werden in die Geschichte und den Traumata der jeweils Anderen. Es handelt sich hier um offene Prozesse: sie können nicht an im Voraus bestimmten Zielen gemessen werden, sondern nur an ihrem Transformationspotenzial. Diese Prozesse fordern von den Teilnehmenden, voll und ganz präsent zu sein. Es reicht nicht aus, lediglich die soziale Wirklichkeit und Wahrnehmung der je anderen Gruppe zu beschreiben. Vielmehr ist es die Haltung der verunsichernden Empathie, die das eigene Wahrnehmen des In-der-Welt-Seins in Frage stellt und revidiert, mit dem Ziel, ein gewisses Maß an gegenseitigem Vertrauen wiederherzustellen.

Diese kurzgefassten Gedanken zeugen von einem visionären Charakter. Aber diejenigen, die solche Prozesse erlebt haben, wissen, wie relevant und übertragbar sie sind für Lebensrealitäten, die von Ausschlussmechanismen dominiert werden. Soziale Gruppen schließen nicht aus, weil Menschen bösartig und rachsüchtig sind; sie tun es, weil Ausschlussmechanismen ihre Wirksamkeit dann entfalten, wenn wir unterschätzen, wie sehr quälende Erinnerungen unsere oft unbewusst-affektiven Identifikationen mit Großgruppenmentalitäten beeinflussen.

 

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