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Diskriminierung und Ausgrenzung als Themen für die internationale Projektarbeit – oder: Was leisten Jugendaustauschprojekte?

Die Autorinnen sind die Programmleiterinnen des Förderprogramms EUROPEANS FOR PEACE der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".  

Von Judith Blum und Corinna Jentzsch

"Keine Chance für Diskriminierung!" steht in grellen Farben auf einem Aushang an einer Gesamtschule. Paul fragt, was Diskriminierung überhaupt ist. Der Siebzehnjährige ist sich sicher: "Ausgrenzung und Benachteiligung?! Das gibt es bei uns nicht." Maria, zwei Jahre jünger, ist gelangweilt: "Was geht mich das an?" – keine undenkbare Reaktion auf deutschen Schulhöfen.

Allerdings: Diskriminierung und Ausgrenzung ist Alltag! Ein Muslim wird nicht zum Geburtstagsfest eingeladen oder eine Bewerberin wegen ihres fremd klingenden Namens nicht zum Gespräch gebeten. Und: es kann jeden treffen, jeder kann ungleich behandelt werden, ohne dass es zulässig wäre. Dafür muss man keiner religiösen oder ethnischen Minderheit angehören. Es reicht, dass die Scherze über das Körpergewicht des Mitschülers kein Ende finden und die Ausgrenzung befeuern.
Diese Beispiele zeigen zwei wichtige Aspekte von Diskriminierung. Erstens ist es gar nicht wichtig, ob der Nachbar wirklich Muslim ist und die Bewerberin tatsächlich Ausländerin. Es reicht, dass diesen Menschen ein Merkmal zugeschrieben wird und dieses bewusst oder unbewusst zu unfairem Verhalten ihnen gegenüber führt.
Zweitens ist Diskriminierung immer auch ein soziales Phänomen. Denn es braucht immer eine Gruppe, manchmal eine ganze Gesellschaft, die Diskriminierung zumindest toleriert. Die zum Beispiel nicht eingreift, wenn Frauen trotz bester Qualifikationen nicht aufsteigen. Strittig ist nicht nur in der Geschlechterdebatte häufig, welche Ungleichbehandlung auch eine regelwidrige Benachteiligung ist. Die schwierige Frage lautet, allgemeiner gefasst: Ist jede Benachteiligung schon Diskriminierung?
Eindeutig ist aber, dass Diskriminierung nicht nur eine Gegenwart hat, sondern auch eine lange Geschichte. Die systematische Diskriminierung und Entrechtung von Minderheiten im Nationalsozialismus zeigte die fatalen Folgen: auf die Ausgrenzung folgte die Aberkennung von Rechten, Ausbeutung, Vertreibung und schließlich die grausame Vernichtung von Menschen.

Diskriminierung ist Unrecht – Menschenrechte sind einklagbar

Geduldete Diskriminierungen sind immer auch ein Ausdruck des Zeitgeistes. Dadurch erscheint Benachteiligung manchmal als normal. So stört sich niemand in der Schulgemeinschaft daran, dass der Schüler im Rollstuhl nicht in die Aula kann, weil es immer so war. Aber: es ist häufig Diskriminierung! Und diese ist nicht nur moralisch verwerflich – sie ist Unrecht! Artikel 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 besagt: Die Menschenwürde und die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten gelten, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigem Stand.
Europäische und deutsche Gesetze machen dieses Gebot zu einklagbarem Recht. Viele Maßnahmen sollen Diskriminierungen verhindern helfen. Gelingen wird dies ausschließlich dann, wenn Gleichbehandlung zum Wertekonsens gehört. Wenn wir individuell im Alltag für die Menschenwürde eintreten und alle an der Gesellschaft teilhaben können. Wenn das Lernen, wie das geht, zum Erwachsenwerden dazugehört. Deshalb sollte das Thema Ausgrenzung Jugendliche interessieren. Deshalb sollten Erwachsene die Jugendlichen für das Thema Diskriminierung sensibilisieren.

Diskriminierung als Thema in internationaler Jugendarbeit

Ein gelungener Jugendaustausch und erfolgreiche gemeinsame Projektarbeit Jugendlicher zum Thema Diskriminierung leisten dabei Außergewöhnliches: Sie schärfen den Blick auf gesellschaftliche und individuelle Teilhaberechte und schaffen interkulturelle Kompetenz. Sie senken die Wahrscheinlichkeit, dass die Jugendlichen Grundrechte einzelner Gruppen in Frage stellen. Sie helfen dabei, dass sich Vorurteile und Konflikte nicht in den Strukturen der Gesellschaften verankern, dass positive Bilder von Freiheit und Vielfalt den Zeitgeist prägen. Die Jugendlichen lernen im besten Fall, Vorurteile und Stereotype zu hinterfragen, erforschen subjektive Handlungsspielräume und machen sich bewusst, welche Rechtsmittel, Organisationen und Menschen ihnen beim Engagement für Menschenrechte und Menschenwürde helfen.

Durch diese Projektarbeit stellen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Fragen, die sie persönlich berühren, in ihrem Umfeld relevant sind und die Gesellschaft betreffen: Wo wird wer in meinem Umkreis diskriminiert? Und warum? Aus den Antworten darauf können Jugendliche Gegenstrategien entwickeln, ihr eigenes Handeln darauf einstellen üben und Anderen vermitteln.
Aktuelle Themen gibt es mehr, als einer offenen Gesellschaft lieb sein kann: Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Homophobie sind nur wenige Beispiele aus dem Feld gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Internationale Austauschprojekte ermutigen Jugendliche, in ihrer unmittelbaren Lebenswelt Diskriminierung zu erkennen und die Hintergründe der Abwertung des anderen aufzudecken, sei es Herkunft, Hautfarbe, Ethnie, Religion, politische Anschauung, körperliche oder geistige Fähigkeiten, Geschlecht oder sexuelle Orientierung.

Ausgangspunkt und Bezugsgröße für die grenzüberschreitende Projektarbeit können auch historische Ereignisse sein. In Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in Europa untersuchen Jugendliche Ursachen, Mechanismen und Folgen der Ausgrenzung von Gruppen, die bis zur systematischen Vernichtung von Menschen führte. Dabei nutzen sie in einem Austauschprojekt die verschiedenen Perspektiven der beteiligten Länder. Sie können anhand von Biografien und realer Ereignisse auch Möglichkeiten untersuchen, ausgegrenzten und verfolgten Menschen zu helfen, sie können "Lehren aus der Geschichte" ziehen und Schlussfolgerungen für eigenes Handeln finden.

Der Wert der Projektarbeit beim Jugendaustausch liegt im besonderen Lernraum: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen hier nicht im normalen schulischen Rahmen. Die Übernahme der Rolle als Gast oder Gastgeber, die Arbeit mit zunächst Fremden und häufig über Sprachhürden hinweg rüttelt an ihrer Normalität, durchbricht ihren Alltag. Die Jugendlichen hinterfragen oft zum ersten Mal eigene Vorurteile, die Selbstverständlichkeit von Privilegien und Benachteiligungen und reflektieren Selbstbilder und Fremdbilder. Sie machen damit auch eine soziale und emotionale Selbsterfahrung.

Nach einem solchen Jugendaustausch ist sich der Schüler Paul bewusster geworden, dass Diskriminierung auch in seinem Umfeld eine Rolle spielt. Seine Mitschülerin Maria kennt Gegenstrategien, die sie einsetzen kann und hat erkannt, dass Jede und Jeder Verantwortung trägt. Und beide wissen, was sie ihren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden sagen, wenn diese abwinken und sagen: "Diskriminierung – was geht mich das an?"

Das Förderprogramm EUROPEANS FOR PEACE

Daher möchte die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) mit dem Förderprogramm EUROPEANS FOR PEACE zum themenbezogenen internationalen Jugendaustausch anregen. Seit 2005 werden internationale Austauschprojekte für Jugendliche aus Deutschland und den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas sowie Israel gefördert. Schulen oder außerschulische Bildungsträger können sich jährlich in internationaler Partnerschaft um die Förderung ihres gemeinsamen Vorhabens bewerben. Gefördert werden können internationale Projekte, die sich historisch oder gegenwartsbezogen auf eine Fragestellung zum Ausschreibungsthema beziehen: "Diskriminierung: Augen auf! Projekte über Ausgrenzungen damals – und heute". Dabei ist es ein Anliegen des Programms, dass die Projekte historisches Lernen mit aktueller Menschenrechtsbildung verbinden.
Die neue Ausschreibung wird im Juni 2015 veröffentlicht.

Wir danken allen Beteiligten für die anregenden Beiträge in dieser Ausgabe des Magazins von "Lernen aus der Geschichte".

 

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