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Internationaler Austausch über NS-Zwangsarbeit per Mailing Liste

Dr. Bernhard Bremberger, Kulturwissenschaftler. Studium der Ethnologie, Musikwissenschaft und Geschichte. Seit der Jahrtausendwende vor allem Forschungen zur NS-Zeit, insbesondere Zwangsarbeit und Lokalgeschichte in Berlin-Neukölln, außerdem zu Strafvollzug (Zuchthaus Cottbus), Medizingeschichte und Widerstand. www.zwangsarbeit-forschung.de

Von Bernhard Bremberger

Die internationale Mailing Liste NS-Zwangsarbeit ist seit dem 28. Januar 2001 aktiv. Sie lebt vom regen Engagement der heute rund 300 Listenmitglieder. Der Autor dieses Beitrags ist Gründer, Administrator und Moderator der Mailing Liste, Co-Administrator ist Cord Pagenstecher.

Hier sollten zunächst die Umstände der Zeit geschildert werden, der die Liste ihre Gründung verdankt – doch über die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zunehmenden Begegnungen mit ehemaligen Sowjetbürgern, die Arbeit von „Barfußhistorikern“ und Geschichtswerkstätten zur Zwangsarbeit und zur Entschädigungsdebatte mögen Berufenere Auskunft geben.

Um die Jahrtausendwende jedenfalls war das Thema „Zwangsarbeit“ auch in der Öffentlichkeit angekommen: Tageszeitungen und Magazine berichteten dazu, Archive sichtetenihre Bestände, Museen bereiteten Ausstellungen vor (etwa der Verbund Berliner Heimatmuseen) und ließen ABM-Kräfte dazu recherchieren.

Im Jahr 2000 forschten in einzelnen Berliner Bezirken einige Dutzend Personen zu dem Thema, doch die wenigsten kannten sich bzw. hatten Kontakt untereinander. Eine Arbeitstagung im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt sollte dem abhelfen und weiteren Austausch anregen. Diese wurde unterstützt vom Kulturamt Neukölln, der Berliner Geschichtswerkstatt und dem Kontakte e.V. Neben Berichten über lokale Projekte und zur „Entschädigung“ generell wurde auch über die Möglichkeit zum Austausch über die Mailing Liste NS-Zwangsarbeit informiert. Noch am selben Abend meldeten sich ein Dutzend Interessent/innen an.

Eine Mailing Liste bietet die Möglichkeit, dass jedes Mitglied eine Nachricht verschickt, welche in der Regel ohne weitere Einschränkung in kürzester Zeit auf dem Rechner aller anderen Teilnehmer/innen ankommt. Da diese Liste unmoderiert ist, findet keine inhaltliche Kontrolle statt. Allerdings werden Interessent/innen vor der Freischaltung gebeten, sich und ihr Interesse am Thema zunächst dem Moderator und dann auch den anderen Listenmitgliedern darzustellen.

Vorbild war die von Klaus Graf ins Leben gerufene Mailing Liste „Hexenforschung“, die zeigte, wie ein schneller, informativer Austausch bewerkstelligt werden kann, der überdies basisdemokratisch ist, also keine höhere Institution benötigt. Tatsächlich gab es seinerzeit den Eindruck, als würden die für die „Entschädigung“ der Zwangsarbeit zuständigen Institutionen nicht „in die Pötte“ kommen; eine effektivere Form des Austausches erschien dringend notwendig.

Neue Mitglieder fand die Mailing Liste zunächst durch Mund-zu-Mund-Propaganda, und es konnten Personen angesprochen werden, mit denen ich vorher schon wegen des Themas in Kontakt stand. Nach einem Monat hatte die Liste knapp 70 Mitglieder. Da sich damals auch lokale Archive mit der Suche nach Nachweisen (http://www.berlin.de/labo/entschaedigungsbehoerde/dienstleistungen/kst.html) für Zwangsarbeiter/innen beschäftigten, konnten sie leicht für die Liste gewonnen werden. Auch andere Einrichtungen und Personen wurden durch gezielte Mails geworben. Wieder andere meldeten sich auf Hinweise im Netz, beispielsweise auf der Website „Zwangsarbeit-Forschung“.

Dank Ralf Blank konnte die Liste, die anfangs über KBX7 lief, schon Mitte 2001 zum Historischen Centrum Hagen migrieren, wo sie seitdem wunderbar technisch betreut wird. Das Listenarchiv war von Anfang an nicht öffentlich, heute existiert auch kein internes Archiv mehr. Wohl aber hat jedes Mitglied die Möglichkeit, sämtliche Mails auf dem eigenen Rechner zu archivieren.

Nach einem Jahr war der Stand von 300 Listenmitgliedern erreicht, und diese Zahl blieb bis heute konstant - trotz der Fluktuation (insgesamt 767 Personen in 15 Jahren). Diese rührt von einer gewissen Konjunktur des Themas Zwangsarbeit her: Für Archive war es während der „Nachweissuche“ relevant, Museumsmitarbeiter/innen hatten befristete Stellen und wechselten danach in Arbeitslosigkeit oder andere Tätigkeitsfelder, wieder andere schrieben Haus- oder Examensarbeiten und blieben dann nicht mehr beim Thema. Auch sind einige Mitglieder mittlerweile verstorben. Doch über die Hälfte der 2001 beigetretenen Mitgliedern sind heute noch in der Liste aktiv.

Knapp 90% der Mitglieder leben und wirken in Deutschland – besonders viele in Berlin, knapp 10% in den Nachbarländern, vor allem Österreich, Niederlande, Belgien, Schweiz, auch Italien und Dänemark. Die Kolleg/innen aus der polnischen und der ukrainischen Partnerorganisation kamen schon zur Sprache, auch die USA ist mit einigen Mitgliedern vertreten. Der Traffic beläuft sich derzeit auf rund 450 Mails pro Jahr; manchmal sind pro Tag zehn, manchmal nur zwei in einer Woche zu bewältigen.

Nach dieser kurzen Historie der Liste und einigen Zahlen seien einige subjektive Eindrücke  angesprochen, welche die Entwicklung verdeutlichen:

  • Etablierte Personen verhielten und verhalten sich sehr zurückhaltend mit einer Mitgliedschaft in der Liste, ebenso anfangs die einschlägigen Einrichtungen. Das hat sich heute geändert, offenbar haben sich mittlerweile auch in Institutionen die Vorteile der unabhängig von ihnen entstandenen Mailing-Liste herumgesprochen.
  • Anfangs dominierte die Nachweissuche für die „Entschädigung“ die Liste, etwa Fragen, wie man einen entstellten Ortsnamen identifiziert oder wer etwas über bestimmte Firmen weiß. Sie begleitete die entschädigungspolitische Debatte, allerdings ohne in Entscheidungen eingreifen zu können.
  • Besonders hilfreich war, dass über die Liste ein direkter Austausch zwischen einzelnen Mitarbeiter/innen der polnischen (http://fpnp.pl/index_de.php)bzw. ukrainischen Partnerorganisation und den nachweissuchenden Archiven möglich war. Dies ersparte oft die viel zu langen Dienstwege - was hoffentlich den auf eine „Entschädigung“ wartenden ehemaligen Zwangsarbeiter/innen zu Gute kam.
  • Heute stehen Hinweise auf Veranstaltungen, Publikationen und Sendungen zur Zwangsarbeit im Vordergrund, auch nehmen entschädigungspolitische Informationen zu, die über das eng gefasste Listenthema „NS-Zwangsarbeit“ hinausgehen, z. B. NS-Politik gegen „Asoziale“, weitere offene Fragen der „Entschädigung“(etwa sowjetische Kriegsgefangene, Italienische Militärinternierte oder Massaker in Griechenland). Auch gibt es Postings zur Zwangsarbeit im globalen Kontext, wobei die Thematisierung der Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen offenbar immer wieder Empfindlichkeiten weckt und zu grundsätzlichen Diskussionen Anlass gibt.
  • Forschungsfragen sind heute weniger auf einzelne Fälle bezogen. Umfassendes Brainstorming gab es in der letzten Zeit beispielsweise zu Zwangsarbeiterliedern, Arbeitsgemeinschaften zum Betrieb von Lagern, Filmen über Zwangsarbeit, Lagerzäunen oder Holzschuhen – Fragen, die etwa im Zusammenhang mit Ausstellungen relevant werden.

Die Mailing Liste NS-Zwangsarbeit ist nunmehr fast 15 Jahre in Betrieb. Ich betrachte sie als ein Beispiel dafür, wie in Privatinitiative eine unabhängige Plattform geschaffen werden konnte, die erfolgreich den Austausch von Personen mit verschiedensten Interessen ermöglicht: Forschung, Entschädigungspolitik, Archive, gedenkpolitische Gruppen, Begegnungsinitiativen, persönliche Begegnungen und Betroffene (Familienforschung). Die Mailing Liste NS-Zwangsarbeit steht auf einer breiten Basis und kann sich durch das Engagement der Listenmitglieder immer neuen Aufgaben stellen.

 

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