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Du bist anders? - Eine Online-Ausstellung über Jugendliche in der Zeit des Nationalsozialismus

Dr. Constanze Jaiser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Agentur für Bildung und war bis 2013 bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas Projektleiterin des Internetportals „Du bist anders?“

30 Jugendliche und Kinder, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden, sind seit Herbst 2012 auf dem Internetportal "Du bist anders?" porträtiert. Die Hälfte ist dem Deutschen Reich zuzuordnen. Ungefähr die Hälfte hat überlebt. Neben jüdischen Jugendlichen (ein Drittel) finden sich hier Sinti, als "asozial" Verfolgte, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, Menschen mit Behinderung, Zeug/innen Jehovas, Kriegsgefangene, die Geschichte eines Leningrader Kindes aus der Zeit der Hungerblockade sowie Opfer der Wehrmachtsjustiz.

Der Zugang erfolgt über sogenannte "Symbolbilder" und Einstiegssätze, die sich in einer Art "Sternen-Galaxie" auf der Startseite gruppieren. Hier erscheinen dann sukzessive auch die Beiträge, die die jugendlichen Nutzer/innen zu den jeweiligen Biographien in einem eigenen Userbereich erstellen können.

Quellen

Die benutzten und eingesetzten Quellen sind sehr unterschiedlich: Stand im Fall eines an spastischer Lähmung erkrankten Mädchens eine Patientenakte und Zeitzeugenberichte bzw. Briefe von sie damals betreuenden Erwachsenen zur Verfügung, so konnten wir im Fall eines jüdischen Polen, der aus dem Deportationszug sprang und versteckt im Wald überlebte, auf ein Videointerview zurückgreifen, dass die Stiftung Denkmal geführt und aufbereitet hatte. Studierten wir im Fall eines der lesbischen Liebe verdächtigten und als "asozial" verfolgten Mädchens die Gestapoakten, die im Landesarchiv Schwerin liegen, so arbeiteten wir im Fall eines schwarzen Jungen, der das KZ Buchenwald überlebte, außer mit dem von der Stiftung Denkmal geführten Videointerview, mit seiner Autobiographie und mit weiteren Akten, die uns der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen zur Verfügung stellte.

Die Quellen wurden zum Teil von Jugendlichen und Erwachsenen eingesprochen, sie sind als Fotoalbum mitunter auch als "Hörcollage" aufbereitet, verarbeitet. Im Sinne der Nutzung für Jugendliche mit unterschiedlichem Vorwissen, wurden, nach sorgfältigem Quellenstudium, fünf Hauptaspekte als Erzählungen aufbereitet, die auch ohne die angebotene Vertiefungsebene, ja sogar ohne ein chronologisches Vorgehen funktionieren. Die Sprache ist jugendgerecht und leicht verständlich, zentrale und daher unvermeidbare Fachbegriffe werden mit der Mouseover-Funktion erklärt. In der rechten Spalte finden sich jeweils vertiefende Zusatzdokumente, die durch Anklicken eine Art "Archivbesuch" ermöglichen.

Ziele der Ausstellung

Ein Ziel bestand darin, mehrere Verfolgtengruppen nebeneinander zu thematisieren, eine europäische Dimension einzubeziehen und den Rezipienten eine breite Gestaltungsmöglichkeit der Lernwege zu ermöglichen sowie ihre eigene Position sichtbar zu integrieren.

Im Sinne der Inklusion schien es uns geboten, die Einteilung nach herkömmlichen Opferkategorien (Juden und Jüdinnen, "Zigeuner/innen", "Behinderte", "Asoziale", etc.) zurückzustellen zugunsten von Aspekten in den Biographien, die sich in diesen Kategorien gerade nicht abbilden. So kann durch die Art der Darstellung dazu angeregt werden, über Ähnlichkeiten und Unterschiede nachzudenken: „Bist Du wirklich anders?“, lautet die implizite Frage, die an die heutige Generation gestellt wird. Die gewählten Personen sind ungefähr im Alter der Zielgruppe, also mehrheitlich zwischen 15 und 21 Jahre alt. Sie zeichnen sich durch eine Vielfalt von Eigenheiten und Interessen aus: Sie schrieben Tagebuch oder Gedichte, machten Musik oder spielten Fußball. Sie waren also in gewisser Hinsicht nicht "anders" als heutige Jugendliche.

Doch durch die nationalsozialistische Weltanschauung wurden sie "anders" gemacht: zu Außenseitern und Außenseiterinnen, "Gemeinschaftsfremden", "Fremdrassigen", "Minderwertigen". Manche in der heutigen Generation Lebenden mögen strukturell Verbindungen zu eigenen Ausgrenzungserfahrungen erkennen. Doch es geht nun vor allem darum, die Differenz zum eigenen Leben im Einzelfall ganz konkret nachvollziehbar zu machen: Die brutale Stigmatisierung der vorgestellten Jugendlichen und Kinder unter dem NS-Regime oder unter deutscher Besatzung, die Folgen für ihr Leben sowie die Frage, wie die Betroffenen einen tapferen Umgang mit Diskriminierung, Verfolgung, Verlust, ja angesichts des Todes gesucht haben, tritt in den Mittelpunkt.

Anstelle der nationalsozialistischen Haftkategorien bildet gewissermaßen das Herausgestoßen-Werden aus der Volksgemeinschaft – „Du bist anders!“ wurde ihnen als Stigma zugewiesen – eine Klammer, mit der sich wiederum in der Arbeit mit heutigen Schülern/innen Überlegungen zu Menschenrechten und ihrer Verletzung entwickeln können.

Die Ausstellung Du bist anders? als Recherchetool und Online-Archiv für den Geschichtswettbewerb

Für die Teilnehmenden am Geschichtswettbewerb eignet sich die Ausstellung mit ihren verschiedenen Funktionen sehr gut als verlässliches Medium, um das eigene geschichtliche Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Will man sich zum Beispiel über die Verfolgung von Sinti und Roma informieren, so kann man über das Schlagwort "Anti-Zigeuner-Gesetze" (die Themen-Wolke hat auch eine alphabetische Sortierungsfunktion) die entsprechenden Biographien aufrufen und das jeweils Wichtige recherchieren; auch über eine allgemeine Suchfunktion lässt sich mit der Seite arbeiten. Kennt man erst einmal die Namen der porträtierten Sinti und Roma, liefert die sorgfältig erstellte Zeitleiste einfach und knapp wesentliche Daten zur Verfolgung dieser Gruppe.

Der Userbereich enthält als weitere Möglichkeit auch eine Referatsfunktion, um mit den vielfältigen Zugängen zur Geschichte zu arbeiten: Fotos und Dokumente können auf der Seite gesammelt und dann hier im eigenen Profil benutzt werden, die Europakarte und die Zeitleiste sowie die Themen-Wolke mit spannenden Begriffen (Liebe, Mobbing, Klamotten, Nachkriegsprozess, etc.) können nutzerfreundlich weiter verarbeitet werden.

Selbst, wenn das gewählte Thema nicht in die Zeit des Nationalsozialismus fällt, bieten die vielfältigen Aufbereitungen der Schicksale Anregungen, wie mit biographischem Material umgegangen werden kann: So wird zum Beispiel dazu ermutigt, eine eigene Geschichte zu erzählen, die auf einer sorgfältigen Recherche und Abwägung der ermittelten Daten und Fakten beruht – eine Erzählung, die jedoch immer auch als eigene Interpretation transparent gemacht werden sollte: durch die Beigabe relevanter Materialien, durch den Erzählton, bei der die erzählende Person in Erscheinung tritt mittels Verwendung der "Ich"- oder "Wir"-Form. Auch Mittel des kreativen Schreibens können für die Vermittlung einer Biographie fruchtbar gemacht werden.

Die künstlerische Interpretation der Geschichte, wie wir sie durch die Symbolbilder sichtbar gemacht haben, ist ebenfalls ein spannender Weg der persönlichen Auseinandersetzung, bei dem das, was man selber denkt, zum Ausdruck kommen kann und die Person, um die es geht, empathisch vorgestellt wird. Ein sehr eindrückliches Beispiel, wie die Ausstellung als Archiv und die kreativen Vermittlungsformen als Inspiration genutzt wurden, ist das Theaterstück eines Deutschkurses einer Schule in Coesfeld, die in Berlin ein Gastspiel gaben (vgl. den Bericht zu Uraufführung in Coesfeld)

Erinnerung aktiv mitgestalten

In den bereits erwähnten Userbereich können sich die jungen Geschichtsforscher/innen mit einem Spitznamen und einer E-Mail-Adresse (oder über den Facebook Account) registrieren und einloggen. Aus Datenschutzgründen werden keine weiteren Daten gespeichert, doch hat die Redaktion die Möglichkeit, Beiträge, die grob gegen rechtliche und moralische Belange verstoßen, auszuschließen.

Die Teilnehmenden des Geschichtswettbewerbs können diesen "Mitmach"-Bereich für ihre eigenen Rechercheergebnisse nutzen und ein eigenes virtuelles Erinnerungsarchiv schaffen – eine zweite "Galaxie" auf der Startseite, die sich erkennbar im Hier und Heute bewegt. Die Aufforderung "Zeigen, was ich denke" soll einen Raum öffnen, sich den Themen "Exklusion" und "Inklusion" zu widmen sowie sich mit philosophischen, gesellschaftspolitischen Aspekten und verschiedenen Formen von Erinnerungskultur zu beschäftigen: Die Jugendlichen können – mittels Handyvideos, Bildern, Tonaufnahmen, Gedichten, Kommentaren – ihre Gedanken zu den Verfolgtengeschichten formulieren, also "gedenken", sie können ihre Meinung äußern, eine eigene Spur auf dieser Seite hinterlassen und formulieren, welche Konsequenzen auch hinsichtlich heutiger Menschenrechtsverletzungen sie aus dem Erfahrenen ziehen.

Unser Ziel war es dabei nicht, eine Art "Kummerkasten" bereit zu stellen, sondern durch die Betonung der Stärken der von uns porträtierten Jugendlichen und der Handlungsspielräume der Akteurinnen und Akteure den Blick auf das, was möglich ist, zu lenken. Wir verstehen unsere Ausstellung nicht als fertiges Produkt, das nur eine Lesart zulässt, sondern bieten Begegnungen mit jugendlichen Verfolgten an, zeigen dabei, was uns wichtig war, und wollen damit in einen Dialog mit den jugendlichen User/innen treten.

 

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