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Deserteure – Ausbruch aus dem Zwang

Dr. Magnus Koch ist als freier Historiker am Institut für Staatswissenschaft an der Universität Wien sowie für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin tätig.

Von Magnus Koch

Deserteure sind Randfiguren der Geschichte. Das gilt umso mehr, je länger die Kriege zurück liegen, denen sie zu entfliehen suchten. Dabei sind die Motive bis heute weitgehend die gleichen geblieben: die Angst vor dem eigenen Tod oder auch vor der furchtbaren Gewalt an den Fronten, Heimweh oder Sehnsucht nach den Daheimgebliebenen, Fluchten vor Bestrafungen, die Kriegsgerichte denjenigen androhten, die gegen militärrechtliche Bestimmungen oder die harte „Disziplin“ verstießen. Häufig waren Deserteure Einzelgänger, konnten oder wollten sich nicht dem Zwang des Kollektivs oder einem vorformulierten Kriegsziel unterordnen. Wer desertierte, war auf sich allein gestellt, galt (und gilt zum Teil auch heute noch) als von Gott verlassen.  

Der Deserteur symbolisiert nicht nur das Phänomen der individuellen Entscheidung und häufig den Mut der Verzweiflung. Als Figur steht er auch für das, was die Militärapparate zu allen Zeiten am meisten fürchteten: das Auseinanderfallen oder Marodieren der Truppe, die sie befehligten – und in der Folge die Niederlage. Zur Zeit der stehenden Heere im 17. und 18. Jahrhundert etwa hatte derjenige Feldherr am meisten Aussicht auf den Gewinn eines Waffengangs, dem es gelang, möglichst viele seiner Soldaten überhaupt auf das Schlachtfeld zu bekommen. Die Möglichkeiten, sich auf dem Weg dorthin in die Büsche zu schlagen waren damals wohl noch größer als etwa im 21. Jahrhundert.

Dem Deserteur haftet auch das Bild des Desperados an. Gleichgesetzt wird oft der skrupellose Verbrecher und derjenige, der sich lossagt von der militärischen Disziplin, und der sich dem Prinzip von Befehl und Gehorsam verweigert.  Oder, gewissermaßen als passives Gegenbild: der Deserteur als armer Teufel, der sich ohnmächtig in Kellern versteckt, gepeinigt von Scham über die eigene vermeintliche Feigheit. Diese Klischees werden bis heute immer wieder reproduziert – wohl auch deshalb weil sie jahrhundertealte Vorstellungen und negative Stereotype bedienen.

Zumindest in der westlich geprägten Welt sollte in Zeiten der Individualisierung das Bild des Deserteurs positiver besetzt sein. Doch es fällt auf, dass dies wenn überhaupt meist für die Deserteure der jeweils „anderen“ Armeen gilt. So gibt es im Deutschland unserer Tage immer wieder emphatische Reportagen über diejenigen, die etwa in Jugoslawien, Vietnam oder zuletzt in Syrien nicht mehr kämpfen woll(t)en. Lebhaft diskutiert wurde in diesem Zusammenhang gar ein Asylrecht für Deserteure, das freilich in Deutschland niemals eingeführt wurde. Die zerstörerische Gewalt des Krieges sollte heute weniger denn je mit dem individuellen Streben nach Glück und persönlicher Entfaltung vereinbar sein.

Die Zeit der Weltkriege

Dieser zeitgenössische Blick auf die Deserteure und das Desertieren hat sich mittlerweile, genauer, seit Ende der 1980er Jahre, auch auf die Beurteilung des Ungehorsams in der Wehrmacht, also der deutschen Armee des Zweiten Weltkriegs, ausgewirkt. Ihre Deserteure haben zuletzt vergleichsweise große Aufmerksamkeit erfahren. Das wird auch dadurch deutlich, dass die Stadt Hamburg im Jahre 2015 ihr erstes offizielles Deserteursdenkmal einweihen wird. Wichtige Grundlage hierfür war die gesetzliche Rehabilitierung der Deserteure durch den deutschen Bundestag im Jahr 2002.

In der Zeit des Nationalsozialismus erfuhr das Feindbild des Deserteurs seine höchste Steigerung. Dazu muss man wissen, dass sich zuvor auch der Status des Soldaten tiefgreifend verändert hatte. Während im Ersten Weltkrieg – also 30 Jahre zuvor – noch das Soldatsein als Dienen-Müssen im Fokus stand, hatten die Nazis das Kämpfen und Sterben zum Dienen-Dürfen überhöht. Gekämpft werden sollte nun nicht mehr für Kaiser und Vaterland. Zwischen 1939 und 1945 zählte nur der bedingungslose Einsatz für den „Führer“ (Adolf Hitler) und die nationalsozialistische Bewegung. Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, in dem deutsche Kriegsgerichte in vier Kriegsjahren 18 Deserteure hinrichten ließen, waren es im Zweiten Weltkrieg 15.000 – eine furchtbare Steigerung der Urteilsbilanz. Dahinter stand eine vorher nie dagewesen Ideologisierung der Rechtsprechung.

Die Deserteure der Wehrmacht

In dem Maße, in dem sich der Charakter der Kriege änderte, wandelten sich auch die Erfahrungshorizonte derjenigen, die sich diesen Kriegen verweigerten. Die Nationalsozialisten hatten den von ihnen begonnenen Krieg als einen Kampf der Weltanschauungen ausgerufen, gerade der Krieg gegen die bolschewistische Sowjetunion wurde zur Entscheidungsschlacht „Arier“ gegen Slaven, Juden und andere vermeintlich „minderwertige Rassen“ erklärt. Ganz gleich, was ein Soldat dachte, der sich diesem Programm verweigerte, und was die Motive für sein Handeln waren: Für die Nationalsozialisten war er ein politischer Straftäter; und auch seine Familien mussten Verfolgung erdulden. Versorgungsansprüche für die Witwen und Kinder gab es übrigens auch nach 1945 in Ost- und Westdeutschland in aller Regel nicht.

„Wir können nicht wissen, wie wir uns damals verhalten hätten, aber wir wissen, wie wir uns verhalten hätten sollen.“ Angesichts des Wissens um den verbrecherischen Krieg, den die Wehrmacht vor allem in Ost- und Südosteuropa geführt hatte, haben Deserteure im Zweiten Weltkrieg also „das Richtige“ getan? So zumindest wäre der Satz von Elfriede Jelinek, Literaturnobelpreisträgerin aus Österreich zu lesen. Auch dort sind die (Todes-) Urteile gegen Deserteure und andere Verfolgte der nationalsozialistischen Militärjustiz erst kürzlich, im Jahre 2009, aufgehoben worden. Denn auch die österreichischen Soldaten kämpften in der „Großdeutschen“ Wehrmacht.

Deserteure waren und sind gesellschaftliche Außenseiter, doch es ist an der Zeit, die alten Schablonen (passives Opfer versus Desperado oder auch Verräter an den „Kameraden“ versus Helden des Widerstands gegen den Nationalsozialismus) einzupacken. Denn dieses Denken in Klischees wird der Komplexität der historischen und der aktuellen Akteure nicht gerecht. Realitäts- und zugleich lebensnäher – zumindest für die Moderne – ist das Bild desjenigen, der militärische und andere Zwänge zugunsten anderer Wertmaßstäbe aufgibt. Dies können politische oder religiöse Überzeugen oder die Abscheu vor der direkt erlebten Unmenschlichkeit des Krieges sein, aber auch die Sehnsucht nach der Familie oder die Angst vor dem eigenen Tod. Schaut man genau hin und hat dazu das Glück oder Geschick, die richtigen Quellen zu finden, lässt sich eine Menge lernen: über die jeweilige Zeit, ihre Handlungsbedingungen und Handlungsspielräume für die Einzelnen.

 

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