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1939 – Der Deutsche Überfall auf Polen als Auftakt zum Vernichtungskrieg

Jochen Böhler ist Historiker und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Imre Kertész Kolleg Jena – Europas Osten im 20. Jahrhundert. Historische Erfahrungen im Vergleich“. Zwischen 2000 und 2010 veröffentlichte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Warschau mehrere einschlägige Publikationen zur These des deutschen Überfalls auf Polen 1939 als „Auftakt des Vernichtungskrieges“.

Von Jochen Böhler

Am 1. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein und eroberte binnen weniger Wochen die Westhälfte des Landes – die Osthälfte wurde ab dem 17. September 1939 von der Roten Armee eingenommen. Den deutschen Truppen folgten motorisierte Polizeieinheiten, die „Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei“. Deutsche Soldaten wie auch deutsche Polizisten, SS-Männer und Angehörige des zivilen Verwaltungsapparates ermordeten bis Ende des Jahres Zehntausende Polen und Juden, sowohl Zivilisten als auch Kriegsgefangene. Der deutsche Überfall auf Polen nahm daher eine Entwicklung vorweg, die ab dem Sommer 1941, mit dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion, als „Vernichtungskrieg“ in die Geschichtsbücher  eingegangen ist. Dennoch werden die Ereignisse auf dem polnischen Kriegsschauplatz 1939, die den „Auftakt des Vernichtungskrieges“ bildeten, sowie deren Bedeutung bis heute weithin unterschätzt. 

Kriegsverbrechen der Wehrmacht

Tatsächlich existiert ein wichtiger Unterschied zum Vorgehen deutscher Truppen in Russland knapp zwei Jahre später: Zwar hatte Hitler in einer geheimen Ansprache vor den Befehlshabern aller Truppenteile am 22. August 1939 von der Wehrmacht „Größte Härte“ und die mitleidslose Unterwerfung und Vernichtung des Gegners gefordert. Im Vorfeld des deutschen Angriffs auf Polen waren aber nicht – wie im März 1941 – in Kooperation zwischen Reichs- und Wehrmachtführung – sogenannte verbrecherische Befehle ausgearbeitet worden, die die Ermordung von Zivilisten und Kriegsgefangenen durch deutsche Soldaten im besetzten Gebiet faktisch  sanktionierten. Dennoch erschossen deutsche militärische Einheiten bereits in den ersten Stunden des deutschen Vormarsches Hunderte männliche Einwohner polnischer Ortschaften. Wie war es dazu gekommen?

Den Soldaten der Wehrmacht – im Durchschnitt junge Männer im Alter zwischen 22 und 24 Jahren – war vor der Invasion eingeschärft worden, dass die Zivilbevölkerung sich an der Verteidigung des Landes beteiligen würde. Zusammen mit alten Vorurteilen gegenüber Polen und Juden und der Indoktrination in NS-Jugendorganisationen in den 1930er Jahren riefen diese Warnungen eine Partisanenphobie innerhalb der Truppe hervor. An allen Ecken und Enden der besetzten Ortschaften sahen deutsche Soldaten – vor allem des Nachts – polnische „Freischärler“ - so die damals geläufige Bezeichnung für Partisanen. Das Ergebnis waren Hunderte von unkontrollierten Schießereien, die – wie nachträgliche Untersuchungen seitens der Wehrmacht ergaben – zumeist durch „friendly fire“ ausgelöst worden waren und die auf deutscher Seite manchmal nicht nur Verletzte, sondern auch Todesopfer forderten. Als Reaktion auf solche vermeintlichen Partisanenüberfälle stürmten deutsche Truppen dann die Häuser der besetzten Ortschaft. Männer, Frauen und Kinder wurden im Affekt getötet oder verbrannten in den aus Wut angesteckten Gebäuden. Nach der Raserei wurde oftmals die Hälfte der überlebenden männlichen Einwohner exekutiert.

Wut- und Rachegefühle waren offenbar auch die Ursache für die Ermordung von Tausenden polnischen Soldaten unmittelbar im Anschluss an ihre Gefangennahme. Oftmals wurden sie gar nicht als gleichwertige Gegner, sondern ebenfalls als Partisanen betrachtet, weil sie angeblich „feige“ und „heimtückisch“ gekämpft hatten, indem sie aus Häusern und von Bäumen auf deutsche Soldaten schossen. Dieses Verhalten war jedoch kriegsvölkerrechtlich völlig legitim. In dem Maße, in dem sich innerhalb der Wehrmacht die Überzeugung breit machte, dass es 1939 noch gar keine polnische Partisanenbewegung gab, die man bekämpfen müsste, nahmen dann die Massenerschießungen polnischer Zivilisten und Kriegsgefangener in der zweiten Septemberhälfte allmählich ab. 

Das Mordprogramm der Einsatzgruppen 

Eine umgekehrte Entwicklung war bei den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei zu beobachten: Ihnen war vor dem Überfall nur mündlich mitgeteilt worden, dass ihr Auftrag unter anderem in der Ermordung  von Angehörigen der polnischen Bildungsschicht – der sogenannten polnischen Intelligenz – bestand. Dem lag die Überlegung zugrunde, dass sich aus diesen Kreisen am ehesten eine polnische Widerstandsbewegung bilden würde. Aber genaue Zahlen waren den Einsatzgruppen nicht gegeben worden. Die Opferzahlen der Einsatzgruppen blieben daher in den ersten Septembertagen im Vergleich zu denen der Wehrmacht eher niedrig. Als sich durch ständige Rückversicherung mit der Berliner Polizeizentrale herausstellte, dass man dort dieses Vorgehen billigte, stiegen die Opferzahlen der Einsatzgruppen schnell in die Zehntausende.

Ohne  die Hilfe ortsansässiger Angehöriger der deutschen Minderheit wäre dieses Mordprogramm wohl nicht so schnell und so effektiv in die Tat umgesetzt worden. Die SS hatte aus ihren Reihen den sogenannten „Volksdeutschen Selbstschutz“ gebildet, der die Einsatzgruppen bei ihren Exekutionen unterstützte und auch selbstständig Exekutionen durchführte. Dabei kam den Männern des Selbstschutzes ihre Ortskenntnis zugute. Zugleich bot ihnen das Mordprogramm die Gelegenheit, sich zu bereichern oder alte Rechnungen mit ehemaligen polnischen Nachbarn zu begleichen.

Die Vorbereitungen für eine Zivilverwaltung des Landes

Obwohl die Wehrmacht gegen das aus ihrer Sicht unkontrollierte Mordprogramm der Einsatzgruppen protestierte, arbeitete sie im Felde reibungslos mit den Einsatzgruppen zusammen. Hilfestellung leisteten dabei die Chefs der Zivilverwaltungen, Beamte des Reichsministeriums des Innern, die eine funktionierende deutsche Besatzungsverwaltung in Polen errichten sollten. Sie ordneten oftmals als Erste die schärfste Verfolgung der polnischen und jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ortschaften an. Erstaunlicherweise gilt dies nicht nur für Albert Forster und Artur Greiser, zwei Hitler treu ergebene Parteibonzen, die als spätere Gauleiter in den annektierten Gebieten (in den neuen Reichsgauen „Danzig-Westpreußen“ und „Warthegau“) die Verfolgung und Ermordung von Hunderttausenden Polen und Juden systematisch betrieben. Auch ihre Vorgänger, einfache Laufbahnbeamte, die zuvor im Deutschen Reich unauffällig ihren Dienst verrichtet hatten, beteiligten sich nunmehr in den ersten Tagen des deutschen Vormarsches im besetzten Gebiet ohne Zögern am Massenmord. 

Auftakt zum Vernichtungskrieg 1939

Am 25. Oktober 1939 wurde die deutsche Militärverwaltung in Polen offiziell durch eine Zivilverwaltung ersetzt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 16.000 Zivilisten und Kriegsgefangene der deutschen „neuen Ordnung“ zum Opfer gefallen. Bis zum Jahresende stieg die Zahl der ermordeten Juden auf 7.000 an. Militärische, polizeiliche und zivile Stellen hatten sich an diesen Morden beteiligt.

Vergleicht man das deutsche Vorgehen in Polen 1939 mit dem in der Sowjetunion ab Sommer 1941, so finden sich dieselben Muster: Auch im Russlandfeldzug kooperierten die Einsatzgruppen – diesmal allerdings ohne offizielle Proteste von Wehrmachtseite – mit der Truppe und vollstreckten ein Mordprogramm, das bald nicht Zehntausende, sondern Millionen Opfer fordern sollte. Deutsche Soldaten töteten ungezählte Einwohner von russischen Ortschaften unter dem Deckmantel eines angeblichen Partisanenkrieges, der erst viele Monate nach dem deutschen Überfall Wirklichkeit werden sollte. Etwa drei Millionen Rotarmisten starben in deutscher Gefangenschaft. Zeitgleich schufen Angehörige der deutschen Zivilverwaltung den funktionalen Rahmen für die systematische Verfolgung und Ermordung der einheimischen Bevölkerung. Es sind genau diese Parallelen die es nahelegen, den deutschen Überfall auf Polen als „Auftakt des Vernichtungskrieges“ zu sehen.

Kontakt

Homepage: www.imre-kertesz-kolleg.uni-jena.de
E-Mail: jochen.böhler [at] uni-jena [dot] de

 

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