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Die Erinnerung an die Befreiung und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Frankreich

Annette Nogarède lebt seit 1997 in Frankreich und unterrichtet Geschichte und Geographie im bilingualen deutsch-französischen Zweig am Gymnasium (AbiBac). Sie gibt auch Kurse über die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Nimes.

Von Annette Nogarède 

Die Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie haben gezeigt, dass Erinnerungsarbeit für Frankreich auch immer politische Stellungnahme bedeutet. Nach wochenlangen Verhandlungen wurde neben Wladimir Putin auch der neue ukrainische Präsident Petro Poroschenko eingeladen, was eine starke symbolische Unterstützung der ukrainischen Belange bedeutete. 2004, zum 60. Jahrestag, hatte Jacques Chirac die Gelegenheit benutzt, um zum ersten Mal einen deutschen Bundeskanzler - Gerhard Schröder - einzuladen. Frankreich zeigte also sowohl 2004 als auch 2014, dass es sich nach wie vor als wichtige diplomatische Macht betrachtet, und sparte weder Mühe noch Kosten, um die Feierlichkeiten so beeindruckend wie möglich zu gestalten. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist allerdings für Frankreich alles andere als unproblematisch, wie wir im Folgenden sehen werden. 

Eine zwiespältige Erinnerung 

Trotz seiner bedingungslosen Kapitulation am 22. Juni 1940 wurde Frankreich – dank der Unterstützung Winston Churchills – anlässlich der Potsdamer Konferenz in den Kreis der Siegermächte aufgenommen. Von diesem Zeitpunkt an lebte Frankreich mit einer doppelten Erinnerung, einer Art «doppelten Identität» in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg: einerseits das Vichy-Regime, das von einem großen Teil des französischen Volkes unterstützt oder zumindest toleriert worden war, und andererseits das „Freie Frankreich“ sowie der französische Widerstand, die „Résistance“, die dem Land eine moralische Legitimierung gaben. 

Für Frankreich war von Anfang an der 8. Mai 1945 nicht das wichtigste Datum, im Vergleich zum 25. Juni 1944, dem Tag der Befreiung von Paris, oder dem 18. Juni 1940, dem Tag, an dem Charles de Gaulle über die BBC das französische Volk zum Widerstand aufrief („appel du 18 juin“). Der 8. Mai wurde trotzdem 1953 offiziell als Feiertag eingeführt, aber bereits 1959 wieder abgeschafft. Der 11. November – dem Ende des Ersten Weltkrieges – wurde nach wie vor als der wichtigere Gedenktag betrachtet. 1975 lehnte Giscard d’Estaing ab, ihn wieder einzuführen, um die deutsch-französische Versöhnung zu fördern. Erst 1981 setzte die Regierung unter Präsident Mitterrand ihn endgültig fest. 

Der Mythos der Résistance 

Die Provisorische Regierung unter de Gaulle (1944 - 1946) hatte die schwierige Aufgabe, Frankreich sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich wiederaufzubauen. Das Land war zwischen ehemaligen Kollaborateuren und Widerstandskämpfern zerrissen, und spontane Racheakte prägten den Alltag. Es handelte sich um eine bürgerkriegsähnliche Situation. 

Um die Gesellschaft wieder zu einigen, verfolgte de Gaulle eine doppelte Strategie: einerseits wurden die «Säuberungen» ehemaliger Kollaborateure fortan einzig und allein von der Regierung durchgeführt und fielen im Kontext der damaligen Zeit recht milde aus. Andererseits bekamen die ehemaligen Widerstandskämpfer eine besondere Stellung in der Gesellschaft, sie wurden bei der Vergabe von Beamtenstellen bevorzugt und stellten bis 1969 einen großen Teil des politischen Personals. 

Die Erinnerungsarbeit konzentrierte sich unter der provisorischen Regierung, in der IV. Republik (1946 - 1958) und unter der Präsidentschaft de Gaulles (1958-69) auf die Leistungen des Widerstandes, das Vichy-Regime wurde als eine Ausnahme in der französischen Geschichte dargestellt. Der Höhepunkt dieser Verherrlichung des Widerstandes war die Überführung der sterblichen Überreste von Jean Moulin ins Pantheon am 19. Dezember 1964, bei der der französische Kulturminister André Malraux eine bewegende Rede hielt und Jean Moulin als Symbol Frankreichs feierte. 

Die Anerkennung der französischen Verantwortung für Vichy 

In den 1970er und 1980er Jahren wurde die Verdrängung des Vichy-Regimes und seine Reduzierung auf «eine Handvoll Kollaborateure» immer weniger akzeptiert. 1973 stellte der amerikanische Historiker Robert Paxton in seinem Buch „Frankreich unter Vichy“ („La France de Vichy“) das wirkliche Ausmaß der französischen Verantwortung für Kollaboration und Judendeportationen dar. Mehrere an den Deportationen beteiligte Franzosen standen im Mittelpunkt von großen Prozessen, wie z.B. Klaus Barbie (1983) oder Paul Touvier (1989). 

Trotzdem verteidigte der französische Staat noch unter Präsident Mitterrand (1981-1995) den Standpunkt, dass die Republik nicht für die Verbrechen von Vichy verantwortlich gemacht werden konnte, die im Grunde von einer «extremistischen Minderheit» verübt worden waren (Interview von F. Mitterrand  durch J.-P. Elkabbach vom 12. September 1994, France 2). Mitterrand wurde jedoch am Ende seiner Regierungszeit selbst Opfer von Enthüllungen über seine Zusammenarbeit mit Vichy, die seinem Engagement in der Résistance vorausgegangen war. Er vereinigte sozusagen in seiner Person die „doppelte Identität“ Frankreichs während des Zweiten Weltkrieges. 

Jacques Chirac war der erste französische Staatspräsident, der die Verantwortung Frankreichs vollständig anerkannte, anlässlich einer Rede vom 16.Juli. 1995 zum Jahrestag der Massenverhaftung von Juden am Vel’d’Hiv’. Seit den 1990er Jahren wird die französische Mitverantwortung am Vichy-Regime nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt und zahlreiche Gedenktage markieren die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg: die Massendeportation vom Vel’d’Hiv’, die Befreiung von Auschwitz, die Landung in der Normandie, der Aufruf von Charles de Gaulle, die Befreiung von Paris, und natürlich der 8. Mai. 

Erinnerungspolitik 2014/15 

2014 fanden und finden an vielen Orten Frankreichs Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Befreiung statt, die meist von lokalen Initiativen ausgehen (auβer der Zeremonie vom 6. Juni). Für nächstes Jahr hat die französische Regierung unter Leitung des Verteidigungsministeriums eine Veranstaltungsreihe vorgesehen. Der Projektaufruf steht unter dem Titel „70. Jahrestag des Widerstandes, der alliierten Landungen, der Befreiung Frankreichs und des Sieges über den Nationalsozialismus“. 

Dieser Titel scheint eine bestimmte Tendenz zu zeigen, die an de Gaulle erinnert: der Widerstand und das «Freie Frankreich» werden erneut in den Mittelpunkt gestellt, und der Aspekt des «Sieges» über Nazideutschland unterstrichen. Das Vichy-Regime scheint in den Hintergrund zu treten. Andererseits sind sich besonders die jungen Franzosen durchaus der Verantwortung Frankreichs für die Verbrechen während der deutschen Besatzung und dem Vichy-Regime bewusst. Man wird in den nächsten Monaten sehen, welchen Weg die öffentlichen Veranstaltungen zum Ende des Zweiten Weltkrieges nehmen werden - ein nach 70 Jahren immer noch brisantes Thema, das grundlegend für das französische Nationalgefühl ist.

 

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