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Intelligenzaktion. Ermordung polnischer Eliten nach der Besetzung Polens

Arthur Osinski ist Historiker und Pädagogischer Mitarbeiter der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm, einer Einrichtung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Von Arthur Osinski

Der Überfall auf Polen ging mit einer besonders grausamen ethnischen Säuberung an den polnischen Eliten einher. Die so genannte Intelligenzaktion begann bereits am 1. September 1939 mit der Erstürmung des polnischen Postamtes der Freien Stadt Danzig und dauerte bis April 1940. In diesem Zeitraum wurden ca. 60.000 Polen von deutschen Polizei- und SS- Einheiten ermordet und weitere 50.000 in Konzentrationslager deportiert, von denen nur ein ganz geringer Teil überlebte. Die Intelligenzaktion war nur der Auftakt zur Ermordung polnischer Eliten. Anschließend wurde diese mit der sogenannten AB-Aktion („Außerordentliche Befriedungsaktion“) kontinuierlich fortgesetzt. Anders als in Polen hat die Intelligenzaktion nur peripher den Eingang in die deutsche Historiographie des Zweiten Weltkrieges gefunden, obwohl diese den Auftakt der systematischen Massenmorde der Nazis an der polnischen Bevölkerung bildete.

Vae Victis

Nach der Niederlage der polnischen Armee gegen Nazideutschland und die Sowjetunion im Oktober 1939 wurde der polnische Staat abermals geteilt. Wie im Einvernehmen begannen die beiden Besatzungsmächte schon in den ersten Tagen des Krieges mit systematischen Verhaftungen der polnischen Oberschicht. Diese Verhaftungen bildeten den Auftakt zur planmäßigen Ermordungen der polnischen Eliten. Die Sowjets gingen anfangs sogar noch grausamer als die Nazibesatzer gegen die polnische Oberschicht vor. Orte wie Katyń, Mednoje oder Charkow, an denen zehntausende polnische Staatsbürger durch den NKWD  ermordet wurden, bildeten nur den Auftakt der Zwangssowjetisierung der polnischen Ostgebiete. Danach folgten die Deportationen hunderttausender in die Sowjetunion. Nicht nur die Vertreter der polnischen Eliten, sondern ihre gesamten Familien wurden nach Sibirien deportiert. Das Gros kam nie wieder zurück und ist in den stalinistischen Gulags entweder verhungert oder erfroren.   

In dem von den Nazis kontrollierten Besatzungsgebiet begannen die Verhaftungen der polnischen Intelligenz schon vom ersten Kriegstage an. Die polnische Oberschicht sollte vernichtet und die restliche Bevölkerung zu einer leicht verfügbaren Masse degradiert werden. Es galt - genauso wie in der sowjetischen Besatzungszone - vollendete Tatsachen zu schaffen und somit das Gros der polnischen Gebiete zu assimilieren. Der polnische „Saisonstaat“, wie dieser von vielen Politikern auf der deutschen und sowjetischen Seite in der Zwischenkriegszeit bezeichnet wurde, sollte von der Landkarte endgültig verschwinden, damit der Status Quo aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wieder erreicht würde. 

Sonderfahndungsbuch Polen

Die Vernichtung der polnischen Intelligenz in den von den Nazis besetzten Gebieten wurde seit Jahren penibel geplant. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen wurden die Pläne rigoros vom ersten Tag an durchgesetzt. Besonders gut organisiert war die Verhaftungswelle in Westpreußen. Die Danziger Polizei bildete schon 1935 eine politische Abteilung, die die  polnische Oberschicht überwachen sollte. Dafür wurde eine Namenkartei mit tausenden „gefährlichen“ Polinnen und Polen erstellt, die die Verhaftungswelle vereinfachen sollte. Es ist auch bezeichnend dafür, dass zu den ersten Opfern der Intelligenzaktion die Arbeiterinnen und Arbeiter des polnischen Postamtes in der freien Stadt Danzig gehörten. Ein großer Teil der Oberschicht aus Danzig und Westpreußen wurde in das KZ Stutthof deportiert, das als erstes Konzentrationslager außerhalb des reichsdeutschen Staatsgebietes errichtet wurde.

Das ab Mai 1939 vom Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS mit der Unterstützung der deutschen Minderheit erstellte sogenannte „Sonderfahndungsbuch Polen“, in dem sich über 61.000 Namen polnischer Staatsbürger/innen befanden, die nach dem Einmarsch in Polen entweder verhaftet oder ermordet werden sollten, zeugt von einem von langer Hand geplantem vorsätzlichen Mord an der polnischen Elite. 

Volksdeutscher Selbstschutz 

Das Unfassbare für die Polen war mithin, dass die deutsche Minderheit eine der aktivsten Rollen an der Ermordung der polnischen Eliten einnahm. Die polnischen Bürgerinnen und Bürger deutscher Ethnie, die - wie ihre jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn - teilweise schon seit 800 Jahren in friedlicher Koexistenz miteinander lebten und den polnischen Staat konsolidierten, ließen sich in nur wenigen Jahren von einer der schrecklichsten Ideologien verführen, deren Konsequenz ein völliger Verrat an ihren polnischen und jüdischen Mitbürger/innen war. Schon ein Jahr zuvor, im Oktober 1938, bildeten Angehörige der deutschen Minderheit mit Hilfe des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS den sogenannten Volksdeutschen Selbstschutz, der in paramilitärische Einheiten untergliedert war. Der Selbstschutz tat sich hervor, indem er mit äußerster  Brutalität gegen die polnischen Bürgerinnen und Bürger vorging; sogar die Führung der SS-Einheiten war vereinzelt über die Gräueltaten und die Willkür des Selbstschutzes überrascht. Bis Ende 1939 ermordeten diese paramilitärischen Einheiten zehntausende Polinnen und Polen und polnische Jüdinnen und Juden. Neben dem Selbstschutz beteiligten sich an der Ermordung der polnischen Intelligenz Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, die der Wehrmacht zugeordnet waren.

Innerhalb weniger Monate ermordeten diese Einheiten bei mehreren hundert Exekutionen bis zu 60.000 Polinnen und Polen, die der Elite der Zweiten Polnischen Republik angehörten. Weitere 50.000 wurden in die Konzentrationslager Hochenbruch und Mauthausen-Gusen deportiert, von denen nur die wenigsten überlebten. 

Die selektive Wahrnehmung der deutschen Historiographie 

Die deutsche Geschichtsschreibung hat sich bis zur heutigen Zeit nur peripher mit der grausamen deutschen Besatzung in Polen auseinandergesetzt. Außer von Jochen Böhler und ein paar anderen veritablen Kennerinnen und Kennern der deutschen Besatzung in Polen gab es bis heute keine sichtbare Auseinandersetzung mit dem Thema. An dieser Stelle scheint das deutsche Gedächtnis lückenhaft zu sein. Wenn in der deutschen Öffentlichkeit über den Krieg in Polen berichtet wird, dann ist meistens von einem „Blitzkrieg“ die Rede. Für die Polen war die deutsche Besatzung die längste des Zweiten Weltkrieges. Über sechs Millionen polnische Bürgerinnen und Bürger verloren ihr Leben, vier Millionen wurden versklavt und zur Zwangsarbeiter für Nazideutschland gezwungen. Polen hatte prozentual die meisten Opfer aller in den zweiten Weltkrieg involvierten Staaten zu verzeichnen.

In der deutschen Geschichtsschreibung beginnt der Vernichtungskrieg - wie es uns zuletzt die Wehrmachtsausstellung lehrte - mit dem Überfall auf die Sowjetunion. Doch ist das wirklich der Fall? Beginnt dieser vielleicht nicht doch etwas früher und zwar mit der Intelligenzaktion in Polen? Wenn man in der polnischen Wikipedia nach dem Begriff „Intelligenzaktion“ recherchiert, findet man zig, wenn nicht gar hunderte  Einträge zu den Massenexekutionen und zu den berühmten Intellektuellen, die ermordet wurden. In der deutschen Wikipedia sucht man nach dem Begriff „Intelligenzaktion“ vergebens. 

 

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