Empfehlung Fachdidaktik

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg 75 Jahre nach Kriegsbeginn

Von Anne Lepper

Betrachtet man den Zweiten Weltkrieg vom Ende her, also dem 8. Mai 1945, als das nationalsozialistische Deutschland endgültig kapitulierte, scheint sowohl die Schuldfrage als auch die Frage nach „Sieger“ und „Verlierer“ des fast sechs Jahre andauernden Krieges klar und zumindest in der heutigen Historiographie unumstritten. Deutschland hatte mit dem Überfall auf Polen den Krieg begonnen und durch die daran anschließende systematische Eroberung und Vernichtung von Millionen von Menschen die Verantwortung für jene Todesbilanz zu tragen, die im Mai 1945 etwa 55 Millionen Tote zählte.

Während dementsprechend zwar die deutsche Schuld nach 1945 nur schwer zu leugnen war, verfestigte sich in der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein Geschichtsbewusstsein, das die Verantwortung für die Verbrechen NS-Deutschlands auf eine kleine elitäre Gruppe abzuwälzen wusste. Daneben herrschten in der Kommunikation über die Kriegsjahre oftmals jene Narrative vor, die den Opferstatus der Deutschen mindestens in ein Verhältnis zu ihrer Täterschaft stellten, wenn jener diese nicht sogar überlagerte. Dadurch verfestigte sich in der deutschen Gesellschaft über die Jahrzehnte hinweg ein Erinnerungsnarrativ, das Erzählungen von subjektiver Trauer, Verzicht, Kriegsgefangenschaft und Leid implementierte und jene von Eroberungsfeldzügen, Einsatzgruppen und Vernichtungslagern vom „einfachen Volk“ weg auf die NS-Führungselite projizierte.

Dadurch war eine kritische Auseinandersetzung mit den Ursachen für den Kriegsbeginn, die Kriegsbegeisterung und die Loyalität der deutschen Gesellschaft mit „ihrem“ Führer oftmals nicht möglich. Um sich diesen Themen zu nähern bietet es sich an, den Blick 75 Jahre nach Kriegsbeginn auf jene Vorgänge zu richten, die im Jahr 1939 zu dem deutschen Überfall auf Polen und schließlich zum Zweiten Weltkrieg führten. Das Magazin „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (Apuz), das von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben wird, hat dem Kriegsbeginn und seiner Erinnerung eine Ausgabe gewidmet, die sich aus verschiedenen Perspektiven dem Thema nähert. Bereits im Editorial benennt Herausgeber Hans-Georg Golz jene Eckdaten und historischen Wendungen, die heute im Fokus der Erinnerung stehen. In den folgenden Beiträgen verschiedener Autor/innen steht dann die Frage im Zentrum, welche politischen, gesellschaftlichen und militärischen Bedingungen im Herbst 1939 zum Kriegsbeginn führten.

Als Einführung zeichnet der Historiker Norbert Frei in seinem Beitrag „1939 und wir“ in diesem Sinne zunächst einmal ein Bild von der Situation, in der sich Deutschland 1939 nach über sechs Jahren NS-Regime befand und Rolf-Dieter Müller zeigt, wie Hitler durch den Überfall auf Polen Traditionslinien und Konventionen des Deutschen Reiches - gestützt durch die Loyalität seines Volkes - aushebelte. Neben diesen kursorischen Bestandsaufnahmen der Verfasstheit der deutschen Gesellschaft vor 1939 und zu Kriegsbeginn, befassen sich verschiedene Beiträge mit der Erinnerung an jenes Ereignis, das als Initialzündung für einen beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug diente. Dabei stellt Jerzy Kochanowski die Ambivalenzen dar, die in der polnischen Gesellschaft bis heute mit dem Gedenken an den deutschen Überfall und die militärische Unterlegenheit der polnischen Armee verbunden sind. Elena Stepanova gibt einen Einblick in die unterschiedlichen Bilder, die in der deutschen und russischen Literatur seit 1945 vom Krieg, dem Morden und dem Sterben der Soldaten gezeichnet wurden. Martin Sabrow widmet sich in seinem Aufsatz indes der Erinnerung an den Krieg in der deutschen Gesellschaft und zeigt dabei die streitbare Wechselwirkung zwischen den Deutschen als Opfern und den Opfern der Deutschen auf. Zwei abschließende Beiträge werfen ihren Blick auf unterschiedliche Felder der konkreten Auseinandersetzung mit dem Krieg, seiner Konsequenzen und seiner Erinnerung: Während sich Svenja Goltermann mit der kritischen Rolle deutscher Kriegsheimkehrer in der Nachkriegszeit beschäftigt, befasst sich Hermann Parzinger mit den Themen NS-Raubkunst, „Entartete Kunst“ und Beutekunst nach 1945.

Das Magazin bietet eine hervorragende Möglichkeit, sich multiperspektivisch und kritisch mit der Zäsur 1939 und den verschiedenen Narrativen auseinanderzusetzen, die heute das kulturelle Gedächtnis in Deutschland, Polen und Russland formen. Die einzelnen Beiträge werfen interessante und informative Schlaglichter auf verschiedene Themen, die jedoch aufgrund der Länge der Texte zum Teil nur kursorisch behandelt werden können. Für eine intensive Auseinandersetzung mit so komplexen und weitläufigen Themen wie der NS-Beutekunst bietet es sich deshalb an, weiterführende Literatur zur Hand zu nehmen.

 

Das Magazin kann auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

 

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