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Antifaschismus und Schuldabwehr in der frühen DDR

Dr. Thomas Haury ist Soziologe. Seine Forschungsschwerpunkte sind Antisemitismus, Antizionismus und Antiamerikanismus in der Linken.

Von Thomas Haury 

Die dank der sowjetischen Besatzungsmacht an die Macht gelangten deutschen Kommunist/innen waren fest entschlossen, einen antifaschistischen Staat aufzubauen. Doch als Nachfolgestaat des Nationalsozialismus war die DDR mit Fragen analog zur BRD konfrontiert: Was sollte mit den NS-Täter/innen und Millionen ehemaliger nationalsozialistischer Parteigenoss/innen (Pgs) geschehen, wie die “Entnazifizierung” durchgeführt werden? Wie sollte mit Schuld und Verantwortung der Deutschen umgegangen werden? Wie mit den überlebenden Opfern und den geraubten “arisierten” Vermögen? 

Entnazifizierung oder Integration? 

Die Entnazifizierung erfolgte in der Sowjetischen Besatzungszone anfangs deutlich konsequenter als in den Westzonen. Doch die ihre Alleinherrschaft ausbauende SED wollte die Millionen ehemalige Pgs und Hitler-Anhänger/innen für sich gewinnen. Und wie die BRD brauchte auch die DDR Fachleute aus den alten Funktionseliten. 

So begann die SED bereits 1946 aus kühlem taktischen Kalkül um die “irregeleiteten kleinen Pgs” zu werben: Bei loyaler Mitarbeit in der neuen “antifaschistisch-demokratischen” Ordnung wurde allen bloß “nominellen” Pgs gesellschaftliche Wiedereingliederung und Nichtthematisierung ihrer NS-Vergangenheit versprochen. 

1948 stellten die Entnazifizierungskommissionen ihre Tätigkeit weitgehend ein. 1952 erhielten alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder und Wehrmachtoffiziere ihre vollen staatsbürgerlichen Rechte zurück und sollten über die neu gegründete Blockpartei NDPD und die “Nationale Front” politisch eingebunden werden. Prozesse gegen NS-Täter fanden ab jetzt nur noch in politisch opportunen Ausnahmefällen statt. Selbst die ansonsten SED-treue Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes stemmte sich gegen diese schnelle Rehabilitierung und Integration – ein Grund für ihre Auflösung 1953. 

So fanden sich auch in der “antifaschistischen” DDR ehemalige NSDAP-Mitglieder selbst in hohen Positionen – allerdings in deutlich geringerem Ausmaß als in der BRD. Doch was die SED bei der BRD anprangerte, betrieb sie im kleineren Maßstab auch selbst: Sie vertuschte und negierte das Täterproblem in der DDR. 

NS-Opfer erster und zweiter Klasse 

In den ersten Wochen nach Kriegsende erhielten allein Widerstandskämpfer/innen als “Opfer des Faschismus” (OdF) bevorzugt Nahrung, Gesundheitsversorgung, Kleidung und Wohnraum zugeteilt. Zwar seien auch Jüdinnen und Juden, Bibelforscher/innen u. a. verfolgt und inhaftiert gewesen, aber, so die kommunistische Begründung, “sie haben nicht gekämpft”. 

OdF sei, so das Selbstverständnis, ein “Ehrentitel” für die ehemaligen politischen Häftlinge: Diese hätten den Nationalsozialismus entschieden bekämpft und seien als erste verfolgt, inhaftiert und gefoltert worden, weswegen ihnen eine Privilegierung gegenüber den bloß passiv Opfer Gewordenen gebühre. 

Erst Ende 1945 wurden auch die Juden als OdF anerkannt, doch sie galten als Opfer zweiter Klasse: Die Widerstandskämpfer erhielten in ihre OdF-Ausweise den Extra-Aufdruck “Kämpfer gegen den Faschismus” und wurden gegenüber den “einfachen” OdF weiterhin privilegiert. 

Die 1949 erlassene Verordnung zur Versorgung der Verfolgten des Naziregimes gewährte dann allen anerkannten NS-Verfolgten die gleichen umfangreichen Fürsorgemaßnahmen. Allerdings hatten es Sinti und Roma, Homosexuelle, “Asoziale”, Wehrdienstverweigerer und Deserteure, ähnlich wie in der BRD, jahrzehntelang deutlich schwerer, überhaupt als OdF anerkannt zu werden. Und ab 1965 wurde den “Kämpfern” gegenüber den einfachen “Opfern” dann wieder eine deutlich höhere Rente gewährt. 

Vor allem aber im öffentlichen Gedenken wurden fast nur die Widerstandskämpfer/innen als Opfer das Faschismus geehrt. So wurden im Gegensatz zur BRD in der DDR zwar die Verbrechen des NS von Anfang an thematisiert – doch das Menschheitsverbrechen der Ermordung der europäischen Juden spielte nur eine marginale Rolle. Die Vernichtung wurde nicht verschwiegen, aber meist nur kurz als eine faschistische Gräueltat neben vielen anderen er­wähnt. Das Leiden der kommunistischen Häftlinge in Buchenwald war das Symbol für die Verbrechen des NS, nicht die Ermordung der Juden in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Sobibor und Treblinka. 

Rückerstattung “vom sozialistischen Standpunkt aus nicht zu verantworten”

Anfangs gab es auch innerhalb der SED Bestrebungen für eine Rückerstattung oder Entschädigung für im Nationalsozialismus enteignete jüdische Güter. Doch die SED-Führung erteilte diesen alsbald eine Absage. Dabei verbanden sich “antikapitalistische” Argumente problemlos mit antisemitischen Untertönen: Man könne von dem unter der Nachkriegsnot leidenden deutschen Volk nicht verlangen, “deutsches Volksvermögen” an teilweise auch noch im Ausland lebende “jüdische Kapitalisten” abzugeben, zumal man doch den Sozialismus aufbauen wolle. 

Wiedergutmachungszahlungen an Israel verweigerte die DDR vehement, galt ihr doch der jüdische Staat ab Anfang der 1950er Jahre als Komplize der “faschistischen” BRD und “Brückenkopf des US-Imperialismus gegen die arabischen Völker”. 

Diejenigen Parteifunktionäre, die sich innerhalb der SED für Rückerstattung, Entschädigung und Wiedergutmachung eingesetzt hatten, wurden ab 1950 Opfer der parteiinternen “Säuberungen”.  Politbüromitglied Paul Merker, der hochrangigste von ihnen, wurde in einem Geheimprozess vor dem Obersten Gericht wegen “zionistischer Tendenzen” und “Agententätigkeit” zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

Kommunistischer Antifaschismus

Die Mehrheit der Bevölkerung stand dem diktatorischen “Sozialismus” der moskauhörigen SED ablehnend gegenüber. Darüber hinaus war die DDR mit einem westdeutschen Konkurrenzstaat konfrontiert, der ihr jegliche staatliche Legitimität absprach und auf die DDR-Bevölkerung immer anziehender zu wirken begann. Angesichts dieses konstitutiven Legitimationsdefizits stellte der Anspruch, das gute, antifaschistische Deutschland zu sein, die eigentliche Existenzberechtigung von DDR und SED dar. 

Der “Antifaschismus” der deutschen Kommunist/innen war zweifellos ernst und ehrlich gemeint. Doch die kommunistische Faschismusdoktrin erklärte den deutschen Nationalsozialismus als gehorsames Herrschaftsinstrument der Monopolkapitalisten, dessen Hauptauftrag die blutige Unterdrückung der revolutionären Arbeiterbewegung gewesen sei. Diese simplifizierte Faschismus”analyse” konnte kongenial zur Legitimation der SED-Herrschaft genutzt werden:

Erstens konnte die SED die Kommunisten zum Hauptgegner und Hauptopfer des Faschismus erklären. Zweitens konnte sie in der DDR-Verfassung selbstüberzeugt postulieren, mit der Enteignung der Kapitalisten hätte sie in der DDR “den deutschen Faschismus und Militarismus ausgerottet”. Drittens konnte die SED unter Verweis auf die in Westdeutschland zahlreich wieder zu Position und Ehren gekommenen NS-Funktionsträger unterstellen, in Gestalt der kapitalistischen BRD drohe die Wiederkehr des Faschismus.

Viertens war, hatte man die “Monopolkapitalisten” als die Drahtzieher des Nationalsozialismus identifiziert, das “deutsche Volk” von Schuld entlastet und galt allenfalls als “verführt”. Dies war für die SED basal, berief sie sich doch ständig darauf, die ”wahren Interessen” des “deutschen Volkes” zu verwirklichen. Fein säuberlich unterschied man daher sprachlich zwischen dem an sich guten „deutschen Volk“ auf der einen und den bösen „Faschisten“ und “Kapitalisten” auf der anderen Seite. Der kommunistische Antifaschismus ermöglichte es dem deutschen Bedürfnis nach Entlastung, einen dicken roten Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen.

Die SED-Führungselite ­­verstand die DDR nicht als einen Nachfolgestaat des Nationalsozialismus, sondern präsentierte sie als genuin antifaschistischen Staat. Hierdurch ersparte sie ihrer Bevölkerung eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über Täterschaft und Mittäterschaft, Schuld und Verantwortung. Rückerstattung, Entschädigung und Wiedergutmachung für die jüdischen Opfer stießen auf deutliche, mitunter auch antisemitisch grundierte Ablehnung seitens der SED. Das Zusammenspiel von kommunistischer Ideologie und realpolitischer Herrschaftssicherung führte in der DDR zu einem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, der trotz der gänzlich anderen politischen Orientierung zu Ergebnissen führte, die jenen der frühen BRD erstaunlich ähnlich waren.

 

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