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Der Erste Weltkrieg jenseits von Politik- und Diplomatiegeschichte

 

Mit der Video-Reihe „Max meets LISA“ präsentieren die Max Weber Stiftung und die Gerda Henkel Stiftung regelmäßig Diskussionen mit Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen zu unterschiedlichen, teils historischen Themen. Das Format stellt die Diskussionen online als Videos zur Verfügung, die dann auf L.I.S.A., dem Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, als Stream angesehen werden können.
In der Ausgabe aus dem März 2014 sind zwei Historiker/innen geladen, die sich im Gespräch der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg widmen. Die US-amerikanische Historikerin Prof. Dr. Isabel V. Hull und der deutsche Historiker PD Dr. Ernst Pipe besprechen die aktuelle Forschungslage zum Thema, stellen ihre eigenen Sichtweisen dar und gehen kritisch auf die Fragen der beiden Interviewer/innen ein. Während Pipe eine ideengeschichtliche Perspektive vertritt, lässt Hull vor allen Dingen ihre Forschung in Archiven zu politischer Theorie und Sozialpolitik anklingen. Im Zentrum der Diskussion steht, eine alternative Herangehensweise an die Geschichte des Ersten Weltkriegs aufzuzeigen.
Insbesondere Christopher Clarks und Herfried Münklers Texte zum Ersten Weltkrieg werden im Gespräch kritisch in Betracht gezogen. Auf die Frage antwortend, weshalb auch heute noch Veröffentlichungen zum Ersten Weltkrieg gerade in Deutschland so hoch im Kurs stehen, beschreiben Hull und Pipe das Bedürfnis der Deutschen, sich von einer kollektiven Schuld an zwei verheerenden Kriegen frei zu machen. Sie zeigen Tendenzen dafür in den angeführten Texten auf. Gegenüber einer Vorstellung von Geschichte, die sich wertneutral anhand ihrer Referenzpunkte ablesen lässt, wird aufgezeigt, dass es nicht bloß große Männer der Geschichte waren, die diese geschrieben haben. Vielmehr wird ebenso auf den gesellschaftlichen Aspekt verwiesen, also auf den ideengeschichtlichen Hintergrund für die Ermöglichung eines Krieges und davon ausgehend den Vorläufern des Nationalsozialismus. Hull betont die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in der Bundesrepublik und warnt gleichsam vor einem zu euphorischen Blick darauf.
Im zweiten Teil des Gesprächs werden insbesondere Veränderungen im Geschichtslernen und dem Zugang zu historischer Literatur besprochen. Eine zunehmende Digitalisierung bedeutet demnach auch eine Veränderung des Aufsuchens von Literatur, also müssen sinnvolle Überblicke anders geschaffen werden.
Die Videoaufzeichnung der März-Ausgabe von „Max trifft LISA“ bietet sich hervorragend für Lehrer/innen, insbesondere des Fachs Geschichte an, um sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinanderzusetzen. Durch die fachlich versierten Diskussionsteilnehmer/innen kann ein Einblick in aktuelle Auseinandersetzungen zum Thema gewonnen werden. Vor allen Dingen deren kritischer Blick auf die vorhandene Forschungsliteratur und der Appell, eine alternative Herangehensweise an den Ersten Weltkrieg fern von dem Schreiben einer „großen Geschichte“ zu versuchen, macht dieses Videoformat empfehlenswert.
 

 

 

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