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Schlafwandelnd in die Urkatastrophe? Zu Christopher Clarks Bestseller

Prof. Dr. Gerd Krumeich hatte seit 1997 den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf inne und ist seit 2010 im Ruhestand. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen auf der Geschichte Frankreichs, der Militärgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie der Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs.

Von Gerd Krumeich

Seit Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ von 2008 hat es auf dem deutschen Markt für historische Bücher nicht mehr einen solchen Hype gegeben wie jetzt über die „Schlafwandler“[1] von Christopher Clark, ein Buch über das Europa der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und den Weg hin zum „großen Krieg“. Normalerweise gilt hierzulande (anders als in England, Frankreich, den USA, Kanada und Belgien usw.) der Erste Weltkrieg nicht mehr als ein wichtiger Baustein der eigenen Nationalgeschichte. Man gedenkt der Weltkriegstoten nicht mehr wie die anderen Nationen. Wenige Deutsche fahren zu den Schlachtfeldern in Ost und West. Bei uns wird der Weltkrieg normalerweise als ein wichtiges Ereignis der Geschichte der Menschheit, nicht aber als integrierender Teil der eigenen Geschichte angesehen. Allerhöchstens noch in der Formel vom „30-jährigen Krieg“ zwischen 1914 und 1945 taucht ein Identitätsbezug auf, wenn nämlich der Erste Weltkrieg als Beginn des Totalitären Zeitalters, des Zeitalters der Abschlachtung von Millionen, eingesetzt wird.

Aber stimmt das wirklich? Gibt es nicht doch noch, sozusagen „unter der Haut“, vorbewusst, noch einen emotionalen und intellektuellen Erklärungsbedarf? So möchte man fragen, wenn man die ungeheure Resonanz ansieht, die Clarks Buch in Deutschland (viel mehr als in England und den USA) hervorgerufen hat. Tausende drängen sich in die vom Verlag professionell organisierten Werbeauftritte, gleichgültig, ob in Berlin, München oder Düsseldorf. Full house – wie kommt es dazu? Mir zeigt dieser wirklich bemerkenswerte Auftrieb, dass die deutsche Gesellschaft doch irgendwie noch sehr an einem Verlust von Kontinuität leidet, an einer nicht vernarbten Wunde, die dieses Buch zu heilen verspricht.

Das fängt beim Titel an. „Die Schlafwandler“ gibt zwar genau das nicht wieder, was in dem Buch steht, wo im Grunde alle Politiker sehr zielstrebig und wohlbewusst daran gehen, den „Weltenbrand“ zu entfesseln, interessanterweise die Deutschen und die Österreicher noch am wenigsten… Aber der Titel suggeriert eine wohltätige Wiederholung des alten, in den 1930er Jahren als Versöhnungsformel gefundenen Ausspruches von David Lloyd George, dass die Großmächte alle unbewusst über den Rand des Hexenkessels in den Krieg „hineingeschlittert“ seien. Das war ja auch die Formel, mit der sich nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges etwa die deutsch-französische Verständigung zementieren ließ, trotz aller materiellen und intellektuellen Verwüstungen. Die Abmachung zwischen den deutschen und französischen Geschichtsverbänden von 1953, dass man keiner Nation vorwerfen könne, absichtlich den Ersten Weltkrieg ausgelöst zu haben, hatte vor allem für das Bewusstsein der Deutschen eine beruhigende Wirkung.

Dann kam in den 1960er Jahren die „Fischer-Revolution“. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer löste mit seinem Buch “Griff nach der Weltmacht“ von 1961 einen Skandal aus, der länger als 20 Jahre nachwirkte. Es wurde wieder gestritten, ob Deutschland nicht doch wissentlich diesen Krieg ausgelöst hatte, um seine imperialistischen Ziele zu verwirklichen, wie Fischer und seine vielen Schüler und Anhänger behaupteten. Die Kontroverse hat die Schulbücher vollständig umgestülpt: Heute zweifelt kein Lehrbuch mehr daran, dass die Deutschen in der Julikrise zumindest unverantwortlich den Knopf auf den entscheidenden Drücker zur Explosion gelegt haben. Allerdings – das ist auch klar – nicht aus imperialistischer Gier, sondern weil sie glaubten, von feindlichen Mächten „eingekreist“ zu sein und bald hilflos gegenüber einem nicht mehr bezwingbaren Russland und seinem Alliierten Frankreich zu stehen. Deshalb der „Test“ auf den Kriegswillen der anderen in der Julikrise nach dem Motto „besser jetzt als später“, wie Moltke, Wilhelm II., Bethmann Hollweg et tutti quanti geradezu unablässig sagten.

Damit konnte man seit 20 Jahren ganz gut leben. Nun kommt das Buch von Clark, das im Titel die alte „Reinrutsche“-These aufnimmt und doch eine sehr starke Relativierung der deutschen Schuld am Krieg beweisen will. In der FAZ ist für das „Schlafwandler“-Motiv ein schönes Bild gefunden worden: Fünf LKW rasen auf fünf Straßen auf eine Kreuzung zu, jeder Fahrer versucht, die anderen per Handy zum Langsamfahren und Vorfahrtgeben zu bewegen. Das schreit und fuchtelt, aber keiner will bremsen, weshalb alle schließlich in einer riesigen Explosion zusammenknallen.[2]

Das Buch ist in der Tat grundsätzlich so strukturiert, und es mag sein, dass der Autor auch genau diesen Prozess des Aufeinander-Zurasens zeigen wollte. Seine Darstellung der Vorkriegsjahre, der Entwicklung der Diplomatie, der Bündnisse, der imperialistischen Bestrebungen, alles das scheint darauf hinzuführen.

Christopher Clark kennt sich wie kaum ein zweiter in den europäischen Sprachen und Archiven aus. Mit großer Selbstverständlichkeit zitiert er Dokumente englischer, französischer und deutscher Provenienz genauso wie russische oder serbische. Das ganze in wohltuend ruhiger, nie demonstrierender und dozierender Weise, sondern auf eine Art, die den Leser zum Mit-Überlegen einlädt.

Clark zeigt, gestützt auf – man möchte sagen – alle Quellen und mit einer umwerfenden Kenntnis und gerechten Beurteilung der eigentlich nicht mehr überschaubaren Sekundärliteratur, wie sich die Mächte verbündeten, welchen Rang militärische Absprachen hatten, wie es zu einer Konstellation kam, in der sich alle angegriffen fühlten und genötigt, die Rüstungen ins Unermessliche zu steigern und die Allianzen sozusagen „wasserdicht“ zu machen. Der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg unterscheidet sich in dieser Hinsicht nur in persönlichen Nuancen von seinen Gegenparts in Frankreich oder Russland, Poincaré und Sasonow. Clark zeigt unerbittlich, wie die Großmächte Politik entlang der eigenen Interessen machten und sich im Grunde kein Staatsmann darum scherte, wie diese Politik beim Gegner „ankommen“ und welche Reaktionen sie hervorrufen könnte. So hatten die Deutschen eine enorme Furcht vor dem ökonomischen und militärischen Übermächtig-Werden Russlands, das man im Grunde nur als eine zerstörerische „Dampfwalze“ ansah, die alles niedermachen würde, wenn man ihm nicht bald Grenzen setzte. Aber auch die anderen Mächte hatten ein überaus phobisches Situationsbild, so dass es wirklich nur eines Funkens bedurfte, um das ganze System der europäischen Großmacht- und Allianzpolitik explodieren zu lassen.

Diesen Funken warfen die serbischen Revolutionäre. Clark schildert mit großer Anschaulichkeit, im Rückgriff auf die Geschichte des gesamten Konflikts zwischen Serbien und Österreich-Ungarn, wie das Attentat vorbereitet wurde. Er nimmt an, dass die serbische Regierung ziemlich genau Bescheid wusste und nicht genug tat, um es zu verhindern. Hier mag man allerdings skeptisch bleiben, der Beweis ist nicht gelungen. Die Darstellung von Serbien und dessen Verhältnis zu Österreich-Ungarn ist überhaupt für mich der schwächste Teil des Buches. Die Serben mit ihrer schon damals ungeheuren Brutalität und Grausamkeit sind für ihn im Grunde die bösen Buben dieser Vorkriegszeit, und Österreich-Ungarn hatte alles Recht, sich gegen sie zu wehren.

Dieser antiserbische Vorbehalt führt zu manchen Detaileinschätzungen, über die man nur den Kopf schütteln kann, wenn man sich mit den Dokumenten auskennt. Beispielsweise sucht man vergeblich nach der nun wirklich eindeutigen Tatsache, dass die Österreicher von vornherein Krieg wollten und deshalb den Serben ein bewusst unannehmbares Ultimatum gestellt haben. Wenn Clark uns nunmehr klarmachen will, dass das Ultimatum so schlimm nicht war und dass die seit 100 Jahren gelobte kluge Antwort der Serben nichts war als eigentlich unwürdiges Finassieren, springt einem ein kaum zu erklärendes Vorurteil geradezu ins Auge. Wenn dann noch einfach gesagt wird, dass erst „ein Telegramm aus Petersburg“ die Serben dazu gebracht habe, sich den Österreichern zu widersetzen, dann ist das auch eine grobe Verstellung der Tatsachen. „Ein Telegramm aus Petersburg“? Ja, aber das stammte nicht von den Russen, sondern vom serbischen Botschafter und sagte nur, dass die Russen anfingen, angesichts des österreichischen Ultimatums an Serbien, militärische Vorbereitungen zu ergreifen (was die anderen Mächte zu diesem Zeitpunkt auch bereits taten). Clark insinuiert also eine besondere russische Verantwortlichkeit. Und auch die Franzosen kommen nicht besser weg: Poincaré und der Botschafter in Petersburg, Paléologue, sind rechte Kriegstreiber, obwohl Clark das aus der Forschungsliteratur besser kennen müsste.

Demgegenüber bleiben die deutschen Handelnden in der Julikrise eigentümlich profillos: Bethmann Hollweg, der Reichskanzler, wird zwar sehr genau und plastisch geschildert. Aber seine kriegstreibende Risikopolitik wird in der konkreten Darstellung heruntergespielt. Clark erkennt auch nicht, dass die sog. „Lokalisierungspolitik“ der deutschen Regierung nicht wirklich auf Beruhigung ausgelegt war, wie das Wort suggeriert. Einen Konflikt „lokalisieren“ heißt ja gemeinhin, seine unkontrollierte Ausdehnung verhindern zu wollen. Aber Deutschlands unerbittliche Forderung, dass der Konflikt auf Serbien und Österreich-Ungarn beschränkt bleiben müsse, sein Wachen darüber, dass keine andere Macht sich in die Abrechung des Habsburgerreiches mit Serbien einmische, war in Wirklichkeit die größte Verfehlung. Bethmann Hollweg, der Kaiser, Außenminister Jagow: Alle verfolgten diesen Plan mit der Begründung, dass diese Lokalisierung entweder gelinge, und dann war der Gefahrenherd Serbien für lange Zeit ausgeschaltet. Oder aber er misslang, Russland mischte sich ein, die Allianzen begannen zu „spielen“: Dann war es besser, wenn der Krieg jetzt ausbräche, wo Deutschland noch hoffen konnte, militärisch stärker zu sein als Russland und Frankreich. Russland hat sich in der Tat eingemischt, weil es nicht zulassen wollte und konnte, dass die kleine slawische Nation unter den Augen ihres traditionellen Beschützers mit Krieg überzogen wurde. Russland hat dann tatsächlich zuerst mobil gemacht und Deutschland dadurch zur Mobilmachung gezwungen. Aber dieser Test auf den Kriegswillen der Russen war ja kein wirklicher Test, sondern eher eine self-fulfilling prophecy – das ist jedenfalls meine quellengestützte Ansicht gegen Clarks Herabspielen der deutschen Entscheidung zum Krieg.

Es bleibt noch ein zweites Manko dieses in vielem so „starken“ Buches zu nennen, nämlich die nicht stattfindende Auseinandersetzung mit den damaligen Vorstellungen vom Krieg. Was hatte man eigentlich damals für Kriegserwartungen? Inwieweit wurde der Krieg tatsächlich noch als legitimes Mittel der Politik, als deren Fortsetzung „unter Einsatz anderer Mittel“ (Clausewitz) verstanden? Sicherlich sprach man auch vor 1914 vom Horror eines Krieges zwischen den Großmächten. August Bebel, der Führer der deutschen Sozialdemokratie, prognostizierte sogar korrekt, dass der kommende Krieg „die Blüte der männlichen Bevölkerung Europas auslöschen“ und wohl 10 Millionen Tote kosten werde. Genau dieser „Kladderadatsch“, vor dem Bebel 1911 warnte, ist schließlich gekommen. Aber keiner der verantwortlichen Staatsmänner hätte sich im Juli 14 so schlafwandlerisch oder mondsüchtig verhalten, wie sie es taten, hätte man 1914 gewusst, was Verdun und die Somme 1916 sein würden. Man dachte an Kavallerie- und Bajonett-Attacken und an einen kurzen Schlagabtausch – Munition hatten die Deutschen auch nur für einen Krieg bis Oktober 14 gehortet –, und Weihnachten wollte man wieder zu Hause feiern. In die Analyse des Entscheidungshandelns der „Schlafwandler“ von 1914 hätte dieser Hintergrund ihres Denkens und Planens unbedingt einbezogen werden müssen.

Summa: Clarks Buch ist eine sehr beachtliche historiographische Leistung. Eine schön gelungene Verbindung von Quellenanalyse und historischer Darstellung, die in ihrer Detailliertheit und Farbenpracht zum Lesen und zum Weiterlesen einlädt.

Aber es bleibt für mich der Nachgeschmack einer Parteilichkeit, der es zwar gelingt, einige alten Mythen produktiv in Frage zu stellen, die aber den Forschungsstand zur Julikrise keineswegs umwerfend erneuert.[3] 

Der vorliegende Beitrag ist zuerst erschienen in der Zeitschrift „geschichte für heute – Zeitschrift für historisch-politische Bildung“ (Ausgabe: gfh 2/1914) dem Periodikum des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands. Wir bedanken uns bei Autor und Redaktion für die Möglichkeit der Zweitveröffentlichung. 


[1] Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. 896 S., geb., € 39,99, DVA, München 2013. [Der Rezensent ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Düsseldorf und ausgewiesener Experte für den Ersten Weltkrieg. Zuletzt erschienen „101 wichtigste Fragen Erster Weltkrieg" (Beck) und  „Juli 14“ (Schöningh) mit rund 100 Seiten z.T. unveröffentlichter Quellen zur Julikrise des Jahres 1914. Der Text der Rezension lehnt sich an die Besprechung der englischen Ausgabe an, die Krumeich in der Süddeutschen Zeitung vom 30.12.2012 veröffentlicht hat; s. http://sz.de/1.1537592. – Zusatz d. Red.]

[2] Andreas Kilb, Die Selbstzerstörung Europas, FAZ v. 9.9.2013 [Weitere Besprechungen: Tim B. Müller, Der Zufall des europäischen Krieges. Christopher Clarks historische Aufklärung, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 7, Heft 3, Herbst 2013, S. 117-19. Die Kernaussage lautet: „Clark verteidigt die Kontingenz. Und damit die Geschichte. Denn historisches Denken sucht zwar nach dem Typischen, den Mustern und Strukturen, und kann sich selbst dem Entwicklungsgedanken hingeben. Doch es hält den Zufall aus, das Individuelle, die Offenheit, die Unberechenbarkeit der Personen und Ereignisse. Eine theoretisch untermauerte Erklärung, die nichts für das Einmalige übrighat, ist dem historischen Denken leere Tröstung, falscher Zauber der Sozialwissenschaften.“ – Vgl. ferner Thomas Schmid, Das Wie entscheidet. Was der August 1914 uns Europäer heute lehrt: Christopher Clarks monumentales Panoramawerk zum Ersten Weltkrieg eröffnet Perspektiven jenseits der Schuldfrage, in: Die Welt v.14.9.2013, Literarische Welt, S. 3; Holger Afflerbach, Der Spiegel 39 v. 24.9.2012, S. 50f.; Stefan Reinecke, tageszeitung v. 14.9.2013; Volker Ulrich, Die Zeit v. 12.9.2013 (beharrt auf der Ansicht, Berlin trage die „Hauptverantwortung“ die Auslösung der Katastrophe). – Zusatz d. Red.]

[3] [Einen längeren Artikel zu neuen Büchern über den 1. Weltkrieg bringt gfh voraussichtlich in Heft 4/2014. – Zusatz d. Red.]

 

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