Empfehlung Film

Coming Out – Ein schwules Zeitdokument aus der DDR

Coming Out. Regie: Heiner Carow. DDR 1989. 113 Minuten  

 Der Film „Coming Out“ von Heiner Carow aus dem Jahr 1989 bietet sich für den Unterricht an, um Homosexualität in der DDR zu thematisieren und eine Auseinandersetzung mit Homosexuellenfeindlichkeit und Coming Out anzuregen.

Von Patsy Henze

Als 1989 Tausende von Menschen mit dem Fall der Mauer beschäftigt waren und auf die Straße gingen, verpasste eine große Zahl von Schwulen dieses Ereignis. Sie saßen im Kino und fieberten dem ersten schwulen Film der DDR entgegen: „Coming Out“ (1989) von Heiner Carow. Zwar war seit 1957, also viel früher als in der Bundesrepublik, Homosexualität unter Männern nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Während es in Westdeutschland jedoch bereits 1971 mit „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ von Rosa von Praunheim und Martin Dannecker einen Film von und für Schwule gab, so war schwule Kultur in der DDR nicht derart sichtbar in der Öffentlichkeit. Erst in den 1980er Jahren und vor allen Dingen unter Einfluss der neuen schwulen und lesbischen Bewegungsgruppen gab es eine zunehmende Auseinandersetzung mit Homosexualität in dem realsozialistischen Staat. Die Thematisierung von Homosexualität und DDR ebenso wie Homosexuellenfeindlichkeit und Selbstbewusstsein von Schwulen durch den Film, bietet sich für die Arbeit mit Jugendlichen im Geschichtsunterricht besonders an.

Wir finden uns in Ost-Berlin wieder, wo gerade ein Feuerwerk gezündet wird. Während draußen feierliche Stimmung herrscht, wird in einem Krankenhaus Matthias Seiffert behandelt. Er hat versucht sich umzubringen und nennt als Begründung seine Homosexualität. Nach dieser Sequenz verfolgt der Film zunächst das Leben von Philip Klarmann, einem jungen Lehrer. Er lernt Tanja kennen, mit der er ein Verhältnis eingeht. Nach dem überraschenden Besuch eines Schulfreundes, mit dem er als Jugendlicher Sex hatte, wird er mit seinen eigenen Gefühlen konfrontiert. Nachdem er ihn wiederholt aufsucht, konfrontiert ihn dieser mit der gemeinsamen Vergangenheit, die für den Schulfreund eine Sanktion durch die Eltern bedeutete. Die Beziehung wurde unterbunden und Philips Abkehr von seinem damaligen Freund hat dieser als schmerzliche Zurückweisung empfunden. Philip ergreift die Flucht, möchte sich nicht damit auseinandersetzen. Durch den Besuch einer Bar für Homosexuelle, in die er scheinbar zufällig geht, zeichnen sich in ihm erste Zweifel an seiner Heterosexualität ab. Dort betrinkt er sich und muss von zwei Gästen, einer davon Matthias, nach Hause gebracht werden. In den darauf folgenden Tagen wird er zunehmend unruhig und greift in eine rassistisch motivierte Schlägerei ein. Als er kurz darauf einen schwulenfeindlichen Übergriff beobachtet, ergreift er die Flucht. Zu nah erscheint die Problematik und die Gewalt seiner eigenen Person. Am Arbeitsplatz gerät er durch seinen unkonzentrierten Gemütszustand in Probleme und die Beziehung zu Tanja wird zunehmend problematisch, woraufhin er schließlich auch hier die Flucht ergreift. Nach einem wiederholten Aufeinandertreffen mit Matthias lädt dieser ihn zu seinem Geburtstag ein – und die beiden beginnen eine Affäre miteinander. Hin und hergerissen zwischen seiner sozialen Verpflichtung, die ihm eine heterosexuelle Sozialrolle abverlangt, seiner Loyalität gegenüber Tanja und den Gefühlen gegenüber Matthias, kommt es zu einem ungeschickten Zusammentreffen zwischen Tanja und Matthias. Die beiden letzteren brechen die Beziehung zu Philip ab. Philip ist schließlich alleine, muss seinen eigenen Gefühlen als Schwuler begegnen. Der Film bietet kein klassisches Happy End, sondern lässt Philips schwule Zukunft in beruflicher Hinsicht wie in Bezug auf seine Beziehung offen.

In der Bar werden unterschiedliche homosexuelle Charaktere vorgestellt, unter anderem ein älterer Herr, der von seiner Internierung im KZ Sachsenhausen berichtet. Die homosexuelle Subkultur bezeichnet er als Anker, der jedoch nicht nur Glück verspricht. Zu viel Feindlichkeit besteht nach wie vor in der Gesellschaft, um als Homosexuelle/r selbstbewusst zu sich selbst zu stehen und sich selbst gegenüber mit Anerkennung zu begegnen. Dieses Gespräch bietet einen wichtigen Anhaltspunkt für eine Auseinandersetzung mit Homosexuellenfeindlichkeit im Zusammenhang mit deutscher Geschichte. Hierzu können Strafrechtsparagraphen aus dem NS wie aus der Bundesrepublik herangezogen werden und damit die Verfolgung bis in die jüngste Zeit hinein verdeutlichen.

Darüber hinaus wird die allgemeine gesellschaftliche Diskriminierung von Schwulen und Lesben angesprochen. Bereits zu Beginn des Films wird der/die Zuschauer/in mit dem Selbstmordversuch eines Schwulen aufgrund seiner sexuellen Orientierung konfrontiert. Hinzu kommt der schwulenfeindliche Übergriff sowie die Verleugnung von Philips eigener Sexualität. Hierzu können aktuelle Bezüge im Unterricht hergestellt werden: Ist eine derartige Problematik mit der eigenen sexuellen Orientierung auch heute noch denkbar? Wie reagiert das Umfeld von Lesben und Schwulen auf ein Coming Out? Was hat sich historisch verändert und wo sind Kontinuitäten erkennbar?

Der Film „Coming Out“ bietet sich hervorragend dafür an, ihn im Unterricht zu zeigen. Dafür sollten unbedingt ergänzende Informationen herangezogen und mit den Schüler/innen bearbeitet werden. Dazu zählen strafrechtliche Grundlagen ebenso wie eine Auseinandersetzung mit der Stellung von Homosexualität in der DDR. Ohne den realsozialistischen Staat zum Schreckgespenst zu stilisieren bietet der Film als Zeitdokument einen wichtigen Einblick in Problematiken zu Coming Out und Homosexuellenfeindlichkeit, über den auch ein aktueller Bezug hergestellt werden kann.

 

 

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