Empfehlung Fachbuch

Die DDR. Die Schwulen. Der Aufbruch

Jean Jacques Soukup (Hrsg.): Die DDR. Die Schwulen. Der Aufbruch. Versuch einer Bestandsaufnahme. Schriftenreihe des Waldschlösschens, Band 1. ISBN: 3-9802426-0-9.

Von Anne Lepper

In jenen Tagen im November 1989, als die ganze Republik, emotionalisiert von den Ereignissen der letzten Tage, in eine mitreißende Aufbruchstimmung geraten war, trafen sich in dem Freien Tagungshaus Waldschlösschen in der Nähe von Göttingen Schwule aus der DDR und der BRD zu einem gemeinsamen Seminar. Die Veranstaltung war schon lange geplant, und dass der Termin ausgerechnet in die Woche nach dem Mauerfall fiel, war ein Zufall, der wenige Tage zuvor unglaublich erschienen wäre. So dienten die Tage im Waldschlösschen nicht nur als gemeinsame Bestandsaufnahme der Schwulenbewegung in Ost und West, sondern auch, um miteinander und angesichts der neuen Situation Perspektiven zu eruieren und zu entwickeln.
Eine bereits im Januar 1990 in der Schriftenreihe des Waldschlösschens erschienene Tagungsdokumentation gibt die Inhalte, Themen und Diskussionen wieder, die im Laufe des Seminars Aufmerksamkeit erlangten und vermittelt eine Vorstellung von den entstehenden Hoffnungen, Befürchtungen und Enttäuschungen, denen Schwule aus Ost und West angesichts der neuen Situation entgegensahen.
 

Das Freie Tagungshaus Waldschlösschen

Das Tagungshaus in der Nähe von Göttingen eignete sich geradezu hervorragend als Ort eines gemeinsamen Treffens politisch engagierter Schwuler aus beiden Teilen Deutschlands. Geographisch in der Mitte der Republik gelegen, bot das Tagungshaus und der ihm angegliederte Verein für soziale und pädagogische Arbeit e.V. bereits seit 1981 ein Programm politischer, kultureller, fremdsprachlicher, körper- und freizeitorientierter Bildung und psychosozialer Angebote für Homosexuelle.

Die Publikation

Im Zentrum der Tagungsdokumentation stehen Gesprächsprotokolle und Interviews mit verschiedenen Teilnehmern. Gerade in den Protokollen der zahlreichen Diskussionen und Gesprächsrunden wird deutlich, dass sich Deutschland zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt eines gesellschaftlichen und politischen Umbruchs befand, an dem die Zukunft ungewiss und die Themen und Fragen dementsprechend weit gefächert waren. Während sich die meisten Teilnehmer durch die eigenen Erfahrungen vorangegangener Großdemonstrationen und das einschneidende Erlebnis des Mauerfalls noch tief beeindruckt und aufgewühlt an den Diskussionen beteiligten, mischte sich vielfach bereits ein desillusionierter Tenor unter die verschiedenen Wortbeiträge. Neben dem Nichtvorhandensein schwuler Themen in den politischen Auseinandersetzungen der Wendezeit, lagen die Gründe dafür auch in einer Unzufriedenheit über die Form der Auseinandersetzung in der Erneuerungsbewegung der DDR, die einige Tagungsteilnehmer abwertend als „intellektuelle Blase“ bezeichneten. So fiel denn auch die Bestandsaufnahme vieler ostdeutscher Tagungsteilnehmer eher frustriert als zufrieden aus: „Das ist der Alltag. […] unter vier Augen wird von der Norm abweichende Sexualität noch als Krankheit behandelt und eben auch medizinisch 'therapiert'“. (S.26)
Ein ähnliches Bild der damaligen Situation, in Ost und West gleichermaßen, zeichnen auch einige Autoren, durch deren Beiträge die Publikation inhaltlich-theoretisch ergänzt wurde. So berichtet Jürgen Lemke in seinem Text von einem Artikel im westdeutschen Magazin „Der Spiegel“, in dem Stasiduos auf Großdemonstrationen als „Schwulenparade“ bezeichnet wurden, und Olaf Leser kommt in seinem historischen Überblick über die Situation von Homosexuellen in der DDR zu dem Urteil: „Wir sind noch weit entfernt von einem normalen Umgang zwischen Hetero- und Homosexuellen“. (S.44)
Doch es gibt nicht nur Schlechtes zu berichten. Lutz Möbius und Kai Werner erzählen von ihren Erfahrungen mit der Gründung und Organisation verschiedener FDJ-Schwulenklubs, die sich mit anfänglichen Startschwierigkeiten und beträchtlichem politischen Gegenwind in den 1980er Jahren zu einem funktionierenden Konzept entwickelten. Und auch Günter Gau spricht in seinem Beitrag von wichtigen Veränderungen, die in Bezug auf die Situation der Homosexuellen in der DDR jüngst stattgefunden haben – die Beseitigung der strafrechtlichen Diskriminierung, die Herausbildung einer politischen Homosexuellenbewegung und der Bruch mit der Homosexualität als gesellschaftliches Tabu. Diese Entwicklungen beschreibt Gau jedoch nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es auf dem Weg hin zu einer gleichberechtigten Akzeptanz von Lesben und Schwulen noch viel zu erreichen gibt.
In diesem Sinne sind auch jene Grundsätze und Maßnahmen zu verstehen, die „Für eine Anerkennung und Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen“ als Ergebnis der „Karl-Marx-Städter Plattform“ zur Diskussion und zum Handeln anregen sollen. Das am Ende der Publikation abgedruckte Papier bietet weitreichende Überlegungen, die in die Themenbereiche Rechtspolitik, Rechtsanwendung, Kulturpolitik, Wissenschaftspolitik, Kirchenpolitik, Sexualerziehung, Gesundheitspolitik und Aids-Politik untergliedert sind. Sie geben heutigen Leser/innen einen guten Überblick über die damalige Situation und darauf aufbauende Forderungen aktiver Mitglieder der Schwulenbewegung.

Fazit

Der Tagungsband gibt einen einmaligen und spannenden Einblick in die aufwühlende Situation der Homosexuellen aus Ost und West in den Tagen der Wiedervereinigung. Die Publikation eignet sich daher, um mit heutigen Jugendlichen die Atmosphäre jener Zeit nachzuempfinden und die damit in Verbindung stehenden Entwicklungen in den langfristigen Kampf um Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben einzuordnen.
 

 

 

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