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Paradies und Tristesse

Henning Schulze studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Politik- und Religionswissenschaften in Leipzig. Er war zwischen 2006 und 2010 als studentischer, zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Hochschulforschung (HoF) Halle-Wittenberg tätig. Seit 2011 arbeitet er als Promotionsstipendiat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur an einer Dissertation zum Thema.

Von Henning Schulze

Um einen Eindruck vom Zustand ostdeutscher Innenstädte in den letzten Jahren der DDR zu bekommen, empfiehlt sich ein Blick auf die Arbeiten von Helga Paris. Für ihre Serie „Häuser und Gesichter“ hatte die Fotografin zwischen 1983 und 1985 Menschen und Gebäude in Halle an der Saale portraitiert. Paris begegnete ihrem Gegenstand fasziniert und unprätentiös. Vielleicht gerade deshalb sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der heruntergekommenen Straßenzüge unter einem diesigen Himmel an Tristesse und Düsternis kaum zu übertreffen. Im Vorwort des Katalogs hieß es 1986: „Die Stadt ist grau, die Luft schwer, der Fluß dunkel. Die Menschen haben andere Furchen im Gesicht, einen anderen Ausdruck.“ Diese Aussage und die Bilder, auf die sie sich bezog, ließen sich ohne weiteres auf die ganze DDR übertragen. Die Schwerindustrialiserung des Landes hatte an Umwelt und Menschen deutliche Spuren hinterlassen und als Reaktion auf den augenfälligen Raubbau an natürlichen und menschlichen Ressourcen formierten sich allerorten Umweltgruppen als wichtige Keimzelle der Oppositionsbewegung. Obwohl man Paris zunächst hatte gewähren lassen, wurde die Ausstellung 1986 verschoben und 1987 schließlich untersagt. Ob beabsichtigt oder nicht – unbestreitbar hatten die Arbeiten der Künstlerin, indem sie einen Wohn- und Lebensalltag in der DDR im Kontrast zur offiziellen Bildsprache dokumentierten, eine politische Dimension: Vom Aufbruchspathos und Glücksversprechen des sozialistischen Staates war hier nichts mehr zu sehen, vielmehr scheint die dystopische Romantik der Bilder aus heutiger Sicht das Ende der DDR vorweg zu nehmen.

Für Halle war das besonders zutreffend, denn ab Mitte der 1960er Jahre war hier mit der „Sozialistischen Chemiearbeiterstadt“ Halle-Neustadt eines der prestigeträchtigsten Bauprojekte der noch jungen DDR begonnen worden. Innerhalb kürzester Zeit sollten in Halle-Neustadt moderne Wohnungen und Infrastruktur für über 100.000 Menschen entstehen, als Demonstration der Leistungsfähigkeit des sozialistischen Städtebaus. Dieser orientierte sich zunächst an den Leitbildern des Neuen Bauens und der städtebaulichen Moderne. Die alten, planlos gewachsenen Industriestädte mit ihren engen und segregierten Wohnquartieren galten als überkommen; demgegenüber wurde unter der Formel „Licht, Luft und Sonne“ eine moderne, funktional nach Wohnen und Arbeit getrennte Stadtgestalt postuliert. Angesichts der durch den Krieg weitgehend zerstörten Innenstädte sahen Architekten und Stadtplaner[1] in Ost und West die historische Chance gekommen, diese Pläne radikal zu verwirklichen. Die Gemeinsamkeiten zwischen DDR und BRD waren dabei anfangs beträchtlich: In beiden Staaten hatte das schnelle Schaffen von Wohnraum Priorität vor der Sanierung und Rekonstruktion der Altbausubstanz. Um Platz für den rasant wachsenden Autoverkehr zu machen, wurden hier wie dort Schneisen durch die Altstädte geschlagen und beim Bau waren Typisierung und Norm gleichermaßen en vogue.

Die fundamentalen Unterschiede der gesellschaftlich-ökonomischen Systeme hatten freilich ihren Einfluss auch auf die Form des Bauens: Politisch herrschte in der DDR das Primat zentraler Steuerung und Kontrolle, während in der BRD die Entscheidung über die Gestalt der Städte weitgehend Gegenstand von Aushandlungsprozessen auf kommunaler Ebene war. Dieser Unterschied war auch ökonomischbedeutsam. Anders, als im Westen wurden in der DDR alle am Bau beteiligten Berufszweige und Gewerke in Großbetrieben zusammengefasst und privates Bauen blieb die Ausnahme. Die Kombination mit planwirtschaftlichen Steuerungsmethoden sorgte für eine immer mehr quantitativ ausgerichtete Bauwirtschaft, der sich Stadtplanung und Architektur unterzuordnen hatten. Das Dogma der Typisierung erreichte mit der „Wohnungsbauserie 70“ in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt, in allen Städten der DDR wurden nunmehr die immer gleichen rechtwinkligen Block-Lücke-Anordnungen mit einander bis aufs Haar gleichenden Wohnungen gebaut. Der Neubau hatte in der DDR bis zuletzt Priorität. Insgesamt entstanden bis 1989 rund 2 Millionen Wohnungen in Plattenbauweise für rund ein Drittel der DDR-Bevölkerung. Die hoch gesteckten Ziele der verschiedenen Wohnungsbauprogramme wurden dabei nie erreicht. An Wohnraum herrschte stets Mangel, insbesondere in den begehrten Neubauwohnungen mit fließend warmem Wasser und Zentralheizung, in der DDR bis zuletzt kein selbstverständlicher Standard.

Ein dritter wichtiger Unterschied war ein ideologischer: In der DDR galt Stadt nicht nur als Gestaltungsraum sondern als Gestaltungsmittel im Sinne eines ausgreifenden pädagogischen Impetus´, einer „Emanzipation von oben“. Insbesondere die so genannten Neuen Städte wie die Chemiearbeiterstadt waren konzipiert für die fließbandmäßige Produktion sozialistischer Normbiografien bei systematischer Verhinderung von Abweichungen. Von den täglichen Wegen über das Bildungsangebot, den Wohnungseinrichtungen bis hin zur Kunst war nahezu jeder Aspekt des städtischen Lebens mit einem offiziellen Deutungsangebot versehen worden. In einer Verbindung aus Mangelverwaltung und zentralisierter Wohnraumvergabe realisierte sich zumindest im Plattenbau eine egalitäre Gesellschaftsvision – Wohnen war hier nicht mehr anhand sozialer Kriterien wie Einkommen oder Klasse organisiert. Gleichzeitig war jedoch auch die Teilhabe an der Gemeinschaft des Plattenbaus an Auflagen gebunden: Erstens war sie homogen deutsch, die einzig nennenswerten nichtdeutschen Bevölkerungsgruppen waren entweder kaserniert, wie die so genannten Russen, oder wurden in Wohnheimen verwahrt. Zweitens war Heterosexualität und entsprechende Reproduktionsbereitschaft ein Kriterium: Die Ein- oder Zwei-Kind-Familie war in der DDR gesellschaftliche Norm; Eheleute mit Kindern wurden bei der Wohnungsvergabe bevorzugt und der staatliche Wohnungsbau hatte einen deutlichen Schwerpunkt auf Zwei- beziehungsweise Dreiraumwohnungen. Drittens hatte man sich politisch wenigstens unauffällig zu verhalten und viertens war es wichtig, produktiv zu arbeiten oder solches zumindest glaubhaft geltend zu machen. Neben dem Familienstand war die betriebliche Zugehörigkeit ein entscheidendes Kriterium bei der Wohnungsvergabe; häufig verfügten Betriebe über eigene Wohnungskontingente.

Parallel wurde die Altbausubstanz in den Städten und Dörfern – wo nach wie vor der Große Teil der Bevölkerung lebte – eher notdürftig und unter immensem individuellem Einsatz saniert und entstand gehalten. Auch scheiterte hier der Anspruch des Staates weitgehend, den gesamten Wohnraum zentral zu erfassen und zu verteilen. In den Großstädten der DDR war das „Schwarzwohnen“, die illegale Praxis des Wohnungsbezugs an den Vergabestellen vorbei, ab den 1980er Jahren weit verbreitet. Bezeichnender Weise flüchteten sich vor allem Teile der im Plattenbau aufgewachsenen Generation aus dem Paradies der sozialistischen (Vor-)Städte in die Tristesse und Zumutung der Altbauten. Neben der Enge der Wohnungen und der prekären Wohnungssituation dürfte auch die Suche nach sprichwörtlichen Freiräumen – wie sie in den verwinkelten Straßen und Hinterhöfen der Altstädte eher zu finden waren, als zwischen den Neubaublocks – ein Kriterium für diese Bewegung gewesen sein.

Die dramatische Abwertung der Wohnweise im Plattenbau nach 1989/90 darf dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Neubauwohnung in der DDR zugleich Privileg und Objekt des Begehrens gewesen und für einen guten Teil seiner Bewohnerinnen und Bewohner auch geblieben ist. Dabei spielen nicht nur Nostalgie und die Verteidigung historischer Arrangements eine Rolle. Die Formel des Plattenbaus, auf ihren pragmatischen Kern reduziert, könnte in etwa lauten: Bescheidener Komfort für viele zu moderaten Preisen. Angesichts steigender Mietpreise und drängender sozialer Fragen rund um die Wohnungspolitik, erscheint sie heute aktueller denn je. Man muss diesen Umstand nicht mögen. Es wäre jedoch borniert, ihn nicht zur Kenntnis zu nehmen.  


[1] Insbesondere in den 1950er und 60er Jahren waren die entsprechenden Berufszweige männlich dominiert.

 

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