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Gleichschritt und Eigensinn. Lernpotentiale einer Geschichte des DDR-Alltags

Prof. Dr. Saskia Handro hat seit 2006 den Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der historischen Lehr- und Lernforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster inne.

Von Saskia Handro

In der Hauptstadt der Erinnerung hat ein neues Museum für „Alltag in der DDR“ seine Pforten geöffnet. Im Osten nichts Neues – könnte man meinen. Bekanntlich ist die ostdeutsche Provinz reich an Reliquiensammlungen der DDR-Alltagskultur. In Berlin gehört ihre Musealisierung und Vermarktung schon längst zur geschichtskulturellen Grundausstattung. Im scheinbaren Gegensatz zur regen Nachfrage steht der kritische Blick auf eine DDR-Alltagskultur, die allenfalls nostalgische Reflexe weckt. Wolfgang Benz konnte bei seinen kursorischen Betrachtungen dem DDR-Alltag im Museum nur einen inszenierten „Unterhaltungswert“ abgewinnen, der vor allem als Gegenpol zum „Schrecken des Gewaltregimes“ funktioniert. In der 2008 fortgeschriebenen Gedenkstättenkonzeption des Bundes wurde der Behandlung von Gesellschaft und Alltag kein eigener Platz eingeräumt (vgl. Sabrow 2007). Der Fokus der Gedenkstättenarbeit sollte sich vielmehr auf Herrschaft und Repression sowie Widerstand und Opposition in beiden deutschen Diktaturen richten und gleichzeitig Teilung und Grenze als Erfahrung der doppelten deutschen Nachkriegsgeschichte im kollektiven Gedächtnis präsent halten. Daher überrascht es nun, dass das Bonner Haus der Geschichte eine weitere Dependance in Berlin eröffnet und damit den „Alltag in der DDR“ mit dem Gütesiegel historisch-politischer Bildung versieht.

DDR-Alltagsgeschichte – ein umkämpftes Feld historisch-politischer Bildung

Bislang trafen im Spannungsfeld zwischen Aufklären, Verklären und Erklären zwei Positionen aufeinander. Protagonisten politik- und strukturgeschichtlicher Ansätze aber auch Vertreter der DDR-Opposition oder Opferverbände sahen in der gleichrangigen Betrachtung des DDR-Alltags oder in der Diskussion über „Grenzen der Diktatur“ eine Nivellierung des Diktaturcharakters und ihrer Diktaturerfahrungen. Einblicke in die scheinbare Normalität des Alltagslebens würden einen realistischen Blick auf den repressiven Charakter des SED-Staates erschweren. Zugleich schränke man damit im Feld der historisch-politischen Bildung die Möglichkeiten ein, demokratische Grundwerte zu vermitteln und einer diktatorischen Verführung entgegenzuwirken. Es gelte insbesondere die Mythen über die DDR als „soziales Paradies“ zu destruieren und die Bedeutung von Opposition und Widerstand gegen diktatorische Herrschaft zu vergegenwärtigen. Die Ostalgiewelle der 1990er Jahre und Studien zum Schülerwissen und -einstellungen über die DDR verliehen dieser Position Nachdruck (vgl. Deutz-Schroeder/Schroeder 2008).

Zahlreiche Ostdeutsche hielten dagegen, dass ihre biografischen Erfahrungen komplexer und nur schwer mit den ausschließlich dunklen Bildern der Diktatur zu vereinbaren seien. Nicht nur angesichts der vielfältigen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen plädierten Vertreter sozialhistorischer Ansätze für eine integrale Betrachtung von Herrschaft, Gesellschaft und Alltag. Dauer und Veränderung der DDR ließen sich nicht allein mit der Formel einer durchherrschten Gesellschaft beschreiben. In diesem Zugriff werde die Dichotomie von Regime und Volk überbetont. Gerade im Alltag gewönnen vielmehr die Bindungskräfte einer Diktatur, als widersprüchliche Formen des Arrangierens, des Engagements, aber auch der Verweigerung und des Rückzugs, an Kontur. Herrschaft und Eigen-Sinn seien konstitutiv für die DDR-Gesellschaft, so Thomas Lindenberger (vgl. Lindenberger 1999), und Mary Fulbrook entfaltet, dass erst diese Wechselbeziehungen erhellen, „wie und warum Menschen durch das politische System der DDR eingeschränkt und beeinflusst wurden, es aber gleichzeitig auch aktiv und oft freiwillig mittrugen“ (Fulbrook 2008: 28).

DDR-Alltag im Unterricht

Das Thema DDR-Alltag ist frühzeitig in Schulbüchern und zahlreichen Unterrichtsmaterialien aufgegriffen worden, vor allem weil es einen Lebenswelt- und Schülerbezug ermöglicht. Mittlerweile findet man von Urlaub, Konsum, Sport über Arbeit oder Wohnen ein breites Spektrum thematischer Zugriffe. Im Sinne exemplarischer Einblicke in das Beziehungsgefüge von Herrschaft und Alltag lassen sich hinsichtlich der Lernpotentiale drei Typen der Darstellung unterscheiden:

Erstens dient die Darstellung des Alltags der Illustration struktureller Phänomene diktatorischer Herrschaft. Dieser Zugriff unterstreicht, wie das politische System weite Bereiche des Alltagslebens steuerte, kontrollierte, individuelle Freiheiten einschränkte, und dass seine Bespitzelung auch vor der Privatsphäre nicht Halt machte. In dieser Perspektive wird die Auswirkung politscher Maßnahmen als Top-Down-Modell beschrieben, aber aufgrund der Dichotomie von SED und Volk gewinnen Menschen als handelnde Subjekte kaum an Kontur.

Ein zweiter Typus wirft die Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen Herrschaftsanspruch und Alltagserfahrungen auf, um gleichrangig das Integrations- und Konfliktpotential im Bereich des Alltäglichen zu erklären. Der Widerspruch zwischen der Vision einer egalitären Gesellschaft, dem Versprechen auf ein besseres Leben und der Alltagswirklichkeit gewinnt hier als Antrieb für Veränderungen an Profil. So provozierten allgegenwärtige Einschränkungen der Grundrechte wie der Reisefreiheit, aber auch Engpässe und Ungleichheiten wie in der Verteilung von Konsumgütern oder Wohnraum Protest, Loyalitätsverlust und Nischenwirtschaft. Das politische System verlor so nicht nur an Legitimität, sondern reagierte auch mit wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen auf Probleme des Alltags, um seinen Herrschaftsanspruch zu sichern.

Ein dritter Typus vergegenwärtigt die widersprüchlichen und auch individuell bzw. gruppengebunden unterschiedlichen Erfahrungen und Erinnerungen an den DDR-Alltag – zwischen glücklicher Jugend, aktiver FDJ-Arbeit, jugendlicher Subkultur und politischer Jugendopposition. Gerade durch diese exemplarischen Fallanalysen wird das Bild einer homogenen Gesellschaft differenziert – durch Betrachtung unterschiedlicher politischer, sozialer, aber auch religiöser Milieus, durch den Vergleich generationeller Prägungen von Aufbau- und ausschließlich DDR-sozialisierter Generation, durch lokalgeschichtliche Zugänge oder durch Untersuchung biografischer Einzelfälle, die für widersprüchliche Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen des Alltagslebens sensibilisieren. Insbesondere dieser Vergleich unterschiedlicher Alltagserfahrungen und pluraler, aber auch kontroverser Deutungen und Erinnerungen regt die Diskussion von subjektgebundenen Motiven und Handlungsspielräumen an und fordert Schülerinnen und Schüler zur eigenständigen Urteilsbildung heraus.

DDR-Alltag als Gegenstand historischen Lernens bedeutet somit nicht den Abschied von einer Herrschafts- und Oppositionsgeschichte oder ein Weichzeichnen der Diktatur. Vielmehr erhellt der mikrogeschichtliche Zugriff widersprüchliche Formen der Aneignung des Politischen als integrale Phänomene und dynamische Faktoren der DDR-Gesellschaft. Vor allem mit den beiden letztgenannten Typen können nicht nur Struktur, Dauer und Untergang der zweiten deutschen Diktatur erklärt, sondern auch vergleichende Perspektiven zum Alltagsleben in demokratischen Gesellschaften eröffnet werden, ohne auf der Ebene einer vielfach kritisierten statischen Kontrastgeschichte zu verharren.

Literatur

Monika Deutz-Schroeder/Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild – ein Ost-West-Vergleich. München 2008.

Mary Fulbrook: Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR. Darmstadt 2008. 

Saskia Handro: Alltagsgeschichte. Alltag, Arbeit, Politik und Kultur in der DDR. Fundus – Quellen für den Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts. 2004. 

Saskia Handro: DDR-Geschichte unterrichten - aber welche? In: Geschichte lernen19(2006) H. 111, S. 2-7. 

Thomas Lindenberger (Hrsg.): Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR. Köln u.a. 1999.

Martin Sabrow u.a. (Hrsg.): Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte. Bonn 2007.

 

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