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„Ihr sollt die Wahrheit erben!“ – Der Gedenktag 27. Januar an der Berliner Ruth-Cohn-Schule

Die Autorin ist Dipl. Soziologin. Sie hat 35 Jahre an der Ruth-Cohn-Schule (früher 1. Staatliche Fachschule für Sozialpädagogik Berlin) im Rahmen der Ausbildung zur Erzieherin, zum Erzieher in den Fächern Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Gesellschaft und Politik unterrichtet. Aus dem von ihr in der Schule initiierten Gedenktag ist vor einigen Jahren der Verein Erinnern und VerANTWORTung e.V. – Gedenkarbeit an Berliner Schulen mit dem Projekt „Trost durch Tat“ hervorgegangen.

Von Karin Weimann

Entwicklung und Gestaltung des Gedenktages

„Nur das hat in der Welt Bestand, was mitteilbar ist. Das wirklich Geschehene muß in der Wirklichkeit eine Bleibe finden.“ (Arendt 1918:117) Der Gedenktag 27. Januar an der Ruth-Cohn-Schule ist diesem Ziel zugeeignet.

Der deutsche Gedenktag ist der Erinnerung und Würdigung aller Opfergruppen gewidmet. Die sprachliche Verkürzung auf einen „Holocaust“-Gedenktag führt bei Lernenden und nicht selten auch bei Lehrenden zur irrigen Annahme eines „Judengedenktages“. Zudem fühlen sich Angehörige anderer Verfolgten-Gruppen durch eine solche Bezeichnung ausgegrenzt. Während am ersten Gedenktag 1997 vier Überlebende unsere Gäste waren und die anderen der 37 Arbeitsgruppen von Kolleginnen und Kollegen gestaltet werden, wuchs die Zahl der Überlebenden und der anderen Gäste von Jahr zu Jahr, so dass nach kurzer Zeit die Arbeitsgruppen ausschließlich von ihnen übernommen wurden. Der Gedenktag umfasst eine am Vortag stattfindende Lesung, die besondere Gestaltung des Eingangsbereichs der Schule, Arbeitsgruppen der Überlebenden und anderer Gäste sowie eine Abschlussgedenkstunde. Am Ende ist Raum für in der Regel lebhaften Austausch über die Erfahrungen in den Arbeitsgruppen bei liebevoller Bewirtung.  

Bislang waren Angehörige folgender Verfolgten-Gruppen in der Schule zu Gast: Jüdische Menschen, Sinti und Roma, Homosexuelle, Opfer des „Euthanasie“ Mordprogramms, Jehovas Zeugen, Kommunistinnen und Kommunisten, gerettete Kinder, sogenannte Gemeinschaftsfremde, in das Konzentrationslager Moringen Deportierte, Angehörige einer Berliner Jugendgruppe der Quäker, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen.

Um dem Anspruch der Erinnerung und Würdigung aller Opfergruppen gerecht zu werden, erhalten Verfolgtengruppen, die nicht durch Überlebende oder deren Angehörige vertreten sind, am Gedenktag durch Ausstellungen ihren Platz. Im Laufe der Jahre haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gedenkstätten, wissenschaftlich Forschende und bürgerschaftlich Engagierte die Angebote ergänzt. 

Der Gedenktag ist für unsere Gäste und für alle am Schulleben Beteiligten zu einem eindrucksvollen Bestandteil schulischen Lebens geworden.

Verschiedene Perspektiven auf den Gedenktag

Vorbemerkung:

Zeugen der Zeit sind alle. Untergegangene und Gerettete. Täter und Gefolgschaft. Um sie sprachlich zu unterscheiden, wähle ich den Begriff Überlebende für die Verfolgten des nationalsozialistischen Deutschlands.

Die Formulierung „suggestive Kraft der Authentizität“ weise ich zurück. Der Begriff „Suggestion“ assoziiert Manipulation mit dem Ziel der Ausschaltung von Vernunft und Freiheit der Hörenden. Vielmehr geht es um das Erfahrungsgedächtnis der Geretteten, das Interesse und Anteilnahme auslöst.

Die Überlebenden

Grundsätzliche Kritik an dem Gedenktag und seiner Gestaltung habe ich nicht vernommen. Viele Überlebende empfinden eine „Überlebensschuld“, der sie zu begegnen suchen, indem sie Zeugnis ablegen. Sie formulieren Dankbarkeit für unsere Bereitschaft, ihren Lebens- und Leidensgeschichten zuzuhören. Viele verstehen sich als Mahnerinnen und Mahner angesichts des alten und neuen Antisemitismus, der Diskriminierung und gewalttätigen Verfolgung von Minderheiten.

Häufig stellen sie fest, dass im Anschluss an ihre Erzählungen Fragen ausbleiben.

Auch Fragen nach dem Tun und Unterlassen der Angehörigen der Zuhörenden in den Jahren zwischen 1933 und 1945 werden vermieden. Die Überlebenden und ihre Angehörigen wissen, welch „schlechte Stimmung“ sie mit solchen Nachfragen auslösen, wie schnell die Haltung der Anteilnahme in Aggression und Abwehr umschlägt: Vater war kein Nazi, Mutter auch nicht. Opa und Oma waren keine Nazis. Niemand war Nazi. Deutsche und Nazis - zwei verschiedene Ethnien.

Ein über den Gedenktag hinausgehendes Interesse – ein Telefonanruf, ein Besuch, ein Brief – wird als wohltuend empfunden. Solche Zeichen bleiben leider in der Regel aus.

Lernende und Lehrende

Systematische Aussagen sind nicht möglich. Die Bereitschaft und das Interesse, sich auf diesen Tag einzulassen, hängen auch vom Engagement der Lehrenden ab. Die Mehrzahl der Lernenden zeigt sich von den Erzählungen der Überlebenden und ihrer Nachkommen berührt. Sie begegnen ihnen mit warmem Respekt und Höflichkeit.

Einige sind zurückhaltend bis desinteressiert. Auch Widerstände sind vorhanden. Sie zeigen sich in gereizter Erschöpfung durch „pausenlose Beschäftigung mit dem Thema“ und in zorniger Abwehr von „Schuldgefühlen“, die andere vermeintlich in ihnen auslösen. Die große Mehrheit der Lehrenden engagiert sich, um den Erzählungen der Überlebenden in unserer Wirklichkeit eine Bleibe zu schaffen. Die Kontakte mit den Überlebenden, deren Gastgeberinnen und Gastgeber sie sind, beschreiben sie als berührend und bereichernd.

Kolleginnen und Kollegen nehmen selten mit ihrem Gast nach dem Gedenktag Verbindung auf.

Die mit der Vorbereitung und Durchführung des Gedenktages verbundene erhebliche Mehrarbeit für die immer gleichen Kolleginnen und Kollegen wird zunehmend als anstrengend, gelegentlich als überfordernd empfunden.

Kritische Anmerkungen

Die Überlebenden werden, solange ihre mentalen, psychischen und physischen Kräfte es zulassen, Jahr um Jahr eingeladen. Nach dem Gedenktag finden nur ausnahmsweise Kontakte zwischen den Schulangehörigen und ihnen statt. Die Überlebenden kommen, sie gehen … sie kommen wieder, ohne Fürsorge in der Zwischenzeit.

Die Überlebenden sind inzwischen alt und gebrechlich. Erinnerungsvermögen und Konzentrationsfähigkeit beginnen nachzulassen. Es gilt, in Dankbarkeit und Respekt Abschied zu nehmen und den Kontakt nicht „einfach so“ einschlafen zu lassen.

Unser Gedenktag ist bislang „opferidentifiziert“. An einem Gedenktag ist das selbstverständlich. Das ist der leichtere Teil der Gedenkarbeit, so schwer er auch ist. Das „Personal“ der deutschen Verbrechen und die Zujubelnden, Mitlaufenden, Wegschauenden und Profitierenden sollten jedoch gleichfalls sichtbar werden. Das ist der schwierige Teil der Erinnerungsarbeit: Mit „Opfern“ Mitgefühl zu empfinden, gelingt den meisten. Dagegen ist die Bereitschaft, sich mit der eigenen Familie und deren Verstrickungen auseinanderzusetzen, oftmals nicht vorhanden oder stößt schnell an Grenzen.

Bislang ist es mir noch nicht gelungen, eine weitere Verfolgten-Gruppe einzubeziehen: Zur sexuellen Zwangsarbeit verurteilte Frauen in Bordellen von Konzentrationslagern. Sie wurden sowohl für SS-Männer als auch für die Häftlinge als Belohnung für „gute Arbeit“ eingerichtet. Das Schicksal dieser Frauen ist sowohl in der DDR als auch in der BRD aus ideologischen Gründen über viele Jahrzehnte ignoriert worden (Sommer 2009). Der Widerstand einiger Kolleginnen und Kollegen in der Vorbereitungsgruppe war bislang nicht zu überwinden.

Retterinnen und Retter sowie Helfende fehlen weitgehend. Sie sind unverzichtbare Modelle für zivilen Ungehorsam in gefährlicher Zeit.

Noch immer sind Lernende in die Planung und Durchführung des Gedenktages zu wenig einbezogen.

Der Gedenktag 27. Januar und der Beutelsbacher Konsens

Überwältigungsverbot: Emotionale oder andersartige „Überwältigungen“ durch die Erzählungen der Überlebenden sind nicht erkennbar. Die Kontakte mit den Überlebenden sind eine große Chance für soziales und emotionales Lernen, für den Erwerb von Kenntnissen bezüglich der deutschen Verbrechensgeschichte, die äußerst lückenhaft sind.

Kontroversität: Um diese haben wir uns weder bei der Einführung noch bei der Gestaltung des Gedenktages bemüht.

Schülerorientierung bzw. Interessenvertretung der Lernenden: Die Einführung des Gedenktages ist in den schulischen Gremien (Gesamtkonferenz, Schulkonferenz) beschlossen worden. Die Mitbestimmungs- und Mitspracherechte sind durch das Schulverfassungsgesetz geregelt.

Auch eine wohlbegründete und erfolgreiche Tradition ist vorm Erkalten zum leeren Ritual zu schützen. Bewährtes ist zu bewahren. Überlebtes zu erneuern. Die kontinuierliche Fortsetzung unseres schulischen Gedenkens hingegen wird prinzipiell weder durch „Kontroversität“ noch „Pluralität“, nicht durch „Ermüdungen“ von Lernenden und Lehrenden in Frage gestellt – solange nicht, bis die vor sechzehn Jahren getroffene Entscheidung für den Gedenktag vom Kollegium und der demokratisch gewählten Vertretung der Lernenden zurückgenommen wird. 

Anmerkung

Die Überschrift des Essays nimmt den Titel der Autobiographie von Anita Lasker-Wallfisch: Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von  Auschwitz. Erinnerungen auf. 

Literatur

Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, München 1981, S. 117.

Robert Sommer: Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Paderborn 2009.

 

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