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Beutelsbach, wo liegt das eigentlich?

Karsten Harfst, pensionierter Lehrer für Geschichte, Politikwissenschaft und Philosophie. Er arbeitete als abgeordneter Lehrer in der Pädagogischen Arbeitsstelle der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Auch nach dem Ende seiner Arbeit in der Schule ist er weiter in der Gedenkstätte tätig. 

Von Karsten Harfst

Wenn es um die geographische Zuordnung geht, wird man bei dieser Frage auf eine breite Unkenntnis stoßen, was nicht verwunderlich ist, geht es doch zehntausenden Orten im Lande ähnlich. Fügt man dem Ortsnamen jedoch das Substantiv „Konsens“ hinzu, so wird Beutelsbach/ Baden-Württemberg in der politischen Bildungslandschaft sofort an zentraler Stelle verortet: Das Überwältigungsverbot, das Gebot der Kontroversität, die Verpflichtung zur Beförderung eigenständiger Analyse- und Urteilsfähigkeit bei Schülerinnen und Schülern sind Schlüsselbegriffe, an denen auch ein nur halbwegs ertragreich geplanter Unterricht heute nicht vorbeikommt.

Diesen hohen Grad der Bekanntheit förderten zahlreiche Veranstaltungen, Workshops und Diskussionsforen, die sich seit geraumer Zeit dem Thema „Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Unterricht“ widmen. Das ist insbesondere der Fall, seit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der zweiten deutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts ihren Anteil an der Aufarbeitung der DDR-Geschichte beanspruchen. So griff auch das Berlin-Brandenburgische Bildungsforum 2013, wie bereits 2012, die Debatte in der Absicht auf, die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in Schule und Gedenkstätte zu konkretisieren. Das Forum findet jährlich statt und führt die Berlin-Brandenburgischen NS- und DDR-Gedenkstätten unter Themen zusammen, die auf die Zusammenarbeit mit Schulen und Bildungseinrichtungen der beiden Bundesländer orientiert sind.

Der Beutelsbacher Konsens in der Schulpraxis

Wie sieht es nun in dem Bereich aus, für den der „Konsens“ 1976 in Beutelsbach gefunden wurde, dem Politik und Gesellschaftskunde-Unterricht,  dessen Aufgabe in der  Vermittlung politischer Bildung liegt. Die frühen 1970er-Jahre waren geprägt durch heftige politische Kontroversen, die naturgemäß auch in der Politikdidaktik ihren Niederschlag fanden. Der Beschluss von Beutelsbach, darin bestand  Übereinstimmung zwischen den  „Lagern“,  sollte  politischer Indoktrination im Unterricht den Weg versperren.

Ein Erfolg der  1976 entworfenen Kompromisslinie zwischen den streitenden Didaktikerinnen und Didaktikern müsste sich daran zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler an Selbständigkeit und Urteilsfähigkeit gewonnen haben. Denn die Verfolgung des pädagogischen Ziels der Orientierung auf die Schülerinnen und Schüler statt Lehrerzentrierung musste zwangsläufig von einem Paradigmenwechsel im Unterrichts- bzw. Lernprozess begleitet sein. Im Erfolgsfall dürften sich urteilsfähige Schüler und Schülerinnen nicht überwältigen lassen und wüssten von den Interessenkonflikten in Politik, Gesellschaft und Geschichte.

Die Schülerorientierung ist inzwischen anerkannter Anspruch im  Bildungsbereich und insofern ist Beutelsbach eine Erfolgsgeschichte. Indes bietet die Schulpraxis nicht immer hinreichend Gelegenheit, diesen Vorsatz befriedigend umzusetzen. Immer neue von außen an die Schule heran getragenen Forderungen, Überfrachtung, Überlastung und  wachsender Zeit- und Prüfungsdruck, sind ungünstige Bedingungen. So auch  Streichungen der Stundenzahl, die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf zwölf Jahre u.v.m. D.h. Anspruch und Arbeitswirklichkeit in der Schule sind oft nicht deckungsgleich.

Die Debatte um Beutelsbach entzündete sich jedoch nicht an der Praxis in den Schulen, also auf dem Gebiet der politischen Bildung, für das der Konsens 1976 ausgehandelt worden war. Vielmehr ist es die Arbeit mit Zeitzeuginnen und -zeugen der DDR-Geschichte, die in den Fokus gerutscht ist. Hierbei geht es explizit um das Überwältigungsverbot: Zeitzeuginnen und -zeugen, so unterstellt man, seien per se Überwältiger/innen und Verhinderer/innen multiperspektivischer Bearbeitungsformen der Geschichte. Überließe man ihnen zudem noch die, wenn auch an Vorgaben gebundene, Gestaltungshoheit in Gedenkstätten, so könne das Ergebnis nur eine emotionalisierte, subjektivistisch-eindimensionale, alles selbständige Denken und Urteilen verhindernde Sicht auf die Geschichte der DDR sein.

Erfahrungen in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Unsere Erfahrungen sind jedoch  ganz anderer Art. Die Pädagogische Arbeitsstelle in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, dem ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, stützt sich auf die Leistungen der Zeitzeuginnen und -zeugen, ehemaligen Untersuchungshäftlingen. Ihre persönlichen Geschichten, mit denen sie die Führung  durch das  Gefängnis veranschaulichen, liefern einen nicht zu übertreffenden Zugang zu einem zentralen Aspekt des Herrschaftssystems der DDR. Dies lässt sich in der Gedenkstätte selbst beobachten, ist jedoch auch die Grundlage des Konzepts der Nutzung eines medial ausgerüsteten ehemaligen Gefangenentransporters (ein Barkas 1000) für Projekttage außerhalb der Gedenkstätte.

Der Barkas 1000 mit engen Einzelzellen für die Gefangenen zeigt wesentliche Elemente der Untersuchungshaftstrukturen der Stasi wie beispielsweise wegen fehlender Fenster die Unmöglichkeit, sich über das Fahrziel und den Fahrweg zu orientieren. Dies lässt die den nachfolgenden Haftalltag bestimmenden Desorientierungs- und Isolationsabsichten erschließen. Der Zeitzeuge, der den Barkas begleitet, kann hier seine Erfahrungen verdeutlichen. Sein Bericht steht am Beginn des Projekttages, seine Geschichte öffnet die Tür für die sich anschließende Bearbeitung unterschiedlicher Themenbereiche der DDR-Geschichte. Am Barkas befinden sich Hörstationen mit Kurzinterviews ehemaliger Häftlinge über das Haftregime in Hohenschönhausen, so dass der anfangs gehörte persönliche Bericht überprüft und ergänzt werden kann.

Eine Ausstellung mit dem Titel „Erwachsenwerden in der DDR“, zweiter Teil des Medienpakets im Barkas, ermöglicht es, Zeitzeugenberichte exemplarisch zentralen Aspekten des Alltags von Kindern und Jugendlichen zuzuordnen: vom Kindergarten über die Schule bis zu Ausbildung und Studium und zum Dienst in der NVA. Auch hierfür stehen Kurzinterviews zur Verfügung. Den Schritt aus der individuellen Perspektive des DDR-Alltags heraus ermöglichen auf iPads gespeicherte Materialien. Diese eröffnen den Blick auf Herrschaftsinstrumente und gesellschaftliche Organisation, z.B. den Umgang mit Jugendgruppen, das Bildungswesen, Struktur und Selbstverständnis der Staatssicherheit, die Staatsjugend. Die Speichermedien bieten zudem eine Chronologie und die Möglichkeit, die Interviews wiederholt abzurufen. Arbeitshinweise können adressatengerecht variiert werden.

Wie steht es mit dem Überwältigen? Es findet nicht statt. Denn Schülerinnen und Schüler von heute leben in einer anderen Welt als jener der 1970er-Jahre. Sie sind einem medialen Trommelfeuer ausgesetzt bzw. setzen sie sich dem oft selbst aus. Sie reagieren eher gelassen, „cool“, auf Emotionalität, sie haben auch dank Beutelsbach andere Instrumentarien zur Hand, um die komplexe Wirklichkeit zu entschlüsseln, auch um sich abzulenken. Nicht „Überwältigen“ ist das Problem, sondern einen Zugang zu finden, der ihr Interesse an der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte weckt, der aus heutiger Perspektive eine Brücke in die Vergangenheit schlägt und zur weiteren Arbeit anregt. Dafür stehen uns heute zum Glück (noch) Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zur Verfügung.

 

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