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„… ich hätte nicht gedacht, dass das auch Spaß machen kann!“

Pädagogische Arbeit an einem Ort, der für Leid, Verbrechen und Tod steht

Carmen Lange, geb. 1958, Historikerin und Pädagogin, seit 2004 Leiterin der Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald (Außenstelle der Gedenkstätte Sachsenhausen) 

Von Carmen Lange

Das Titelzitat stammt von einer 16-jährigen Schülerin, die gemeinsam mit zehn Mitschülerinnen und Mitschülern an einem zweitägigen Projekt in der Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald teilgenommen hatte. Die Gruppe übernachtete in der Gedenkstätte, außer viel Anforderungen (Besichtigung, Arbeitsgruppen und eigenständiger Erarbeitung einer Präsentation für die Schule) gab es während der zwei Tage auch Zeit für Musik, Tanz, Toben rund ums Haus und Klönen an der Feuerschale. Das hatten die meisten Jugendlichen vermutlich nicht erwartet. Ich bin davon überzeugt, dass auch dies zu pädagogischen Projekten in Gedenkstätten gehört und dass gerade nicht erfüllte Erwartungen für unsere pädagogische Arbeit produktiv sein können.

Nicht erfüllte Erwartungen sind für die pädagogische Arbeit produktiv

Außer der Erwartung, dass man in der Gedenkstätte nicht tanzen und nicht lachen darf, kann und will ich auch die, dass wir alle Fragen beantworten können, nicht erfüllen. Das Gleiche gilt für die Annahme bestimmter Besuchergruppen, dass ich ihre Sichtweise bestätige. So erwarten Besucherinnen und Besucher aus der Umgebung oft von der Gedenkstätte die Bestätigung, dass die Anwohnerinnen und Anwohner im April 1945 alles getan hätten, um den Häftlingen auf dem Todesmarsch zu helfen. Einige Menschen, die als Kinder 1945 auf der Flucht nach Westen waren, möchten hören, dass ihre Situation ähnlich war wie die der KZ-Häftlinge auf dem Todesmarsch. Manche Gruppen der VVN/BdA erwarten die Bestätigung ihrer Sichtweise des Faschismus und des Antifaschismus. Meiner Erfahrung nach entsteht gerade, wenn in der Gedenkstätte solche Erwartungen enttäuscht werden, aus dem Spannungsverhältnis oftmals eine interessante Auseinandersetzung. Im Folgenden möchte ich näher auf Erwartungen eingehen, die uns regelmäßig bei Pädagoginnen und Pädagogen begegnen, die Gruppen begleiten. Diese richten sich zum einen an ihre Gruppen, dass diese sich in der Gedenkstätte „anständig“ benehmen (was immer das heißen mag) und zum anderen an die Gedenkstätte, dass sie die Schülerinnen und Schüler (oder andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer) nicht nur informiert, sondern auch beeindruckt, sie möglicherweise „mahnt“ (was immer das heißen mag). Diese Erwartungen unterscheiden sich in der Regel von denen der Gedenkstättenpädagoginnen und -pädagogen. Daraus entstehen regelmäßig Konflikte. Um diese zu lokalisieren, d.h. sich bewusst zu machen, um was es eigentlich geht, finde ich das Dreieck der Themenzentrierten Interaktion (TZI) sehr nützlich, es wird allerdings für unsere Zwecke zu einem Viereck erweitert. Außer dem Thema und der Gruppe beziehen wir zwei weitere Ecken bzw. Faktoren ein: die Pädagoginnen und Pädagogen, die eine Gruppe begleiten, und die Gedenkstättenpädagoginnen und -pädagogen.

Ein Beispiel für Erwartungen, die daraus resultierenden Konflikte und die Anwendung des TZI soll dies verdeutlichen. Ein mehrtägiges Projekt in der Gedenkstätte: Eine Lehrerin hat einen Autoritätskonflikt mit zwei jungen Männern ihrer Gruppe und versucht mehr Aufmerksamkeit zu erreichen bzw. sich durchzusetzen, indem sie in vorwurfsvollem Ton zu den Schülern sagt: „Ihr müsst Euch mal vorstellen, wie die Häftlinge auf dem Todesmarsch… Ihr könnt Euch ja gar nicht vorstellen, wie die hier im Wald…“ Eine ähnliche Situation haben sicher schon viele Kolleginnen und Kollegen erlebt: Es geht nicht wirklich um das Thema, sondern um die Gruppensituation; das Thema ist lediglich Mittel zum Zweck. Das zeigt die Lokalisierung dieses Konfliktes auf unserem TZI-Viereck: Er liegt auf der Achse zwischen Gruppe und Pädagogin/Pädagoge. Meiner Meinung nach ist das Thema denkbar ungeeignet für hierarchische „Diskussionen“ dieser Art, nicht zuletzt, da es nicht funktionieren kann, völlig unempathisch Empathie einzufordern. Und wir, die in den Gedenkstätten arbeitenden Pädagoginnen und Pädagogen, müssen uns fragen, inwiefern auch wir manchmal der Versuchung erliegen, eine besonders eindrucksvolle Geschichte zu erzählen, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt. In welchen Fällen degradieren wir damit das Thema zum Zweck?

Chancen und Grenzen des Beutelsbacher Konsenses für unsere Arbeit 

Der Beutelsbacher Konsens ist für mich nach wie vor eine wichtige Hilfestellung zur Vorbereitung und zur Evaluierung unserer Arbeit. Das gilt meiner Ansicht nach umso mehr, als dass nach wie vor oftmals dagegen verstoßen wird. 

Schülerorientierung heißt für mich bei Projekten: Erfahrung statt Belehrung; die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind selbst tätig; entscheiden sich selbst für eine Aufgabe. Die Grenzen der Schülerorientierung sind: man muss schon „arbeiten“, genau erkunden; ich treffe in der Regel die Vorauswahl, was das Material für die Projekte angeht; meist entscheiden die Lehrerinnen und Lehrer über den Besuch der Gedenkstätte.

Kontroversität zielt auf Auseinandersetzung statt Identifikation; das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten; wo es passend ist, kontrovers zu diskutieren: Wie war das möglich? Wie gedenken wir heute? Die Grenzen der Kontroversität sind bei Projekten in Gedenkstätten offensichtlich: Die Haltung, ein KZ toll zu finden oder Auschwitz zu leugnen, ist keine Haltung, die wir akzeptieren können und wollen; ein Rollenspiel, wo die einen die KZ-Häftlinge, die anderen die SS-Bewacher auf dem Todesmarsch spielen, verbietet sich. 

Das Überwältigungsverbot schließlich, für unsere Arbeit vielleicht das wichtigste Kriterium des Beutelsbacher Konsenses, bedeutet für mich Gefühle zuzulassen, nicht einzufordern. Es gilt, den Menschen nicht zu nahe zu treten und gewünschte emotionale Distanz zu respektieren. Dabei geht es keinesfalls darum, hohle Benimmregeln aufzustellen und eine bestimmte Art des Gedenkens aufzwingen - stattdessen darum, Möglichkeiten anzubieten, Gefühle auszudrücken und persönliche Gedenkformen zu finden. Der Erfolg der Veranstaltung ist nicht an der Menge der Tränen oder der erstarrten Gesichter zu messen, Detlef Hoffmann hat mal gesagt: „Weinen bildet nicht!“ Obwohl Tränen natürlich Raum haben sollen. Die Grenzen des Überwältigungsverbotes liegen auf der Hand: Die Themen, mit denen wir uns beschäftigen, überwältigen oft auch bei größter pädagogischen Zurückhaltung. Auch wir sind berührt, zeigen Gefühle, beeinflussen damit unsere Besucherinnen und Besucher, sollten dies aber keineswegs zur gezielten Beeinflussung einsetzen.

Wir müssen den Beutelsbacher Konsens weiter diskutieren, unsere Praxis daran messen, ihn vielleicht weiter entwickeln. Ich möchte ein viertes Kriterium vorschlagen: die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Auf unsere Arbeit bezogen hieße dies: Die Projekte haben im Idealfall ein wirkliches Ergebnis. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer weiß: Das, was ich tue, ist für irgendetwas gut. Es informiert andere Menschen, rettet Spuren oder hält eine Erinnerung fest, es bewirkt auf jeden Fall etwas, mein Tun hat Bedeutung, ich habe Verantwortung. Für uns Gedenkstättenpädagoginnen und -pädagogen bleibt meines Erachtens die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstreflexion eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche pädagogische Arbeit an unseren schwierigen Orten.

 

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