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Jürgen Fuchs und die DDR – ein Hörbuch

Von Patsy Henze

Insgesamt vereint das Hörbuch „Jürgen Fuchs: Das Ende einer Feigheit“ 151 Minuten Audio-Material von und über Jürgen Fuchs. Die CD entstand in Zusammenarbeit des Deutschlandfunks, des Deutschlandradio Kultur und der Bundesstiftung Aufarbeitung, so dass archivierte Auftritte des Schriftstellers im Radio zu hören sind.

Jürgen Fuchs und die DDR

In der vorliegenden Ausgabe beschäftigt sich Udo Scheer in seinem Artikel mit dem Schriftsteller und zeichnet seine Geschichte nach. Sie ist von Verfolgung wie Aufbegehren gegen das staatliche System der DDR markiert, wobei sich Letzteres insbesondere im Schreiben äußerte. Seine Texte erschienen dabei nicht im klassischen Sinne aufrührerisch, da sie sachlich deskriptiv bleiben. Herta Müller betont in ihrer Einführung auf der Audio-CD: „Keine Fiktion im Inhalt – nur Erfindung im Ausdruck.“ Demnach zählt Fuchs eher auf, beschreibt also weniger und lenkt dadurch nicht mit Eigenschaften ab. Stets versuchte er, den Blick auf das Nicht-Gesagte zu lenken, von dem es in seinem Status als überwachte Person vieles gab. Seine Zeit in der Armee wie auch im Gefängnis prägten ihn, nach eigener Aussage ließ sich danach nichts mehr genießen, alles blieb im Schatten dieser Erlebnisse.
In seiner deskriptiven Erzählweise wird die Militarisierung des Alltäglichen deutlich. Dieser Alltag wird in seiner detaillierten Beschreibung durchzogen von militärischen Anleihen bis hin zur deutlichen Beschreibung des Einbezugs junger Menschen in die Armee. Die Körper werden ganz selbstverständlich zugerichtet, die Frisuren dem geläufigen Bild eines Soldaten angepasst. Müller interpretiert diesen Aspekt als das für Fuchs prägende Element, das für ihn den realsozialistischen Staat repräsentierte: Kontrolle.
Von Fuchs selbst gelesen sind der Armeeroman „Das Ende einer Feigheit“ sowie Gedichte aus „Tagesnotizen“ und „Pappkameraden“. Sein Armeeroman kann stellvertretend für sein prosaisches Werk verstanden werden. Die von Müller beschriebene mehr aufzählende denn beschreibende Erzählweise macht sich auch in seiner Stimmlage und dem Modus des Vorlesens deutlich. Gleichermaßen wird die Geschichte dadurch nicht langweilig, sondern erscheint als eindringlich und vermittelt das Gefangensein in einem unerwünschten gesellschaftlichen Zustand. Außerdem geht es um das ganz konkrete gefangengenommen sein, das sich auch im Militärdienst äußern kann. Hier gibt es spezifische Verhaltensnormen, die sich unter den Soldaten und in besonderer Deutlichkeit von Seiten der höher gestellten Offiziere äußert und zur Unterordnung beitragen soll.
Sein Gedichtzyklus „Tagesnotizen“ verfasste Fuchs in der Bundesrepublik, nachdem er im August 1977 nach zahlreichen Protesten in Westdeutschland aus der Deutschen Demokratischen Republik ohne einen Prozess abgeschoben wurde. Hierin sind erste Eindrücke von Westberlin enthalten, die sich wieder auf Alltägliche Vorgänge bezogen. In diesem Fall ist der Alltag durchzogen von Irritation und Befremdung. Ein Gefühl, sich in einer Region nicht zugehörig zu fühlen, die der DDR sehr nah ist und in der außerdem die gleiche Sprache gesprochen wird. Er kann seine neue Freiheit nicht genießen, alles was erlebt wird, ist mit der Zeit im Gefängnis verbunden.
Durch Herta Müllers einführende Worte, eine Radio-Diskussion zwischen Fuchs und Hans-Georg Soldat sowie mittels eines Liedes über den Schriftsteller von Wolf Biermann wird eine historische Kontextualisierung ermöglicht. Außerdem werden verschiedene Lesarten vermittelt, die einen erleichterten Zugang zu dem Werk des größtenteils unbekannten Autors verschaffen. Auch auf seine Unbekanntheit wird Bezug genommen. Ähnlich wie andere Autor/innen aus der DDR stand er ihr sehr kritisch gegenüber. Fuchs blieb aber ein Linker, ein Umstand der ihm ebenso angekreidet wurde, wie sein offenherziger Umgang mit Klarnamen von Angestellten der Stasi.

Jürgen Fuchs im Unterricht

Die zwei CDs des Hörbuchs eignen sich hervorragend für eine Einbettung in den Schulunterricht. Das auditive Medium bietet eine Abwechslung zur alltäglichen Lektüre. Über zahlreiche Hintergrundinformationen, die auf der CD enthalten sind wird sowohl den Lehrer/innen als auch den Schüler/innen ein einfacher Zugang zum Werk von Fuchs ermöglicht. Das Hörbuch eignet sich für den Einsatz ab Sekundarstufe II.

„Jürgen Fuchs: Das Ende einer Feigheit“ ist für 14,95 € bei Hörbuch Hamburg erhältlich.

Jürgen Fuchs: Das Ende einer Feigheit. Mit einer Einführung von Herta Müller und einem Lied von Wolf Biermann. Hörbuch Hamburg. 2010. 2 CDs, 151 Minuten. 14,95 Euro.

 

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