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Das "Poesiealbum", eine bemerkenswerte Lyrikanthologie aus der DDR

Hartmut Lindner, Jahrgang 1964, Studienrat a. D. für die Fächer Politische Weltkunde, Geschichte und Deutsch, lebt in Berlin und Chorin.

Von Hartmut Lindner 

Poesiealben sind inzwischen aus der Mode gekommen, bzw. durch facebook abgelöst worden.

Früher hatte jedes Mädchen und auch mancher Knabe ein Poesiealbum, in dem sich die Freunde und Bekannten, die Kindergärtnerinnen und Lehrer verewigen mußten. Sie fügten auf einer für sie reservierten Seite einen pädagogisch wertvollen Sinnspruch und am besten noch ein kitschiges Hochglanzbildchen ein. 

Ich erinnere mich noch gut an die entsetzten Augen, als ich einer Siebtklässlerin Ende der 70er Jahre folgende Brechtzeile in ihr Poesiealbum schrieb: "Ich habe viel zu tun, ich bereite meinen nächsten Fehler vor." Das passte nicht ins Schema.

Nicht ins Schema der Kulturpolitik der DDR passte auch so mancher Autor, der im "Poesiealbum" vorgestellt werden sollte, was zu Konflikten zwischen den Herausgebern und der Leitung des Verlags Neues Leben, die dem Zentralrat der FDJ unterstand, führte und auf Ambivalenzen der FDJ-Arbeit hinweist. Doch dazu später.  

Die Lyrikanthologie "Poesiealbum"

Zunächst soll ein ganz anderes "Poesiealbum" vorgestellt werden, eine Lyrikanthologie, die von 1967 bis 1990 in der DDR erschienen ist. Jeden Monat gab es ein neues Heft, das meist 32 Seiten umfaßte, die einem Dichter gewidmet waren, der in einer knappen Erläuterung vorgestellt wurde. Auf die Umschlaggestaltung wurde großer Wert gelegt und eine passende Illustration eines zeitgenössischen Künstlers wurde für die beiden Mittelseiten ausgewählt. Jedes Heft kostete 90 Pfennig;. Das entsprach damals dem Preis für ein Brot. Lyrik als geistiges Grundnahrungsmittel - ein schöner Gedanke. 

Die Hefte erschienen in einer Auflage von ca. 10 000 Exemplaren im Verlag Neues Leben, der, wie bereits gesagt, vom  Zentralrat der FDJ kontrolliert wurde.

Weshalb die Lektoren Bernd Jentzsch und Klaus-Dieter Sommer für ihre ab 1967 im Verlag Neues Leben herausgegebene Lyrikanthologie den leicht mißverständlichen, aber harmlosen Namen "Poesiealbum" wählten, ist nicht mehr aufzuklären.

Zur Konzeption der Lyrikanthologie

Die Konzeption, die der Reihe zu Grunde lag, läßt sich aber rasch erschließen, wenn man sich ansieht, welche Autoren hier publiziert wurden. 

Ein Verzeichnis aller Hefte kann man bei Wikipedia aufrufen (http://de.wikipedia.org/wik/Poesiealbum_(Lyrikreihe), alle Titelseiten sind unter www.poesiealbum.info/poesialbum.html abrufbar.)

Bert Brecht eröffnet die Reihe, dann folgen Wladimir Majakowski, Heinrich Heine, Wulf Kirsten, Erich Weinert, Novella Matwejewa, Helfried Schreiter, Günter Kunert. Helmut Preißler, Theodor Storm, Reiner Kunze.

Das ist eine beachtliche Spannweite: Neben Brecht, Heinrich Heine und Theodor Storm, deren lyrische Qualität unbestritten ist, erscheinen die Debütanten Wulf Kirsten und Helfried Schreiter. Günter Kunert und Reiner Kunze, die später die DDR verlassen werden, finden sich neben dem Konformisten Helmut Preißler. 

Betrachtet man diese ersten 10 Hefte, dann wird deutlich, dass die zeitgenössische (4), die antifaschistische (2) und die klassische deutschsprachige Dichtung (2) den Schwerpunkt der Reihe bilden, aber auch der sowjetischen Literatur (2) viel Raum gegeben werden sollte. Das Spektrum erweiterte sich in den folgenden Jahren, indem mit Erich Fried (1969) ein Autor der Gruppe 47 und mit Federico Garcia Lorca ein spanischer präsentiert wurden. Durch das Poesiealbum wurde die zeitgenössische Dichtung aus Osteuropa (Polen Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien), aber auch der USA (Langston Hughes, 1971, Walt Whitman, 1974; Allen Ginsburg, 1978; Bob Dylan, 1983) und Lateinamerikas (Octavio Paz, 1973; Joao de Cabral, 1975; Ernesto Cardenal, 1976; Victor Jara, 1982) einem jugendlichen Publikum in der DDR nahegebracht. 

Das klassische Erbe wurde in dieser Reihe besonders gepflegt, indem alle literaturgeschichtlichen Epochen von der mittelhochdeutschen Lyrik bis zum Expressionismus berücksichtigt wurden: Heft 100 wurde Johann Wolfgang v. Goethe gewidmet und Heft 150 Friedrich Schiller. 

Heft 200 präsentierte Gedichte von William Shakespeare. 

Der französischen Lyrik wurden die Hefte für René Char, 1973; Arthur Rimbaud, 1980; Paul Éluard,1981; Boris Vian, 1987; und Charles Baudelaire 1988 gewidmet, Autoren gegen die es bei den Kulturpolitikern der DDR viele Vorbehalte gab.

Die Publikation expressionistischer Lyrik war in der DDR immer konfliktträchtig, konnte aber in den 80er Jahren mit den Heften zu Ernst Stadler, 1979; Arno Holz, 1981; Oskar Loerke, 1984; Iwan Goll. 1982; Jakob van Hoddis, 1985 und Else Lasker-Schüler (1988) realisiert werden. Es ist bezeichnend, dass ein Trakl-Heft fehlt. 

Wirft man einen Blick auf die Reihe der Übersetzer, so stößt man auf prominente Namen: Sarah und Rainer Kirsch, Paul Celan, Peter Hacks, Stephan Hermlin, Adolf Endler, Heinz Czechowski, Karl Mickel, Franz Fühmann, Richard Pietraß, Paul Wiens, Erich Fried, Hans Magnus Enzensberger, Karl Dedecius, Hans Egon Holthusen, Ernst Jandl, Hilde Spiel u. viele andere; eine bunte Mischung von Dichtern und Übersetzern aus der DDR und der BRD. Die Herausgeber kannten keine Berührungsängste bei der Auswahl der Übersetzungen, entscheidend war die Qualität. (Eine Liste aller Mitwirkenden findet sich unter www.poesiealbum.info/mitwirkende.html)

Es gab eine Reihe von Sonderheften, die vor allem den Poetenseminaren der FDJ gewidmet waren.

Die Poetenseminare verdienen eine eigene Betrachtung, denn hier werden die Ambivalenzen der FDJ-Kulturarbeit auch greifbar. Viele Autoren, die ihre kritische Stimme erhoben, waren durch die Poetenseminare ermutigt worden, ihr Schreibtalent zu erproben.

Grenzen der poetischen Freiheit

Was da im Verlag der FDJ "Neues Leben" so altbacken und unverdächtig als Poesiealbum tituliert wird, erweist sich also beim näheren Hinsehen als eine brisante Mischung, die durch die Einbettung in systemkonforme Texter nicht wirklich entschärft werden konnte. Es ist literarischer Sprengstoff, der hier angehäuft wurde. Es ist klar, dass dies nicht ohne Konflikte ablaufen konnte.

Als Bernd Jentzsch Anfang der 70er Jahre dem Cheflektor und Verlagsleiter die Publikation der Gedichte von Erst Jandl vorschlug, wurde das schlicht abgelehnt. Man kannte den Autor nicht und konnte mit der von Jentzsch präsentierten Textauswahl nichts anfangen.

Das Heft 122 war Sarah Kirsch gewidmet, es war druckfertig, durfte aber nicht mehr erscheinen, da Sarah Kirsch einen Ausreiseantrag gestellt hatte.

Auch die von Bernd Jentzsch geplanten und vorbereiteten Hefte zu Thomas Eliot, Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz , die druckfertig waren, wurden einfach gestrichen, denn Jentzsch war nach seiner öffentlichen Kritik an dem Ausschluß von Reiner Kunze aus dem Schriftstellerverband und der Ausbürgerung Wolf Biermanns von einem Arbeitsaufenthalt in der Schweiz nicht mehr in die DDR zurückgekehrt.

Eine Ausgabe der Gedichte von B. K. Tragelehn, für die laut Richard Pietraß die Druckfahnen bereits vorlagen, wurde nach dem Eklat um seine Strindberginszenierung "Fräulein Julie" im Berliner Ensemble unterdrückt.

Weil Lars Gustafsson auf einer internationalen Tagung die "Sozialistischen Länder" kritisiert hatte, wurde die Arbeit an einem ihm gewidmeten Heft eingestellt.  (www.poesiealbum.info/verhindert.html)

Der innere Konflikt des Herausgebers: "Hinwerfen , alles aufgeben oder eine Kröte schlucken?"

Richard Pietraß, dem 1977 die Herausgeberschaft des "Poesiealbums" übertragen worden war, beschreibt den Konflikt, in dem sich der Herausgeber befand folgendermaßen:

"...in jeder Phase sind ein paar Hefte, die dem Verantwortlichen (von der Verlagsleitung H. L.) aufgetragen wurden. Das sind bei Jentzsch - der hat ja auch komische Autoren drin: Helmut Preißler mußte er schlucken, wen er alles schlucken mußte: die Gedichte von Lenin, von Ho Chi Minh, das muß ja alles nicht sein... Auch er hat Kröten schlucken müssen... Ich habe versucht es so zu machen, dass ich mich für nichts schämen muß. Einige wenige Gewaltakte, wo man vor der Frage stand: Hinwerfen, alles aufgeben oder eine Kröte schlucken?!" (Lyrik für alle. 45 Jahre Poesiealbum. Eine Sendung von Bernd Dreiocker, Kulturradio, 1.5.2012) 

Über die Publikation der Gedichte von Uwe Greßmann (Heft 126, 1978) und von Allen Ginsburg (Heft 127, 1978) berichtet er: "Auf Greßmann bin ich ganz stolz, das ist nämlich Jentzsch nicht gelungen. Jentzsch ist Greßmann zweimal abgeschlagen worden und ich habe es im dritten Anlauf geschafft... Das war nicht der kraftvolle, zukunftsorientierte, junge Autor. Das Heft war erschienen, das hab ich geschafft. Und genauso mit Ginsburg (Heft 128, 1978), das war mein größter Coup. Daß ich das geschafft habe ist im Nachhinein ein Wunder und stellen Sie sich vor, während das Heft erschien, hat ... er sich im Rundfunk als Freund Biermanns bezeichnet ... Das Buch ist durchgegangen..., das Heftchen mit der Graphik von Andy Warhol, der in der DDR noch nicht ausgestellt war ... Das waren so Freuden, wo man sich verwundert die Augen rieb, dass man so viel Glück haben konnte bei so einem dreisten Versuch, die Zensur zu unterlaufen oder sie einfach nur herauszufordern." (Lyrik für alle, s, o.)

1979 war es aber auch mit der Herausgeberschaft von Richard Pietraß vorbei, er wurde kurzfristig entlassen und die Lektorin Dorothea Oehme übernahm seine Funktion und führte das Poesiealbum bis zur Wende, bis zum Heft 275 (1990), das August von Platen gewidmet war, das zwar gedruckt, aber nicht mehr ausgeliefert werden konnte und auf einer Müllkippe landete. Die ökonomischen Zwänge im vereinten Deutschland diktierten ihre eigene Kulturpolitik.

Ihr gelingt es neben einigen Expressionisten (s. o.), Nicolas Born (1981) und Karl Krolow, (1987)  die bedeutenden westdeutschen Dichter zu veröffentlichen. Hans-Eckart Wenzel (1983) ermöglicht sie das Debüt. Auch die Veröffentlichung der Gedichte von Pier Paolo Pasolini war sicherlich ein gewagtes und im Verlag umstrittenes Unternehmen.

Sie resümiert: "Ein bißchen war es auch ein Spiel. Man hat, indem man den einen oder anderen wohlgelittenen Lyriker reinnahm in die Reihe, sich auch Freiräume erkauft, den einen oder anderen weniger wohlgelittenen Lyriker zu publizieren... das Poesiealbum war bei dem Verlag ein nicht unbedingt geliebtes Kind, aber ein geduldetes Kind." (  Lyrik für alle, s. o.)

Nach der Wende gab es verschiedene Versuche, das „Poesiealbum“ wieder aufleben zu lassen, die aber nicht die Resonanz gefunden haben, die einst das „Poesiealbum“ in der DDR hatte.     

(Eine vollständige Übersicht der Wiederbelebungsversuche bei Wikipedia und auf www.poesiealbum.info)

Eine bemerkenswerte kulturpolitische Leistung 

Das Poesiealbum ist eine bemerkenswerte kulturpolitische Leistung in der DDR. Seit 1976 jeden Monat ein kleiner Gedichtband für 90 Pfennig und in einer Auflage von 10 000 Exemplaren! Die Hefte wurden gekauft und gelesen. Dafür gibt es viele Zeugnisse. (Lyrik für alle, s. o. zitiert Thomas Rosenlöcher, Grünberger und Richard Pietraß als regelmäßige Leser und Käufer; ein Antiquar bietet heute eine gebundene Ausgabe der Hefte 124-128 aus der Gewerkschaftsbibliothek des PCK-Schwedt an.)

Die Ambivalenz der Kulturpolitik der FDJ

Auf den ersten Blick mag es irritieren, dass der Zentralrat der FDJ das „Poesiealbum“ mit den aufmüpfigen Autoren duldete. Andrerseits ist das „Poesiealbum“ auch eine Konsequenz der kulturpolitischen Bemühungen der FDJ. Seit den 60er Jahren organisierte der staatliche Jugendverband u. a. auch „Poetenseminare“ und die „Singebewegung“. Da bietet sich eine Lyrikreihe, in der junge Autoren debütieren können, an. Die Reihe diente also aus Sichte der FDJ dazu, den Zugang zu den literarisch interessierten Jugendlichen zu gewinnen und zu behalten. Dafür musste man aber auch etwas bieten, das war Lyrik eben nicht nur aus der DDR und der Sowjetunion, sondern der Zugang zur Weltliteratur, als Zugang zur Welt, dafür sorgten mit ihrem besonderen Engagement, ihrer Energie und Kompetenz und vor allem mit ihrem Fingerspitzengefühl die verschiedenen Herausgeber.

Das „Poesiealbum“ als Langzeitprojekt ist nur vergleichbar mit dem Langzeitprojekt der DDR-Filmemacher Junge, die die „Kinder von Golzow“ über Jahrzehnte mit der Kamera begleitet und dadurch ein Portrait der DDR-Gesellschaft geschaffen haben.

 

Beiden Projekten ist gemeinsam, dass sie nach dem Untergang der DDR nicht mit der gleichen Wirkung fortgesetzt werden konnten, denn sie basierten auf den besonderen gesellschaftlichen Voraussetzungen, die in der DDR, aber nicht im vereinten Deutschland gegeben waren. 

 

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