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Ein Widerspruch, der nie einer hätte sein dürfen

Martin Brandt studiert u.a. Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und ist Redakteur der Rezensionszeitschrift kritisch-lesen.de.

Von Martin Brandt 

Es war eine lange Zeit unerwiderte Liebe, die den Dichter Ronald M. Schernikau an die Deutsche Demokratische Republik gebunden hat. So, wie sie den Druck seiner literarischen Texte verweigerte, unterdrückte sie auch andere kritische Stimmen systematisch. Ihrem Literaturbetrieb ist die tragische Ironie geschuldet, dass sie Schernikaus Lob nicht als solches erkannt und seine wohlmeinende Kritik als konterrevolutionär verworfen hat. Doch Schernikau wurde nicht nur damals nicht gedruckt. Er wird auch heute von einem Literaturbetrieb gemieden, der sich als Sieger der Geschichte wähnt.  

Von der DDR in die BRD und zurück 

Das erste Mal in Ungnade gefallen ist Ronald M. Schernikau durch die Republikflucht seiner Mutter Ellen. Und konnte in diesem jungen Alter nichts dafür. Denn der 1960 in Magdeburg Geborene ist sechs Jahre alt, als seine Mutter die Trennung von ihrem ebenfalls republikflüchtigen Geliebten nicht mehr aushält und rüber macht. Die Kinder- und Jugendjahre enden damit, dass der junge Schernikau noch zu Schulzeiten sein erstes Buch veröffentlicht, genannt kleinstadtnovelle. Das schmale Bändchen, das im West-Berliner Rotbuch-Verlag erscheint, avanciert im Laufe der Achtziger zum schwulen Coming Out-Klassiker und macht seinen Autor überregional bekannt. 

Nach seinem Umzug nach West-Berlin versucht er an diesen ersten literarischen Erfolg anzuknüpfen, doch zunächst vergebens. Viel zu exzentrisch erscheinen für die westdeutsche Verlagslandschaft Schernikaus Marxismus, Homosexualität und Ästhetik. Trotz des ausbleibenden Erfolgs seiner literarischen Texte, publiziert er weiter: Gedichte, kürzere Artikel, Reportagen. Während dieser West-Berliner Zeit, die Schernikau unter anderem in der schwulen Subkultur verbringt, besucht er häufig auch den Ostteil der Stadt, knüpft Kontakte zu Autorinnen und Autoren wie Gisela Elsner, Elfriede Jelinek oder Peter Hacks. 

Geplagt von der Lohnarbeit, die sein Schreiben wieder und wieder unterbricht, plant er als Westdeutscher ein Studium am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher aufzunehmen. Obwohl dieser außergewöhnliche Wunsch lange Zeit behindert wird, geht er dank des deutsch-deutschen Kulturabkommens schließlich doch in Erfüllung und Schernikau bezieht 1986 seine Leipziger Studentenwohnung. 

Schreiben in der DDR 

Was nur ließ den Dichter ausgerechnet in die DDR ziehen und die ostdeutsche Staatsbürgerschaft beantragen? Es gab hierfür drei Gründe. Der Literaturbetrieb der DDR hatte gegenüber demjenigen der BRD den Vorteil, dass er seine Autorinnen und Autoren vom ökonomischen Überlebens- und Konkurrenzdruck befreite und langfristig aufbaute. Wo das Überleben einer westdeutschen Autorin oder eines westdeutschen Autors vom Verkauf ihrer oder seiner Bücher abhing, konnten ostdeutsche Autorinnen und Autoren sich auf die Literatur konzentrieren und ohne Verkaufszwang publizieren. Dieser ökonomische Vorteil wurde bezahlt mit der Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Während westdeutsche Autorinnen und Autoren in der Bundesrepublik das schreiben durften, was sie wollten, mussten DDR-Autorinnen und -Autoren entlang der offiziellen Parteilinie formulieren. Wer dies nicht tat, hatte mit Zensur zu rechnen und lief Gefahr, nicht gedruckt zu werden. Das bekam auch Schernikau zu spüren. Zwar konnte er mithilfe des Stipendiums drei Jahre lang ohne finanzielle Sorgen in Leipzig studieren, sein Abschluss-Essay die tage in l. allerdings wurde im Hamburger Konkret Verlag veröffentlicht. Neben dem ökonomischen Aspekt spielte für Schernikau seine politische Einstellung eine weitere Rolle für die zeitweise Übersiedlung. Bereits mit sechzehn trat er der Deutschen Kommunistischen Partei bei, deren orthodoxe Vorstellung von Sozialismus mit dem realexistierenden Feldversuch vereinbar war. Nicht weniger wichtig war für Schernikau ein dritter und ästhetischer Grund: Die DDR war für ihn das Land mit der besseren Literatur und den besseren Bedingungen zu schreiben. Ihr Staatsbürger wurde er letztlich im September 1989 zu einem Zeitpunkt, als viele es nicht mehr in ihr aushielten und die Freiheit suchten.

Gelesen werden in der Bundesrepublik 

Freiheit aber ist nicht mit dem zu verwechseln, was die kapitalistische Bundesrepublik darunter immer noch versteht und feilbietet. Darauf hat Schernikau eindringlich hingewiesen. Denn frei in Schernikaus Sinne kann eine Gesellschaft erst dann sein, wenn ihre Mitglieder nur für die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse produzieren. Der Zwang das ganze Leben seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen, damit aus weniger Kapital mehr Kapital wird, ist für den Autor keine Freiheit. Schernikaus Lob der DDR kommt deshalb nicht von ungefähr, hat sie doch zumindest versucht, eine kontrollierte Wirtschaftsordnung zu etablieren. 

Stärker kritisierbar als sein Entschluss, in der DDR zu leben, ist Schernikaus Ignoranz gegenüber denjenigen, die sich innerhalb der DDR gegen den Autoritarismus des Staates wandten. Schließlich macht es einen Unterschied, ob man sich nach reifer Überlegung für ein Land entscheiden und zur Not ausreisen kann, oder ob man von Kindesbeinen an gezwungen ist, darin zu leben. Den Oppositionellen half es wenig, wenn ein privilegierter Westdeutscher behauptete, dass es ihnen doch gar nicht schlecht ginge. Oder zumindest besser als drüben. Die weniger schlechte Alternative ist nicht automatisch die richtige. Spätestens dann nicht, wenn sich keine positive, freiheitliche Tendenz in ihr abzeichnet. Hier stößt eine Theorie an ihre Grenzen, weil sie die Praxis nicht ernst nimmt. 

Wurde Schernikau in der DDR nicht gedruckt, weil er ihr zu schwul (kleinstadtnovelle), zu selbstbewusst (irene binz) und zu kommunistisch war (die tage in l.), verzeiht ihm der bundesrepublikanische Literaturbetrieb vor allem den Kommunismus nicht. Ein schwuler Kommunist, der kurz vor der Wende DDR-Bürger wird, ist nicht integrierbar in das Selbstbild eines Demokratieweltmeisters. Zwar wird er von den etablierten Instanzen gemieden, jedoch gehen in letzter Zeit einige Verlage das ökonomische Risiko ein und veröffentlichen Schernikau-Bücher. Beachtet werden muss bei jeder Lektüre, dass sie nicht bei der extravaganten Person stehen bleibt, die Schernikau ohne Zweifel war. Sondern dass seine Texte wirklich gelesen und diskutiert werden. Allzu leicht dient er als Projektionsfläche für orthodoxe Linke und Antikommunistinnen und Antikommunisten gleichermaßen. 

Am Ende hat Schernikau doch ein wenig Anerkennung seitens der DDR erhalten. Doch war zu diesem Zeitpunkt ihre Demontage bereits voll im Gang. Was ein revolutionärer Künstler (Schernikau) ohne Revolution (BRD) macht, auch darüber liest man bei Ronald M. Schernikau, der 1991 verstorben ist. Kunst natürlich! Das noch unbearbeitete und nach seinem Tod veröffentlichte achthundert Seiten starke Hauptwerk legende wartetnurdarauf, entdeckt zu werden.  

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Ich danke der schmutzigen Königin Jens Friebe für die Prägung dieses Titels.

 

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