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Wilde Udestedter, Blonde Sieben und Kleinmoskautrupp

Jugendlicher Protest gegen den Nationalsozialismus

Der Historiker Dr. Eckart Schörle ist Mitherausgeber der Zeitschrift "WerkstattGeschichte" und arbeitet als Verlagslektor in Erfurt. Er ist Mitglied der Projektgruppe Erfurt im Nationalsozialismus.

Von Eckart Schörle

„Der Streifendienst kann mich am Arsch lecken“, mit diesen Worten brachte der 16-jährige Siegfried H. im Jahr 1938 einem ehemaligen Mitschüler gegenüber seine klare Ablehnung der Hitlerjugend zum Ausdruck. Er gehörte zum Kleinmoskautrupp, einer Gruppe von rund 20 oppositionellen Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren, die im Erfurter Arbeiterviertel Ilversgehofen aktiv war und auch nicht davor zurückschreckte, den verhassten Streifendienst der Hitlerjugend anzugreifen oder mit Steinen zu bewerfen.

Widerstandsgruppen wie die Kölner Edelweißpiraten sind den meisten ein Begriff. Weniger bekannt ist, dass es auch in anderen Städten zahlreiche Jugendliche gab, die sich dem NS-Regime verweigerten und in Gruppen zusammenschlossen. In Erfurt nannten sie sich Trenkerbund, Blonde Sieben oder wilde Udestedter. Sie wollten sich der uniformierten Ordnung der Hitlerjugend nicht unterwerfen und ihr Leben selbst bestimmen.

Es gab feste Treffpunkte in der Stadt – die Eisdiele, ein Kleingartengrundstück oder der Platz hinter der Krämerbrücke – und Erkennungszeichen wie Wimpel am Fahrrad, einen Totenkopfring oder schlicht bunte Stecknadeln. Die Mitglieder des Trenkerbunds orientierten sich mit ihrer Kleidung an Luis Trenker, der in seinen populären Bergfilmen häufig rebellische Figuren verkörperte und so einen positiven Bezugspunkt darstellte. Junge Frauen, die sich nicht in das NS-Frauenbild einfügen wollten, das sie auf die Rolle der Hausfrau und Gebärerin des soldatischen Nachwuchses reduzierte, gehörten ebenfalls zu diesen Gruppen. Einige organisierten sich in einer eigenen Clique, die sich Blonde Sieben nannte.

Im Jahr 1938 wurde das offene und selbstbewusste Auftreten der unangepassten Jugendlichen in Erfurt zu einem Phänomen, das schließlich auch die Parteifunktionäre der NSDAP und die Gestapo auf den Plan rief. So bemerkte der SD in Weimar: „Es ist verschiedentlich in letzter Zeit zur Bildung von Gruppen oppositioneller Jugend in solchem Ausmaß und in solcher Weise gekommen, daß ein Durchgreifen mit polizeilichen Maßnahmen nicht mehr möglich war.“

Vor allem der Zeitpunkt ist erstaunlich. Die Jahre des offenen Terrors, als die NSDAP zusammen mit SS und SA politische Gegner massiv verfolgte und Verhaftungen an der Tagesordnung waren, lagen bereits geraume Zeit zurück. Die oppositionellen Strukturen waren weitgehend zerschlagen und der angepasste Teil der deutschen „Volksgemeinschaft“ hatte sich in der trügerischen Ruhe und Ordnung eingerichtet.

Dass nun gerade die Jüngeren gegen das Regime aufbegehrten, bereitete den Nationalsozialisten Kopfzerbrechen, hatte man sie doch bereits mehrere Jahre im Sinne der rassistischen und völkischen Ideologie indoktriniert. Nicht wenige der widerständigen Jugendlichen waren Mitglieder der Hitlerjugend, bevor sie der Organisation schließlich den Rücken kehrten. Die totale Erfassung der Jugendlichen, die Hitler 1938 in seiner berüchtigten Reichenberger Rede verkündete („… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben“), war demnach nicht gelungen.

Die Nationalsozialisten reagierten in Erfurt mit Verhaftungen und Verhören, die in erster Linie der Einschüchterung der Cliquen dienten und Erkenntnisse über deren Mitglieder bringen sollten. Verlassen konnte sich das Regime dabei auf Denunziationen von HJ-Angehörigen, bei denen es sich nicht selten um ehemalige Mitschüler handelte. So berichtete etwa ein Lehrling der Firma Topf & Söhne 1938 über die abendlichen Treffen des Kleinmoskautrupps am Johannesplatz: „Die Gruppe haust besonders oft in einer dort leerstehenden Baracke. Was dort besprochen wird ist mir nicht bekannt. Ich selbst wurde schon öfters von dieser Gruppe angepöbelt. Die Angehörigen der Gruppe haben mir und einem Kameraden angeboten sich bei ihnen zu beteiligen. Als wir dies jedoch entschieden abgelehnt haben, drohten sie uns und haben uns auch schon tätlich angegriffen.“

Mit Beginn des Krieges nahmen die Meldungen über Aktivitäten oppositioneller Jugendlicher ab, denn viele wurden nun zur Wehrmacht eingezogen. Doch nach einiger Zeit machten sich erneut Cliquen in der Öffentlichkeit bemerkbar. Sie trafen sich zu festen Uhrzeiten auf dem Erfurter Anger und rempelten andere HJ-Jugendliche und vor allem Angehörige des Streifendienstes an. Zugute kam ihnen dabei die Verdunklung, denn bei möglichen Luftangriffen mussten alle Lichtquellen in den Häusern und Straßen abgedeckt werden.

Um den Einfluss der unangepassten Jugendlichen auf die regimetreuen HJ-Mitglieder möglichst zu unterbinden, wurden in Erfurt die besonders widerspenstigen Jugendlichen in einer Strafgefolgschaft der HJ (Gef. 66/71) zusammengefasst und einem autoritären HJ-Führer unterstellt. Nach erfolgreicher Disziplinierung sollten sie in die regulären Einheiten zurückkehren. Aber da in der Strafgefolgschaft viele Gleichgesinnte aufeinandertrafen, bildete sich auch hier ein solidarisches Gruppengefühl heraus. Die Angehörigen der Strafgefolgschaft nannten sich selbstbewusst die 66er, sie trugen eine Art Zunftkluft, bestehend aus langer unten zugebundener Hose, kurzer Windbluse und einem bunten Kittel, und ließen sich die Haare wachsen. Noch Anfang 1942 gelang es ihnen, Veranstaltungen der Hitlerjugend zu stören, was zum Teil mehrmonatige Haftstrafen zur Folge hatte.

Der Erfurter Polizeipräsident wollte schließlich ein Exempel statuieren. Mitten im einst KPD- und SPD-dominierten Arbeiterviertel hatte man 1939 mit der Errichtung einer neuen Polizeikaserne begonnen, erste Gebäude waren 1940 fertiggestellt. Im März 1942 ließ der Polizeipräsident die komplette Strafgefolgschaft zu einem „polizeilichen Erziehungslehrgang“ in die neue Polizeikaserne einberufen. Die Jugendlichen erhielten einen militärischen Kurzhaarschnitt und wurden mit Stiefeln und Drillich versorgt, dann folgten zwei Wochen Drill, Disziplinierung und Indoktrination. Ein detaillierter Tagesplan strukturierte den Tagesablauf von 6 bis 21 Uhr und teilte die Zeiten für Arbeiten, Schulungen, Reinigungsdienste, Lesen, Sport und Unterricht ein. Jegliche Anzeichen von „Unlust und Widerspenstigkeit“ sollten „rücksichtslos gebrochen“ werden.

Trotz dieser drakonischen Strafen gab es auch in den folgenden Jahren Jugendliche, die sich dem NS-System widersetzten, Flugblätter gegen die Fortsetzung des Krieges verteilten und die Erfurter/innen mit Parolen an den Wänden zum Widerstand gegen das Regime aufriefen. Auch wenn ihre Aktivitäten besonders in den Kriegsjahren bemerkenswert sind, so waren sie doch in der Minderheit. Die große Mehrheit der Bevölkerung hatte sich mit dem Regime arrangiert.

 

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