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Grenzfall – Eine Graphic Novel über die Friedensbewegung in der DDR

Von Anne Lepper

Ost-Berlin 1982: Hunderte von Menschen haben die Gefahr von Kontrollen und anschließender repressiver Maßnahmen durch die Staatssicherheit in Kauf genommen, um dem bekannten Regimekritiker Robert Havemann auf dem Waldfriedhof Grünheide die letzte Ehre zu erweisen.

Mit dieser Szene beginnt die Graphic Novel „Grenzfall“ von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler. In dieser Szene beginnt auch das politische Engagement des jungen Peter Grimm, der in den folgenden Jahren zu einem wichtigen Mitglied der Friedensbewegung in der DDR wurde. Anhand seiner Geschichte, die eng mit den politischen Entwicklungen der 80er Jahre verwoben ist, begeben sich die Autor/innen auf einen Streifzug durch die Geschichte der verschiedenen oppositionellen Friedensgruppen, die sich unter dem Schutz der Kirche formierten, um gemeinsam für Reformen und gegen das Regime zu kämpfen.

Die Entstehung der Friedensbewegung in Ost-Berlin

Nachdem Peter Grimm an der Beerdigung Havemanns teilgenommen hat, wird er durch die Witwe Katja Havemann in die oppositionellen Kreise der unabhängigen Friedensbewegung eingeführt. Dabei macht er die Bekanntschaft mit wichtigen Mitgliedern der Szene, wie beispielsweise Gerd und Ulrike Poppe, Bärbel Bohley, Ralf Hirsch, Lutz Rathenow und Wolfgang und Regina Templin. Der Schüler nimmt fortan regelmäßig an Veranstaltungen – wie beispielsweise Lesungen unangepasster Autor/innen – teil, die durch die Regimekritiker/innen unerlaubterweise in Privatwohnungen organisiert werden. Dadurch gerät er in den Fokus der Staatssicherheit, die hofft, den unbedarften Jugendlichen als Informanten anwerben zu können. Als dieser sich weigert, wird er unmittelbar vor den Abitursprüfungen der Schule verwiesen. Um weiteren staatlichen Repressionen unter Handhabe des sogenannten „Asozialen-Paragraphen“ zu entgehen, entschließt er sich zur Arbeit im Büro einer Fabrik. Dort gibt es jedoch wenig zu tun, deshalb nutzt er die Zeit zum intensiven Selbststudium. Nach der Arbeit nimmt er an Treffen verschiedener Friedensgruppen in Ost-Berlin teil und bekommt so einen Überblick über die Vielseitigkeit der Friedensbewegung und die Möglichkeiten eines persönlichen Engagements. Zwar wirkt die Vorstellung der einzelnen Gruppen in der Graphic Novel etwas plakativ und vereinfacht, sie macht jedoch deutlich, wie wichtig die Kirchengemeinden für die Gruppen als strukturgebende Institutionen waren. Da die Gemeinden eine in der DDR einzigartige Immunität genossen, konnten sich die Friedensgruppen, die sich mit verschiedenen regimekritischen Themen befassten, anfangs relativ gefahrlos in deren Räumlichkeiten treffen.

Peter Grimm schließt sich zunächst dem Friedens- und Umweltkreis der Ostberliner Pfarr- und Glaubensgemeinde an, welcher unter Anderem Augenzeugenberichte über die Umweltverschmutzung in der DDR sammelt. Kurze Zeit später gründet er jedoch mit einigen Mitstreiter/innen eine eigene Friedensgruppe, die „Wühlmaus“ in Berlin-Treptow, die politisches Kabarett zeigt und Diskussionsrunden organisiert. Nachdem ein durch die „Wühlmaus“ initiiertes Menschenrechtsseminar kurzfristig abgesagt werden muss, weil die Stasi im Vorfeld Druck auf die Kirchengemeinde ausgeübt hatte, welche als Veranstaltungsort dienen sollte, beschließen die Aktivist/innen, eine illegale Zeitung zu gründen. Der „Grenzfall“ sollte künftig als Sprachrohr der Bewegung dienen, um den Mitgliedern den Austausch von Informationen zu erleichtern und eine Alternative zur „staatlichen Jubel-Propaganda“ (S. 56) zu bieten. Um staatlichen Repressionen zu entgehen und der Zeitung eine halblegale Erscheinung zu geben, wurde diese offiziell als Kirchenpublikation ausgegeben, die ausschließlich dem innerkirchlichen Gebrauch dienen sollte. Parallel dazu gründete sich unter Wolfgang Rüddenklau in den Kellerräumen der Zionskirchgemeinde in Prenzlauerberg die ‚Umwelt-Bibliothek’, in der verbotene Bücher und Zeitschriften gelesen und entliehen werden konnten. Das dazugehörige Café diente dem Austausch und der Vernetzung verschiedener Gruppen und Aktivist/innen. Durch verschiedene Unterstützer/innen aus dem Westen, wie die Bundestagsabgeordneten der GRÜNEN Petra Kelly und Gerd Bastian, gelangten neue Bücher in die Bibliothek. Auch eine Druckmaschine konnte auf diesem Weg in den Osten geschmuggelt werden, mit der der Grenzfall fortan an verschiedenen Orten heimlich gedruckt wurde.

Aufgrund der Weitergabe interner Informationen durch einen inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi kommt es jedoch am 25. November 1987 schließlich zu einer Razzia in den Räumlichkeiten der Umwelt-Bibliothek, im Zuge derer mehrere Aktivist/innen festgenommen und die Druckmaschine und verschiedene Druckerzeugnisse beschlagnahmt werden. Die Durchsuchung der Kirchenräumlichkeiten und die damit einhergehenden Repressionsmaßnahmen führen allerdings zu einer breiten Solidarisierung von Bürger/innen und den verschiedenen Friedensgruppen mit den Festgenommenen. Es wird eine Mahnwache auf dem Gelände der Zionskirchgemeinde eingerichtet, und die westliche Presse berichtet ausführlich über die Vorfälle in Ostberlin. Nach drei Tagen werden schließlich auch die letzten Inhaftierten freigelassen und die Anklagepunkte, die ihnen vorgeworfen werden, fallengelassen. Statt wie beabsichtigt Kirche und Friedensbewegung auseinanderzutreiben, hatte die DDR-Führung mit ihrem Vorgehen den Zusammenhalt unter den Beteiligten gestärkt und die Solidarität mit den Aktivist/innen unter dem Volk gefördert. Glaubt man den Schlussworten des nunmehr gealterten Peter Grimm in der Graphic Novel, diente der Vorfall somit als erster Keim für die friedliche Revolution, die im Jahr 1989 dem DDR-Regime eine Ende bereiten sollte.

„Grenzfall“ als Einführung in die Thematik der Friedensbewegung

Es ist wohl dem ambitionierten Versuch der Autor/innen geschuldet, auf knapp hundert Seiten einen Überblick über die facettenreiche Friedensbewegung der frühen 80er Jahre zu geben, dass die Themen- und Personendichte an einigen Stellen etwas überfordert. Versteht man „Grenzfall“ jedoch als eine thematische Einführung in die strukturelle Verfasstheit der DDR-Friedensbewegung, dient die Graphic Novel als hilfreiche Möglichkeit, eine erste Vorstellung davon zu bekommen, wie das Zusammenspiel der oppositionellen Gruppen und der Kirche funktionierte, und welche persönlichen Anstrengungen und Gefahren die Aktivist/innen auf sich nehmen mussten, um ihre Ziele zu verfolgen. Aufgrund des spannenden Themas und der schnellen Handlungsabfolge stellt „Grenzfall“ ein kurzweiliges Mittel dar, um Schüler/innen an das Thema heranzuführen und ein Interesse daran zu wecken, sich weitergehend mit der Thematik zu beschäftigen. So kann nicht nur der Schlusssatz „Doch bis [zur friedlichen Revolution] war es noch ein weiter Weg.“ (S. 97) als Handlungsanweisung verstanden werden, sich über die Entwicklungen, die auf jene des Jahres 1987 folgten, zu informieren.

Verschiedene Perspektiven auf die Geschichte

Die fortlaufende Erzählung der persönlichen Geschichte Peter Grimms wird immer wieder ergänzt durch Erläuterungen und Reflexionen des gealterten „heutigen“ Peter Grimm. Dadurch haben die Leser/innen die Möglichkeit, die Vorgänge jener Tage aus heutiger Perspektive zu betrachten und Dinge zu erfahren, die den Aktivist/innen damals unbekannt waren – wie zum Beispiel, dass das Gruppenmitglied Reiner Dietrich als Inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit tätig war.

Durch die Einarbeitung verschiedener Akten aus den Stasi-Unterlagen Peter Grimms und anderer Personen, bekommen die Leser/innen einen Einblick in die Vorgehensweise der Staatssicherheit und werden in die Sprachwahl und gängige Argumentationsmuster eingeführt. Ein Glossar am Ende des Buches dient weiterführenden Erläuterungen verschiedener spezifischer Begrifflichkeiten, struktureller und institutioneller Bezeichnungen und historisch bedeutender Vorgänge. Wenngleich diese zusätzlichen Ausführungen auf sinnvolle Weise der Orientierung und der umgehenden Information dienen, scheint es dennoch sinnvoll, verschiedene Zusammenhänge und Spezifika weiterführend zu recherchieren.

Fazit

Die Graphic Novel ist aufgrund ihrer guten Lesbarkeit und der verständlichen Sprache für die Verwendung im Unterricht durchaus geeignet. Die Begleitung eines jungen Menschen auf seinem Weg zu und durch die Friedensbewegung in der DDR schafft bei Jugendlichen eine Identifikationsmöglichkeit, die durch die Wahl des Mediums Graphic Novel noch verstärkt wird. Die Lektüre ist daher auch schon für jüngere Klassenstufen zu empfehlen. Um den Schüler/innen ein umfangreiches Wissen über die oppositionelle Arbeit im Schutz der Kirchengemeinden zu vermitteln, empfiehlt es sich jedoch, ergänzend weiterführende Fachliteratur einzubeziehen.

 

 

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