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Bildungspotentiale und Herausforderungen internationaler Jugendarbeit mit Kriegsgräbern

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Konstantin Dittrich, Studium (M.A.) der Französischen Kulturwissenschaften und Interkulturellen Kommunikation, Französischen Sprach- und Literaturwissenschaft und Rechtswissenschaft an der Universität des Saarlandes und der Universität Laval (Quebec, Kanada), seit 2010 Referent für Jugend- und Bildungsarbeit im Landesverband Hessen des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. in Frankfurt am Main.

Von Konstantin Dittrich

Bildungsprojekte mit Kriegsgräbern bieten für internationale Jugendbegegnungen einen pädagogisch sinnvollen Zugang zu geschichtlichen Themen und erlauben es, direkte Bezüge zu Gegenwart und Zukunft herzustellen. Sie haben ein besonderes Potential, denn die Gräber sind Ergebnis internationaler Ereignisse und bieten historische Anknüpfungspunkte für alle in den beteiligten Ländern lebenden Jugendlichen, auch für diejenigen mit Migrationsgeschichte. Die offiziellen Versöhnungsparadigmen der Nachkriegszeit spielen für junge Europäer/innen heute keine Rolle mehr, ihre Werte und Lebensentwürfe sind einander ziemlich ähnlich. Gleichzeitig stiftet die Zugehörigkeit zu einer nationalen Gruppe mit eigener Erinnerungskultur weiterhin einen Teil ihrer Identität. In Begegnungen bereichern unterschiedliche Sichtweisen auf die Vergangenheit die individuelle Auseinandersetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, bergen aber auch Konfliktpotential. Deswegen erfordern sie große Sensibilitäten von allen Projektbeteiligten, damit die thematische Mahnung verstanden wird und interkulturelles Lernen stattfinden kann. 

Beispielhaft stelle ich in diesem Beitrag vor, wie ein Projekt aufgebaut sein kann, damit sich besonders das interkulturelle Potential entfaltet, und welche Probleme in der Praxis auftauchen können.

Projektmöglichkeiten im Aus- oder Inland

Entlang der Schlachtfelder der Weltkriege im europäischen Ausland gibt es riesige Soldatenfriedhöfe, die meist nach Nationalitäten getrennt angelegt sind und die nationale Gedenkpraxis widerspiegeln. Wenn mehrnationale Jugendgruppen dort verschiedene Friedhöfe besuchen, können sie beispielsweise anhand von Fragebögen (s. dazu den beispielhaften Fragebogen unter „Download“) nach Spuren zu den Erinnernden, den  Erinnerten, zu Unterschieden in der Gestaltung der Anlagen und ihren Besuchern suchen. Die verschiedenen Eindrücke werden in der Gruppe ausgewertet und in einen größeren Zusammenhang gesetzt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen sich und der Gruppe Fragen stellen: zu damals, zu Ursachen von Krieg und Gewalt, zu ihrem eigenen Alltag, ihren Handlungsmöglichkeiten. 

Dass der Erste Weltkrieg in den westlichen Nachbarländern eine viel stärkere Bedeutung hat, als die Zäsur des Nationalsozialismus in Deutschland, sollte dabei genauso herausgearbeitet werden, wie verschiedene aktuelle gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen. Es ist wichtig, entsprechend ergänzende Programmpunkte zu anderen Perspektiven der Teilnehmer/innen zu setzen, wenn ein Projekt an Orten mit Kriegsgräbern oder Gedenkstätten für Kriegstote nur einer Nation oder eines spezifischen Konfliktes stattfinden. 

In Deutschland gibt es in fast jeder Kommune Kriegsgräberstätten, die Jugendliche während des Begegnungsteils in Deutschland besuchen können. Dort sind neben Soldatinnen und Soldaten sowie Kriegsgefangenen verschiedener Nationalitäten beider Weltkriege auch Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und aus ideologischen oder politischen Gründen Ermordete sowie zivile Kriegstote bestattet. Jugendgruppen können sich hier eingehender mit Einzelaspekten der Entrechtungserfahrungen der Kriegstoten im Nationalsozialismus auseinandersetzen und dabei auch weitere Orte in der Stadt mit einbeziehen, beispielsweise Wohnhäuser und Stolpersteine, Gedenktafeln oder -orte. Arbeitsblätter und Hintergrundmaterial werden auf Englisch oder in den jeweiligen Arbeitssprachen des Projektes erarbeitet oder übersetzt. Im weiteren Programm kann mit verschiedenen Methoden beispielsweise die Situation von Menschen- und Kinderrechten in den verschiedenen Gesellschaften bearbeitet und diskutiert werden. Handlungstrainings gegen Ausgrenzung und Diskriminierung im Alltag stellen die Verbindung zum Alltag der Teilnehmerinnen und Teilnehmer her. 

Herausforderungen und Probleme in der Praxis 

Andere Sichtweisen auf geschichtliche Ereignisse und die Zusammenarbeit mit den Partnern sind bei diesen Bildungsprojekten eine große Bereicherung, verlangen aber von den Beteiligten, sich in den jeweils anderen hineinzuversetzen und zu versuchen, ihn zu verstehen. Die folgenden Beispiele sollen diesen Aspekt illustrieren. 

Während einem Projekt mit russischen Fachkräften der Jugendarbeit auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bereitete der Friedhof als Ort für ein Seminar einer Teilnehmerin Unbehagen. Sie konnte nicht erklären warum, sprach von ihrer Familiengeschichte und ließ durchklingen, auf einem vermeintlichen Tätergedenkort zu sein. Sie konnte sich nicht darauf einlassen, den Ort als differenzierten Erinnerungsort an die verschiedenen Opfergruppen kennen zu lernen und wartete außerhalb des Friedhofs auf die Gruppe. Ihre Erwartung war wohl, eine kollektive Heldengedenkstätte zu besuchen, wie sie sie aus ihrer Heimat kennt. Die Tatsache, dass in der Bestattungspraxis von Kriegstoten in Deutschland Unterschiede existieren, obwohl hier häufig Opfer- und Täterkategorien aufgelöst werden, erfordert im internationalen Kontext besondere Sensibilität. Je nach Friedhof kommt unter Umständen die Frage auf, warum beispielsweise sowjetische Gefangene anonym in Massengräbern oder Ausländer bis heute im Abseits und teilweise versteckt bestattet sind. Viele Jugendliche empfinden darüber hinaus eine Form von Betroffenheit, wenn Kriegstote die gleiche Nationalität und ein ähnliches Alter haben wie sie selbst. Die Workshopverantwortlichen müssen das Setting als Bildungsort möglichst neutral gestalten, auf Fragen eingehen und problematisieren. Helden-Verehrung ist für die Träger der Gedenkorte beispielsweise ebenso problematisch und in dieser individuellen Gedenktradition stellt sich auch die Frage der Erinnerung an diejenigen, die kein Grab bekommen können. 

Eine andere interkulturelle Herausforderung erlebten Teamerinnen und Teamer, die Erfahrung aus Kriegsgräberprojekten mit deutschen Gruppen in Frankreich hatten und zum ersten Mal eine deutsch-französische Jugendbegegnung organisierten. Wie sie es aus der britischen Gedenktradition kannten, bastelten sie mit der Gruppe für einen Friedhofsbesuch kleine Holzkreuze. Sie setzten diesen Programmpunkt gegen die Bedenken der französischen Kolleginnen und Kollegen durch und stellten es den französischen Jugendlichen frei, an der Aktivität teilzunehmen. Wie später geklärt werden konnte, lag das Problem in der religiösen Beeinflussung durch die Tradition mit einem christlichen Symbol, die in der Jugendarbeit der laizistischen Republik Frankreich ein Tabu ist. 

Optimale Voraussetzungen für erfolgreiche internationale Projekte mit Kriegsgräbern 

Bildungsprojekte mit Kriegsgräbern können von allen Trägern internationaler Jugendarbeit in Jugendbegegnungen umgesetzt werden.

Wie die Beispiele zeigen, stellen erfolgreiche Projekte jedoch besondere Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Zum einen für die Begegnungssituation an sich: Die Vertreterinnen und Vertreter der Partnerorganisationen müssen sich über ihre Werte verständigen und dem Alter der Zielgruppe entsprechend gemeinsam ein pädagogisches Konzept für die Begegnung erarbeiten, das neben dem Bildungsprojekt auch Freizeit, Abenteuer und das tägliche Miteinander berücksichtigt. Den Jugendlichen müssen sie entsprechende Aktivitäten und Reflexionen zur interkulturellen Begleitung anbieten, damit neben den gemachten Erfahrungen ein Lernprozess stattfindet. Zum anderen brauchen die Mitarbeiter/innen  Professionalität für die Umsetzung des historischen Bildungsprojekts, mit dem die Jugendlichen unter anderem auf die europäischen und globalen Herausforderungen unserer Gesellschaften an sie als engagierte Bürgerinnen und Bürger vorbereitet werden. 

Die Betreuerinnen und Betreuer müssen ausreichend Raum schaffen, um Fragen zu stellen und selbst kritisch zu hinterfragen, etwa im Bezug auf Nationalkulturen und persönliche Identität oder verschiedene Gedenkpraxen. Dabei müssen sie für Akzeptanz unterschiedlicher Verständnisse und Widersprüche werben. Nur dann erfassen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Kriegsgräberstätten in ihrer Vielschichtigkeit, verstehen sie als Mahnmal und Motivator für gesellschaftliches Engagement und erwerben nachhaltig interkulturelle Kompetenz.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist kompetenter Partner für die Ausbildung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren und unterstützt gerne andere Bildungs- und Jugendträger, die Kriegsgräber als Lernorte in ihre Projekte einbeziehen möchten.

 

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