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Wöbbelin. Ein Ort mit mehrfacher Vergangenheit und komplexer Gegenwart.

Ramona Ramsenthaler, Jg. 1958, Diplompädagogin für Germanistik und Geschichte. Seit 2007 Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin. Im Rahmen des Lokalen Aktionsplanes „Toleranz fördern- Kompetenz stärken“ entwickelte sie das Konzept Schulen und Gedenkstätten.

Von Ramona Ramsenthaler 

Die Widersprüche deutscher Geschichte werden selten so deutlich wie in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin. In dem Museum gibt es zum einen die  Ausstellung „Theodor Körner. 1791 – 1813. Poet und Patriot. Seine Erhebung zum Idol“, zum anderen wird seit 1965 an die Geschichte des Konzentrationslagers Wöbbelin erinnert.

Als Mitglied des Lützower Freikorps war Körner 1813 in den „Befreiungskriegen“ gegen Napoleon in der Nähe von Gadebusch gestorben und in Wöbbelin bestattet worden. Sein Vater setzte ihm 1814 ein Denkmal mit „Leyer und Schwert“, das ihn zum „Sänger und Held“ erhob. 1938 schufen die Nationalsozialisten Körner ein Museum und einen „Heldenhain“. An diesem Ort wurde auf Befehl der amerikanischen Truppen am 8. Mai 1945 ein Teil der Toten des nahe gelegenen Außenlagers des Konzentrationslagers Neuengamme ehrenvoll bestattet.

Neben den Gräbern Theodor Körners und seiner Familie befindet sich der Begräbnisplatz für mehr als 160 Opfer des Konzentrationslagers Wöbbelin. Das Sandsteinrelief für die Opfer der „Todesmärsche im April 1945“ wurde von dem Künstler Jo Jastram 1960 geschaffen (s. dazu Fotostrecke oberhalb des Beitrages).

Das ehemalige Gelände des Konzentrationslagers liegt ca. drei Kilometer von Wöbbelin entfernt an der B 106 in Richtung Ludwigslust. Das Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme wurde erst zu Beginn des Jahres 1945 errichtet und existierte nur zehn Wochen. Ab Februar 1945 sollten KZ-Häftlinge aus Neuengamme ein Kriegsgefangenenlager errichten. Sie wurden im Holzbarackenlager „Reiherhorst“ untergebracht und zum Bau des neuen Lagers eingesetzt. Vermutlich Anfang April wurden die Gefangenen in das noch unfertige Lager überstellt. Die Bedingungen im Konzentrationslager Wöbbelin waren katastrophal. Als die Alliierten Deutschland besetzten, wurde das KZ ab Mitte April zum Auffanglager für fünf Evakuierungstransporte aus anderen Konzentrationslagern. Von den ca. 5000 Häftlingen aus 20 Nationen kamen mehr als 1000 an den Folgen von Misshandlung, Erschöpfung und Hunger ums Leben.

2005 wurde nahe der Straße der Gedenkplatz aus schwarzen Klinkern gestaltet (s. Fotostrecke). Die Fläche wird von Rissen unterbrochen, die wie Wunden wirken. An den Rändern tragen die angrenzenden Steine 783 Namen und 43 Nummern von Opfern. Ein Rundweg, der von Informationstafeln und aus Abrisssteinen gemauerten Skulpturen gesäumt wird, führt durch das ehemalige Lagergelände.

Die KZ-Gedenkstätte ist fester Bestandteil von Führungen und kann auch individuell besichtigt werden.

Träger der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin ist der Verein Mahn- und  Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim  e. V.

Dem 2003 gegründeten Verein gehören an: Landkreis Ludwigslust-Parchim, Amt Ludwigslust- Land, Stadt Ludwigslust, Stadt Boizenburg, Stadt Hagenow, Gemeinde Rastow, Gemeinde Wöbbelin.

Gedenkstätten sind Orte der politischen Bildung

Als Ort der Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart sind die Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin ein Lernort von europäischer Bedeutung. Sie ermöglichen bundesweite und internationale Begegnungen und bieten für Menschen aus dem In- und Ausland den nötigen Raum, sich intensiver mit den historischen Orten auseinanderzusetzen. Gedenkorte sind Orte politischer Bildung – in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit  in der eigenen Region wird Geschichte für Kinder und Jugendliche begreifbarer. 

Das Ziel der Bildungsarbeit in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin ist es, Besucher/innen im Hinblick auf das im Nationalsozialismus begangene Unrecht zu sensibilisieren sowie über heutige Formen von Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus aufzuklären. Die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus wird auf aktuelle Fragestellungen bezogen.

Besucherinnen und Besucher erhalten Führungen im Bereich der KZ-Gedenkstätte ehemaliges Lagergelände und durch die Ausstellungen, darüber hinaus werden Projekttage für Schüler/innen sowie Lehrerfortbildungen angeboten. Didaktisches Material (wie Arbeitsblätter) wurde in den letzten Jahren entwickelt. Die Mahn- und Gedenkstätten bieten Schulen und anderen Bildungseinrichtungen die Möglichkeit zu individuellen Absprachen über Projekte, Projekttage oder Recherchen. In der Gedenkstätte liegen verschiedene themenbezogene und altersspezifische Projektaufträge (ab Klassenstufe 5/6) vor, die von Lehrer/innen für Lehrer/innen erarbeitet wurden. Jeder Pädagoge und jede Pädagogin hat damit die Möglichkeit, den Schüler/innen motivierende und zur selbstständigen Auseinandersetzung anregende Arbeitsblätter auszuwählen.

Schulen, die Wahlpflichtkurse Regionalgeschichte einrichten möchten, werden unterstützt.

In den pädagogischen Angeboten geht es um die Vermittlung der Geschichte des KZ Wöbbelin verbunden mit Informationen über die Evakuierungstransporte bzw. Todesmärsche in der Region, um Überlegungen zum angemessenen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und um zeitgemäße Formen der Erinnerungsarbeit.

Vielfältige Bausteine für verschiedene Altersklassen von der Vorbereitung eines Besuches bzw. Projekttages bis hin zur Durchführung eines ganzjährigen Projektkurses „Gedenkstättenarbeit“ wurden in den vergangenen sechs Jahren entwickelt. Die Mahn- und Gedenkstätten verfügen über reichhaltige Erfahrungen in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Altersklassen und Schulformen. In viele Projekte, insbesondere die Forschungsprojekte, sind Eltern, Großeltern und andere Gemeindemitglieder involviert. Das macht sie besonders nachhaltig. 

Das Projekt „Schulen und Gedenkstätten“

2007 wurde das Projekt „Schulen und Gedenkstätten“ ins Leben gerufen. Es ist eingebunden in den Lokalen Aktionsplan, mit dem der Landkreis das Bundesprogramm „Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“  bzw. seit 2011 „Toleranz fördern –Kompetenz stärken“ umsetzt. Der besondere Wert der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin liegt in der hohen Anschaulichkeit des historischen Ortes, an dem Menschen gelebt und gelitten haben. Fragen nach den Ursachen und Bedingungen historischer Ereignisse müssen gestellt werden. Fragen danach, was geschehen muss, damit sich Ähnliches nicht wiederholt. Fragen nach dem Wert der demokratischen Regierungs- und Lebensform heute schließen sich an. Durch die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Gedenkstättenbesuches und längerfristige Projekte erwerben die Schüler/innen Sach- und historisch-politische Urteilskompetenz, die ihr demokratisches Bewusstsein stärkt, sowie fachliche und fachübergreifende Medienkompetenz.

Gedenkstätten sind Lernorte der Geschichte - sie machen deutlich, welche Folgen totalitäres Denken hat. Geschichte wird greifbarer, wenn Überlebende als Zeitzeugen von den Geschehnissen berichten und ihre Erinnerungen mitteilen, diese an die nachfolgenden Generationen weitergeben.

Geschichte wird durch das Kennenlernen historischer Orte für Kinder und Jugendliche erlebbarer und begreifbarer. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Schulen und Gedenkstätten befördert die Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit. 

Veranstaltungen anlässlich des 200. Todestages von Theodor Körner

Die Wirkungsgeschichte Körners ist sehr wechselhaft und problematisch.

Nach seinem Tod wurde das Leben des bekannten Schriftstellers für politische Zwecke immer wieder instrumentalisiert. Am Beginn der Körnerehrung steht jedoch die liberale Bewegung, denn erstmals hatte es 1863 eine große Feier an der Grabstätte der Familie gegeben, die den Kampf um die Freiheit und Einheit des deutschen Volkes betonte.

Es ist dem Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e. V. als Träger der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit wichtig, dass demokratische Kräfte sich dieses Themas der Heimatgeschichte annehmen und sich engagiert für die Vorbereitung einer Gedenkwoche anlässlich des 200. Todestages des Dichters Theodor Körners einsetzen. Eine differenzierte Betrachtung Körners in seiner Zeit und die Darstellung seiner Instrumentalisierung durch die verschiedensten politischen Kräfte stehen im Zentrum des Gedenkens an Theodor Körner im August/September 2013.

Unter Leitung der Geschäftsstelle des Vereins und der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin hat sich im September 2012 eine Arbeitsgruppe gebildet, um verschiedene Veranstaltungen im Rahmen der Gedenkwoche vom 23. bis 26. August 2013 zu organisieren.

Dazu gehören eine  Fachtagung „Theodor Körner und die Folgen“ in Ludwigslust zu den Ergebnissen der Körnerforschung und Theateraufführungen des Mecklenburgischen Landestheaters Parchim, ein Feature zur Person Körners. Die Gedenkveranstaltungen an der Grabstätte Theodor Körners und seiner Familie sowie die Vorstellung der Ergebnisse der Spurensuche von Kindern und Jugendlichen zum Thema „Theodor Körner-ein Held!?“ stehen am 24.08.2013 im Mittelpunkt. 

Vorschläge zur Projektarbeit zum Thema: Theodor Körner- ein Held?!

Ausgehend vom biographischen Ansatz sind verschiedene Herangehensweisen mit Schüler/innen, Kindern und Jugendlichen verschiedener Altersstufen zum Thema Held/innen und Heldentum  am historischen Beispiel Theodor Körners möglich. In Wöbbelin wurden alle Mitglieder der Familie Körner beigesetzt: 1815 Theodor Körners Schwester Emma, 1831 der Vater, 1832 die Tante Dorothea Stock und 1843 die Mutter Anna Maria Jakobina Körner, geb. Stock.

Schüler/innen, Kinder und Jugendliche verschiedener Altersstufen begeben sich auf „Spurensuche“. Sie können sich entweder über die Biographie, historische Orte oder  über das literarische Werk der Person Körners annähern. 

Anschrift, Kontakt, und Öffnungszeiten

Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e.V.
Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin
Ludwigsluster Str. 2b
19288 Wöbbelin
Tel. / Fax: 038753/80792
Mail: info [at] gedenkstaetten-woebbelin [dot] de
Web: www.gedenkstaetten-woebbelin.de

Öffnungszeiten

April-Oktober

Mittwoch bis Freitag von 11:00 Uhr - 17:00 Uhr

Samstag und Sonntag von 13:00 Uhr - 16:30 Uhr

November bis März

Mittwoch bis Freitag von 12:00 Uhr - 17:00 Uhr

Sonntag von 13:00 Uhr - 16:00 Uhr. 

 

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