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Der „Rote Ochse“ als Lernort mit doppelter Diktaturerfahrung

Dr. André Gursky ist Leiter der Gedenkstätte ROTER OCHSE in Halle.

Von André Gursky

Die Dokumentationen zur politischen Verfolgung und Justiz in der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) verweisen auf einen bundesweit herausragenden historischen Befund. Seit 1849 ist in dieser Haftanstalt die Inhaftierung von Menschen aus politischen bzw. religiösen und/oder rassistischen Gründen bis zu den Herbstereignissen des Jahres 1989 nachweisbar, wobei der „Rote Ochse“ als Haftort Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts als moderne Justizvollzugsanstalt (JVA) – freilich auf völlig anderen Grundlagen und nach humanistischen Maßstäben der Resozialisierung – wieder eröffnet wurde. 

Ausgangspunkt für den Gedenkstättenumbau bis 2006 und die neuen Dauerausstellungen bildete im weiteren Sinne die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR, im engeren Sinne der Zustand des Gedenkstättengebäudes im Jahre 2003. Der Haftort „Roter Ochse“ (hier: die Gedenkstätte) war weniger authentisch als historisch

Die neuen Dauerausstellungen beinhalten wesentliche Aspekte der politischen Justiz im „Roten Ochsen“, dokumentiert in zwei getrennten Ausstellungsbereichen und auf Grundlage unterschiedlicher Gestaltungsmittel. Dabei war vordergründiger Konsens der an der Konzeption Beteiligten, die Verbrechen des Nationalsozialismus durch den stalinistischen Terror der Nachkriegszeit und die SED-Diktatur nicht zu relativieren und die Verbrechen des Kommunismus durch Verweis auf den NS-Terror nicht zu bagatellisieren. 

Doch welche konkreten Konsequenzen ergaben sich daraus für die Präsentationen vor Ort?  Wie konnte am historischen Ort die beabsichtigte Multifunktionalität des Gedenkstättengebäudes umgesetzt werden, nämlich Gedenk- und Erinnerungsort, Ort der Trauer aber auch Bildungs- und Tagungsstätte mit modernen Seminar- und Bildungsmöglichkeiten zu sein? Welche Eingriffe in die vorhandene Bausubstanz aus didaktischen und aus bauhistorischen Gründen sollten erwogen werden? 

Es bestand die Frage, wie die noch vorhandene historische Bausubstanz konserviert und in eine, modernen Anforderungen einer Ausstellungsgestaltung entsprechenden Form integriert werden konnte. Eine Grundproblematik kreiste immer wieder darum, Maßnahmen der Konservierung und des Erhaltens historischer Strukturen einerseits und der für die Umsetzung bildungspädagogischer Aufgaben erforderlichen Modernität von Räumen im Gebäude andererseits abzuwägen. 

Das Gedenkstättengebäude als historischen Ort zu begreifen, der in seiner Authentizität bereits mehrfach gebrochen war, eröffnete hingegen neue Perspektiven und Herangehensweisen an die Gestaltung der vorhandenen Raumstrukturen. Diese wurden entsprechend der inhaltlichen Orientierungen zum Teil völlig umgestaltet, insbesondere im Erdgeschoss. Der NS-Richtraum erhielt durch teilweisen Rückbau der Innenausstattung eine nüchterne Form, auf deren Grundlage das Opfergedenken am historischen Ort künftig zu realisieren offen steht. Kompromisse, wie der Verzicht auf den Nachbau von Zellen, führten nicht selten zu tragfähigen Ergebnissen für alle Beteiligten. Die Dokumentationsebenen 1933-1945 (Erdgeschoss) und 1945-1989 (2. Obergeschoss) unterscheiden sich grundlegend optisch durch die Verwendung völlig unterschiedlicher Ausstellungssysteme.

Ausgerichtet und orientiert an der Hauptzielgruppe von Besucher/innen der Gedenkstätte (Schulen verschiedener Bildungsträger) waren unterschiedliche Erschließungsmöglichkeiten der Ausstellungsinhalte in der konzeptionellen Planung zu berücksichtigen. Je nach Schwerpunkt der Bildungs- und Projektarbeit in den schulischen Einrichtungen ist es heute möglich, in getrennten Dokumentationsetagen Fragen der politischen Justiz unter Nutzung verschiedener Zugänge und Möglichkeiten zu thematisieren. Dazu gehören zahlreiche politisch-inhaltliche bzw. biographische Ausstellungstafeln, sowie eine Reihe vertiefender Elemente hierzu. Insbesondere Arbeitsmappen, in denen über den Werdegang von Opfern aus dieser Haftanstalt informiert wird, sind zugleich auch ein methodisch übergreifendes Moment im Gesamtkontext der „oral history“ und der Zusammenstellung von biographischen Dokumenten. Solche Arbeitsmappen zu den Hingerichteten zwischen 1942 und 1945 stehen im Erdgeschoss zur Verfügung. Zusätzlich können über ein Audio-Guide-System Erlebnisberichte von Opfern – neben verschiedenen Sachthemen – in dieser Zeitperiode abgerufen werden.

Im Erdgeschoss des Hauses treten die Spuren der Nachnutzung der Räume im Zeitraum 1945 bis 1989 besonders zutage. Der Umgang des MfS mit den baulichen Zeugnissen der NS-Diktatur im ehemaligen Hinrichtungskomplex des „Roten Ochsen“ wird durch einen zurückgesetzten Perspektivwechsel in diesem Bereich verdeutlicht. Auf Nutzungstafeln, die an zahlreichen Stellen des Hauses angebracht sind, erhält der Besucher auch in diesem wichtigen Dokumentationsbereich eine bildliche Vorstellung vom Gesamtzustand der Räume bis 1989/90. Einige Relikte aus dieser Zeit sind im Original zu besichtigen.

Erhalten sind im 2. Obergeschoss eine MfS-Waffenkammer, eine Toilette für Untersuchungshäftlinge und ein Fotolabor des MfS. Zwei Räume, zum Teil ausgestattet mit zeitgenössischem Inventar, sind allein den subtilen Verhörmethoden des MfS gewidmet.

Eine Reihe von Spuren aus dem Haftalltag bildet die optische Kulisse dafür, in den verschiedenen Ausstellungsräumen die politische Verfolgung durch das MfS plausibel zu machen. Dazu zählen Reißleinen, die bei Alarm während der Häftlingsführungen gezogen wurden, Alarmknöpfe sowie die Überwachungstechnik. Die Struktur der Verhöretage mit den kleinen Verhörräumen ist für den Besucher allerdings nur noch bedingt nachvollziehbar. Dem Einbau moderner Technik und einem frischen Farbaufstrich in dem einst düsteren Verhörtrakt fielen die ursprünglich geplanten umfassenden Konservierungsvorhaben zum Opfer.

Der am wenigsten bekannte und dokumentierbare Zeitabschnitt in der Geschichte der politischen Justiz im „Roten Ochsen“ ist der Zeitraum der sowjetischen Besatzung nach Kriegsende bis in die 50er Jahre. Originale Raumstrukturen aus dieser Zeit sind nicht vorhanden. Einige wenige Überblicksdarstellungen und Einzelschicksale aus der stalinistischen Periode des Wirkens von sowjetischen Militärtribunalen (SMT) im "Roten Ochsen" sind den Ausstellungsbereichen zur politischen Justiz in der DDR vorangestellt worden, sie erstrecken sich auf zwei kleine Räume (ehemalige Verhörräume des MfS) und auf einen Flurbereich. 

Pädagogische Projekte, die in der Gedenkstätte konzipiert und umgesetzt werden, finden verstärkt Eingang in die Öffentlichkeitsarbeit und in die Ausstellungsdokumentationen des Hauses (z.B. Projekte zur Erstellung von Lesemappen oder von biographischen Opfermappen). 

Die relevante Frage nach der Perspektive der Vermittelbarkeit von Diktaturerfahrung(en) bleibt als Aufgabe gestellt – eine Aufgabe, der sich in aller Dringlichkeit die Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale) stellen wird. Gedenkstätten wie der „Rote Ochse“ werden damit zugleich zu einem Barometer im gesellschaftstheoretischen Diskurs um das Problem des Umgangs mit der doppelten Vergangenheit und damit nicht zuletzt auch zum Gradmesser für den allerorten angemahnten mündigen Bürger in der Bundesrepublik Deutschland.

 

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