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Es ist Zeit für lokale Geschichtsarbeit: Das Projekt „Brandenburg '33 – Erinnern vor Ort“

Ralf Dietrich ist Lehrer und Mitarbeiter im Büro des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Brandenburg

Von Ralf Dietrich

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler als Kanzler des Deutschen Reiches vereidigt. 2013 jährt sich dieses Ereignis und die Machtübernahme der Nationalsozialisten zum 80. Mal. Das ist der Anlass für das Projekt „Brandenburg '33 – Erinnern vor Ort“ des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit Brandenburg.

Auf der Webseite www.brandenburg-33.de erinnert jeden Tag ein Kalenderblatt an ein lokales oder regionales Ereignis aus den Jahren 1931–1934. Die Ereignisse werden außerdem auf einer Zeitleiste und auf einer interaktiven Landkarte präsentiert. Auch werden kurz wichtige Ereignisse mit reichsweiten Auswirkungen dargestellt. Auf weiteren Seiten finden die Nutzerinnen und Nutzer Hinweise auf Veranstaltungen im Land Brandenburg zum Thema der Machtübernahme der Nationalsozialisten, Tipps für lokalhistorische Recherchen und Artikel zu historischen Hintergründen.

Eine Grundannahme ist, dass die Diktatur der Nationalsozialisten nicht sofort, und auch nicht ohne Vorgeschichte, am 30.1.1933 einsetzte. Der Prozess der Ablösung der Demokratie durch ein diktatorisches Regime dürfte seinen Beginn im Jahr 1931 haben, als die Weltwirtschaftskrise in Deutschland ihren Höhepunkt erreichte. Nachdem Hitler im Jahr 1934 die SA-Führung ermorden lassen hatte, die Reichswehr nach dem Tod von Reichspräsident Hindenburg auf Hitler vereidigt wurde und die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers in der Person Hitlers zusammengelegt wurden, war die Ablösung der Demokratie endgültig. „Brandenburg '33 – Erinnern vor Ort“ konzentriert sich daher nicht nur auf das Jahr 1933, sondern hat den Zeitabschnitt 1931 bis 1934 im Blick.

Das Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit ist ein Netzwerk von landesweit tätigen Organisationen, lokalen Bündnissen und Persönlichkeiten des Landes Brandenburg, die gemeinsam für eine demokratische Mobilisierung gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit eintreten. Mit dem Projekt „Brandenburg '33 – Erinnern vor Ort“ geht das Aktionsbündnis in Kooperation mit der Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e. V. und dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien e.V. einen besonderen Weg.

Zugriffe auf die Geschichte

Geschichte ist eine Ressource für die politische Auseinandersetzung. Die Gegnerinnen und Gegner der Demokratie, deren Aktivitäten Anlass für die Gründung des Aktionsbündnisses waren und mit denen es in seiner täglichen Arbeit konfrontiert ist, bedienen sich der Geschichte. Für die neonazistische Bewegung ist eine gedachte, auch gefühlte, Traditionslinie zwischen ihrem heutigen Tun und dem historischen Nationalsozialismus wichtig. Eine besondere Bedeutung haben sicherlich groß angelegte „Heldengedenken“, wie sie über viele Jahre an der größten deutschen Kriegsgräberstätte, dem Waldfriedhof Halbe, inszeniert wurden. Nicht unterschätzt werden sollte aber auch die Bedeutung einer neonazistischen Lokalgeschichtsschreibung. So wird in Nauen im Havelland jedes Jahr durch Neonazis öffentlich am 20. April der Opfer der Bombardierung durch die alliierten Streitkräfte gedacht. Ein anderes Beispiel: Der Blog vetschaufenster.info verbreitet eine detaillierte, neonazistisch gefärbte Lokalgeschichte des kleinen Ortes in der Lausitz.

Auch aus diesen Gründen sollten sich Demokratinnen und Demokraten mit der Lokal- und Regionalgeschichte befassen. Im Gegensatz zu den Rechtsextremen brauchen sie dabei nicht die Fakten verbiegen, wenn sie nicht ins erwünschte Bild passen. Im Gegenteil: Sie sollten darauf schauen, was wirklich passiert ist. Der Fokus des Projektes liegt auf der Lokalgeschichte, weil diese Ressource bei der Argumentation zum Thema Nationalsozialismus oder Rechtsextremismus besonders beim Engagement vor Ort hilfreich sein kann.

Leerstelle Lokalgeschichte?

Bei den vorbereitenden Recherchen fiel auf, dass die Lokalgeschichte einiger Brandenburger Orte zwar durch Heimatvereine in Ortschroniken dargestellt wird, die Jahre 1933-1945 häufig aber ausgespart bleiben oder sich auf die unkommentierte Übernahme zeitgenössischer Zeitungsmeldungen beschränkt wird. Mitunter übernimmt man sogar ungebrochen die nationalsozialistische Sprache. So findet man auf der Webseite eines Geschichtsvereins die Meldung, dass um 1937 für „hartnäckige Störer des Gemeinschaftslebens in der Siedlung“ ein Gefängnis eingerichtet wurde. Auf der anderen Seite gibt es vielerorts eine lokalgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, beispielsweise durch das Stolpersteine-Projekt. Das Aktionsbündnis bemüht sich, diese Arbeit auf der Webseite zu kartografieren. Dennoch ist eine tiefer gehende Beschäftigung mit der Lokalgeschichte „von unten“ in dem Umfang, wie sie in Westdeutschland vor 30 Jahren anlässlich des 50. Jahrestages des Beginns der NS-Diktatur durch die Geschichtswerkstättenbewegung angestoßen wurde, in Brandenburg (und wahrscheinlich auch in anderen ostdeutschen Ländern) bislang ausgeblieben. Hier setzt das Projekt „Brandenburg '33 – Erinnern vor Ort“ an. Es könnten Leerstellen in den Ortsgeschichten gefüllt und die Geschichten der kleinen Leute im ländlichen Raum fernab der Zentren beleuchtet werden. Das wäre interessant oder erfreulich, vielleicht aber auch schmerzhaft, wenn Kontinuitäten und Brüche in dem Verhalten der Einwohnerinnen und Einwohner deutlich werden, wenn sichtbar wird, dass viele Mitläuferinnen und Mitläufer oder einige auch exponierte Vertreterinnen und Vertreter des Nationalsozialismus waren und einige vielleicht sogar Widerstand leisteten.

Arbeit an der Geschichte

Um für diese Zeit lokale Ereignisse möglichst landesweit und detailliert darstellen zu können, setzt das Projekt auf die Beteiligung interessierter Bürgerinnen und Bürger, die Kalenderblätter selbst recherchieren und schreiben können.

brandenburg-33.de stellt daneben auch die Vielzahl von Ausstellungen, Vorträgen, Lesungen aus verbrannten Büchern oder Spaziergängen zu Gedenkorten zusammen, die von Vereinen, Verbänden und Kommunen 2013 veranstaltet werden. So wird es am Vorabend des „Tages von Potsdam“ in der Landeshauptstadt einen Gedenkspaziergang geben, bei dem die Orte des 21.3.1933 besucht werden. Ein durch Schülerinnen und Schüler unter dem Thema „Demokratie bewegt – uns!“ gestalteter Bus des Verkehrsbetriebes Potsdam wird durch den Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs und die Generalsuperintendentin Heilgard Asmus enthüllt werden. In Zossen werden sich 2013 rund 30 Veranstaltungen, die in Kooperation der Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ mit der Stadt und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren entwickelt und umgesetzt werden, mit dem 30. Januar 1933 und seinen Folgen bis in die Gegenwart beschäftigen.  Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, wird es in vielen Orten Brandenburgs wie Cottbus, Bernau oder der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen Gedenkveranstaltungen geben. Die DGB-Ausstellung „...gerade dich Arbeiter wollen wir!“ – Nationalsozialismus und freie Gewerkschaften im Mai 1933 wird im Laufe des Jahres an unterschiedlichen Orten zu sehen sein.

Unterstützt werden diejenigen, die sich an den Inhalten der Webseite beteiligen, durch Ratgebertexte auf der Webseite selbst und einen Workshop am 23. Februar 2013 in der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, bei dem konkrete Fragen zur Mitarbeit geklärt und Ideen für Aktivitäten vor Ort entwickelt werden.

 

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