Erfahrungen Konzepte Perspektiven. Zeitzeugenberichte in der Bildungsarbeit zur NS- und DDR-Geschichte

Liebe Leserinnen und Leser,

diese Sonderausgabe des LaG-Magazins dokumentiert Vorträge und Workshopergebnisse rund um die Tagung "Erfahrungen - Konzepte - Perspektiven. Zeitzeugenberichte in der Bildungsarbeit zur NS- und DDR-Geschichte". Die Tagung wurde am 15./16. November 2012 durch den Verein PRORA-ZENTRUM in Prora auf der Insel Rügen ausgerichtet. Dieses Magazin erscheint in Zusammenarbeit mit den Veranstalterinnen der Tagung und wird gefördert durch die Rosa Luxemburg Stiftung, die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR sowie von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern.

Prora ist als Ort mit seiner doppelten Vergangenheit sicherlich der Mehrzahl bekannt als geplantes „Kraft durch Freude“-Seebad während des Nationalsozialismus, das als solches nicht zur Vollendung kam. Weniger bekannt sein dürfte die Nutzung von Prora als Militärstandort in der SBZ und in der späteren DDR. In Prora waren zudem so genannte Bausoldaten stationiert. Dabei handelte es sich um Männer, die den Dienst an der Waffe verweigerten und dort, behaftet mit dem Stigma des Staatsfeindes und begleitet von den entsprechenden Repressalien, ihren Ersatzdienst innerhalb der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR ableisteten. 

In einem Oral History Projekt sammelt und dokumentiert das PRORA-ZENTRUM Lebensberichte ehemaliger Angehöriger des Militärstandortes Prora. Die interdisziplinäre Tagung vom November vergangenen Jahres fragt nach dem Stellenwert dieser Erinnerungen für die heutige Zeit und danach wie sie in der historisch-politischen Bildungsarbeit eingesetzt werden können. Bei den hier versammelten Texten handelt es sich um Transkripte oder Manuskripte der auf der Tagung gehaltenen Vorträge oder um Aufsätze der Referent/innen, die den Inhalt der Workshops wiedergeben. Darüber hinaus konnten wir zwei Interviews führen, die wir Ihnen als Audiopodcasts vorstellen möchten. Das Tagungsprogramm und Informationen zur Arbeit des PRORA-ZENTRUMs am historischen Ort runden dieses Magazin ab. 

Die pädagogische Leiterin vom PRORA-ZENTRUM, Susanna Misgajski, gibt in ihrem einführenden Aufsatz einen Überblick zur doppelten Geschichte von Prora und führt Sie in die Motivation zur Durchführung des Zeitzeugenprojekts ein. 

Birte Kröncke, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins PRORA-ZENTRUM, gibt in ihrem Praxisbericht einen Einblick in die Herausforderungen, die bei der Suche nach Zeitzeugen auftraten, formuliert die Kriterien an die Interviewführung und beschreibt schließlich die vielfältigen Erfahrungen aus dem Prozess der Interviewführung. 

Während bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR häufig die Herrschaft der SED und die Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Zentrum steht, weist der Militärhistoriker Rüdiger Wenzke auf die Rolle der NVA zur Herrschaftsabsicherung hin. In seinem Vortrag zeigt er auf, wie tief die Gesellschaft durch das Militär durchdrungen wurde. Dabei spielt die Schaffung einer „sozialistischen Soldatenpersönlichkeit“ durch militärischen Drill und Entindividualisierung eine wichtige Rolle. 

Lutz Niethammer von der Universität Jena befasst sich in seinem Vortrag mit den fachlichen Problemen der Oral History innerhalb der Geschichtswissenschaften und problematisiert den Begriff des/der Zeitzeug/in, der nur im deutschen Kontext, vor allem in den Medien, eine Hochkonjunktur erfahren hat. Darüber hinaus gibt er einen ausführlichen Einblick in die Methodik und die Kriterien der Oral History. Lutz Niethammer ist in Deutschland ein früher Pionier der Oral History, der bekannt wurde durch das von ihm geleitete Projekt „Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960". 

Cord Pagenstecher ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin. Er zeigt am Beispiel des Online-Archivs „Zwangsarbeit 1939-1945“ welche Problematiken mit dem Einsatz von aufgezeichneten Zeitzeugeninterviews in Ausstellungen verbunden sein können. Dazu gehört u.a., dass der Schnitt von ausführlichen lebensgeschichtlichen Interviews für eine dreiminütige Präsentation im Rahmen einer Ausstellung  einen Eingriff vor dem Hintergrund erinnerungskultureller Debatten und Praxen der Beteiligten darstellt. 

Stefanie Plappert spricht im Interview über den Einsatz von Zeitzeugeninterviews in dem Projekt Wollheim Memorial. Die Besonderheit dieses Erinnerungsortes ergibt sich aus einer Mischung von Anbindung an den historischen Ort des ehemaligen I.G. Farben Hauses in Frankfurt am Main, pädagogischem Angebot und einer umfangreichen Webseite, welche die Geschichte der NS-Zwangsarbeit aus den Perspektiven der Opfer aufgreift, aber auch die Täterschaft und den Kampf um Gerechtigkeit und Entschädigung aufzeigt. 

Zur pädagogischen Arbeit im ehemaligen Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde äußert sich Kathrin Steinhausen, die dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin u.a. für die historisch-politische Bildungsarbeit zuständig ist. 

Wir wünschen Ihnen eine interessante und bereichernde Lektüre mit dieser Sonderausgabe, 

Ihre LaG-Redaktion

 

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