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Wir haben was zu sagen!

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Friedrun Erben, Heike Schlottau, Klaus Waldmann (Hg.): „Wir haben was zu sagen!“: Politische Bildung mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Wochenschauverlag, Schwalbach (2012) 240 Seiten. 22,80 €. 

Friedrun Erben, Heike Schlottau und Klaus Waldmann sind Herausgeber/innen eines Praxishandbuches mit dem Titel „Wir haben was zu sagen!“. Es behandelt den praktischen Umgang von politischer Bildung mit sozial benachteiligten Jugendlichen und liefert theoretisches Hintergrundwissen zum Thema.

Das Buch entstand im Rahmen des bundesweiten Projektes „Lust auf Zukunft! Politische Bildung für Jugendliche mit geringen Bildungschancen“ der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung, das im Zeitraum von 2008 bis 2011 durchgeführt wurde. Anhand der Entwicklung von Zukunftsvorstellungen eines Zusammenlebens in einer pluralen und demokratischen Gesellschaft sollten die Jugendlichen mit ihren Themen und Wünschen zu Wort kommen. Das Buch versammelt die Reflexion und die Erfahrungen des Projektes sowie empirische und theoretische Ansätze in der Arbeit mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Dementsprechend ist der Band in drei Hauptteile aufgeteilt: Zunächst werden Begriffe der Gestaltungsprinzipien der Arbeit der Zielgruppe erläutert. Danach folgt eine Sammlung der Erfahrungen mit den verschiedenen Projekten. Zuletzt wird die Praxis der politischen Jugendbildung anhand von Begriffserklärungen und Analysen wissenschaftlich reflektiert.

Zielgruppe

Die Zielgruppe waren Jugendliche mit geringen Bildungschancen bzw. geringer formaler Bildung. Erreicht wurden demnach schwerpunktmäßig Hauptschüler/innen und Jugendliche aus Förderschulen und solche, die ein Ausbildungsvorbereitungsjahr besuchten, sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund. Hierbei wurde eine Diskrepanz zwischen dem, was Jugendliche unter Politik verstehen und dem, für welche Themen sie sich interessieren deutlich. Die für die Jugendlichen interessanten Themen sind überwiegend sehr politisch, fallen jedoch nicht unter das Politikverständnis der Jugendlichen. Oftmals wird unter Politik das verstanden, was nicht erreichbar und beeinflussbar zu sein scheint. Deswegen schlagen die Herausgeber/innen vor, den Politikbegriff durch eine Erweiterung neu zu definieren. 

Ein nicht zu vernachlässigender Punkt ist die Auseinandersetzung der Herausgeber/innen mit den problematischen Begriffen der „sozial benachteiligten“ oder „bildungsfernen“ Jugendlichen. Beide Begriffe sind stigmatisierende Begriffe, die auf eine kaum homogen zu nennende Gruppe angewendet werden. Anhand einer Kurzvorstellung der Jugendlichen wird die Heterogenität der am Projekt Beteiligten hervorgehoben. Dabei werden verschiedene Faktoren der Benachteiligung vorgestellt sowie. Überzeugend vorherrschende strukturelle Probleme identifizieren.

Gestaltungsprinzipien der politischen Bildung mit benachteiligten Jugendlichen 

Die Gestaltungsprinzipien sollen den Rahmen der Möglichkeiten der politischen Bildungsarbeit mit sozial benachteiligten Jugendlichen festlegen. Die Herausgeber/innen erläutern dazu vier Begriffe, die sie für die Praxis als wichtig erachten: die Subjektorientierung, Anerkennung und Respekt, Partizipation und Handlungsorientierung.

Bei der Subjektorientierung sollen die Mulitplikator/innen sich des Habitus und der Wahrnehmung des Gegenübers bewusst werden. Das handlungsleitende Prinzip ist dabei Bildung und Lernen als dialogische Aktivitäten der Subjekte zu erkennen. In diesem Prozess eignen sich die Jugendlichen die Welt aktiv an. Durch die Unterstützung autonomer Handlungen wird eine emanzipatorische Praxis der Jugendlichen ermöglicht. Ziel der subjektorientierten Bildungsarbeit ist es „Jugendliche in der Reflexion ihrer Wünsche, Vorstellungen und Werthaltungen zu unterstützen und die gesellschaftlichen Verhältnisse und Normen sowie die Handlungsoptionen zu verstehen und kritisch zu überprüfen“ (S. 26). Wichtig dabei ist, die Jugendlichen als Personen zu verstehen, die die Möglichkeit zur Mitgestaltung haben.
Daran schließt sich das weitere Prinzip der Anerkennung und des Respekts an. Es steht für die ethisch begründeten Ansprüche für die Kommunikation und das Miteinander. Dabei geht es weniger darum die gesellschaftlich anerkannten Leistungen, sondern die Fähigkeiten des Einzelnen zu akzeptieren. Diese Haltung soll nicht nur den Jugendlichen, sondern auch den Multiplikator/innen entgegengebracht werden. Auf dieser Grundlage kann ein Dialog gleichberechtigter Gesprächspartner/innen entstehen. Das Resultat ist, dass Jugendliche sich mit ihren Problemen und Belangen ernst genommen fühlen.
Die Partizipation wird als konstruktives Element der Bildungsarbeit identifiziert. Je geringer der Bildungsabschluss sowie kommunikative und rhetorische Fähigkeiten, desto weniger wird sich gesellschaftlich beteiligt. Eine Teilhabe kann deswegen nur dann erreicht werden, wenn entsprechende politische und gesellschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden. Deswegen erachten es die Herausgeber/innen als wichtig, dass Jugendliche sich als politische Subjekte verstehen, um ihre Wünsche und Vorstellungen einzubringen.
 Die Handlungsorientierung wird in drei Ebenen unterschieden. Auf der Ebene der Individuen wird besprochen, was die Bedürfnisse und Vorstellungen der Jugendlichen sind. Die Ebene der Gruppe betrachtet in Form eines Aushandlungsprozesses die gemeinsamen Ziele. In welcher Gesellschaft die Jugendlichen leben wollen, wird auf der Ebene der Gesellschaft diskutiert. Dabei ist das Ziel, die Ergebnisse praktisch umzusetzen und wirklichkeitsnah zu lernen. Außerdem sollten die Potentiale der Jugendlichen einbezogen und gefördert werden.

Praxiserfahrungen 

In diesem Teil werden die Erfahrungen, die in den Projekten gemacht wurden vorgestellt. Dabei wurden im Projekt vier Ziele festgelegt. Zuerst sollten neue Konzepte, Zugänge und Formate der politischen Bildung mit sozial benachteiligten Jugendlichen ausgearbeitet werden. Danach sollten die Ansätze gemeinsam mit den Jugendlichen entwickelt werden. Die Jugendlichen sollten als Expert/innen ihrer Lebenswelt in einem weiteren Schritt ihre Anliegen veröffentlichen. Schließlich sollten die Projekte dazu dienen, die sozial benachteiligten Jugendlichen zu entstigmatisieren.
Das Buch informiert über die Projekterfahrungen der verschiedenen Autor/innen. Sie haben in Übereinstimmung mit den vier Gestaltungsprinzipien gearbeitet, um mit den Jugendlichen die Ziele zu erreichen.

Heike Schlottau arbeitete mit Jugendlichen aus Neumünster, die das Ausbildungsvorbereitungsjahr besuchten. Die Jugendlichen hatten die Möglichkeit sich mit Mitarbeiter/innen verschiedener, für sie zuständige Behörden zu treffen und in einem Prozess die Gespräche vorzubereiten.
Das Filmprojekt „Hau rein“ wird von Kristin Auer vorgestellt. Mit Hilfe eines pädagogischen Teams haben Jugendliche aus dem Westerwald innerhalb eines Jahres einen Film realisieren können. In dem Filmprojekt geht es um den 15-jährigen Marvin, der sich mit verschiedenen Problemen aus seinem Alltag auseinandersetzen muss: sei es, dass er in eine missliche Lage gebracht wird bei der er mitbekommt, wie sein Freund klaut oder, dass er Probleme mit seinem Lehrer und Vater hat. Auch die Überlegung, wie er sein eigenes Leben meistern soll, ohne dabei auf Sozialleistungen angewiesen zu sein, spielt in dem Film eine Rolle.
Gleich zwei Projektbeispiele aus Augsburg werden von Ulrich Hirschler und Günther Schneider vorgestellt. Ein Projekt findet mit Jugendlichen einer Praxisklasse an einer Hauptschule statt. Beim zweiten Projekt machen junge Frauen mit Migrationshintergrund mit. Die Jugendlichen aus der Praxisklasse einigten sich darauf verantwortliche Mitarbeiter/innen aus den Behörden, die für sie zuständig sind, zu treffen. Dazu zählten vor allem das Jugendamt sowie die Agentur für Arbeit. In Form einer Stadtrally erarbeiteten sich die Jugendlichen selbständig Informationen um ein Gespräch vorzubereiten.
Das zweite Projekt behandelt Fragen rund um die Identität der Mädchen. Ein Höhepunkt des Projektes war eine Bildungsreise nach Berlin, wo sie andere Frauen trafen, die trotz brüchiger (Lern-)Biographien ein selbstbewusstes Leben führen.
Über ein weiteres Projekt mit einer relativ homogenen Gruppe berichtet Dorothen Petersen. Hierbei geht es um ein Projekt mit acht männlichen Jugendlichen mit mazedonischem Hintergrund aus Nürnberg, die aus einem sozial schwachen Stadtteil in Nürnberg und an Musik interessiert waren. Daraus entsteht die Idee selbständig ein selbstverwaltetes Tonstudio Namens „Respect me!“ in einem Jugendtreff einzurichten.
In Form einer Theaterproduktion konnten Jugendliche aus der Kreisstadt Simmern ihre Lebenssituationen in Spielszenen umsetzen, wie Ulrich Schuppe berichtet. Die Gruppe bestand aus Jugendlichen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen. Das Projekt verfolgte das Ziel die eigenen Erfahrungen und Rollen in der Gesellschaft zu reflektieren, die Handlungsspielräume zu thematisieren und Öffentlichkeit zu schaffen.

Wissenschaftliche Reflexion der Praxis politischer Bildung

Die vorgestellten Projekte wurden wissenschaftlich begleitet. Dabei sollten die Ziele und Vorhaben der Projekte genau definiert werden. Eine Feststellung dessen, was machbar ist und was nicht zu erreichen ist, war dabei unumgänglich. In dem Teil der wissenschaftlichen Reflexion werden Analysen und Anregungen zu Verfügung gestellt. Die politische Bildung mit sozial benachteiligten Jugendlichen soll hierbei neu diskutiert werden. Es sollen Antworten auf die Fragen, die aufkommen, wenn man mit benachteiligten Jugendlichen arbeitet, gefunden werden.
Die Frage von Abhängigkeit zwischen sozialer Schicht, Bildung und demokratischer Partizipation wird von Richard Münchmeier diskutiert. Dabei stellt er eine geringere Beteiligung bildungsbenachteiligter Gruppen fest. Sein Vorschlag zur Verbesserung dieses Umstandes ist das Schaffen von Partizipationsmöglichkeiten in Form von inhaltlicher (also nicht nur formaler) Mitbestimmung, Transparenz im Aushandlungsbereich und ausreichend Zeit und Raum für Reflexion sowie Beratungsmöglichkeiten.
Stephan Voswinkel bespricht die Dialektik der Anerkennung, hauptsächlich aus soziologischer Perspektive. Er behandelt drei Modi der Anerkennung: die Liebe, die Achtung und die Wertschätzung der Individualität und unterscheidet die drei Modi voneinander. Darüber hinaus setzt sich der Aufsatz ausführlich mit den verschiedenen Formen und Bedeutungen der Anerkennung auseinander.
Eine Einführung in die Capabilities Approach, einen gerechtigkeitstheoretischen Ansatz aus der Wohlfahrtsökonomie und der politischen Philosophie gibt Ulrich Steckmann. Er betrachtet das Konzept aus bildungstheoretischer Perspektive. Besonders das Element der „Kompetenzorientierung“ wird von ihm als anwendbar für den Bereich der politischen Bildung erachtet. Dabei sollen Kompetenzen jedoch nicht normativ behandelt werden und im Sinne von Bildungsgerechtigkeit für alle in gleicher Weise ausfüllbar sein.
Mathias Jerusalem stellt das Konzept der Selbstwirksamkeit vor indem er sich der spannenden Frage widmet wie Jugendliche mit Misserfolgen umgehen können ohne dabei das Interesse an politischer Teilhabe zu verlieren. Er erachtet die Motivation und Unterstützung der Jugendlichen, mit schwierigen Situationen aus eigener Kraft umzugehen als wichtig. Eine hohe Selbstwirksamkeitsüberzegung bedeutet nach Jerusalem, Probleme aufgrund eines hohen Selbstvertrauens leichter zu bewerkstelligen.
Der nicht ganz unproblematische Begriff der Gemeinschaft wird von Paul Eisewicht behandelt. Er stellt sich der Frage wie der Zusammenhalt in der modernen Gesellschaft gesichert werden kann, wenn Individuen sich heutzutage vielen Gemeinschaften zugehörig fühlen. Vor allem die Sozialform der „flüchtigen Gemeinschaften“ oder die „Posttraditionale Vergemeinschaft“ zum Beispiel in Jugendszenen führt dazu, dass der Begriff der Gemeinschaft überdacht werden muss. Dennoch begreift Eisewicht die vielschichtigen Gruppenzugehörigkeiten nicht als Gefahr der Individualisierung, sondern als Chance aktiver Teilnahme in unterschiedlichen Gemeinschaften mit nebeneinander stehenden Weltvorstellungen.
Benedikt Sturzenhecker setzt sich für eine politische Bildung ein, in der Demokratie praktisch erfahrbar wird. Anhand von Kurzvorstellungen verschiedener selbst erprobter Methoden und der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen, die gemacht wurden, gibt er zahlreiche Anregungen, wie es möglich ist Jugendlichen eine (öffentliche) Stimme zu geben. Dabei wird verdeutlicht, dass die von den Jugendlichen angesprochenen Themen zwar oftmals salopp formuliert werden, jedoch in den meisten Fällen Fragestellungen sind, die auch im öffentlichen und politischen Bereich diskutiert werden.

Die theoretischen Erklärungen und Analysen zum Stand der politischen Bildung mit sozial benachteiligen Jugendlichen sind eine Grundlage, um zu diesem Thema zu arbeiten. Die Aufsätze sind zwar theoretisch, eignen sich jedoch hervorragend, um sich der Probleme und Fragestellungen, die in der Praxis auftauchen, bewusst zu werden. Sie geben gute Hinweise dafür, wie man lernt mit schwierigen Fragen, die auftauchen, umzugehen.

Fazit

Insgesamt ist das Praxishandbuch eine gute Sammlung von Texten zu konkreten Projektbeispielen, die in einem weiteren theoretischen Teil untermauert werden. Die Praxisbeispiele geben dabei viele Anregungen, wie mit benachteiligen Jugendlichen im Bereich der politischen Bildung gearbeitet werden kann. Die theoretische Behandlung diverser Themen rund um die politische Bildung gibt weitere wichtige Informationen, worauf in der politischen Bildung mit diesen Zielgruppen geachtet werden soll. Praktische Hinweise mit welcher Haltung sozial benachteiligten Jugendlichen in der politischen Bildung begegnet werden soll, geben die Gestaltungsprinzipien. Dabei werden nicht nur die Jugendlichen in den Fokus gerückt. In gleicher Weise wird die Rolle der Multiplikator/innen reflektiert. 
Besonders gut ist es den Herausgeber/innen und Autor/innen gelungen die benachteiligten Jugendlichen als politische Subjekte mit Meinungen, Fähigkeiten, Interessen, Potenzialen und Stärken zu porträtieren. Es wird außerdem deutlich, dass die am Buch Beteiligten sich auf reflektiere Art und Weise mit Begriffen und Gefahren der Stigmatisierung, die bei diesem Thema auftauchen, beschäftigt haben. Die Jugendlichen werden von den Autor/innen nicht defizitär betrachtet. Damit ist es möglich, die benachteiligten Jugendlichen nicht als Mangelwesen darzustellen, sondern sie als Jugendliche, die Fähigkeiten der Kompetenzentwicklung besitzen, zu behandeln.

Als kleiner Nachteil kann die Homogenität der Autor/innen betrachtet werden. So scheint es, dass lediglich Autor/innen ohne Migrationshintergrund am Buch beteiligt waren. Dennoch ist das Buch in der Gesamtheit eine gute Möglichkeit, sich mit dem recht schwierigem Thema der Theorie und Praxis der reflektierten politischen Bildung mit sozial benachteiligten Jugendlichen auseinanderzusetzen.  

 

 

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