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Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft

Richard Gebhardt, Anne Klein, Marcus Meier (Hrsg.): Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft. Beiträge zur kritischen Bildungsarbeit. Weinheim und Basel (2012) 232 Seiten. 29,95 €.

Von Ingolf Seidel

In den letzten zehn bis zwölf Jahren haben Modelle der politischen Bildungsarbeit gegen Antisemitismus gravierende Entwicklungen vollzogen. Bis dato galt Antisemitismus bestenfalls als ein historisches Thema mit Bezug auf Nationalsozialismus und Holocaust. Andere sahen im pathischen Judenhass schlicht eine Unterkategorie von Rassismus oder ein Problem von Neo-Nazis und Rechtsextremen. Als pädagogisches Mittel zum Umgang mit Antisemitismus galt häufig eine Gedenkstättenfahrt an Orte ehemaliger nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager. Nach den Anschlägen vom 11. September rückten schließlich Muslime in den Fokus der Öffentlichkeit. Zum Teil bis heute gilt der Islam oder Muslime pauschalisiert als die Träger antisemitischen Ressentiments – bei gleichzeitiger Ausblendung anderer Trägerschichten vor allem aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft. 

Der Sammelband „Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft“ zeigt wie vielfältig und reflektiert die Theoreme und Ansätze zur Bildungs- und Sozialarbeit gegen aktuellen Antisemitismus inzwischen geworden sind. Eine konsistente Theorie des Antisemitismus oder auch einheitliche Strategien zu dessen Prävention und Bekämpfung bietet der Band nicht. Diese Hoffnung ginge auch an der Komplexität der Thematik vorbei, zumal die politische Bildungsarbeit kaum für eine pädagogische Feuerwehrpolitik zur Behebung struktureller gesellschaftlicher Probleme herzuhalten vermag. Das Buch selbst ist das Ergebnis der Kölner Tagung „Dimensionen des Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft“, die im Mai 2011 stattgefunden hat. 

Die Thematik wird von den Herausgeber/innen in drei Oberkapitel unterteilt: Eine Einführung in die Thematik von Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft, Aufsätze zu Antisemitismus im globalisierten öffentlichen Raum und letztlich zu den Perspektiven und Konsequenzen für die Bildungsarbeit. 

In der Einleitung zum Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft kommen mit Albert Scherr, Juliane Wetzel und Astrid Messerschmidt drei ebenso profilierte, wie reflektierte Wissenschaftler/innen zu Wort. Trotz der unterschiedlichen Schwerpunktsetzung ihrer Aufsätze verbindet sie Reflexionen über die Problematik, dass das Auftreten von aktuellem Antisemitismus auf Migrant/innen oder Muslime als Trägerschichten reduziert wird. Scherr formuliert darüber hinaus Kriterien zu Anforderungen und Grenzen einer Bildungsarbeit zu Antisemitismus. Er merkt an, dass diese auch Abwehrhaltungen produzieren kann, da nicht von einer zwangläufigen Bereitschaft zur Einstellungsänderung bei Teilnehmenden pädagogischer Maßnahmen ausgegangen werden könne. Wetzel, die einen guten Überblick zum Stand der Empirie bietet, fragt zudem danach, ob nicht die Fokussierung auf den islamisierten Antisemitismus (Kiefer) hierzulande eine Stellvertreterfunktion habe, um die Auseinandersetzung mit antisemitischen Stereotypen in der Mehrheitsgesellschaft zu meiden. Auch Astrid Messerschmidt macht darauf aufmerksam, dass Antisemitismus im aktuellen Diskurs vor allem als Phänomen angenommener Randgruppen dieser Gesellschaft thematisiert wird. Während ein von ihr so bezeichneter bürgerlich-demokratischer Antisemitismus im Namen von Freiheit sowie imaginierte Redeverbote in Bezug auf ein angebliches Tabu des Sprechens über Israel und Juden eine Entlastungsfunktion für die Mehrheitsgesellschaft hätten. Für eine antisemitismuskritische Praxis in der Bildungsarbeit ist zudem ihr Plädoyer der Verschiebung der Perspektive auf die Selbstreflexion von Lehrenden über eigene Ressentiments ein wichtiger Bezugspunkt. 

Das zweite Kapitel des Buches nähert sich stärker den alltagspraktischen Ansätzen der Bildungsarbeit in einer globalisierten Perspektive. Zur Sprache kommen dabei Themen wie die ideologische Aufladung von antisemitischen Formen einer Kritik an Israel durch Richard Gebhardt und Meike Weißpflug oder auch die Rezeption des Nahostkonflikts durch Jugendliche arabischer und türkischer Herkunft bei der, Autor Jochen Müller zufolge, Gefühle von Nichtanerkennung und Perspektivlosigkeit der Jugendlichen aufmerksam mitschwingen. Das Verständnis von Antisemitismus in der multikulturellen Gesellschaft Großbritanniens beschreibt Doerte Letzmann und Marcus Meier problematisiert den dichthomisierenden und essentialisierenden Diskurs über ein vermeintlich „christlich-jüdisches Abendland“, um ihn in kritischen Bezug zu einer Leitkultur-Debatte zu setzen. Hochinteressant sind auch die Beobachtungen der Autorin Heike Radvan, die sich mit antisemitischen Konstruktionen und Ethnisierungen durch Pädagog/innen in der Jugendarbeit auseinandersetzt. Auch Radvans Erörterungen zeigen die Wichtigkeit von Selbstreflexion der Pädagog/innen in Auseinandersetzungen um Antisemitismus und Rassismus deutlich auf. 

Zwei Aufsätze dieses Kapitels sollen an dieser Stelle aus unterschiedlichen Gründen hervorgehoben werden. Christian Brühl analysiert mit didaktischem Blick einen antisemitischen Vorfall, der sich in den Jahren 2002/03 in Berlin ereignete. Dazu bezieht er sich auf eine Videodokumentation des rbb, die bis heute online abrufbar ist. Brühl nimmt die Geschichte des deutschen Juden Dieter Tamm in den Blick, der ein Lebensmittelgeschäft im Bezirk Reinickendorf führte und zur Zielscheibe von antisemitischen Provokationen seitens Rechtsextremer und Jugendlicher mit wahrscheinlich arabischem Hintergrund wurde, nachdem Tamm sein Geschäft in einen koscheren Laden umwandelte und dort eine israelische Fahne zeigte. Dieter Tamm musste wegen der Vorfälle, der plötzlich ausbleibenden Kundschaft und der mangelnden Solidarität der Nachbarn schließlich aufgeben. Mit Recht rückt der Autor das Verhalten der Nachbar/innen in den Mittelpunkt, die in dem Aufhängen einer kleinen israelischen Fahne eine Provokation des Juden sehen. Die Thematisierung des Zusammenhangs von Differenzkonstruktionen und (mangelnder) Zivilcourage durch Brühl zeichnet in der Tat ein Lehrstück aus dem bundesdeutschen Antisemitismus nach. In weiten Teilen lässt sich Brühls Analyse der Ereignisse gut folgen, wenn auch mitunter seine Begriffswahl („Islamistischer Antisemitismus“) ungewöhnlich ist und das von ihm vorgeschlagene Rollenspiel zur Problematisierung ein wenig überkomplex für die Jugendarbeit wirkt. Allerdings hätte es dem Autor gut angestanden, würde er nicht nur allgemein darauf verweisen, dass die Geschichte um Dieter Tamm bereits in Konzepten der Bildungsarbeit thematisiert wurde. Ein Verweis auf die bereits publizierte Übung in dem Methodenbuch „Woher kommt der Judenhass?“ der Vereine Bildungsteam Berlin-Brandenburg und Tacheles Reden! wäre angebracht gewesen, zumal der Text in sonstiger Hinsicht ausgesprochen quellensicher erscheint. 

Einem in Bildungskontexten zu Unrecht vernachlässigten Bereich widmet sich Mehmet Can. Er geht praxisgeleitet der Frage nach dem Verhältnis von Ökonomiekritik und Antisemitismus nach und problematisiert die im Rahmen von Kapitalismuskritik immer wieder vorgenommene verkürzende Dämonisierung der Finanzsphäre sowie die Personalisierung von, eigentlich abstrakten, ökonomischen Strukturen. Als Projektionsfläche eines solchen verkürzten Antikapitalismus fungieren immer wiederkehrend die Juden, sei es als vermeintliche Strippenzieher im Hintergrund, sei es durch die verbreitete Konnotation des Finanzkapitals als „jüdisch“. Can stellt in diesem Zusammenhang einen mehrfach erprobten, sechsstündigen Projekttag der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus vor. In drei Unterrichtseinheiten wird sich dabei mit kapitalistischen Strukturprinzipien auseinandergesetzt. Als Einstieg dient  interessanterweise eine Kriminalgeschichte, die Brechts Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“ paraphrasiert. Zwei weitere Einheiten greifen die Wechselwirkungen von Produktions- und Finanzsphäre anhand der sogenannten Heuschreckendebatte auf und arbeiten zudem anhand der Gründerzeitkrise an einem historischen Fallbeispiel. 

Das dritte und letzte Kapitel steht schließlich unter der Überschrift „Perspektiven und Konsequenzen für die Bildungsarbeit. Barbara Schäuble untergliedert Ansätze der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit idealtypisch in die Kategorien eines Lernens aus, Lernen gegen, Lernen über und Lernen wegen Antisemitismus und stellt diese unterschiedlichen pädagogischen Herangehensweisen in Bezug zu Befunden der Sozialwissenschaften über Antisemitismus unter Jugendlichen. 

Heiko Klare, Hans Peter Killguss, Hendrik Puls und Michael Sturm widmen sich in einer länderübergreifenden Betrachtung dem Phänomen eines Rechtspopulismus, der sich scheinbar frei von Antisemitismus hält und sich teilweise gar, wie bei den deutschen pro-Bewegungen oder der niederländischen  Partij voor de Vrijheid (PVV) von Geert Wilders, die sich betont proisraelisch geben. Die Autoren problematisieren den hinter solchen rechtspopulistischen Haltungen stehenden antimuslimischen Rassismus und plädieren angelehnt an Heike Radvan u.a. dafür, Jugendlichen in der Bildungsarbeit Handlungsoptionen aufzuzeigen, die einen generellen Ausstieg aus pauschalisierenden Differenzkonstruktionen ermöglichen. 

Der abschließende Beitrag stammt von Anne Klein. Die Autorin eröffnet darin eine, durch die jüdische Erfahrung geprägte Sicht auf Antisemitismus und entlehnt das Postulat der Hinwendung zum Anderen aus der interkulturellen Pädagogik. Gleichzeitig macht sie auf den immer wieder vergessenen Umstand aufmerksam, dass jüdische Geschichte auch immer eine Migrationsgeschichte war. 

Im Gesamtblick erfüllt die Beitragssammlung „Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft“ die Aufgabe einen breiten Überblick zu aktuellen Entwicklungen und Reflexionen einer Bildungsarbeit über Antisemitismus zu geben. Auch wenn hier Vollständigkeit kaum erreicht werden kann, empfiehlt sich das Buch vor allem durch die Praxisnähe, die auch in den hervorragenden theoretischen Beiträgen besteht. Auf den verschiedenen Aufsätzen immer wieder betonten Umstand, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und nicht durch bestimmte Trägerschichten, wie Muslime, Migrant/innen oder bildungsbenachteiligte Gruppen, verursacht wird, kann nicht häufig genug aufmerksam gemacht werden. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus (sowie mit anderen Phänomenen aus dem Bereich gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit) ist sicherlich eine Querschnittsaufgabe für alle, die im schulischen oder außerschulischen Bildungsbereich tätig sind. Dafür bietet der Band sinnvolle Anregungen.

 

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